Bücher in Moschendorf by

Verlag e.U.


Aufgrund zahlreicher Anfragen und Bestellungen, die wir zurzeit leider nicht erfüllen können, weil Band zwei vergriffen ist, bieten wir ab sofort

Keltic design Band 2 

als "Fortsetzungsroman".

Wir wünschen bestes  Lesevergnügen!

15. Mai 2014

das 18. Kapitel beginnt

18. Kapitel

 

Karo begann mit ihrer >Lebensplanung<, die sie ganz für sich alleine so titulierte.

 

Keltic design war und blieb ungeheuer wichtig. Arbeitgeber für sie selbst und ihre Familienmitglieder, aber auch für mittlerweile bis zu zwanzig Frauen in der Verarbeitung.

Indirekt für viele mehr, wollte man die Zulieferfirmen berücksichtigen oder die Bauern, die durch die Keltic design Aufträge alte Wege beschritten, die sie erst wieder lernen mussten. Und dafür oftmals ihre gesamten Familien einspannten.

Mehr als nur ein >Nebenerwerb< für einige der Landwirte, die schon nicht mehr gewusst hatten, wie sich über Wasser halten. Der Anbau von Flachs und Hanf und die Rohverarbeitung im kleinen Rahmen erhielten auch wieder einen Stellenwert.  „Hochwertige Naturprodukte“.

Nicht nur, dass man sie erzeugen konnte, der >sanfte Tourismus<  des Waldviertels propagierte auch Schau- und Lehrveranstaltungen dazu. Wenn die Leute dann kamen, um sich die alten Materialen und Verarbeitungstechniken anzusehen, konnte man praktischerweise auch gleich ein wenig Selbstgebrannten, Marmeladen und Honig verkaufen.

 

So wie Romeos Besitzer kamen immer wieder einmal findige Leute zu ihr, die den einen oder anderen Vorschlag, meist die Materialien betreffend, einzubringen hatten.

Glasschmuck aus Böhmen zum Beispiel.

Bernstein aus Polen.

Karo lehnte kaum einmal etwas rund heraus ab. Sie wollte prüfen, allem und allen eine Chance geben.

 

Endlich auch sich selbst. Sie hatte Eugene und ihre eigene Person, ihre Wünsche und Sehnsüchte lange genug geprüft. Jetzt wollte sie die Chance ihres weiteren Lebens nicht verstreichen lassen.

Sie dachte daran, ein Kind zu bekommen.

Mit vierundzwanzig Jahren genau richtig, würde Eugene vielleicht sagen wie bei Estellé.

Vielleicht wäre er aber auch entsetzt? Konnte sie sich aber so gar kein bisschen vorstellen. Im Gegenteil. Die Möglichkeit eines gemeinsamen Kindes zog sie gerade deshalb in Betracht, weil er ihr so überaus >kindgerecht< erschien. Was er so alles unternahm mit und für Alina. Seine endlose Geduld mit ihr. So stellte sie sich halt einen RICHTIGEN Vater vor.

Aber sie wusste ja eigentlich nicht, wie ein solcher sein sollte. Nur wie er NICHT sein sollte. Sie hatte einmal mit Eugene darüber gesprochen, dass die Paksi-Jugend eigentlich keine Vaterfigur kannte. Wie das bei ihm sei?

 

„Ich weiß nicht, wer mein Vater ist. Aber es gab einen alten Mann, der mich als kleinen Jungen so oft in seinem Wald sah und auf seinen Obstbäumen und beim Klauen seiner Nüsse erwischte, dass er mich schließlich zu sich holte und mit mir sprach. Richtig sprach. Nicht schimpfte und nicht ... verarschte und nicht verspottete. Er nahm mich ernst. Ich liebte ihn dafür. Er lehrte mich beinahe alles, was ich kann und weiß. Die relevanten Dinge. Dieser Mann war eine echte Vaterfigur.“

Karo war sich nicht sicher gewesen, ob sie ihn weiter fragen durfte, er sah auf einmal so traurig und verschlossen aus. Zum Teufel mit ihren Ängsten, er konnte es ja wohl sagen, wenn er seine Ruhe wollte.

„Was ist aus ihm geworden?“

 

Er brauchte eine kleine Weile, um zu ihr zurück zu kommen, aus seinen Gedanken wieder aufzutauchen. Dann lächelte er auf seine unvergleichliche, unnachahmliche Weise.

„Ein noch älterer Mann.“

Karo fühlte sich durch seine Miene ermutigt.

„Weiter ...!“

„Weiter geht es, dass er noch älter werden wird.“

„Wann hast du ihn das letzte Mal besucht?“
„Als klar war, dass ich nach Österreich gehen würde. Und nie mehr nach Ben Nevis zurückkommen. Kurz vorher hatte er mir Seona geschenkt. Sie würde auch in Österreich gut auf mich aufpassen, sagte er.“

„Und jetzt ist sie tot. Hast du ihm geschrieben? Habt ihr Kontakt?“
„Nein und ja.“

„Nicht geschrieben und trotzdem Kontakt? Sag bloß, du wirst jetzt neuzeitlich und telefonierst!“

„Nein, das haben wir nicht nötig.“

„Oh, oh nein!“

 

Er war aufgestanden und ging bei ihren letzten Worten hinaus. Er mochte mit ihr nicht über seine besonderen Fähigkeiten sprechen, weil sie sie nicht akzeptieren wollte. Aber doch nur, weil sie sie nicht verstand. Da saß sie jetzt und wünschte sich, er würde ihr Manches erklären. Aber eigentlich wusste sie auch, dass sie seine Erklärungen nicht wirklich würde annehmen können.

 

Seit diesem Gespräch  war ihr klar, dass er eine wunderbare, starke Vaterfigur gehabt hatte - und wohl immer noch hatte. Vorbildwirkung. Das war doch was.  

 

 

 

 

14. Mai 2014

Ende des 17. Kapitels

Der gute Mann stand nur einfach neben dem Pferd und massierte ihm Hals und Rücken. Der Hengst war dabei so entspannt, dass er sogar eine Hinterhand entlastete, als ob er schliefe. Sein Kopf war fast am Boden, sein Hals, sonst meist sehr hengstisch hoch erhoben und gewölbt, zeigte lang gestreckt nach unten.

„Ja da legst di nieder, so hab i  den noch net gesehn, seit er bei mir is. Bist leicht wirklich ein Zauberer, wie’ s immer sagen, ha?“

„Es tut ihm nur gut, wenn er sich einmal entspannen kann. Darf ich ihn reiten?“

„Ja, da müsst i erst Sattel und Zaumzeug holen, - wir haben nur eine Decken und zwei Strick mitgenommen, weil’s die Frau Paksi so wollt ...“

„Das würde mir reichen, wenn sie erlauben ... .“

Eugene nahm von Alina über den Zaun hinweg die Sachen entgegen.

Das Mädchen freute sich schon auf das Schauspiel. Sie erinnerte sich noch gut an die Vorführung damals mit Estellé.

 

Der Hengst gebärdete sich wilder. Er war nicht ängstlich wie vor zwei Jahren die Stute, er war wohl eher überrascht und unwillig. Er wollte ausweichen, als der Schotte sich an ihm hochzog. Nützte ihm nichts, weil Eugene die Mähne über dem Widerrist fest in der Hand hatte.  

Kaum spürte er das Gewicht des Reiters, stürmte er los.

Eugene hatte seine Freude an den wiegenden Bewegungen des Hengstes, die trotz des ungestümen Galoppes die Ausgewogenheit und Harmonie des Körpers ausdrückten.

 - Mach ruhig, mein Junge.

Die Kühe rannten zunächst einmal mit, der Bauer war ziemlich beunruhigt.

Karo hatte sich nach dem Anfangsschreck wieder gefasst, als sie in Eugenes amüsiertes Gesicht sah. Jetzt drückte er den Hengst in eine Wendung. Nur mit seinem Gewicht. Die Stricke hielt er immer noch ganz lose in der Hand.

Es folgte eine spannende halbe Stunde für Pferd, Reiter und Zuschauer.

Als Eugene dann abstieg, strahlte er den Besitzer an.

„Ein wunderbares Pferd!“

Das hat er bei Estellé nicht gesagt! - Der hier fordert ihn anscheinend mehr heraus, typisch, dass ihm das taugt, dachte sich Karo.

„Du bist aber auch net schlecht drauf, alle Achtung!“

„Er hat viel Kraft und Ausdauer, die könnte er auf einem längeren Ritt bis zu mir nach Hause ein wenig ausleben. Das wäre besser für die Stute, denke ich ... .“


Das konnte sich der Bauer auch gut vorstellen und nachdem die Deckgebühr nicht gerade billig war, wollte er den Kunden wohl ihren Willen lassen.

Eugene konnte den Hengst am Abend holen. Bis dahin würde er einen Teil der Wiese eingezäunt haben. Darauf bestanden der Bauer und Karo und wahrscheinlich hatten sie Recht.

 

Estellé war von dem Duft, den Eugene mitbrachte, gleich sehr angetan und wich nicht mehr von seiner Seite, als er den Elektrozaun zog.

Als sie dann merkte, dass sie plötzlich ihrer ansonsten grenzenlosen Freiheit beraubt war, zog sie aufgeregte Bahnen in gehörigem Sicherheitsabstand zu dem deutlich knisternden Draht.  

Nachmittags machte Eugene sich fertig für den kleinen Treck.

„Eugene, ich fahr dich. Morgen muss ich ja auch alleine bis Camelot kommen.“

„Ja, morgen. Heute schonst du dich noch ein bisschen. Ich werde zwei Stunden hin und etwa eine Stunde zurück brauchen. Dann sind Romeo und ich schön ausgepowert.“

„Ich weiß nicht, ob Estellé und mir das so recht ist.“
„Aber mir, wenn ich eine ganze Woche ohne dich überleben soll. Bis später.“

Weg war er. In seinen abgeschnittenen Shorts, die Decke unter dem Arm, die restliche > Ausrüstung < in den Taschen seiner Hose. Er hatte großen Spaß an der Aktion, das war unverkennbar.

 

Alina und Karo blieben während Eugenes Reisezeit bei Estellé.

Sie setzten sich auf die Bank vor das Haus, jede einen Zeichenblock in der Hand.

Karo versuchte sich an ein paar neuen Pullover-Entwürfen in rostroter Wolle – falls an der Idee wirklich was dran war. Alina zeichnete Estellé.

 

Zweieinhalb Stunden später brachen Pferd und Reiter durch den Wald.

Aufregung und Augenrollen und schrille Stimmen. Schnauben beiderseits des Zaunes. Gar nicht leicht, den jetzt zu öffnen. Aber letztendlich akzeptierten beide Pferde die Einzäunung. Für Romeo wurde das Treiben dadurch leichter, für Estellé das Spiel vielleicht weniger ermüdend.

Für die menschlichen Zuseher auf alle Fälle überschaubarer.

Viel gab es allerdings nicht zu beobachten. Außer zwei perfekte Pferdekörper, dicht bei einander laufend. Alina war durchaus ein wenig enttäuscht.

„Die Zwei müssen sich erst einmal an einander gewöhnen, das ist doch klar, Alina Mausi. Wir gehen jetzt erst einmal schlafen und am nächsten Wochenende sehen wir sie eh wieder.“
 

„Ich steh morgen ganz früh auf, damit ich ihnen noch ein bissl zuschauen kann.“


Das war Karo nur Recht. Sie war jetzt in Gedanken schon wieder ganz bei Keltic design und wollte so rasch als möglich nach Camelot.   

 

Die Firma lief besser als jemals zuvor, auch wenn sich Karo jetzt nicht mehr non stop das Hirn zermarterte. 

Ihre >Nebenprodukte< verkauften sich gut.

Miro sollte ruhig noch mehr Metalle verarbeiten, Bronze und Kupfer vor allem.

Die alten Kupferbergwerke im Salzburgischen, Mitterberghütten und Mühlbach, auch wenn sie jetzt still gelegt waren; sie hatten zu ihrer Zeit den Kelten Ruhm und Glanz und Reichtum gebracht. Und wunderbare Schmuckstücke, die ihre Design Werkstatt nun nachempfinden wollte.

 

Die Leute, die Kunden, die Österreicher vor allem, sollten sich ruhig wieder auf ihre Vorfahren besinnen.

 

Alina lernte in der Schule über die >großen Kulturen<.

Die man als groß bezeichnete, weil sie es als wichtig erachtet hatten, ihre ruhmreichen Taten dem entsprechend wirkungsvoll darzustellen.

Und so lernen mitteleuropäische Kinder zwar alles über die Ägypter, aber eigentlich nichts über jenes Volk, das Jahrtausende lang in Mitteleuropa ansässig war.

Zu wenig Ehr-geizig, um ihre Taten und Errungenschaften aufzuschreiben, zu wenig habgierig, um andere Völker zu unterwerfen und zu wenig um Einigkeit bemüht, um staatsbildend zu agieren.  

>Individualisten<, würde man heute sagen.

So naturverbunden, dass ihre wenigen Überlieferungen heute noch Gültigkeit haben, so traditionsbewusst, dass ihr Brauchtum noch immer praktiziert wird, kulturell so stark, dass viele Volksgruppen die alte Sprache weiter benützen und erhalten wollen.

 

Auch wenn die Zigeuner-Vorfahren der Paksis erst zu einer Zeit nach Europa kamen, als sich die keltischen Stämme im Völkergemisch aufzulösen begannen, für Karo machte es Sinn, die keltischen Gepflogenheiten weiter zu erforschen und den Menschen des 21. Jahrhunderts nahe zu bringen.

Nicht nur im Geschäftlichen.

 

Die Mama hatte ihren Kindern das immer wieder einmal so nahe gebracht, besonders wenn sie in der Natur unterwegs waren. Besonders, als sie in das Waldviertel gezogen waren und diese ganz außergewöhnlichen Landschaften und Plätze erkundeten. Besonders auch dann – und das glaubte Karo erst jetzt richtig zu verstehen – als die Mama von ihrer Krankheit wusste.

Entschieden  hatte sie auch immer darauf hingewiesen, dass die verschiedenen Kulturen, wenn sie einen starken Natur-Aspekt in ihrem Glauben hatten, einander sehr ähnlich waren. 

„Ich habe den Ausdruck Anderswelt in einem meiner Keltenbücher gelesen und war dann sehr erstaunt, weil ich keinen Unterschied zu Ahnus Kibbú feststellen konnte. Es ist die Welt der Ahnen und der Unsterblichen, aber auch der Naturgeister. Wir können sie nicht sehen, aber sie ist immer um uns.

Höhlen, Seen, Quellen, Steinhügel, natürliche Erhebungen, tiefe, abgelegene Täler, das sind die Plätze der Anderswelt. Wenn viele solcher Stätten zusammenkommen, ist es leicht, mit der Anderswelt in Kontakt zu treten.

Hier wohnt die absolute Wahrheit, aber nicht jeder kann sie finden. Wie in unserer Welt auch gibt es viel Bosheit und Arglist, die man entlarven muss, um das wunderbar Gute und Wahre zu finden.

Der Gott der Sonne, des Lichts und der Ahnen hat den Kessel oder Gral der Lebensfülle und die Keule, mit der er tötet. Er zeigt uns die Möglichkeiten in unserer Welt auf, aber wir müssen sie rasch nutzen, denn er nimmt sie auch wieder fort.“

 

Ja, so hatte sie oft erzählt, die Mama.

Und das mit dem Kessel, das war ganz wichtig, das war ein wichtiges Motiv in ihren Design – Arbeiten.

Ja, und diese Motive sollten noch viel stärker zutage treten, in allen Accsessoirs, in allen Schmuckgegenständen, die Keltic design herausbringen würde.

 

Karo war sich inzwischen sicher, dass auch die anderen Paksis ihr Credo übernomen hatten.

Sie mussten ja auch einfach zugeben, dass der Erfolg ihr Recht gab. Immer wieder neue Investitionen, ja, aber auch Gewinne.

Nicht nur für die Familie Paksi. Keltic design wurde immer mehr zu einem wichtigen Arbeitgeber in der Region.

 

 

13. Mai 2014

immer noch 17. Kapitel

„Ooch, doch kein Isi ... ein Haflinger, oder?“

„Wart einmal, ich muss einen Platz zum Parken finden ...“
„Weißt,  Alina, ein Isländer wär nicht gut möglich zur Zucht. Dazu sind die Rassen zu verschieden, das gibt dann oft Probleme.“

„Aber ein Hafi is auch ein Unsriger, einer für die Kälte und net grad für die Wüste.“

„Stimmt schon, aber die neuen Haflinger haben schon seit Jahrzehnten viel eingekreuztes Araberblut. Bei denen vertragt sich das. Wie man sieht. Schau nur, wie er daher stolziert. Komm, da können wir stehen bleiben. Nimm bitte die Ambra am Hals, sie soll ihn nicht erschrecken.“

 

Die Hündin wäre sehr neugierig gewesen, aber Eugene vergaß nicht, ihr Abstand zu gebieten. Er wollte sich dem Hengst in Ruhe nähern.

Der tänzelte unruhig hinter dem Weidezaun der Kühe hin und her.

„Ein bissl leichtsinnig, der Zaun, der hält doch kein Pferd auf.“
 

„Aber er hat auf seine Kuhherde aufzupassen. Also geht er nicht über den Zaun. Außer bei solchen Aussichten wie jetzt gerade. Estellés Geruch lässt ihm ja schon die Augen quer stehen. Ich möchte nicht Schuld sein, wenn er ausbricht. Könntet ihr die Decke und den Strick aus dem Kofferraum nehmen? Ich passe so lange auf.“

Eugene sprach beruhigend mit dem aufgeregten Hengst, der die Ohren spitzte, die Nüstern blähte und aufgeregt schnaubte.

Schrilles Wiehern, als Estellés Utensilien aus dem Fahrzeug genommen wurden. Eugene legte sie dem Pferd vor die Hufe. Filmreif, wie die Untersuchung ablief. Mit langem Hals vorsichtiges Riechen, die Nüstern gebläht. Dann den Kopf hoch, Grimasse, das typische Flehmen mit weit nach außen gebogenen Lippen. Umrunden der Decke, stampfend, den Hals gebogen, den Atem geräuschvoll ausstoßend. Wieder Riechen, das Ganze von vorne.

Die neugierigen Kühe durften nicht in die Nähe. Es reichte ein Ausfallschritt seiner Majestät, um sie von seinen Hoheitsrechten zu überzeugen.

 

Dieser Haflinger war wirklich eine Schönheit. Hellbraun mit weißem Mähnen- und Schweifhaar entsprach er wohl  dem Ideal seiner Rasse. Etwas zu langbeinig vielleicht, aber gerade dadurch wurden seine Bewegungen zu etwas Besonderem. Die lebhaften, richtig schlau wirkenden Augen und der kraftstrotzende Körperbau schienen wieder ganz typisch.

Die drei Menschen vor dem Zaun waren völlig konzentriert in seine Betrachtung versunken, als noch ein Fahrzeug auf der Straße erschien. Und prompt ebenfalls stehen blieb.

„Ja, so, ... der Hundezüchter, gell, Sie san der Schotte mit die Hund’?“  

„Ja. Guten Tag.“

„Grüß Ihna. Wollten Sie leicht zu mir? Mir war’n grad in der Kirchen.“

Im Auto saßen noch zwei Frauen. Mutter und Tochter oder Schwiegertochter vielleicht.

„Wenn Ihnen der Hengst gehört, ja.“

„Den verkauf i aber net, gell, den hab i nämlich selber grad erst kauft. Den Teifi, den.“

„Warum nennen Sie ihn so?“

„Seit er bei uns is, spinnt er ziemlich um einander. Dabei war er auf seinem alten Platz der bravste Wächter für die Küh. - Haben Sie das da eini gschmissen?“

 

Eugene erklärte dem Bauern, was sie wollten und warum der Hengst wohl so verzweifelt war. Der Mann hatte gleich viel Verständnis.

„Ich kann ihn schon für ein paar Tage zu Ihnen ummi fahrn, wenn’s wollen.“

„Lieber wäre mir, ich dürfte ihn reiten.“

„Das is ja viel zu gfährlich.“

„Ich würd ihn besser kennenlernen.“

Herzhaftes Lachen.

„GehenS, Ihnen braucht er ja kein Fohlen machen!“

Karo wollte jetzt auch einmal etwas sagen. Sie hatte ja noch gut in Erinnerung, wie Eugene Estellé damals zu ihr gebracht und durch den langen Ritt beruhigt hatte. Das erzählte sie dem Besitzer genau.

„Und Camelot, also Karlsburg halt, ist ein ganz schönes Stück entfernt.“

„Ah, dann san Sie die Chefin von dem >Gwand Desain<, ja da schau her!

WissenS was, stehn ma doch da net auf der Strassen um einander, fahrnS hinter mir her, dann setz ma uns zamm und trinken was. Des muss i jetzt meiner Frau und der Mama erzählen.“  

Eugene fuhr die Paksi Mädels brav zum kleinen Gehöft und seilte sich dann schleunigst in Richtung Weide ab. Karo hatte er während der Fahrt gebeten, möglichst bald mit dem Bauern zum Pferd zu kommen. Decke und Strick wie für Estellé.

In der guten Stube bei einem Glaserl Schnaps für die Erwachsenen und einem Glas Milch mit einem Mohnzelten für Alina stellte sich heraus, dass der Bauer ganz andere geschäftliche Verbindungen als die Deckgebühr im Auge hatte. Und Karo hatte sehr rasch ein offenes Ohr.

Der Bauer war ein ganz >Alternativer<, wie er sich selbst bezeichnete.  

Lamas und Strauße hatte er schon versucht, leider kaum mehr als Liebhabereien, genauso wie der Hengst, den er wegen der Schönheit gekauft hatte. Und für sich zum Reiten, ein wenig, um in Form zu bleiben.

Als er das sagte, blinzelte der Mittvierziger sie so in der Art an, dass Karo bestürzt dachte, jetzt wolle der doch glatt mit ihr flirten. Später fand sie heraus, dass das in dieser Gegend – und auch anderswo – ein beliebter >Sport< war und sehr harmlos, so nach dem Motto: Hunde die bellen beißen nicht. 

 

Jetzt habe er wieder etwas Neues ins Auge gefasst. Weil heute durfte man als Landwirt ja nicht schlafen, sonst hatte man bald nur noch einen winzigen Nebenerwerb.

Hochlandrinder, sehr keltisch, müssten dem Schotten auch ein Begriff sein. Die Wolle sei zu verarbeiten. Und Mohair-Ziegen, da habe man dann überhaupt so etwas wie die berühmte Wollmilchsau. Die beiden Wollarten müssten zusammen versponnen einen absolut einzigartigen Faden ergeben.

„Die Sensation, sag ich!“

„Ausprobieren, mein’  ich. Das heißt, bringen Sie mir einen solchen Faden, und ich will gerne sehen, was sich daraus machen lässt. -  Ähm, Sie wissen sicher, dass wir meist auf das Einfärben verzichten. Wenn sich die hübsche rostrote Farbe der Hochlandrinder erhalten ließe, das wär schon was.“

„I hab die Viecher ja noch net, aber wir könnten zu den Züchtern fahren. In den Lungau und nach Kärnten ...“
„Ich kann zunächst einmal nirgends hin, weil ich eine recht unangenehme Verletzung hab und deshalb auch schon viel zu lange von der Firma weg war. Aber möglicherweise tät sie der Eugene begleiten, der versteht, glaub ich, eine Menge von Tieren und artgerechter Haltung und so.“

„Ja, genau! - Obwohl mir Ihre Gesellschaft natürlich viel lieber wär. - Und ein bissl spinnert is er ja schon, so wie er ausschaut, gell! Aber jetzt trink ma noch einen auf die baldige gute Zusammenarbeit und dann schaun wir, was der guate Mann macht.“

 

12. Mai 2014

das 17. Kapitel geht weiter

Jetzt zog er sie noch ein wenig näher zu sich, nahm sie ganz fest in seine Arme.

„Holen wir alles nach, heute Abend. Und noch viele, viele Male. Aber hier in der Küche ist nicht so der wunderbare Augenblick, an dem ich dir sagen möchte, dass ich dich sehr liebe. -- Ich hab noch nicht einmal meinen Smoking an.“

 

Nach einem kurzen Küsschen auf die Wange ging er schnell hinaus und ungewöhnlich  laut die Treppe hinauf.

Konnte es sein, dass er ein bisschen verlegen war?  DER große, souveräne Held?

Karo musste doch glatt ein paar rührselige Tränen weg schlucken.

Er hatte gerade das erste Mal von Liebe gesprochen. Abgesehen von der Ankündigung einer solchen, damals vor seiner Reise nach London. Genau genommen war das erst wenige Wochen her. Und so viel passiert seither.

 

Von oben aus Alinas Zimmer hörte man Hüpfen, Schreien, Quietschen.

Die Hunde begannen vor dem Haus zu bellen. Das übermütige Spiel des Mädchens brachte sie oft aus der Fassung und in Aufregung vor freudiger Erwartung. Jetzt trampelte die >Kleine< mit dem Krach zweier Riesen über die Treppe ins Freie, um erst einmal die wilde Horde zu begrüßen.

Bis sie in die Küche fand, war der Pyjama schon reichlich erdig.

 

„Guten Morgen, Karo. Hast du schon gehört? Wir machen einen Ausflug!

Du musst dich aber noch schonen, glaub ich. Der Jutschin und ich suchen ein Pferd. Bestimmt bringt er es dann zum Auto, damit du es auch sehen kannst. Mei, wenn’ s ein Isländer wär, das wär ein Traum.“

„Aha. Magst du jetzt ein Frühstück oder isst du dann später mit uns beim Picknick?“

„Mmm, ich trink nur gschwind ein bissl Milch und essen können wir dann später alle zusammen. Das is toll.“

 

Ambra durfte zu Alina auf den Rücksitz des Kombis. Karo ungewohnter Weise auf der Beifahrerseite.

Alina war aufgeregt und plapperte eigentlich ständig von hinten zu den Erwachsenen.

„Und wohin fahren wir jetzt eigentlich?“

„Nach Westen, weil Estellé sich immer in die Richtung wendet.“

„Wieso, wie meinst jetzt das, was hat denn das mit der Estellé zum tun?“

„Schau, Alina, falls der Eugene dir das noch nicht hat sagen können, wir suchen nicht irgendein Pferd, sondern einen Hengst für Estellé. Damit sie ein Fohlen bekommt. Eventuell natürlich nur. Wir wissen noch n ...“

„Ein Fohlen, ein Fohlen, wir kriegen ein Baby, na so was, i werd narrisch!“

Karo sah zu Eugene, der seine fröhlichsten Falten in den Mundwinkeln trug.

Sinnlos, die Kleine jetzt zu bremsen. Falls es Einwände gab, war auch noch später Zeit dafür.

Der Magier fuhr so sicher, als wüsste er genau, wohin er fahren sollte.

Uthers Augen. Ja, es sah von der Seite des Beifahrers her so aus, als hätten Eugenes Augen ihre Katzenhaftigkeit plötzlich gegen das wölfisch Spähende eingetauscht.

„Hört ihr? Er ruft uns. Er riecht uns.“

„Naa, i hör nix.“

„Dann mach halt net so einen Krach da hinten! Was sollte er wohl Besonderes finden an unserem Geruch?“
 

„Es ist der Geruch deiner Stute, meine Dame. Im Kofferraum liegt ihre Decke und ihr Strick.“

„Oh, mein Gott. Musst du immer an alles denken?“

„Falls du mit mir sprichst: nein und ja.“

 

Alina hatte das Fenster auf ihrer Seite ganz nach unten gedreht und angestrengt hinaus gehorcht. Ambra lag quer über ihrem Schoss, um auch möglichst viel von dem Fahrtwind ab zu bekommen. Jetzt hob die Hündin ihre schwarze Nase noch ein Stückchen an, atmete kräftig ein.

„I glaub, die Ambra hat ihn gerochen. Hören kann i noch nichts, weil der Jutschin so an Radau macht mit dem Motor.“

Der Schotte wendete gerade auf der schmalen Strasse, weil er eine Abzweigung entdeckt hatte.

Dann sahen sie ihn. Auf der Weide bei den Kühen.

„Ich kann die Estellé verstehen...“

„Ja, ich auch.“

 

 

 

11. Mai 2014

weiter im 17. Kapitel

Zunächst hatten sie beide einen Modus gefunden, um möglichst viel Zeit mit einander verbringen zu können und trotzdem ihr bisheriges Leben weiter zu führen. Er wollte aber mehr und anderes, und sie wollte das auch, musste aber erst dahinter kommen. Zwecklos, ihr das womöglich sagen zu wollen, da würde Miss Eigensinn sofort alle Haare aufstellen und sich vehement wehren.

Für sein Leben hatte Eugene nun freilich auch komplett umgedacht und seine ursprüngliche Planung  seines Lebens in Österreich revidiert.   

Aber so war  das nun einmal. Alles im Wandel begriffen, nichts stagnierend, zum Glück.

 

Alina konnte ganz nach Kinderart die Veränderungen am schnellsten akzeptieren, auch wenn gerade sie zu Beginn dieser neuen Gegebenheiten am schärfsten gewettert hatte. Nun waren sie halt so > narrisch verliebt, schlimmer wie der Miro und der Julian zusammen...<, also machen wir das Beste daraus. Reibungslos und harmonisch, das war immer noch das Wichtigste für die Kleine.

 

Karo war das nur Recht. Natürlich hatten sie die anfänglichen Szenen mit der Schwester belastet. Nach Mamas Tod war sie der Mittelpunkt des Kindes und wollte das auch bleiben. Sie konnte die Eifersucht zudem ganz gut verstehen.

In ihrer Euphorie und ausgeglichenen  Seelenlage hatte sie dann auch bald mit Alina gesprochen.  

 

„Schau, Alina-Mausi, ich bin glücklich wie noch nie vorher mit dem Eugene.

Viel glücklicher als damals, als ich öfter zum Manuel nach Wien gefahren bin. Das war dir auch nicht Recht, und da hast du dich auch nicht getäuscht.

Das war schon richtig, dass du da dagegen warst. Aber mit dem Eugene ist das ja ganz anders. Den hast DU doch von Anfang an ins Herz geschlossen.

DU hast dich gleich mit ihm verbündet und DU verstehst dich sogar mit ihm, ohne dabei zu sprechen ...“
„Ja, eh ...“ 

Karo hatte ihr angesehen, dass sie den Tränen nahe war, das musste sie ganz schön mitnehmen.

„... aber ihr sollt’ s mich nicht einfach ... links liegen lassen, ich hab doch nur euch!“

Karo, bis vor kurzem noch meist zurückhaltend kühl zur kleinen Schwester und zu allen anderen Menschen auch, drückte jetzt Alina ganz fest an sich.

Da musste das Mädchen erst recht richtig los heulen. Vor Überraschung und Liebe und Weltschmerz und überhaupt.

 

„Wir Paksis, Alina, wir haben uns alle und alles: Lieb und am Hals und bis zum Überdruss. Aber wir HABEN uns, und das ist gut so. Überhaupt das Beste.“

 

Dann war da noch die Sache mit Estellé, bei der Karo plötzlich auch ganz schnell und leicht eine Entscheidung hatte finden können.

Eugene war gerade von seinem ersten morgendlichen Rundlauf samt Wasserspielen zurückgekommen und hatte sie bei ihrem Morgenkaffee in der Küche gefunden.

„Hallo, Chefin, was hast du vor mit deiner Tuareg-Prinzessin?“
„Wieso, -- ach, meinst du, sie wäre noch in der richtigen Zeit zum Decken.“

„Mhm.“
„Und du hältst das für sinnvoll, nicht wahr, sonst würdest du mich nicht darauf aufmerksam machen?“

„Mhm.“
„Kannst du eventuell etwas deutlicher werden?“
„Vermehrung ist ein wichtiges Kennzeichen des Lebens, bei mehrzelligen Lebewesen nennt man das dann Fortpflanzung, zumindest in der Fauna ...“

„Okay, Herr Dozent, ich habe verstanden, dass du deutlicher werden kannst. Möchtest du mir jetzt erklären, was Fortpflanzung im Falle Estellés bedeutet?“

„Dass sie ein Fohlen bekommt. Also die genaue Geschichte ist die, dass erst einmal ein schöner Hengst ...“

„Eugene, ich weiß, wie Fortpflanzung bei Säugetieren abläuft, Erfahrungswerte, wenn du weißt was ich meine ... Könnten wir jetzt bitte ernsthaft über ein Zuchtprogramm sprechen oder was stellst du dir vor?“

 

Es war Karo ziemlich klar, was er sich gerade vorstellte, als er sie so an sich drückte, aber sie schob ihn ein wenig von sich weg, löste seine Hände von ihren Hüften und verflocht ihre Finger mit den seinen, damit sie sich keines anderen ihrer Körperteile bemächtigen konnten. Was ihn zu einem theatralischen Seufzen veranlasste.

„Zuchtprogramm ... ich weiß nicht. Von einer Tuareg Araber Zucht würde ich abraten. Wie du weißt, tendiere ich sowieso immer und überall zu den robusten Sorten. Bodenständig nennt ihr das. Wir wissen auch nicht, wie sich Estellé als Mutter so macht, aber ich denke, es ist ihr gutes Recht, es zumindest einmal in Erfahrung zu bringen. Mit sechs Jahren hat sie auch das passende Alter.“

„Auch das hast du bedacht, aha. Und wo sollen wir jetzt also einen geeigneten Hengst her bekommen?“
„Meiner Erfahrung nach suchen sich die Stuten ihren Favoriten sowieso selbst. Letztendlich bleibt es dann sehr häufig nicht ihre Entscheidung. Außer in natürlichen Herden ...“
„ …die du in Schottland erlebt hast ...“
„Nn ... nur so ähnlich. Aber ich glaube, dass Estellé diesmal so unruhig ist, weil sie einen Hengst in der Nähe spürt.“

„Das ist jetzt aber nicht dein Ernst ...?“
„Doch, natürlich. Du bist auch unruhig, wenn ich in der Nähe bin.“

„Eugene, hör auf, dich schon wieder lustig zu machen!“

„Tu ich gar nicht. Manches läuft eben einfach so ab. Hormone und so.

Wir sollten uns umsehen. Du hast mir in der letzten Zeit keine Gelegenheit dazu gegeben …“

„Was hab ich nicht?“

„Laß mich erst mal ausreden, bevor du mich auffrisst - oder friß mich bitte erst später; ach, du lässt mich abschweifen! Also, nachdem wir jetzt beide dazu in der Lage sind, sollten wir eine kleine Rundreise starten und mal sehen, wo sich der Herr befindet, den Estellé sich erwählt hat.“

„Und dann?“

„Und dann werden wir sehen, ob er auch deinen Vorstellungen entspricht oder aus Vernunftgründen abzulehnen ist.“
„Ja. Klar, wenn schon nicht ihre Rasse, muss er doch wenigstens irgendwie zu ihr passen, vom Aussehen her. Und der Charakter, da muss man schon sehr genau darauf achten. Aber wenn das alles passt, nur mal angenommen, das wär schon toll. Können wir gleich los? Wo ist denn Alina? Du musst aber bitte fahren, ich glaub ...“

„Nun mal ein bisschen langsam, Alina liegt noch im Bett und wir können am Sonntag Morgen auch niemanden aus den Federn werfen, nur weil wir dringend einen Hengst brauchen.“
„Wir machen für Alina einen lustigen Ausflug daraus, mit Picknick und so, okay?“


Eugene musste lachen über ihren plötzlichen Enthusiasmus, sie war so begeisterungsfähig, so lebhaft, so liebenswert.

Es war ihm nicht bewusst, wie begeistert er selbst aussah, aber Karo nahm seine leuchtenden Katzenaugen zur Kenntnis.   

„Du siehst aus wie die berühmte Katze vor dem Sahnetopf.“

„Hm ...?“

„Oh, ein Idiom, eine Redensart, entschuldige.“
Der Schotte trat ganz nah zu ihr, legte wieder seine Hände an ihre Hüften.

„Ich danke dir, wenn du mir neue Dinge lernst, -  was auch immer es ist.“

„Das trifft sich gut, dann lernst du sicher gerne die Reaktionen meiner kleinen Schwester kennen, wenn sie hört, dass wir ein Pferd besuchen wollen. Ich pack inzwischen einen LKW Lebensmittel für ihr Frühstück ein.“

Sie bekam einen spielerischen Klaps auf ihr Hinterteil.

„Das ist grausam deutlich! Du kannst ja etwas mehr darauf achten, WAS sie isst, wenn sie sich schon an große Mengen gewöhnt hat. Von deinem Zynismus wird sie nicht schlank.“

Karo war sofort betroffen.

„Oh, mein Gott, ich hab einen schlechten Scherz gemacht.

Das wollte ich  gar nicht. Ich bin froh, dass es nur du gehört hast. Manchmal bin ich schon echt fies!“
„...du bist nun mal zu Jedem grausam deutlich ... und ehrlich. Zum Glück auch zu dir. Das macht dich sehr liebenswert, weißt du?“ 

„Nein, weiß ich nicht, sags mir!“

„Was?“
„Na, dass ich liebenswert bin ... und all die schönen Sachen, die Männer den Frauen so sagen.“

„Ich weiß nicht, was Männer den Frauen so sagen. Kommt bestimmt auf die Situation drauf an. Vielleicht:> wasch doch endlich meine Socken!< , oder

>wo hast du denn mein Bier hingestellt?<, oder ...“

„Mr. Mc Intire, du bist ja noch viel fieser als ich! Da hab ich mal eine romantische Minute und wünsche mir ...“

 

 

10. Mai 2014

Anfang des 17. Kapitels

17. Kapitel

 

„Liebe und Grießschmarrn“ nannte Alina das, wenn sie jetzt immer öfter sah, wie Karo und Eugene sich >schön taten<.

Ein Küsschen hier, eine Berührung dort. Als kurze Erinnerung an das, was nachts gewesen war. Als wollten sie sich vergewissern, dass sie nicht träumten, dass es wirklich wahr war.

Alina liebte diese beiden  Erwachsenen, aber sie konnte sich ihrer Eifersucht auch nicht gänzlich erwehren.

Karo schlief nicht mehr in ihrem gemeinsamen Zimmer, nein, sie war mit Eugene in eines der leer stehenden gezogen.

Das vor allem kam Alina wie ein Verrat vor.

 

„Das ist, weil wir uns lieb haben.“

„Du hast den Jutschin lieb, seit du ihn kennst, aber jetzt auf einmal fallt euch ein, dass ihr zusammen schlafen müsst.“
„Gut Ding braucht Weile, du altkluge Maus.“

„Und auf einmal bist auch noch immer gut aufglegt.“
„Ja, weil jetzt dafür DU sauer bist.“

„Weils voll gemein is.“

„Was denn eigentlich genau?“

„Alles, ihr ... und jeder hat ein Schatzi, und i bin ganz allein.“
„In ein paar Jahren schaut das auch schon wieder ganz anders aus ...“

„Bis dahin könnt ich auch tot sein ...“

„Geh hör auf!“

„Is doch wahr, bei uns sterben eh alle viel zu früh!“

 

Karo sprach später mit Eugene darüber, dass Alina ja fast schon depressiv klang.

„Und sie spricht zu oft vom Tod. Für ihre elf Jahre.“
„Sie hat ihn auch schon oft kennen gelernt. Das ist gut. Was man kennt, fürchtet man nicht.“

„Sie soll sich aber doch vor dem Tod fürchten, sonst passt sie womöglich nicht genug auf ihr Leben auf.“

„Man kann ein ganzes Leben versäumen, wenn man daneben steht und darauf aufpasst.“

„Oh mein Gott!“


Mit seiner bildhaften Sprache schaffte er es oft, sie zum Lachen zu bringen.

Ihre vielen Sorgen und Ängste ein wenig kleiner werden zu lassen.

Mit ihrem gewissenhaften Verantwortungsbewusstsein machte sie sich das Leben ja nicht immer gerade leicht.

 

Die Schule würde für Alina nächste Woche beginnen. Und für sie der Stress des Modeherbstes. Wo blieb Zeit für ihre Liebe?

Eugene sah dem ruhig entgegen.

„Wir bekommen das prima hin, du wirst sehen.“

„Optimist!“
„Natürlich. Sonst hätte ich mich nicht drei Jahre um dich bemüht.“
„Hach, pausenlos verschmäht hast du mich!“

„Ich hab dir Zeit gelassen, das ist nicht das Gleiche.“

„Und wenn ich jetzt sag, ich kann vor lauter Arbeit gar nicht mehr zu dir  kommen, lässt du mir dann auch Zeit bis zum nächsten Urlaub, so in drei Jahren?“ 

„Natürlich. Es ist deine Entscheidung. Wir wissen beide, dass deine Arbeit dir wichtig ist. Deine Prioritäten musst du selber setzen, ... wahrscheinlich täglich neu.“

 

Schon wieder hatte er sie zum Lachen bringen können.

„Täglich neu ist noch gar nichts, nächtlich neu. Die heutige nächtliche Priorität lautet: ...“

Und dann sagte sie nichts mehr, um ihm die Priorität der Stunde non verbal mitzuteilen.

 

Karo konnte es selbst am allerwenigsten glauben und merkte es doch am meisten, wie sehr sie sich veränderte. Natürlich sagten auch die übrigen Paksis und Fast-Paksis ihr gegenüber und auch zu einander, dass sie jetzt ganz anders sei, man merke halt, dass sie endlich auch die Liebe spüre und so ... .

Aber nur sie selbst wusste, wie sie sich FÜHLTE! So unglaublich leicht, so unbeschreiblich - locker.

Zu Eugene hatte sie vor kurzem gemeint, es fühle sich an, als sei sie ein gut gelungener Gugelhupf. Ein schlechter Vergleich, das war ihr klar geworden, als sie ihm Rezept und Zutaten zu erläutern begann. 

Aber wie erklärt man das, wenn auf ein Mal die Leichtigkeit des Seins spürbar wird, alle Bedrängnis zurück weicht und einer Fülle vielfarbigen Lichtes Platz macht?

Die Arbeit, die Firma, die Verantwortung für Alina und ihre schulischen Leistungen; - wo waren die Probleme des letztes Jahres nur alle hingekommen?

Aufgelöst in diesem Wirbel ihrer seligen Gefühlswelt?

War es das, was sie sich seit vielen Jahren so sehnlichst gewünscht hatte?

Dieses völlige Aufgehen in einer anderen Person?

Sie konnte sich selbst nicht mehr verstehen, wenn sie ihre neuen Empfindungen zu analysieren versuchte. Sie war Karo. Sie wollte sich doch nicht an eine andere Person verlieren, auch wenn diese der berühmte Magier Eugene war.

Und doch, am Liebsten wäre sie ihm überhaupt nicht mehr von der Pelle gerückt. Unglaublich, einfach unglaublich!


Eugene seinerseits ließ keine Veränderungen erkennen. Weder in seinem allgemeinen Verhalten noch in seinem Gemütszustand.

Konstant, ja, das war er wohl. So ließ sich das beschreiben.

Keine Zugeständnisse an die doch veränderte Lage, falls er sie überhaupt so sah.

Und Karo wagte es allerhöchstens einmal ganz zaghaft auf etwas hinzuweisen, was ihre Art des Zusammenseins erleichtern hätte können.

Ein Handy für ihn zum Beispiel, oder auch nur ein Festnetz-Telefon, irgendeine Art der Erreichbarkeit halt. Falls sie während einer anstrengenden Arbeitswoche, wenn sie aus Camelot nicht weg kam, vielleicht einmal das Bedürfnis hätte, mit ihm zu reden (was sie natürlich pausenlos hatte, aber er schien ja nicht einmal auf diesen Gedanken zu kommen).

Einen Kühlschrank. Um nicht immer alles frisch besorgen und anschleppen zu müssen, wenn sie über Nacht oder auch länger zu ihm kam.

 

Der Magier, Subjekt all dieser liebevollen, zweiflerischen, aufmüpfigen und selbstvergessenen Gedanken Karos, war sich indessen der zwiespältigen Gefühle seiner Liebsten sehr wohl bewusst.

Er wusste, dass sie Kämpfe mit sich auszutragen hatte. Er kannte das. Hatte selbst lange genug gekämpft. Er konnte nur hoffen, dass letztendlich alle Schlachten zu seinen Gunsten ausgehen würden.

Gar so abgeklärt und in sich ruhend, wie er nach außen hin wohl erschien, war er nicht, aber das wusste nur er selbst. Und das nur ungern.

Er wollte wichtiger in ihrem Leben werden als  Keltic design, sie sollte selbst darauf kommen, ihre Arbeit hinter ihn und ihr gemeinsames Leben zu stellen.

 

 

 

09. Mai 2014

Ende des 16. Kapitels

„Ich kann das jetzt bestimmt schon selbst, es verklebt nicht mehr so sehr. Dein spezielles Wundpflaster hat sicher sehr dazu beigetragen.“

„Ich soll deinen Oberschenkel nicht mehr sehen, nachdem ich ihn über eine Woche wie meinen eigenen gepflegt habe?“

„Du würdest deinen nie so pflegen.“

„Der ist auch nicht so schön und weich.“

„Aber muskulös.“

„Das ist deiner auch.“

„Jetzt nicht mehr.“

„Weil du einen Teil davon weg geschnitten hast.“

„Weil ich seit drei Wochen faul herumhänge.“

„Dann auf, worauf wartest du noch?

„Dass du mir hilfst.“ 

„Bei der Wundversorgung?“

„Das hatten wir gerade.  Beim Aufstehen.“

„Ich hab dich aber gerne im Bett.“

„Das hattest du die letzten acht Tage und es war dir ganz egal!“

„Aber krank.“

„Jetzt nicht mehr?“

„Jetzt nicht mehr, du machst das jetzt selber. Dann bin ich nicht mehr Krankenpfleger, sondern, ...“

„Sondern?“

„Lover.“

„Ich versteh dein Schottisch nicht.“

„Lieber, dein Lieb ... haber, dein Mann.“

Schauer der Aufregung, der Freude und der totalen Lust durchströmten sie.

„Das alles auf einmal?“

„Mehr, mehr.“

Er hatte ihre Hand genommen, drückte zwischen seinen Worten Küsse auf die Handflächen, weiter hinauf bis zur Ellenbeuge.

Karo fühlte sich kein bisschen mehr krank, wollte nur noch auf seine erotisierenden Spielereien eingehen. Das hatte sie sich gewünscht, seit sie hier in seiner Obhut lag. Aber er war ja der korrekte Krankenpfleger gewesen. Er musste sich wohl wirklich so gesehen haben. Patienten Tabu und so.

Er ging zur Tür und schloss sie ab. Oh mein Gott, es war ihm jetzt wirklich Ernst!

Dann kniete er sich vor das Bett, um ihren Mund besser erreichen zu können. Oh, diese Küsse. Deretwegen alleine man schon sterben könnte. Aber das wollte sie jetzt nicht. Sie wollte ihn IN ihr Bett bekommen. Hatte sich das schon hundert Mal vorgestellt. Aber er ließ sich Zeit. Küsse, Küsse, Küsse.

Seine Hände nur leicht an ihrem Körper. An den Schultern, in ihrem Haar, an ihre Wangen gedrückt.

Sie umarmte ihn stürmischer, zog ihn gleichsam ins Bett, drückte sich an ihn. Er erinnerte sich an die festen prallen Brüste, als sie sich vor drei Jahren auf dem Motorrad an seinen Rücken gepresst hatten.

Seit damals wünschte er sich, sie in seine Hände zu nehmen, zu liebkosen.

Endlich tat er es, beinahe schon ehrfürchtig. Die Brustwarzen kamen ihm steil nach oben gerichtet entgegen. Sie war sehr kooperativ. Ihre Erregung faszinierend. Er zog ihr das Nachthemd über den Kopf.

Dann öffnete er seine abgeschnittenen Jeans. Er hatte tatsächlich nichts darunter. Legte sich behutsam neben sie.

„Falsche Seite. Ich werde an deine Wunde stoßen.“
„Dann halt über mir.“

Als er sich über sie beugte, ein Knie an ihrer anderen Seite abgestützt, dachte sie daran, dass sie sich das schon ewige Zeiten vorgestellt hatte.

Sie hob sich ihm entgegen. Er hatte immer noch Bedenken.

„ Familienplanung?“

„Was planst du?“

„Wir sollten kein Kind machen, das du nicht willst.“

„Also besser vorsorgen.“

„So was gibt es nicht in Wachegg.“

„Aber im Krankenhaus. Kann man sich auch besorgen lassen.“

„Du hast - Kondome besorgt? Du hast tatsächlich gedacht, dass wir mit einander schlafen?“


Sie zog ihn ganz zu sich, wollte nicht, dass er sich abstützte und sie ansah. Wollte sein Gewicht spüren und ihm ins Ohr flüstern.

„Gehofft, ich habe das gehofft.“

 

 

08. Mai 2014

immer noch Kapitel 16

Drückte sich mehr gegen ihn als nötig. Wollte ihn provozieren, ihm eine Reaktion abringen. Aber er schien sich nur auf ihre Bewegungen zu konzentrieren. Nicht zu spüren, wie sehr sie sich mehr wünschte.  

Aber statt ihre Signale zu empfangen und zu erhören machte er sich eher rar. Er schien äußerst guter Dinge, pfiff und sang sogar, was sie bisher noch nie vernommen hatte. Vielleicht hatte er besonders gute Konditionen mit seinem Verlag ausgehandelt. Oder er hatte jemanden in London oder gar zu Hause in Ben Nevis getroffen. Der – oder eher die - ihn... nun, so fröhlich sein ließ. Und so erfüllte, dass er an ihr nur noch mäßiges Interesse zeigte.

Außer in der Pflege. Da war er sehr bemüht. Nach einigen Tagen meinte er, sie hätte jetzt genug Chemie genascht und solle lieber wieder zur Natur zurückkommen. Fragte vorsichtig, ob er seine >Waldmedizin< auflegen dürfe.

„Damit habe ich viel Erfahrung, weißt du. Als kleiner Junge hatte ich oft Verletzungen. Später wollten auch andere Leute meine Naturpflaster. Schnell, schmerzlos, billig.“

Weil sie das akzeptiert hatte, kam er tags darauf auch mit seinen kleinen, fingergerollten >Pflanzenpakerln<.

Alina riet ihr, >brav < zu essen, was ihr da gebracht wurde. Und lieferte, überzeugend wie die versierteste aller Krankenschwestern,  gleich die Erklärungen dazu, die sie garantiert gerade fünf Minuten vorher selbst zum ersten Mal gehört hatte.

„Weil nämlich das Gift wieder aus deinem Körper verschwinden muss. Das von der Se ... Dings da ... was halt dein Blut so vergiftet hat und das, was sie dir dann im Krankenhaus alles gegeben haben.Das brauchst du jetzt nimmer, sagt der Jutschin. Die Kräuter hamma genau ausgsucht, die VERTREIBEN das Gift. Megasteil, gell?“   

Alina kam oft zu ihr ins Zimmer, um mit ihr zu handarbeiten. Immer lesen ging ja auch nicht. Aber stricken und häkeln mit der Schwester war lustig. Weil das Mädchen lustig war, einfach immer gut aufgelegt, das Mausi.

Sie wolle ihre letzten Ferientage noch richtig genießen, sagte sie. Das war heuer eh irgendwie komisch gewesen in diesem Sommer. Das Wetter hatte verrückt gespielt und vielen Menschen sogar ihr Dach über dem Kopf genommen vor lauter Regen. Und die Paksis hatten auch allerhand Aufregung und Verluste erlebt.

Karo schmunzelte in sich hinein, wenn sie die Kleine so reden hörte.

Alle ihre Lieben waren Paksis.

Für Alina gehörten Bernie und Sofia ebenso natürlich zur Familie wie Eugene, den sie insgeheim wahrscheinlich als Ober-Paksi betrachtete.

In der zweiten Woche wunderte sich Karo, wie häufig und schrill Estellé wieherte. Ihre kleine Schwester wusste auch nicht zu sagen warum.

Sie hatte nur gesehen, wie die Stute in letzter Zeit häufig nervös zu galoppieren beginne, um dann gleich wieder stehen zu bleiben als wisse sie nicht, was tun.

„Eugene, weißt du, was die Estellé hat?“

Der Schotte seufzte theatralisch. Seine Augen blitzten noch übermütiger wie in den letzten Tagen.

„Sie macht Schreckliches durch. Oh, sie leidet entsetzliche Qualen ...“

„Lass doch den Unsinn, ich möchte schon wirklich wissen, wieso sie so tut ...“

Jetzt nahm er ihre Hände, kniete sich neben das Bett und schaute sie übertrieben schmachtend an.

In diesem Augenblick war ihr das aber auch wieder nicht recht. Er machte sich über etwas lustig. Etwa über sie?

„Sie ist einsam. Sie ruft sich einen ... Lover herbei. Einen, der mit ihr rennt und spielt und auf ihre Launen eingeht. Und wenn er das gut macht, zeigt sie ihm, was er erwarten darf. Trägt den Schweif dann seitlich. Das macht sie jetzt auch schon manchmal. Probehalber. Aber ich sage ihr dann immer: > Mädchen, ich bin der falsche Kerl! <
Aber wenn der Richtige kommt, soll er sie nehmen und ihr ein schönes Fohlen machen.“

„Hättest du nicht einfach sagen können, dass sie rossig ist?“

Beleidigt wandte er den Kopf, nahm die Nase hoch und näselte in perfektem Oxford Englisch, von dem er wusste, dass sie es gut verstand:

„Wie absolut unromantisch ihr doch seid, Mylady. Ich möchte euch dringend ans Herz legen, die Bedürfnisse eures -- Pferdes zu berücksichtigen.“

Karo musste die ganze Sache erst einmal verdauen. Zweimal schlucken.

„Soll das heißen, ich soll sie decken lassen?“

„Du könntest es in Erwägung ziehen.“

„Aber hier gibt es nirgends solche Araber wie sie. Originale. Nur Shayga, Anglo, Austrian Araber. Aber keine algerischen. Tuareg – gezüchtet.“

„Ich werde sie fragen, welchen Stammbaum sie gerade noch erträglich fände. Kalte Warmblutmischung oder lieber einen warmen Kaltblütler.“

„Du machst dich immer nur lustig. Unerträglich in letzter Zeit. Das sind doch wichtige Dinge. Die muss man doch richtig angehen. Ich finde, du bist jetzt oft launisch wie, ... wie ..,“

„ … wie eine rossige Stute?“

Karo warf jetzt wirklich ihren Polster nach ihm, verfehlte seinen Kopf aber um einen ganzen Meter, weil er plötzlich ganz woanders stand.

„So, du willst den Kampf. Kannst du haben.“
Er hatte das Kissen zu ihr zurück geworfen. Vorsichtig und zielgerichtet.

Genau in ihre Arme. Bloß nicht auf die Wunde. Dankbar nahm sie das Spiel auf. Beschoss ihn so fest wie möglich. Staunte über seine Wendigkeit. Lachte über seine Umfaller, wenn er sich treffen ließ. Bis sie vollends aus der Puste war.

„Amnestie, Amnestie. Ich erlasse dir weitere Strafen, nachdem ich dich ein Dutzend Mal zu Boden geschossen habe.“

„Warte, ich helfe dir.“

Er schob ihr das Kopfkissen wieder so hinter den Rücken, dass sie einigermaßen bequem sitzen konnte. Er kam ihr dabei sehr nahe, konnte an ihrem vor Anstrengung und schnellem Atem bebenden Körper nicht vorbei.

Sie sah von unten herauf direkt in seine Katzenaugen. Ausgepowert, erfrischt und SEHR angeregt von ihrem Spiel.

„Überleg es dir, ja?“

„Was?“

„Ob du willst.“

„Was?“

 - Klar will ich, komm noch mal ganz nah, küss mich, nimm mich, liebe mich ... -

„Estellé decken lassen. Es wird in den nächsten Tagen soweit sein, schätze ich.“

Eine Ohrfeige hätte kaum schlimmer sein können. Mistkerl.

ER berücksichtigte ihre Bedürfnisse anscheinend überhaupt nicht.

Langsam nur beruhigte sie sich. Nun gut, sie musste jetzt endlich hier heraus und wieder selbständig werden, dann würde sie auch schnell auf andere Gedanken kommen. Er war ja wohl nicht der Mittelpunkt des Universums.

Über Estellé sprach sie die nächsten beiden Tage nicht mit ihm.

 

 

07. Mai 2014

weiter im 16. Kapitel

Jetzt liefen wieder einmal die Handys heiß, wie immer, wenn bei den Paksis einer aus der Reihe tanzte.

Julian und Bernie brachten alles, was Karo für eine Nacht brauchen würde. Alina wollten sie nach Camelot bringen.

„Derweil haben sie mir nur Blut abgenommen und so. Es wird länger dauern, meint der Doktor, weil sie diesen Hautlappen entfernen müssen. Was machen wir denn jetzt mit Wachegg?“   

„Ja, also ...“  Ratlosigkeit.  

Alina dachte praktisch:  „Gehts, fahrts ihr halt mit mir hinauf. I zeig euch alles. Es is ja net viel zum tun, das könnt i auch alles allein, nur,... dass halt wer da is. Bitte.“

Das Paar besprach sich. Eigentlich war ja noch Zeit bis Semesterbeginn.

„Okay. Es wird ja nicht ewig dauern, bis die Prinzessin hier wieder kommt. Dann lassen wir sie kräftig schuften für uns!“
„Lieber Julian, das tu ich für dich, seit du auf der Welt bist.“
„O je. Heikles Thema, da fahrn wir lieber. Pass auf dich auf. Wir telefonieren, okay?“

Wachegg war wirklich nicht das Problem. Aber Karo. Die Ärzte sprachen von einer Sepsis, Karo von „Ein bissl eine Blutvergiftung“.

Die Ärzte wollten großflächig untergegangenes Gewebe entfernen, Karo wollte nicht. Julian war viel bei ihr, redete ihr gut zu.

„Weißt schon, dass der Dr. Novak gmeint hat, sie hätten dich  fast auf die Intensiv gebracht mit den Werten, die du gehabt hast. Das haben sie jetzt besser im Griff, und darum schleunigst die Operation.“

„Du tust ja, als ob ich schon fast tot wär.“

„Ja, eh, ... das bewirkt eine Sepsis manchmal. Die Alina is schon ganz verzweifelt. Hast du dir schon einmal überlegt, was das Kind mitmacht, wenn es einem von uns net gut geht?“

„Ha, da redet ja gerade der Beste. DU machst solche Sachen, dass man sich fürchten muss!“

„Aber an mir hängt sie nicht wie an dir. Bitte tu ihr das nicht an.“

„Ich tu ihr gar nichts an.“

„Wenn du dich jetzt gegen einen Eingriff sträubst, wird’ s vielleicht brenzlig ...“

„Hör auf, gewonnen, die sollen mir halt einen Krater in meinen Oberschenkel schneiden, damit alle restlichen, unversehrten Paksis zufrieden sein können.“

 

„Hi.“

„Hallo, Eugene. Ja, sag, wie hast du jetzt hier her gefunden?“

„Und wie hast DU hier her gefunden?“

„Ooch, so - zwangsläufig.“

„Da war ein Brief von deinen Leuten bei mir im Haus. Ich habe dann gleich angerufen, weil ich auch wissen wollte, was sonst so läuft. Bis gestern waren sie anscheinend oben, jedenfalls ist alles großartig in Schuss. Estellé geht’s auch prima.“

Er hatte ihre Hand genommen und sie aufmerksam betrachtet, während er sprach. Jetzt beugte er sich noch weiter zu ihr herab und küsste sie auf die Wange. Brüderlich. Trotzdem Wonneschauer in ihrem Körper hinterlassend.

Über ihre Verletzung hatte er schon viel in Erfahrung gebracht.

Durch die Paksis. Den Unfall Hergang. Durch den behandelnden Arzt, den er vorhin genauestens befragt hatte. Die Gefahr, die sich durch die Sepsis ergeben hatte.  

„Wie lange willst du noch hier bleiben?“

„Machst du Witze? Von wegen bleiben wollen. Die halten mich hier fest, machen extra viel Umsatz mit mir, so sieht das aus.“

„Das solltest du schleunigst ändern. Ich an deiner Stelle würde  einen Haus- und Hof-, Leib- und Seelenarzt engagieren, außerdem einen versierten full time Krankenpfleger sowie einen Pausenclown für zwischendurch. - - Und vorübergehend nach Wachegg ziehen.“

Karo musterte ihn eingehend bei seinen Worten.

Er sah erholt aus. Die Wangen straff und voll und – was selten war - glatt rasiert. Jetzt sah man die kleinen Falten neben seinem Mund noch besser, wenn er lächelte. Was er auch tat. Obwohl er ernst war. Trotz seiner spaßigen Worte. Seine Augen waren nämlich dunkler als normal, hatten diesen leichten Schleier, den Karo schon als Zeichen seiner Besorgnisse kannte.

„Und du meinst, ich könne mir drei Betreuer und die exklusive Kuranstalt in Wachegg leisten?“

„Du könntest mit dem Generalmanager des Nobelladens einen Spezialpreis aushandeln. Für treue Gäste und dergleichen.“

„Was wird der Generalmanager dieses Ladens hier dazu sagen?“
„Der steckt mit dem anderen unter einer Decke …“

-- „Hach, die Schwulness hat Einzug gehalten in Inverness …“

„ … Die haben ausgehandelt, dass man dich vorzeitig entlassen kann ... wegen guter Führung.

Natürlich nur, wenn du dich weiterhin untadelig benimmst und keine Sensen und sonstiges scharfes Gerät auch nur ansiehst. Die Küchen- und Tafelmesser in Wachegg wurden kurzfristig alle versteckt.“

„Bei vier Stück insgesamt hatten die drei Betreuer natürlich lange und schwere Arbeit zu leisten.“ 

„Fürwahr. Morgen Vormittag hole ich dich ab. Passt?“

„Du hast, scheint mir, eh schon alles organisiert. Könnte ich noch Einspruch erheben?“

Wieder beugte er sich zu ihr herunter, brachte seinen Mund ganz nah an ihr Ohr, sodass seine Lippen beim Sprechen ihre Wange streiften.

„Du könntest, aber ich würde dich zu bestechen versuchen. Stell dir vor, hier vor all den Leuten.“

Er blieb auch noch in der Haltung, als er nichts mehr sagte.

Sie drückte ihre Wange für einige wundervolle Momente stärker gegen seinen Mund. Und stellte sich seinen >Bestechungsversuch< vor. Wie er sie zu streicheln begänne, seine Küsse eindeutiger würden ... Und das neben den drei ältlich bis alten Damen, mit denen sie das Zimmer teilte.

„Kein Einspruch, euer Ehren. Bestechung im Kurhotel ... vielleicht ... erwünscht.“ 

„Och, wenn der Manager seine Beute erst einmal hat ... .“

„Fiesling, pass auf, gleich fliegt dir ein Polster um die Ohren.“

„Für solche Kindereien hast du jetzt keine Zeit. Mach mir bitte eine Liste aller Dinge, die du brauchen wirst in Wachegg. Ich fahre über Camelot zurück und nehme alles mit, was du von zu Hause brauchst, dann besorge ich den Rest. Lebensmittel. Hygieneartikel. Deine aufwendigen Perücken und Make ups.“

„Oh ja, die vor allem.“

„Und Alina nehme ich wohl auch wieder mit.“

„Die war sowieso bis jetzt auch unentbehrlich.“

„Ich geh inzwischen mit der Krankenschwester flirten. Wegen der Verbände.“

 

Er kam dann auch mit der Schwester wieder, die ihm den Verbandwechsel zeigte. Als die letzte Schicht Mull entfernt war und er die lange, gebogene Naht sah mit dem aufgeworfenen, immer noch rot entzündeten Gewebe drum herum, atmete er hörbar aus. Lange und bewusst. Zur Beruhigung.

Die Schwester sah ihn von der Seite an.

„Traun sie sich’ s schon zu? Eigentlich müsst sie schon noch da bleiben, i weiß net, wieso der Doktor...“

„Natürlich. Einmal täglich ausspülen mit NaCl. Auf die Wundränder die braune Flüssigkeit. Dann die sterile Wundauflage. Noch mehr von dem Mull. Dann die elastische Binde. Alles klar. Vielen Dank.“

„Gerne, sie können ja morgen noch einmal zusehen.“

„Sehr liebenswürdig, danke sehr.“


Als die Schwester gegangen war, sah ihn Karo erstaunt an. Sie hatte ihn sich im Umgang mit anderen Menschen immer irgendwie hinterwäldlerisch vorgestellt. Das war wohl falsch.

„Du kochst sie alle ein, was?“

„Für DIE Schwester brauche ich aber mehr als nur ein Marmeladenglas.“

 

Endlich zu Hause.

Na ja, nicht direkt, aber Wachegg war doch schon beinahe wie ihr Heim. Jedenfalls ein Zufluchtsort.

Sie musste immer noch Bettruhe halten. Aber sie atmete die unvergleichlich frische Luft. Hörte die Hunde bellen und Estellé durch die nasse Wiese galoppieren, dass es nur so platschte.

Eugene wechselte täglich den Verband, war behutsam und zart. Und sehr korrekt. Seine Hände streiften niemals die knapp neben der Wunde liegenden, intimeren Stellen ihres Körpers.

Er half ihr aufzustehen, um zur Toilette zu gehen. Mit dem rechten Fuß durfte sie nicht auftreten, um die Muskeln am Oberschenkel nicht zu aktivieren. Also humpelte sie an seinem Arm, stützte sich schwer darauf.

 

 

06. Mai 2014

weiter mit Kapitel 16

Kein Problem, jetzt würde sie ihrer Schwester einen schönen Verband anlegen, sehr professionell, jawohl.

Als sie alle wichtigen Utensilien beisammen hatte, nahm sie noch eine von Eugenes Quellwasser Flaschen mit.

Bei der schweren Arbeit musste man schließlich viel trinken.

Karo war ziemlich ungeduldig, als Alina sich den Schnitt genauer ansehen wollte.

 

„I glaub das is blöd, weil da is voll viel Haut, so wie ein Lappen, der is net abgeschnitten, sondern nur so aufgeschnitten. Ob das wieder anwächst?“

„Ja, wird schon sein. Tu nicht so lang herum damit.  Drück einmal fest drauf, au, ah, Sch...schööön, so, und jetzt viel Pflaster, weil das schlecht hält an der Stelle. Gut. Danke. Jetzt hilfst mir mit dem Gras.“

 

Sie arbeiteten bis zum Abend, mussten das noch feuchte Heu aber auf einen Haufen schichten. Die Witterung passte einfach nicht, um in einem Tag perfektes Heu zu bekommen.

„Den Rest morgen. Jetzt hamma einen Hunger. Und der doofe Schnitt spannt ganz schön.“

„Setz dich mit deinem Buch noch ein bissl vors Haus, ich mach uns unseren Wundersalat.“


Tja, das war schon praktisch, dass die Alina gerne aß und somit auch gerne kochte oder zubereitete. Aber, wenn Karo so zurück dachte, hatte sie das in dem Alter auch gerne getan und der Mama damit ja auch oft geholfen. Karo mochte auch jetzt noch ganz gerne kochen und die ganze Familie bewirten. Manchmal. Wenn leicht Zeit dazu war. Und das war halt nicht oft.

In der Nacht wurde die Verletzung dann reichlich unangenehm. Am Morgen wollte sie den Verband wechseln, hätte aber, als sie an der Wundauflage zog, beinahe zu brüllen begonnen und damit das erschöpfte Alina Kind aufgeweckt.   Das klebte ja scheußlich. Und wahrscheinlich würde sie den Hautlappen, von dem Alina gesprochen hatte, ganz abreißen, wenn sie da jetzt daran herum fummelte.

Fraglich, ob das heute klappen konnte mit dem Heu. Viel Wind, das war gut. Aber die Luft war feucht. Schwül. Sie war schon morgens ganz nass geschwitzt, noch bevor sie großartig was getan hatte.

Abends brachten die beiden Schwestern gemeinsam das Heu erst einmal lose in den Schuppen. Das musste noch nachtrocknen, aber es kündigte sich schon wieder Regen an. Ein Seil rundherum würde Estellé hoffentlich davon abhalten, Teile ihres Wintervorrats schon jetzt zu verzehren.

Unter der Dusche weichte Karo ihren Verband dann lange ein, damit sie ihn würde lösen können. So ging es dann auch, aber es tat höllisch weh.

Alina, die wieder neues Verbandmaterial aufbringen sollte, besah sich die Bescherung.

„Du, das eitert voll arg. Da is ein richtiger Schmierfilm und so. Was tun wir denn da?“

„Viel Desinfektionsmittel halt, es braucht natürlich eine Zeit, aber das wird schon.“


Vor dem Schlafengehen nahm sie eine Schmerztablette, die auch gegen Entzündungen helfen sollte. Sie hatte einen stark verdickten Lymphknoten in der Leistenbeuge entdeckt. Das wurde doch etwas unangenehm.

Am nächsten Morgen fühlte sie sich schlecht, mittags hatte sie Fieber.

„Du Alina, ich geh jetzt doch lieber zum Arzt, das mit dem Schnitt wird mir zu steil, das kriegen wir selber doch net so in den Griff.“

„Ich komm mit.“

Der Allgemeinmediziner sah sie nur aus einer Entfernung von zwei Metern quer über seinen Schreibtisch hinweg an.

„Sofort ins Spital. Gar nicht mehr heim. Man wird ihnen schon was bringen können...“

 

 

 

05. Mai 2014

Das 16. Kapitel beginnt - locker und unbeschwert, sollte man meinen

16. Kapitel

 

Die beiden Giftzwerge bekamen von Eugene jeder ein Ticket nach London spendiert. Allerdings über Arkans Kreditkarte. Die er dann unauffällig liegen ließ.

Beim Check in stand er hinter ihnen, sie wagten keinen Ausfall. Außer ihren Pässen hatte er ihnen nichts gelassen, eine Flucht war deshalb auch in ihren Augen zurzeit nicht zielführend. 

Abflug 11 Uhr 30. Punkt 12:00 Uhr Mittag würde eine Männerstimme am Flughafen Wien Schwechat anrufen und mitteilen, dass zwei Terroristen an Bord der Maschine nach London seien, und zwar in Serbokroatisch, das Miro noch einigermaßen akzentfrei hinkriegen sollte.

Nur die Worte Terroristen und 11. September würden in Deutsch fallen. So für alle Fälle.

Um dem ganzen Gewicht zu geben. Die Fantasie der beteiligten und zugezogenen Menschen anzuregen. 

Und die Maschinerie lief recht gut. Die beiden einzigen jugoslawischen Staatsbürger des genannten Fluges bekamen einen aufwändigen und wirklich sehenswerten Empfang in Heathrow, der zwar die Reisenden aus Wien etwas aufhielt, aber das stand dafür. Fand jedenfalls Eugene.

Er hoffte, dass die Beiden nun ausreichend lange aus dem Verkehr gezogen und letztendlich in ihre Heimat abgeschoben würden.

 

Ihr Waffenarsenal hatte ihm da beinahe mehr Kopfzerbrechen bereitet.

Die insgesamt sieben Messer konnte er gut gebrauchen, wenngleich er sie nicht offen würde herum liegen lassen.

Letztlich war er zu dem Schluss gekommen, die Pistole samt Munition sowie die Giftbeeren im Glasbehälter, ja sogar die Handschuhe seien wasserdicht verpackt und tief vergraben am sichersten aufgehoben.

Nicht entsorgt. Nur aus dem Weg. Für einen späteren Einsatz. Er hätte diese Gedanken nicht näher erläutern können, wusste aber, dass er sich auf solche >feelings< noch immer hatte verlassen können.

Für den etwa zweiwöchigen Aufenthalt der Paksi Mädels hatte er jedenfalls alles geordnet hinterlassen können. Pferdebox und Holzschuppen glänzten geradezu.

Während des Fluges dann beschäftigten sich seine Gedanken fast nur noch mit den Paksis. Oder eigentlich nur noch mit Karo. Er wusste, dass sie gut auskommen würde in Wachegg. Und für die Zukunft wollte er, dass sie gut mit IHM auskäme.

 

Karo machte die Arbeit in Eugenes kleinem Reich viel Spaß.

Das war die Art Erholung, die sie liebte. Vormittags versorgte sie die Tiere, machte Ordnung, kochte und putzte sie. Nachmittags mit Alina zum Plantschen in den Bach, obwohl das Wetter nicht mehr so richtig schön werden wollte. Die Hunde und Estellé immer mit dabei.

Lange Leseabende ohne Störung und Ablenkung.

Drei traumhaft ruhige Tage. Fast zu ruhig, ohne Eugene. Aber es war gut so. Ohne die übliche Gefühlsverwirrung, die er verursachte.

Der vierte Tag begann mit strahlendem Sonnenschein. Wärmer als zuletzt. Flugs hinaus, um noch einmal Gras zu mähen. Womöglich konnten sie heute Abend schon Heu einbringen. Die saure Wiese gab nicht viel her, dazu wurde sie von Tieren und Menschen zu sehr benützt.

Aber entlang der Einfahrt von der Straße zum Haus wuchs reichlich gutes Gras. Das wollte Karo im Laufe des Vormittags alles geschnitten haben.

Würde wohl Blasen an den Händen geben.

Alina ließ sie noch schlafen, das Mädchen würde ihr heute beim Wenden und Einfahren noch genug helfen müssen.

Sense, Schleifstein, los geht’ s.

Die ersten Meter waren immer besonders zäh, bis sich ihr Körper den ungewohnten Bewegungen angepasst hatte. Dann gings eine Zeitlang flott dahin, bis sie im Kreuz  steif werden würde und ihre Muskeln nach einer Pause schrieen.

Die Hunde hatten ihren Spaß im geschnittenen Gras und kamen der Sense manchmal viel zu nahe für Karos Geschmack.

Sie hatte das Sensenblatt gerade wieder ein wenig nachgeschliffen, als die Vier besonders übermütig wurden. Tara mischte die ansonsten gut eingespielte Gruppe ordentlich auf, so dass sie zeitweise eine richtig wilde Horde wurden.

Karo hatte die Sense eben gesenkt und stand mit dem Griff nach vorne etwas unschlüssig da. Sie würde die Hunde jetzt zur Ordnung rufen, sonst konnte sie nicht gut weiter arbeiten. Ambra drohte gerade der rauflustigen Tara, die sich zur Seite und direkt auf Karo zu bewegte.

Jetzt war`s aber wirklich genug! Karo riss den Arm hoch, in der Hand den Griff der Sense. Los, weg da! Schlug mit dem langen Ende des Sensenstiels auf Taras Rücken. Nicht fest, nur so zur Warnung.

Ach, das Sensenblatt streifte über ihren Oberschenkel zum Po. Hoffentlich kein Schnitt in den Shorts.

Als sie das etwas unglücklich verkeilte Sensenblatt nach vorne brachte, war es blutig. Hatte sie sich doch tatsächlich geschnitten. Jetzt spürte sie es. Keinen Schmerz, konnte nicht tief sein, aber sie fühlte Blut bis in die Kniekehle rinnen. Sie wandte ihren Kopf nach hinten um, konnte aber nichts von dem Schnitt sehen. Musste wohl genau zwischen Oberschenkel und Poansatz sein, direkt an der Abschlussnaht der Shorts.  

Erst einmal weiter mähen, wäre jammerschade, bei dem schönen Sonnenschein wegen einer läppischen Wundversorgung zu unterbrechen.

Ihr Blut trocknete in der Hitze rasch ein. Als Alina kam, war bereits mehr als die Hälfte des Weges mit dem abgeschnittenen, ausgebreiteten Gras bedeckt. 

„Guten Morgen, Karo!“

„Hallo, Mausi.“ Die Stimme der großen Schwester klang erschöpft.

„Mensch, das is aber viel, was du da heut schon gmacht hast, möchst net einmal ... du, du blutest ja wie wild, was ...“
„Bissl gschnitten. Holst mir was zum Verbinden?“
 

Alina war schon unterwegs. Verletzungen gehörten in ihrem Leben fast  zur Tagesordnung. Als sie noch kleiner war, hatte sie der Mama immer zugesehen, wenn sie die Großen verband. Miros Stich- und Schnittwunden durch seine Messer und Werkzeuge und Schnitzutensilien. Julian mit großflächigen Hautabschürfungen vom Rollerskaten. Karo hatte sich einmal mit einem zerbrochenen Glas tief in die Handfläche geschnitten. Auch in Wachegg hatte sie schon bei Wundversorgungen geholfen. Hier war es vor allem Holz, mit dem man sich verletzte.

Eugene hatte sich einmal einen Holzspan bis zum Knochen in die Zehe gerammt. Weil er immer barfuss unterwegs war. Letzten Herbst war er von einer Buche gesprungen, mit einem dicken Beutel voll leckerer Bucheckern, und hatte beim Aufsprung dann dieses Holz in der Zehe. Musste er mit einem Messer herausschneiden. Alina hatte ihm assistiert. Seinen Schweiß abgewischt und ihn dann zugedeckt, als er mit den Zähnen zu klappern begonnen hatte. Verbunden hatte die Zehe dann sie, da war er nicht mehr so recht ansprechbar gewesen.

 

 

04. Mai 2014

Das  dicke  Ende des 15. Kapitels

Sie würden sie aber wahrscheinlich nur angelehnt, nicht versperrt haben. Schließlich wollten SIE ja angreifen.

Und nun stürmte er darauf zu. Hatte sich einen Ruck gegeben und jedes weitere Denken ausgeschlossen. Eng der Wand entlang, die Tür mit einem Schlag seines Stockes offen, weit nach hinten schwingend.

Schwarz. Er konnte nichts erkennen. Schnell in Richtung Box, ganz nach hinten rechts, fand sich zurecht wie in seiner Hosentasche.  Erst die Ecke, dann die Gegner ausmachen und angreifen.

Ein plötzlicher Lichtstrahl, Ausgangspunkt nah an der Tür.

Losrennen, bevor die Taschenlampe auf ihn gerichtet wurde. Er führte den Stock mit dem stumpfen, breiten Teil vorne, beide Hände an der hinteren Hälfte. Legte viel Kraft dahinter.

Und rammte seinen Gegner damit. Aber nicht frontal. Er musste sich seitlich gedreht haben. Luftzug hinter ihm, Nummer zwei. Drehung. Der Stock traf auf halber Höhe. Wieder seitlich. Weiter in der Drehung bleiben. Jetzt konnte er zwei Gegner erkennen. Beide leicht gekrümmt und sprungbereit. Ihre Hände blitzten. Messer. Weiter in der Drehung.

Der Quarterstaff konnte so auf beiden Seiten eingesetzt werden, wenn man die Grifffolgen rasch änderte. Eugene setzte vor allem auf die Stöße aus der Mitte, bei Hieben von oben würde er sich allzu sehr den Messern ausliefern.

 

Seine Entscheidungen kamen aber nicht aus Gedankengängen, sondern als Reaktion auf das, was er wahrnehmen konnte. Die Kapuze des Poncho hatte er längst schon abgeschüttelt. Hoffentlich war da kein Dritter mit dem Blasrohr. Würde eher seine Kumpane treffen. Die blieben bedeutend ruhiger als er. Ein Angriff durch die wirbelnde Deckung des Stockes hindurch war nicht so leicht möglich. Sie hatten auch ein wenig zu tun mit den Stößen, die sie bisher bekommen hatten.  Die zugespitzte Seite verursachte Hautverletzungen, konnte aber kaum außer Gefecht setzen.

Die stumpfe Seite brachte wesentlich mehr Wucht mit sich, musste aber sehr gezielt eingesetzt werden.

Solange Beide im Rennen waren, konnte er sich auf keinen voll konzentrieren, ohne nicht dem anderen Gelegenheit für einen Messerstich zu geben. Seine starke Beinarbeit schützte ihn möglicherweise auch vor einem Messerwurf.

Rechts war die Spitze. Er fasste den Stock weiter unten, hatte jetzt etwa eineinhalb Meter  bis zum Gegner, bewegte sich etwas nach hinten, holte aus und stieß zu. Ein kreischendes Aufheulen. Er hatte auf das Gesicht gezielt, sorry. Nicht hinsehen. Sofort den Zweiten jetzt. Griffänderung. Ausholen.

Das stumpfe Ende traf mit voller Wucht auf das Ohr des Mannes. Die Messer fielen zu Boden. Der Zigeuner hintendrein. Rechts? Hielt sich das Gesicht. Messer nicht zu sehen.  Stumpfe Seite frontal in den Bauch. Zusammen klappen. Erst mal Pause.

Eugene musste auch kräftig Luft holen. Der Pfiff für die Hunde. Sofort zur Stelle. Ungeheuer aufgeregt. Eifrig. Ambra rechts. Rosean links.

Ambra schnüffelte. Der Mann verlor Blut.

  • Kümmere mich gleich darum. Erst mal die Seile. Kein Licht, wer weiß, wer da sonst noch draußen ist. -

Als er den rechten Gegner umdrehte, machte er sich auf ein auslaufendes Auge gefasst. Glück gehabt. >Nur< die Wange durchstoßen. Interessante Narbe. Sowieso kein sonderlich hübscher Knabe. Der zweite Stoß auf das Nervengeflecht würde ihn noch ein bisschen bewusstlos halten. Besser so. Wegen der Schmerzen. Fesseln. Paketähnlich. Wundversorgung später. Nummer zwei. Vermutlich Gehirnerschütterung, eventuell geplatztes Trommelfell. Gleiches Paket. Schön seitlich lagern, sollte hier ja keiner ersticken müssen. Schlüssel aus der Tasche ziehen.

Die Messer einsammeln.

  • Ambra bleibt hier, braves Mädchen, sehr tüchtig. Rosean kommt mit. Rundgang. -

Sie brauchten nicht lange, um das Auto zu finden. Extra Lob für die Hündin.  Vorsicht, vielleicht noch einige von dieser unangenehmen Sorte darinnen.

Leer.  Aufschließen. Nichts von Interesse, keine persönlichen Dinge. Ein Leihauto, völlig neutral.

Ambra hechelte vor Aufregung, als sie zurückkamen. Mister Rechte Seite war erwacht. Winselte erbärmlich. Eugene versorgte ihn aus Estellés bestens ausgestatteter Stall Apotheke. Dabei erzählte er dem Verletzten allerhand. Zum Beispiel, wie effizient der Blauspray für Pferde war. Ausgezeichnetes Desinfektionsmittel. Die Farbe bleibt lange erhalten. Blau-violett, wirklich hübsch. Brennt ein bisschen, klar, aber wer wird sich denn so anstellen, nicht wahr, mein kleines Messerstecherchen ...

 

Der Schotte war bester Laune, richtig aufgekratzt. Adrenalinspiegel zu hoch, würde der Doc sagen. Aber ja wohl kein Wunder. Gute Arbeit geleistet. Diese Quälgeister ruhig gestellt. Da konnte man schon euphorisch werden.

Es war hell geworden. Wieder ein trüber Tag. Gerade recht.

Jetzt sah er sich genauer an, was die Zigeuner vorbereitet hatten. Pistole, Munition, weitere Messer, Blasrohre und deren Munition, bestehend aus... Beeren, wenn er das richtig sah. Jede Menge davon. In einem Glasgefäß mit weiter Öffnung. Sogar Handschuhe daneben. Musste höllisch giftig sein.

Er musste jetzt über Entsorgung nachdenken. Männer, Waffen, Gift.

Gab es noch immer keine Müll-Deponie für Verbrecher und ihre Produkte? Ein gewöhnliches Gefängnis schien ihm nicht adäquat. Und höchst unsicher, ob sie dorthin kommen würden.

Die Hündinnen durften weiter auf ihre >Beute< aufpassen.

Er musste sich lange in den Bach legen, um die Erde von seiner verschwitzten Haut zu bekommen, dann die Decke, ein kurzer Lauf –  wie neu geboren.

Er holte die Fische - es waren noch alle – und machte sich erst einmal ein ausgiebiges Frühstück. Seine Helferinnen bekamen natürlich auch ihren Teil.  

 

Während er aß, reifte ein Plan in ihm.

Nach dem Frühstück zog er sich für eine Motorradfahrt an.

Ambra sollte bei den Männern im Schuppen bleiben, den er gut versperrte.

Rosean würde vor den Gebäuden Wache halten.

Er fuhr nach Camelot.

Bitte gleich zur Chefin, auch wenn es eine Störung ist ...

Frau Nemecek war etwas ungnädig, sie mochte die langhaarigen Typen nicht so gerne und dieser hier scharwenzelte öfter um die Chefin herum, als ob sie so einen nötig hätte.

Sofia war nicht da. Karo war in Gedanken noch ganz beim Geschäft.

„Was ist los?“

„Wir sind sie los.“

„Was, wen? Drück dich doch ... meinst du? Hast du ...?“
 

Eugene sah sie gespielt missbilligend an.

„Drück dich besser aus, bitte, man weiß ja nicht, was du stammeln möchtest.“

Er erzählte ihr rasch, wie es gelaufen war und dann, was er vorhatte.

Sie müsste bereits ab morgen in Wachegg sein und sollte noch Miro genau instruieren.

„Wirst du das schaffen?“

„Mensch, Eugene, die Arbeit, die hier liegen bleibt ...“
„Die überträgst du ausnahmsweise mal an Julian.“

„Ja. Die meiste Arbeit, nein, Last hast sowieso du uns wieder abgenommen. Wir machen das alles so, wie du sagst.“
„Braves Mädchen. Und dann besorgt ihr euch einen Hänger und bringt Estellé und die Hunde hinauf.“
 

„Soll ich nicht auch einmal versuchen, mit ihr bis Wachegg zu trekken?“

„Karo, ich möchte euch nicht suchen müssen, wenn ich in zwei Wochen wieder komme.“

„Du bist ein eingebildeter, fieser Macho ...“

„ ... der dich sehr liebt. Und zwar in jeder Form und auf jede Art und Weise, wenn er wieder zu Hause ist.“
Damit gab er ihr einen raschen, festen Kuss auf den Mund und ließ sie stehen.

Oh, und dann immer diese Abgänge! Die Liebeserklärungen in den Romanen und Filmen waren eindeutig anders. Obwohl - jetzt musste sie doch lächeln - man seiner Dramaturgie durchaus etwas abgewinnen konnte.

Speziell, falls er es ernst meinte. 

 

 

03.Mai 2014

weiter im Kapitel 15

Es wurde aber eine ruhige Nacht, in der er mit den Hündinnen umher zog, badete, fischte, den Herrn Fischotter beobachtete und einen Luchs erspähte, von dem wohl niemand sonst wusste, dass er vom Böhmerwald aus südlich gewandert und hier eingezogen war.

Ach, wahrscheinlich waren die Zigeuner schon lange wieder zu Hause.

 

Sie waren zu Hause, aber in SEINEM.

Er wusste es, lange bevor er von seinem nächtlichen Ausflug zurückgekommen war. Die Hündinnen waren erst noch neugierig mit den Nasen in  der Luft gewesen. Wussten, dass sich etwas Neues anbahnte. Und hatten dann, als sie die Gerüche erkannten, in panischer Furcht die Schwänze eingezogen.

Aha. Das war es also. Gut.

 - Macht mir jetzt keine Schande. Ruhig. Ihr bleibt hier, bis ich euch rufe. -

Der Magier nahm sich etwa zehn Minuten Zeit, Ambra und Rosean zu instruieren und vorzubereiten. Oft geübt. Gewusst wie, auf beiden Seiten.

 

Seinen Stock erster Wahl hatte er bei sich, ebenso das Messer, das er mitgenommen hatte, um die Fische an Ort und Stelle auszunehmen. Die Fische hängte er jetzt an einen Baum. Wenn er wieder kam – falls er wiederkam, würden es vermutlich einige weniger sein.

Der Poncho war noch auf dem Motorrad. Das stand unter Dach, aber im Freien. Mal sehen, ob er es erreichen würde.

Immer noch neben seinen Tieren kauernd, rieb er sich jetzt alle freien Hautstellen sorgfältig mit Erde ein. Die war hier nie ganz trocken, feinkrümelig und schwarz. Ideal, um auch hellere Haut als seine zu tarnen. Seine Augen würden ihn kaum verraten, sie waren jetzt vermutlich bereits dunkel. Wut, Aufregung und Furcht. Ja, er hatte auch Angst.

Zeit, sich darauf zu konzentrieren. Er schloss die Augen und visualisierte in seinem tiefsten Inneren diese Angst. Nahm sie sorgsam auf, verpackte sie in einen Karton und trug sie in einen Winkel seines Seins, wo sie existieren, aber nicht stören durfte. Sie würde sich ohne sein weiteres Zutun auflösen, wenn er sie nicht mehr brauchte. Und sich aufbauen und rasant vergrößern, wenn es wichtig für ihn wäre.

Gut. Danke.

Er begann, sich dem Haus zu nähern. Er war es gewöhnt, sich leise zu bewegen. Als Gast in einem Wald der Tiere war ihm das ganz selbstverständlich.

Die Herren vermutete er im Nebengebäude, Estelle’s Stall und Holzschuppen. Zwischen diesem Haus und dem Wohnhaus war die Wand, an der das Motorrad lehnte. Nicht sehr klug inszeniert.

Erst einmal näherte er sich dem Nebengebäude von der Seite, von der er wusste, dass man auch nicht durch Ritzen im Holz würde hindurch spähen können. Es war die Boxenseite, innen mit einer weiteren Paneelwand ausgekleidet. Hören, fühlen, RIECHEN! Mehr noch als alles andere konnte er den Geruch nach Zigarettenrauch wahrnehmen. Sie hatten hier gewiss nicht geraucht, aber ihre Kleidung roch danach, vermutlich auch ihr Haar und ihre Körper. Gut. Daran würde er sie wieder erkennen und aufspüren, egal wo er sie antraf. Vielleicht wollten sie ja abhauen, wenn er sie jetzt überraschte. Aber vorher wollte er sich noch sein Schutzschild holen, und das war eine riskante Sache.

Sie würden wohl das Haus und vor allem dessen Eingang im Auge behalten. Etwa vier Meter davon entfernt, an der seitlichen Hauswand, stand die Triumph, die er erreichen musste und den Poncho herunter nehmen. Wie viel würden sie erkennen können? Das waren wie er auch keine Stadtmenschen. Wahrscheinlich den Aufenthalt unter freiem Nachthimmel gewöhnt. Und der war heute zwar bewölkt, aber nicht dunkel. Drei Tage vor Vollmond.

In zwei Stunden etwa würde der Tag herauf ziehen. Bis dahin musste alles entschieden sein. Also los.

Um das Gebäude herum. Hin zum Motorrad. Poncho. Leises Rascheln.

Weg. Wieder hinter den Schuppen. Sprechen. Gedämpft, aber eindeutig.   

Irgendetwas musste ihnen aufgefallen sein. Er hatte immer mit zweien gerechnet. Aber was war, wenn es erheblich mehr waren? Kein Zurück. Dann waren es eben mehr.

Angst.

Bleib wo du bist, noch brauche ich dich nicht. Meine Ruhe ist zunächst noch wichtiger als der Hormonstoß, den du mir bringst.

Der Poncho hüllte ihn gut ein, die Kapuze bedeckte sogar einen Teil seines Gesichtes. Gut für den ersten Angriff, hoffentlich Schutz gegen das Gift und die Säure, aber schlecht für einen Kampf mit dem Stock.

Als er sich vorhin genähert hatte, war die Türe zum Nebengebäude geschlossen wie meist in den letzten Tagen, weil Estellé nicht da war.

 

 

02.Mai 2014

weiter im 15. Kapitel

„Und bist du jetzt schon gut im Schießen?“
„Und wie!“ Alina strahlte ihn an, kein bisschen schlechtes Gewissen.

„Der Glaserer in Karlsburg bestellt immer extra viel Fensterkitt, weil ihm alle was abkaufen wollen. Bald braucht er gar keine Fenster mehr einsetzen, glaub i. Komm, i habs im Zimmer.“

Ein gewöhnliches Metallrohr, einen halben Meter lang und innen etwas mehr als einen halben Zentimeter Durchmesser.

„Jetzt zeig, was du kannst!“

Alina  hatte an der Innentür ihres Kleiderschranks eine Schießscheibe angebracht.

„Darfst aber der Karo nix sagen. Manchmal fliegen die Kugerln so weg, dann kann ich sie nimmer alle finden. Die Karo hat mich schon gfragt, warum meine Kleidln so komische Batzerln drauf haben. Wenn `s nämlich recht warm is, schmilzt der Kitt ein bissl, das gibt Flecken.“

 

Eugenes Miene blieb ernst, ja ein wenig streng sogar. Vielleicht hätte sie ihn doch nicht einweihen sollen.

Der Magier musste aber sehr oft durchatmen, bis er seinen Lachdrang unter Kontrolle hatte. Das Mädchen war einfach eine Wucht. Unschlagbar. Sie hatte nicht Karos Ordnungssinn. Sauberkeit war ihr nicht gerade wichtig. Aber ihr Erfindungsreichtum! Und diese Herz erwärmende Ehrlichkeit.

Alina hatte sich in Positur gebracht und blies. Ein kurzer und überaus kräftiger Atemstoß. Nicht in das Mittelfeld der Scheibe, aber immerhin.

„Darf ich auch einmal?“

„Klar!“

Eugen probierte und probierte, bis er ein Gefühl für dieses Gerät hatte.

„Glaubst du, das geht auch mit weicheren Geschossen?“
„Was zum Beispiel?“

„So was wie ... Gelatine.“

Und dann waren ihre Augen plötzlich wieder anders, ihr Geist auf eine zweite Ebene gerutscht. Erkenntnis, Verstehen.

Die ruhige, tiefe Stimme der absoluten Sicherheit, in sich selbst ruhend, wo auch immer das gerade sein mochte.

Diese Persönlichkeit würde ihm einmal haushoch überlegen sein, weil sie spürte, wofür er immer würde seinen Verstand einsetzen müssen.

„Sie haben Blasrohre verwendet, mit dem Gift der Zigeuner-Oma.“

„Alina, komm, setz dich zu mir, erzähle mir, was du weißt.“

 

Das Mädchen musste erst wieder auftauchen aus ihrem Zustand der Trance, und Eugene forderte sie noch einmal auf. Sie schien vergessen zu haben, was sie gerade gesagt hatte.

„Alina, es könnte doch sein, dass die zwei Männer Blasrohre benützt haben. Mit Giftkugeln. Wie auch immer das funktionieren konnte. Hilf mir weiter, erzähl mir von der Zigeuner Oma.“
Und die Kleine erzählte, was sie wusste. Von der Mama. Über die Oma. Über die Zigeuner im Allgemeinen und die Roma im Besonderen. Das Naturverständnis der Ahnu. Das Matriarchat. Die Ähnlichkeiten zu den Kelten. Das besondere Wissen der Alten. Und ihre Hinterlassenschaft. Das Schulheft. Auch über die Kelten. Hier stockte Alina, kam ein bisschen durch einander, redete sich in einen Wirbel.

Eugene erinnerte sich, dass sie anscheinend die verschiedenen giftigen Pflanzen des roten Schleims hatte riechen können. Jetzt verstand er besser. Sie musste da wohl schon ein bisschen Erfahrungen gesammelt haben.

Darüber musste er sich also auch noch einmal Gedanken machen. Sie war neugierig, klug und sehr sensitiv, aber auch oft traurig, einsam und verlassen. Eine latente Gefahr für dieses besondere, wunderbare Kind, ganz aus ihr selbst heraus.

 

„Was meinst du, findest du etwas Weiches, das wir im Blasrohr verschießen können?“

„Mal sehen -  wir gehen am besten in die Küche.“
Sie fanden Schokolade, Geleedrops und Gummibärli, alles schön hoch oben im Küchenkasten.

„Voll gemein, das wollten die Großen wieder alles allein futtern!“

„Wegen deiner schlanken Linie.“

„Die hab i eh net.“

„Sollst du aber bekommen, wenn du aus den Kinderschuhen raus bist.“

„Glaubst du, das geht?“

„Weiß ich nicht, aber es kommt sicher auch darauf an, wie viel von dieser unnützen Energie du aufnimmst.“

Alina schoss mit ihrer ganzen Kraft die süße Munition auf Eugenes nackten Oberkörper.

„Tut kein bisschen weh und das Zeug bleibt ganz.“

 

Als Julian und Bernie nach Hause kamen, war erst einmal der Oberschenkel des jungen Mannes das Thema. Und anderes, das im Beisein Alinas nie wirklich angesprochen wurde.

Dann zurück zur Blasrohr-Theorie. Die Biologie Studentin und der Maturant, den Chemie immer interessiert hatte. Eine Herausforderung. Sie grübelten noch, als Alina ins Bett gegangen war und Karo sich endlich auch zu ihnen setzte.

 

„Das Gift ist pflanzlich, wird möglicherweise durch Proteine rasch abgebaut und ist daher nach einiger Zeit nicht mehr nachweisbar.“

„Sie müssen irgendwie unter die Haut mit dem Gift.“  

„Und dafür ist ein Blasrohr ungeeignet.“

„Es sei denn, man verwendet Stacheln und Spitzen, wie das heute einige Eingeborenenstämme noch tun.“
„Die hast du aber nirgends gefunden.“
„Nein, und die Wunden waren rund, wie ... ausgeschabt.“
„Oder verätzt.“

„Also, hm, du meinst wie mit Säure verätzt? Ja, möglich ...“

 

Weiter kamen sie nicht. Eugene verabschiedete sich. Er hatte die Hündinnen ins Haus gesperrt und musste sie noch heraus lassen. Und selber seinen Freiheitsdrang ausleben. Wenigstens nachts.

„Aber es war sehr aufschlussreich heute bei euch, danke.“
„Wir müssen noch über deine Reise reden, Eugene.“
„Ja, Karo, ich komme bald wieder.“

„Warte, ich bringe dich hinaus.“

„Sag einmal, hattest du nicht zum Ausreiten schon manchmal so einen langen grünen Regenponcho an?“
„Doch, ja. Der ist super, weil auch die Decke dann nicht nass wird und ich im Trockenen sitzen kann. Ist für Estellé sicher auch angenehmer. Warum?“

„Leihst du mir den bitte für eine kleine Weile?“
„ ...Sicher, klar. Ich hol ihn dir noch rasch.“

Sie wollte nicht weiter fragen, wunderte sich aber gehörig. Der Magier solch ein Kunststoff-Kautschuk-Zeug?

 

Als er abgefahren war, fragte sie die anderen, die noch im Wohnzimmer saßen, was sie davon hielten.

Julian sah Bernie an. Schüttelte unmerklich für Karo den Kopf. Sie würden jetzt der Schwester gegenüber nicht ausführlicher auf ihre Säure-Theorie zu sprechen kommen.

„Hm, ... nein, nein, also, keine Ahnung.“

Eugene fuhr langsam. Dachte noch einmal alles durch. Möglich wäre das wohl. Gut. Dann hatte er jetzt außer seinen Waffen auch einen Schutzschild.

Dann mal endlich los, Burschen!

 

01. Mai 2014

Das 15. Kapitel beginnt
 

15. Kapitel

 

 

Karo machte sich andere Sorgen als ihre kleine Schwester. Aber  es ging um den gleichen Mann.

Diese fremden Zigeuner dachten womöglich, er sei Miro. Okay, irgendwie besser für Miro. Aber für Eugene?

 

Wie gut würde er sich gegen mehrere Männer zu Wehr setzen können?

Sie dachte an seinen Körper. Merkte, wie sie den Atem anhielt und dann dafür umso schneller atmete. Ein wunderbarer Körper. Schön anzusehen.

Mehr wusste sie ja nicht davon. Doch, dass er gut und anregend roch.

Aber nicht, wie effizient er sich verteidigte.

Er war magerer geworden. Vielleicht auch schwächer?

Sie musste mit Miro sprechen. Vielleicht doch eine seiner damals nicht wirklich ernst gemeinten Verteidigungsmaßnahmen. Stacheldraht und Minenfelder. Halt ein bisschen weniger drastisch. Aber wirkungsvoll.

Der Arme würde über das Testament sowieso nicht gerade erfreut sein.

 

Mein Gott, immer noch so viel Mist in ihrem Leben! Müll, Ballast.

Statt sich endlich ganz auf die Firma und die wesentlichen Dinge konzentrieren zu können, mussten sie sich auch noch mit diesen verbohrten Schmalspur-Attilas herum ärgern. Giftspritzer. Lächerlich.

Die wenn IHR unterkommen würden!

 

Zu Hause waren sich natürlich alle einig, dass das so nicht weitergehen konnte.

Sie erwogen auch, nun doch mit der ganzen Geschichte zur Polizei zu gehen.

„Das wächst uns über den Kopf.“

„Wir stehn aber schön blöd da, wenn wir jetzt erst kommen.“
„Und außer einem toten Hund, der längst begraben is, hamma nix vorzuweisen außer ein bissl Verdachtsmomente.“

„I möcht wissen, womit die dem Hund die kleinen Wunden beibracht haben.“

Darauf fand niemand eine Antwort.

 

Eugene stellte natürlich ebenfalls Überlegungen in dieser Richtung an.

Er musste damit rechnen, mit den gleichen Waffen attackiert zu werden.

Präparierte Schrotpatronen, in hundert giftige Segmente explodierende Granaten, dünne Speere aus einer Panzerfaust - das klang nach 007, aber nicht nach billigen Zigeunermethoden.

Er überlegte weiter, wenn er mit dem Stock trainierte. Die körperliche Betätigung konnte seine Fantasie nur begünstigen. Er musste noch einmal erfinden, was sie erfunden hatten. Mit dem Vorteil, dass er das Ergebnis bereits vor Augen gehabt hatte. Offenbar hatte er aber nicht ihr Wissen.

 

Und auch nicht ihre Geduld. Die mussten sie wohl haben, mittlerweile war eine Woche seit Lisas Tod vergangen. Eugene wurde immer unruhiger. Anfang August. In zehn Tagen sollte er in London sein. Das neue Manuskript abliefern. Schecks einkassieren. Bankverbindungen neu gestalten. Sich zur Abwechslung einmal um seine Dinge kümmern.

Karo hatte eigentlich für eine Woche herkommen und die Tiere versorgen wollen. Nun würde es eher dazu kommen, dass er Ambra und Rosean auch noch nach Camelot brachte.

Wenn diese Giftzwerge nicht vorher noch vorbei kamen und von ihm windelweich geprügelt in einen Direttisimo in den finstersten Winkel des Balkans gesetzt wurden.

Hm, tatsächlich wusste er nicht wirklich, was er gegebenenfalls mit den Burschen anstellen würde, wäre er ihnen erst habhaft geworden.

 

Günther war vor zwei Tagen gekommen, hatte Bier, Getreide, Nüsse, Kartoffeln und eine eher schlechte Nachricht mitgebracht.

Das Labor hatte Proteine extrahiert, die wohl von dem Wundsekret der Hündin stammen mussten.

Außerdem eine Säure. Äußerst aggressiv. Die weiteren Stoffe hatten mit den vorhandenen Kontrollsubstanzen nicht reagiert und waren somit nicht zu identifizieren.

Der Doktor hatte rasch einen der versprochenen geräucherten Fische gegessen, ausgiebig gelobt und war wieder abgerauscht. Zeitdruck, mein Lieber.

 

Eugene hasste es, so viel Zeit im Haus zu verbringen, fühlte sich nicht wohl zwischen all den Wänden. Er würde einen kurzen Abstecher nach Camelot wagen. Die Triumph brauchte Bewegung. Und er wollte Uther wieder sehen. Und auch die Paksis. Julians Wunde begutachten. Und Karo. Okay, vor allem Karo.

 

Karo war wie immer äußerst Lady like. Verhandlungen, Besprechungen.

Bereitete sich und das Unternehmen auf einen spannenden, Gewinn- und vor allem Image bringenden Herbst vor.

Konnte ihren Waldschrat jetzt gar nicht gebrauchen. Rocker Outfit auf der Triumph. Alina, Hilfe!

Alina war begeistert, dass Jutschin da war und ein wenig Zeit für sie hatte.

„Weißt, mir is schon manchmal fad, auch wenn jetzt die Estellé und der Uther da sind.“

„Warum gehst du nicht in den Ort zu anderen Kindern oder jungen Leuten?“

„Weil die Mädels auch wieder net so sehr meine Interessen haben.

Die hocken vorm Internet oder vorm Fernseher oder sitzen nur da und quatschen oder machen sich Frisuren, das is ja auch wieder fad.“

„Und die Jungs?“

„Die hocken vor den Videospielen oder auch vorm Fernseher oder gehen Fußball spielen. Auch nix für mich. Außerdem haben die im letzten Schuljahr alle Mädels mit ihren dummen Blasrohren belästigt, eigentlich müssten wir immer noch ganz schön sauer auf die sein.“

„Was machen die mit den Blasrohren?“

„Kugerl schießen halt.“

„Auf euch Mädels.“

„Genau. Und das tut ganz schön weh!“

„Womit füllen die denn die Blasrohre?“

„Fensterkitt. Oder, noch grausliger, zerkaute Papiertaschentücher, zu kleinen Kugerln gepresst.“

„Du hast nicht zufällig so ein Blasrohr, damit ich mir das besser vorstellen kann?“

„Schon, hab ich dem Freddy weggenommen, weil er mir ehrlich voll auf den Wecker gangen is. Dann haben die Ferien angfangen und i habs ihm LEIDER nimmer zurück geben können.“

 

 

30.April 2014

Das Ende des 14. Kapitels

Alina hatte den Deckel von einem der Gläschen genommen und roch jetzt daran.

„Das ist ja wie ...“
„Ja?  Kommt dir das bekannt vor, Alina, sprich mit mir!“
Himmel, sie konnte den Erwachsenen jetzt unmöglich sagen, dass das Zeug so roch wie ihr >Zaubertee<, auf den sie dann krank geworden war.

„Wie, wie meine Eibe - und vielleicht noch ein Paar Sachen,  - Efeu – Mistel ...“

Karo war sehr erstaunt.

„Und das alles kannst du da so heraus riechen, meinst?“
„Is ja nur eine Vermutung.“

Eugene nahm ihr das Glas aus der Hand, schnappte sich auch das andere und ging nach oben.

Die Hunde bekamen einen Befehl und legten sich neben das Mädchen.

„Jetzt mag er wieder einmal ganz allein sein. Zaubern.“
„Geh, Alina, du immer mit deiner Phantasie.“

 

Karo mochte Eugenes >mystische< Seite nicht so gerne, weil sie ihr Angst machte. Wie auch bei ihrer Schwester. Und wenn die Beiden zusammen waren, wurde es besonders unerträglich. Spinnerei, alles mit einander.

Warum konnten sie nicht einfach logisch und praktisch und REALISTISCH sein wie sie selbst und der große Rest der Menschhheit? Oder jedenfalls der Österreicher? Normalität?

Sie konzentrierte sich jetzt auf die Zubereitung ihres  gemeinsamen Nachtmahls. Alles möglichst naturbelassen. Wenig Salz, wegen Eugenes empfindlicher Geschmacksnerven und weil er meinte, sie würden sowieso ständig zuviel davon aufnehmen.

Einmal hatte sie einen Vortrag über sich ergehen lassen über den Unterschied zwischen dem natürlichen Salzvorkommen und dem Industrieprodukt Salz mit der gleichen chemischen Formel NaCl und trotzdem völlig unterschiedlichen Schwingungen und Energien.

Nein, Vortrag war jetzt aber auch nicht richtig, da urteilte sie ungerecht.

Es war nur alles so kompliziert. ER war kompliziert. Nein, wieder falsch, er war so … komplex.

Beim Essen war er dann wieder so süß. Lobte das wunderbare Essen, das  er schon so vermisst habe und sowieso nur sie auf diese unvergleichliche  Art zubereiten könne und war so komisch in seinen übertriebenen Schmeicheleien, dass Alina wieder ganz fröhlich werden konnte.

Ja, was den Umgang mit dem Kind betraf, war er wirklich ein Zauberer.

Auch bei den Hunden - und bei Estellé – und -  wenn sie an die wenigen Momente ihrer erotischen Nähe dachte -  wahrscheinlich auch im Umgang mit Frauen. Na ja, besser nicht weiter daran denken.

Alina legte sich dann bald ins Bett, weil sie den neuesten Harry Potter lesen wollte und sie Arkans Hinterlassenschaften eigentlich nicht interessierten.

 

Die Erwachsenen öffneten das Zimmer. Beklemmung. Karo blieb in der Mitte des Raumes stehen.

Das Zimmer ihres Vaters. Er war hier noch sehr präsent.

Eugene stand hinter ihr. Fühlte ihre Verwirrung. Sie war es nicht gewohnt, Präsenzen zu spüren und zu erfühlen.

Behutsam umfing er sie mit seinen Armen, überkreuzte sie vor ihrem Bauch und hielt sie fest. Sie lehnte sich gegen seine Brust und einige Augenblicke atmeten sie im Gleichklang. So blieben sie, bis Karo sich zögernd von ihm löste.

Ein weiterer Schritt in das Zimmer, ein weiterer auch in die Vergangenheit.

Sie erinnerte sich dunkel an ihre Kindheit. Der Papa war immer unordentlich gewesen. Auch hier. Eine Hose auf dem Sessel, zusammen geknüllt.

Das Bett schien so, als sei er ihm gerade entstiegen.

Auf dem Tisch ein kleiner Koffer, kaum größer als eine Aktenmappe.

Papiere. Interessant.

Kopie seines Reisepasses. Neues Jugoslawien.

Geburtsurkunde. Altes Jugoslawien.

Karo brauchte eine gewisse Zeit, um sich wieder darauf einzustellen, aber sie hatte mehr als fünf Schuljahre in diesem Land zugebracht, da durfte es nicht zu schwer sein, die Sprache entziffern und verstehen zu können.

In Oberösterreich hatten sich die Paksi Kinder manchmal die liegen gebliebenen Zeitungen der serbischen oder bosnischen Hotelangestellten geschnappt und natürlich war Karo am besten darin gewesen, den anderen daraus vorzulesen.

Etwas höchst militärisch Aussehendes. Neu. Dienstzeugnis oder so ähnlich.

Testament. Nicht neu.

Testament? Viel Text. Wenigstens ansatzweise lesen.

>Miroslav Paksi, mein rechtmäßiger Sohn und Erbe, wird meine Nachfolge in allen Belangen, auch den militärischen, antreten.<

Karo drehte sich zu Eugene um.

„Hör dir das an ...“

Sie übersetzte ihm wenige Zeilen aus dem Testament.

„Soll das heißen, er dachte, Miro würde nach Serbien - oder in das jetzige Jugoslawien halt -  auswandern und eine obskure militärische Laufbahn einschlagen?“

„Kann ich mir nicht vorstellen. Aber sieh dir mal das Datum an: Mai 1989. Da wart ihr ja noch in Sarajewo.“

„Ja, stimmt, ich muss es mir doch noch genauer ansehen. Schau:

>Testament in dreifacher Ausfertigung< steht ganz unten.

Es gibt aber nur dieses eine Blatt.“

„Die anderen ...“

„... kann eigentlich nur Lisa mitgenommen haben, oder ...?“

„Sie hatte aber nichts bei sich, als man sie fand.“

„Nicht einmal eine Handtasche. Also hat die jemand anders. Mit allen interessanten Dingen, die darin gewesen sein mochten.“

„Wenn diese Männer das Testament haben ...“

„...glauben sie, dass Miro jetzt irgendwie da weiter macht, wo Arkan aufgehört hat.“

„Völlig absurd!“

„Meinst du, er ist auch in Gefahr?“

„Noch sind sie nicht auf eurer Spur. Vielleicht halten sie mich für ihn.“

 

Karo trat sehr nah zu ihm. Sah ihn an, als sähe sie ihn zum ersten Mal.

„Du bist zu dunkel für einen Paksi.“

„Aber nicht zu dunkel für einen Radovic. Wer erwartet schon einen blonden Serben?“

„Ich finde dich schön so wie du bist.“

„...Sag das noch mal!“

Sie musste ihren ganzen Mut zusammen nehmen, aber sie wollte ihm das jetzt sagen. Und ihn vielleicht auch ein kleines bisschen provozieren.

„Ich finde dich schön so wie du bist.“

„Was ist los mit dir? Ausgerechnet hier im Zimmer deines Vaters fällt dir das auf? Ich bin seit achtundzwanzig Jahren schön!“

„Und gar nicht eingebildet.“
„Nicht eingebildet, nicht schwul, nicht alt. Was willst du noch?“
 

Karo schnappte sich sämtliche Papiere und verließ äußerst zügig den Raum.

Eugene lächelte.

Hatte sie doch schon wieder der Mut verlassen.

 

Sie reisten früh am nächsten Morgen ab.

Eugene war schon fischen gegangen, bevor der Tag richtig hervor kam, wegen seiner möglichen Besucher. Und natürlich hatte er sein Stock Training absolviert. Dabei durften sie ihn keinesfalls beobachten, sonst wäre der Überraschungseffekt nicht mehr gegeben.

 

Auf der Rückfahrt dachte Alina noch einmal intensiv an Seona und war sehr traurig. Dann machte sie sich Sorgen wegen Eugene.

„Verdient der Jutschin jetzt nicht mehr genug Geld, Karo? Ohne seine beste Hündin?“
„Ich glaube nicht, dass er jemals genug verdient hat mit der Zucht.“

„Wovon lebt er dann? Ich mein, er muss doch das Haus bezahlen und so?“

„Er, tja, er schreibt Bücher.“

„Ja? Ehrlich? Geil! Welche denn? Können wir die kaufen?“
„Ich glaube schon, dass sie auch ins Deutsche übersetzt werden. Aber er benutzt ein Pseudonym, das ist ein anderer Name, verstehst du, damit niemand weiß, dass ER die Bücher schreibt.“

„Warum macht er das? Ich hätt das gerne, dass alle Leut wissen, dass ich tolle Gschichten erfinden kann.“

„Ja, die meisten wissen eh, dass DU sehr gut bist im Gschichten erfinden.  Beim Eugene hängt das sicher mit seiner Vergangenheit zusammen.“

„Was für Vergangenheit? Er hat doch nicht - nichts Böses getan, oder?“
„Nein, sicher nicht. Aber ich glaube, dass er das glaubt, - dass er was Böses getan hat, verstehst du?“

„Hm, kompliziert ...“

„Ja, er hat ... ein schlechtes Gewissen. So was belastet. Wie wenn du was Falsches getan hast und es mir nicht sagst.“

„Als ob das schon mal vorgekommen wär!“

„Flunkern macht auch ein schlechtes Gewissen.“

29.04.2014

es geht weiter im Kapitel 14

Günther platzte in diese stillen Betrachtungen und die konzentrierten Bewegungen des Freundes.

„Ich glaubs nicht, das sieht ja aus wie Tai Chi mit Stecken. Gibt’s so was?“

„Quarterstaff, wenn du eine Bezeichnung brauchst.“

„Quarterstaff, eine neue Kampfsportart.“
„Quarterstaff, ein uraltes Kampfgerät englischer Bauern.“
 

„Was macht dann ein Schotte damit?“
„Vermutlich haben meine Vorfahren die Feinde entwaffnet und dann zu Hause damit angegeben, sie hätten was ganz Neues erfunden.“

„Hab ich mir schon gedacht, dass du von Angebern abstammst. Das musst du vor mir aber nicht machen – He ..!“

Eugene hatte ihm einen der Stöcke zu geworfen.

„Jetzt kannst du auch ein bisschen angeben! Sieh her und mach nach!“

Günther nahm den Stock genau so in die Hände wie sein Gegenüber.

Eine Seite länger, eine kürzer. Schlag von oben, Stoß von unten.

Bald merkte er, welche Bewegung er mit welcher Hand leichter ausführen konnte.

„Wenn’ s hier drin nicht so eng wär, wär das jetzt echt spannend.“

„Es IST spannend, aber so lange ich nicht weiß, was die da draußen an Waffen benützen, ist ein Aufenthalt im Freien zu riskant. Bei Tag.“

„Ihr werdet eure Bräune verlieren, Graf Dracula.“
„Ich fürchte ja, Sire, aber lieber diese als mein Leben.“

„Wie wahr, wie wahr. - Wo sind die Proben?“
„Hier. Du brauchst nur ein Glas. Sie sind alle gleich.“
„Wofür die anderen?“
„Weiß noch nicht.“

„Hast du schon gefrühstückt?“
„Nein. Ich ... habe schon länger nichts gegessen.“
„Wie lange?“
„Etwa achtundvierzig Stunden.“
„Hm. Zuviel Adrenalin. Komm ein bisschen runter davon und iss was.“

Sie durchstöberten die Küche und fanden Knäckebrot und Zwieback und sogar Kaffee für Günther.

„Ein bisschen arg spartanisch lebst du ja schon ...“
„Ich bin kein Grieche. Ich lebe schottisch, weil ich Schotte bin.“

„Ich hätte nie gedacht, dass unsere Witze so viel Echtheitswert haben.“

„Da ist aber kein Geiz, mein Lieber. Siehe, ich teile mein letztes Brot mit dir.

... Aber wenn du weg bist, gehe ich und hole mir so viele Fische, wie mein Bauch fassen kann ...“

„Hach, wusste ich’s  doch, elender Schurke! Mich lässt du hier verhungern! Aber siehe: Ich werde um etwa 10:00 Uhr eine Leberkässemmel und dann noch ein Topfentascherl essen, zwei Capuccino mit jeder Menge Schlagsahne trinken und dir nicht ein Bröserl davon mitnehmen, wenn ich das nächste Mal komm’.“

Eugene presste die Hand auf seinen nackten, straffen Bauch.

„Oh, oh, das schmerzt.“

„Ich könnte was mitbringen, wenn ich dir über das Untersuchungsergebnis Bescheid gebe.“

„Nein, danke. Ich lebe sehr gut hier. Wenn ich ein bisschen Zeit habe. Ich werde mit geräuchertem Fisch auf dich warten.

Aber pass auf, wenn du jetzt weg fährst und noch viel mehr, wenn du wieder kommst. Wir wissen, wie gesagt, nicht, was sie sich ausdenken - oder schon gedacht haben.“

„Jawohl, Meister! -  Ähh, die Polizei ist wohl nicht ...“
„Nicht das Richtige, genau. Wir haben ja auch gar nichts, was man ihnen sagen könnte, nicht wahr?“
„Höchstens das Gift, falls es eines ist. Der Befund wird einige Tage auf sich warten lassen.

Ich hoffe jedenfalls sehr, dass sich alles aufklärt. Jammerschade, wenn du hier nicht mehr sicher wärst.

...Und weil ich diesen Stockkampf gerne weiter ausprobieren möchte.“
 

„Abgemacht. Wenn hier die Luft wieder rein ist, kannst du dir bei mir deine Krankenstände holen.“

„Ha. Ich wusste, dich schickt der Himmel!“

Die beiden Männer alberten noch herum wie die kleinen Buben, bis Günther ins Auto stieg.

„Schön, dass du da warst. Danke.“

„Keine Ursache, ich freue mich, wenn ich hier sein darf.“
Keine Höflichkeitsfloskeln, absolute Ehrlichkeit.

 

Eugene wusste, dass ihm der Doktor über die schwierigste Nacht seines Lebens in Österreich hinweg geholfen hatte, und Günther war tatsächlich mehr als zufrieden, einen Mann wie den schottischen Magier zum Freund zu haben.

 

Am nächsten Nachmittag kam Karo. Natürlich mit Alina, wie Eugene befürchtet hatte.

Er lotste die Beiden schnell ins Haus. Die Einkäufe lud er alleine aus.

Dann sprach er kurz über die jüngsten Ereignisse. Möglichst sachlich.

Alina weinte sehr, und weil sie sich nicht zu Karo oder Eugene traute, kuschelte sie sich zu den Hündinnen, die ihr verständnisvoll die schmackhaft salzigen Tränen von den Wangen leckten.

Karo war auch sichtlich betroffen. Und hatte sofort ein schlechtes Gewissen.

„Alles wegen uns Paksis! Es tut mir so Leid. Ich hätte dich da nicht hinein gezogen ...“
„Hör auf. Es ist alles richtig so, wie es ist. Aber im Moment ist es gefährlich. Morgen sollt ihr wieder fahren.“

„Wir können auch gleich fahren ...“
„Nein, bitte kümmere dich um das Zimmer deines Vaters.

Ich habe es nicht betreten. Aber da sind sicher noch ... Dinge von ihm. Die sollst du an dich nehmen.“
„Ach so, ja. Ich richte uns ein Abendessen, dann sehen wir nach, ja?

Probier mal, ob du das Steak essen kannst. Die Kartoffeln sind Bio, der Salat auch. Wie der ganze Bauer. Oh, Mann, der roch vielleicht stark nach Bio!“

Alina war in die Küche gekommen und konnte schon wieder grinsen.

„Bio heißt aber doch nicht automatisch ungewaschen, oder?“
„Nein, Alina-Mausi, da muss der Bauer etwas falsch verstanden haben.“

„Aber Fleisch und Gemüse sind in Ordnung, Karo.“

„Danke, Herr Vorkoster -oder eigentlich Vorfühler.“

„Das bissl Marmelad  da drin brauchst auch nimmer aufheben, Jutschin.“
„Vorsicht! Ehm, das wollte ich eigentlich noch wegräumen,  es ist das Gift.“

„Mit dem die Seona ...“
„Ja, ich bin ziemlich sicher.“

 

 

28. April 2014

weiter im 14. Kapitel

Der Doktor schlief wohl schon, bevor er noch richtig lag. Der Magier wollte auch für eine Stunde Kraft tanken und legte sich in der Küche auf seine Decke. Die beiden Hündinnen rückten ganz nahe. Wärme und Geborgenheit für alle drei.

 

Als er wieder aufstand machte er sich sofort an die Proben.

Seonas Körper war bereits zur Gänze steif. Er hatte ihn, gleich nach dem Verfrachten ins Haus, auf die kleinst möglichen Maße zusammen gekrümmt. Nun war es nicht schwer, die winzigen Mengen der schleimigen Masse aus den Wunden zu lösen. Er hatte keine Handschuhe, achtete aber darauf, dass seine Haut nicht mit der Substanz in Berührung kam.

Er befüllte drei kleine Gläser mit Schraubverschluss. Gudrun hatte sie ihm einmal gebracht mit Holler- und Hagebuttenmarmelade. Nun enthielten sie höchstwahrscheinlich Gift.

Eine der Proben musste Günther mitnehmen. Was mit den beiden anderen geschehen sollte wusste er eigentlich noch nicht.

 

Er arbeitete schnell und präzise an dem toten Hundekörper.

Seine Trauer über den Tod des Tieres hatte er in den hintersten Teil seines Bewusstseins verbannt. Er würde ihr Zeit und Raum geben, wenn es möglich war.

Jetzt war die Zeit des Kampfes.

 

Der Kadaver kam in einen Jutesack. Außer Messer und Seil nahm er auch noch ein größeres Gerät mit, eine Machete.

Es war noch dunkel im Wald, wenn auch schon erstes Morgenlicht herauf dämmerte und die milden Geräusche der Nacht den kräftigen Stimmen der Tiere und Vögel des Tages wichen.

Die drei vorsichtigen Wanderer schnürten den gleichen Weg wie spät abends wieder hinauf, tief in den Wald zu dem vorbereiteten Loch.

Seonas Körper war schnell darin versenkt und die Erde wieder darüber gebreitet. Eugene ritzte vorsichtig und mit viel Bedacht die Rinde der drei nächststehenden Bäume ein, um die Stelle wieder zu finden. Er wollte sehen, ob die Vegetation Veränderungen zeigen würde wegen des Giftes.

Es war nun fast hell. Die ersten orange-rosa Wölkchen zeigten sich am Himmel.

Jetzt war es Zeit, den richtigen Stock auszuwählen. Und einen Ersatz dafür. Eine zweite Garnitur seiner gesamten Ausrüstung war wichtig, das zeigte sich in Zeiten wie diesen sehr deutlich.

Er wählte eine junge Buche, deren untere, nahezu gerade abstehende Äste er gut erreichen konnte.

Etwa einen Meter vor dem Baum blieb er stehen und bat mit ehrlichem Respekt um das Holz, das er brauchte. Zwei feste, schräge Hiebe pro Ast reichten, um sie vom Stamm zu trennen. Eugen breitete seine Arme aus. Zweimal seine Armspanne, das war die Länge. Ästchen und Blattwerk weg. Die Feinarbeit später.

Dank.

Schnell zurück zum Haus. Der Doktor sollte nicht zu lange unbewacht bleiben.

Er schloss sich mit den Hunden wieder im Gebäude ein. Niemand sollte ihm zusehen, wie er seine Waffen fertigte.

Wunderbare, gerade Stöcke. Festes, wenig elastisches Holz. An einem Ende etwa sechs Zentimeter Durchmesser, verjüngten sie sich zum anderen Ende hin bis auf wenig mehr als  zwei Zentimeter.

Die harte, glatte Rinde war für die Griffigkeit gerade recht.

Das dünnere Ende spitzte er zu, die dicke Seite bekam einen ebenen, glatten Abschluss.

Jetzt probierte er sie beide aus, wie sie in den Händen lagen, wie das Gewicht verteilt war, mit welchem er die Schlagfolgen besser ausführen konnte.

In seiner Kindheit und Jugend hatte der Schotte sehr viel mit dem Stock trainiert, hatte immer einen bei sich gehabt und manchmal auch einen Jungen gefunden, der sich mit ihm hatte messen wollen. Keinen aber, der ihm auch nur annähernd ebenbürtig war in der Handhabung dieser uralten Nahkampfwaffe.

Er war oft auch nachts alleine im Wald gewesen. Hatte sich gefürchtet vor den reißenden Wölfen und riesigen schwarzen Katzen, von denen die Erwachsenen erzählten.

Er brauche eine gute Verteidigung, hatte er gemeint. Als seine Stoß- und Hiebtechniken immer besser und ausgefeilter geworden waren, wich seine Angst.

Tatsächlich hatte er auf seinen einsamen, leisen Touren viele wilde Tiere aus nächster Nähe beobachten dürfen. Vor allem die wunderschönen und sehr vorsichtigen Wildkatzen. Wölfe und Großkatzen aber hatte er in den Wäldern Schottlands nie erlebt.

Auch Nessie nicht. Obwohl es Zeiten in seiner Jugend gegeben hatte, wo er den Großteil seiner Ferienzeiten am Loch verbracht und auf alles geachtet hatte, was einen Hinweis hätte liefern können.

Es schien so logisch. In alten Texten fanden sich viele Beschreibungen  riesiger Seeschlangen. Dem Verständnis des jungen Eugene nach musste es so sein, dass Plesiosaurier oder ähnliche urzeitliche Wassertiere noch immer in den Tiefen der Meere zu Hause waren. Loch Ness, selbst von unergründlicher Tiefe, bot eine gute Verbindung zum Meer und ab und zu kam – vielleicht ein junges, unerfahrenes – solches Wesen an die Oberfläche oder gar an Land.

Da hätte er mit seinem Stock dann wohl nicht viel ausgerichtet zur Verteidigung.

 

 

27. April 2014

weiter im 14. Kapitel

Dr. Günther Imhofer. Den Sitz zurückgekippt, schlief er friedlich und fest. Sorglos. Wie sollte er auch wissen, dass dieser Wald plötzlich verseucht war mit Hass und Arglist.

Eugene klopfte leicht an die Fensterscheibe.

 

Schlagartig wach. Erprobt in vielen Nachtdiensten.

„Hallo, hab schon gedacht, du lässt mich die ganze Nacht hier zittern.“

„Hi, tut mir Leid, dringende Erledigungen. Komm bitte schnell herein.“
„Erst mal die Kiste Bier ausladen, sonst muss ich noch verdursten.“

„Mensch ...“
Günther sah den Hundekadaver, bemerkte, dass der Freund das Haus erst aufgesperrt und jetzt wieder gut verschlossen hatte. Die Hunde im Haus.

Beunruhigend.

Der Doktor trug die Bierkiste in die Küche. Besah sich Eugene im Licht.

Schon besser. Trotzdem - .

„Erzähl ...“

„Seit wann bist du hier?“
„Seit halb Elf etwa. Musste erst noch mein Kind ins Bett bringen, Essen und so. Dann bin ich los gefahren. Ist ein schönes Stück von mir zu Hause.

Ich hab gedacht, ich fahr morgen gleich von hier aus zur Arbeit.

Darum hab ich ein bisschen Vorrat mitgebracht.“

Er öffnete zwei Bierflaschen.

„Ich war draußen, um ein Grab für Seona vorzubereiten. Spätestens am frühen Morgen will ich sie dort hin bringen.“

„Wie ist das passiert? Und was ist sonst noch alles los? Außer dem Trottel von meinem Fast-Schwiegersohn. Was macht DICH so fertig?“

Eugene dachte nach, sammelte sich.

„Es sind – auch - sehr persönliche Dinge. Hauptsächlich wegen der Paksis. Willst du die wirklich hören?“

„Ja. Ich hatte auch ... sehr persönliche Dinge mit ... den Paksis.“
„Gudrun?“
„Mhm.“

„Und es gibt ein absolutes Geheimnis, das ich nicht ansprechen werde.“
„Mhm, da geht’ s mir auch ganz ähnlich.“
„Gudruns Tod.“

„Wie auch immer ...“

 

„Okay, bevor ich ganz von vorne beginne: Es ist gefährlich hier. Ich möchte das Licht löschen.“

„Mach ruhig, ich glaub nicht, dass ich deshalb einschlafen werde.“
„Und dann möchte ich dich bitten, morgen eine Probe mitzunehmen in euer Labor. Vermutlich hoch wirksames Gift.“
„Der Hund?“

„Ja, zumindest der.“

 

Eugenes Erzählung dauerte lange und Günther spülte sie mit reichlich Bier hinunter.

Der Schotte nahm nur ab und zu einen Schluck Bier. Er wollte seine Reaktionsfähigkeit in keiner Weise einschränken. Neben sich hatte er einige Glasflaschen mit Quellwasser stehen. Sein Körper verlangte danach. Es waren jetzt sechsunddreißig oder vierzig Stunden, in denen er nichts mehr gegessen hatte und er war ohne Hungergefühl. Er brauchte nur Ruhe und Wasser. Ausnahmezustand. Kampfvorbereitung.

 

Dem Doktor berichtete er alle Geschehnisse. Ordnete sie damit auch in seinem eigenen Kopf. Wollte die Verursacher der Tragödien damit leichter erkennen.

Endlich konnte er auch ausführlicher über das kleine Wunder Lisa sprechen. Nur dass sie mit einander geschlafen hatten und den Umstand, dass sie Arkans Tochter war, ließ er aus.

 

„Warum fahren die nicht einfach wieder in ihre Heimat? Kein Hahn kräht nach denen, wenn sie wieder untertauchen.“

„Das dachte ich mir eigentlich auch.“

 

„Ich brauch ein Mützerl voll Schlaf, Eugene.

Hast du ein freies Bett für mich armen alten Säufer?“

„Ja. Letztes Zimmer. Da wo Lisa ... Nur schnell neu beziehen.“

Eine Wäschegarnitur lag zum Glück noch im Schrank. Karo würde sich freuen über die neue Nebenbeschäftigung >Haushälterin<.

Günther war schon voraus gegangen.

„Ach, da liegt ja noch alles. Das reicht mir doch für ein paar Stunden.

Komm, lass doch ...“

„Nein, nein ...“

 

Eugene nahm ihm das Bettzeug sehr resolut aus den Händen.

„... das ist zu ... persönlich ...“

Günther sah ihn an, jetzt wieder ganz aufmerksam und mit dem typischen, intensiven Blick.

„…Ach so, ... ja du heiliger ...!“

„Das bin ich eben ganz und gar nicht, wie du schon bemerkt haben dürftest.“

 

26. April 2014

Der Beginn des  14. Kapitels

14. Kapitel

 

Dunkel. Sehr dunkel, als er erwachte.

Ambra und Rosean hatten sich vor sein Bett gesetzt. Zwei Schnauzen schoben sich vorsichtig auf die Bettdecke. Der fremde Geruch des Mädchens: Sehr gefährlich. Aber auch Eugene, tröstlich.

 

Er stand auf. So schnell wie möglich ein Bad.

Er hatte den Schlaf tiefer Erschöpfung geschlafen. Und unter der ungewohnten Decke einige Liter Schweiß abgegeben. Jetzt warf er alles Bettzeug über einen Sessel. Später.

 

Jeans, Decke, Messer, alles zweite Garnitur. Vor Eile und Übermüdung hatte er nicht daran gedacht, seine Habseligkeiten bei den Paksis mit zu nehmen.

Er trat vorsichtig vor das Haus, ließ erst die Hündinnen wittern. Spaten und Seil aus dem Holzschuppen. Wenig Licht. Kurz nach Neumond. Besser so.

Erst einmal zum Bach. Hineinlegen. Durch die Kühle den Kopf klar werden lassen. Lisa. Lisa im Bach.

Nein, es war jetzt Zeit, um endgültig Abschied zu nehmen.

 

 - Lisa. Ich lasse dich gehen.

Ich hülle dich ein in einen Kreis aus Licht,

du gehst immer weiter, umhüllt von Licht,

hinein in die Unermeßlichkeit ewigen Lichtes.

Ich lasse dich weiterziehen.

Du lässt mich weiterziehen.

Wir wollen das Unmögliche nicht erwarten,

das Unwiederbringliche nicht betrauern,

das Unvermeidliche nicht fürchten. -

 

Er stand aus dem Wasser auf, hüllte sich in seine Decke und fühlte sich stark.

 - Y Gwyr Yn Erbyn Byd

so sieht mein Krieg aus:
Die Wahrheit gegen die Welt.-

 

Tief in den Wald hinein, dicht gedrängt alle Drei. Kaum noch Licht.

Die Bäume knapp neben einander. Kaum ein Quadratmeter Platz neben den Wurzeln. Tief. Sehr tief.

Eugene arbeitete schnell. Forderte von seinem Körper alles an Leistung, was er geben konnte. Fertig.

Seine Begleiterinnen brachten ihn sicher zurück, irrten kein einziges Mal.

Je näher sie dem Haus kamen, desto unruhiger wurden sie.

Knurren.

 - Nein, Ruhe. Ich habe verstanden. -

Eugene machte einen Bogen, um sich dem Haus von vorne, Richtung der Einfahrt, nähern zu können.

Da stand ein Auto. Er beobachtete die Körpersprache seiner Hunde, soweit er sie in dem spärlichen Licht erkennen konnte.

Sie erkannten Fahrzeug und Fahrer, war schon hier gewesen, ein oder zwei Mal. Trägt einen noch viel besseren Geruch mit sich. Alles klar.

Er war trotzdem vorsichtig, als er auf den Wagen zuging. Der Fahrer musste drinnen sein, sonst hätten Ambra und Rosean etwas anderes gemeldet.

Als er nah genug war, hätte er beinahe gelacht.

 

25. April 2014

Ende des 13. Kapitels

Er fuhr das Auto hinter die Gebäude. Suchte den besten Platz. Gut verschließen.

Die Hündinnen waren vor dem Auto geflüchtet, wie sie es noch niemals getan hatten. Er würde auch sie auf Verletzungen hin untersuchen müssen.

Seonas Körper trug er ins Haus. Er wollte so viel als möglich von der geheimnisvollen Substanz sicherstellen.

Ambra und Rosean kamen auch ins Haus. Scheue Blicke. Bogen um den toten Körper.

Alles gut versperren. Schlafen. Hängematte. Die war bei Estellé und seiner Decke und allen anderen Ausrüstungsgegenständen geblieben.

Gut, also ein Bett.

Stich in der Brust. Lisa. Lisas Bett. Letztes Zimmer.

Er ging hinauf, keines klaren Gedankens fähig.

Das Paksi-Mädels-Zimmer. Arkans Zimmer. Er würde es erst zusammen mit dessen Kindern wieder betreten.

Lisas Zimmer.

Er hatte es nicht mehr gesehen, seit er von ihr weg in den Wald aufgebrochen war, um zu meditieren.

Sie hatte das Bett hübsch gemacht und geglättet, die Bettwäsche aber nicht abgezogen. Auf dem kleinen Tisch stand ein Wasserglas mit Wiesenblumen darin. Jetzt ließen sie die Köpfe hängen.

Eugene zog sich aus und legte sich unter die dicke Decke.

 

Er konnte sie noch riechen. Und ein bisschen war ihm so, als könne er sie noch spüren.

 

24. April 2014

das 13. Kapitel geht weiter

„Hi.“
„Hör mal, schaust müde aus. Ich muss jetzt in die Ambulanz, aber vielleicht kann ich später ...?“
„Ich möchte nach Hause.“
„Dann besuch ich dich daheim, sowie ich Zeit hab. Sogar einer wie du braucht einmal einen Gesundheitscheck, was?“

 

Eugene traf Karo im Büro.

Auch sie sah die Veränderung in seinem Aussehen. Sie stand auf und kam auf ihn zu.

„Eugene ...“

„Ich muss Estellé hier lassen, vorerst. Ich ... kannst du mir ein Auto leihen, damit ich schnell nach Wachegg komme?“
„Was ist denn los ...?“
„Es ist noch etwas passiert ... im Wald ...“
„Dein Haus, die Hunde? Was denn, Eugene? Mach mir doch nicht solche Angst!“
Eugene hatte den Kopf geschüttelt bei ihren Worten.

„Ich weiß es nicht ... genau. Ich hab den Schlüssel noch. Kann ich ?“
„Ja, klar, aber ...“
 

Weg. Er hatte es eilig. War so verstört, wie sie ihn noch nie erlebt hatte. Aber gut, auch kein Wunder. Alles blieb immer irgendwie an ihm hängen.

Arkan. Er hatte die Gefahr erkannt und sie lieber auf sich gezogen.

Lisa. Ihr Tod. Für den er sich verantwortlich fühlte, warum auch immer.

Julian, dem er vermutlich zum zweiten Mal das Leben gerettet hatte.

Dazu noch die Strapaze, Estellé hier her zu bringen. Davor sicher auch nie geschlafen oder einmal eine Pause eingelegt. Arkan, die Suche nach ihm, Lisa.

Lisa. Er hatte ihr sehr bereitwillig geholfen. Sie hatte ihm wohl gefallen ...

Eifersucht. Ha, sie wollte nicht, dass sie ihm gefallen hatte. Teufel auch.

Die arme Kleine. Dachte sie doch glatt mit Eifersucht an eine Tote.

Eugene dachte mit Wehmut an das Mädchen.

Karo hatte ihn gleich nach Lisa gefragt, als sie Julian zu zweit in sein Bett verfrachteten. Sie sei friedlich verstorben.

„Hat sie dir noch etwas gesagt ... wer ...?“
„Sie hat gesprochen, ja, aber nicht über ... den Unfall. Das war ihr nicht mehr wichtig.“

„Was dann?“
„Ihre Familie.“

„Oh,ja, verstehe.“


Eure Familie. Deine Schwester. -


 

Dieses Geheimnis war nun von den beiden Toten auf ihn übergegangen.

Er würde es bewahren.

 

Dann konzentrierte er sich mit großer Sorge auf  sein zu Hause.

Etwas war schlimm, sehr schlimm. Er hatte aber nicht das Gefühl, noch besonders viel aushalten zu können.

Und er spürte nicht, was es war, was ihn so beunruhigte.

>Ich will mich auf mich verlassen können<, hatte Alina in ihrer Weitsicht gesagt. Er konnte es nicht. Nicht mehr.

 


Seona stirbt! -


 

Das war es, was er nur unterschwellig hatte spüren können!


Seona, altes Mädchen! -




 

Es war nicht mehr weit bis zum Haus. Gleich die Einfahrt.

Warum sollte jetzt auch noch die Hündin ...?

Wieso war er plötzlich vom Tod umgeben?

 

An der Abzweigung zu seinem Waldstück fielen ihm die Reifenspuren auf. Tief in die feuchte Erde gegraben. Er war bei Regen fort geritten. Da waren keine Eindrücke von Fahrzeugen gewesen. Außer den Paksis besuchte ihn kaum jemand. Ein Hundekäufer vielleicht? Die letzten Welpen waren bereits Mitte Juli weg gekommen, aber das musste ja nicht jeder wissen. Ein Hoffnungsschimmer.

 

Seona lag da, wo die Paksis gerne ihre Autos parkten.

Sie hatte ihm entgegen laufen wollen.

Hatte ihn also gehört.

Ihre Augen waren trüb, Eugene war nicht sicher, ob sie ihn noch sehen konnte. Aber sie begrüßte ihn dennoch auf ihre Weise. Atmung flach und mühsam. Puls kaum zu spüren.

Vergiftet?

Der Züchter untersuchte Maul und After. Die Schleimhäute schlecht durchblutet, keine verstärkte Sekretbildung. Nein, seine Seona würde nichts Giftiges fressen. Von Fremden nichts annehmen.

Wo waren Ambra und Rosean?

Eugene setzte sich auf den Boden und nahm Seonas Kopf auf seinen Schoss. Erst mal beruhigen lassen. Nachdenken.

Beim dritten Pfiff  erschienen die beiden fehlenden Hündinnen.

Verdreckt, verstört, die Ruten tief unter die Hinterbeine gezogen, kamen sie fast am Boden gekrochen.

Himmel, das konnten nicht seine Hunde sein! Sie hatten solche absoluten Demutsgesten noch nie nötig gehabt. Er hatte sie Kooperation, nicht Unterwerfung gelehrt.

Jetzt nur nicht ansehen. Langsam herantasten.

Er blickte auf Seona hinunter und versuchte in tiefer Versenkung, zu allen dreien Kontakt aufzunehmen.

Während er ihre Signale empfing und richtig zu interpretieren versuchte, sah er die  kleinen Löcher in Seonas Fell. Er teilte das Haar und erkannte zentimetertiefe Wunden, kreisrund, im Durchmesse  von etwa 5 Millimeter. Rot. Wenig Blut. In manchen fand er eine schleimige Substanz.

Vorsichtig tastete er sie ab. Viele. Vor allem im Brustbereich und auf der linken Seite. Sie hatte sich auf die rechte gelegt. Er drehte sie herum, fand aber nichts.


Du hast ihnen die linke Flanke zugewendet und sie frontal verbellt.


 

Womit haben sie dir das angetan und warum macht dir das so zu schaffen? Die Wunden alleine können es nicht sein. Diese …. Substanz. Doch Gift?’

Er roch daran. Harzig und säuerlich.

Die Hündin drehte sich ein wenig von ihm weg. Nur noch unregelmäßig ein kurzer flacher Atemzug. Eugene war jetzt in seiner Aufmerksamkeit ganz bei ihr. Fasste sie aber nicht mehr an.

Sie wollte alleine sterben, wie es ihrer Art entsprach.

Sein Geist würde sie noch eine Weile begleiten.

 

Nach ihrem letzten langsamen Schnaufer blieb er eine Zeit lang sitzen.

Zwei Leben. Verlöscht in der ersten Hälfte eines Tages.

Und er saß hier, in der prallen Mittagshitze, seiner Sinne vor Übermüdung kaum noch mächtig, auf dem Präsentierteller.

Der Krieg war eröffnet.

 

23. April 2014

weiter im 13. Kapitel

Geräusche - Eugene setzte sich in Bewegung.

Bahnhof. Sein Vater. Die Uhrzeit. Passte alles.

Er verließ die Telefonzelle, verließ das Gebäude der Krankenanstalt.

Konzentriert auf den dummen Jungen, der seine Trauer suchte und bewältigen wollte und vielleicht schon bald mit sich zusammen begrub.

Alles ungewohnt. Menschen um diese Uhrzeit. Die ihn anzustarren und doch nicht zu sehen schienen. Stadtleben, das er nicht kannte.

 

Zwei kleine drahtige Männer, die ihn beobachteten, - und die er nicht sah.

Er kannte den Bahnhof. Ziemlich weiter Weg. Zwanzig Euro in der Tasche. Taxi. Ging fix um diese Uhrzeit.

 

Es stimmte schon. So gut kannte er den Kleinen bereits. Bahnhof. So wie es in der Zeitung zu lesen gewesen war. Er brauchte nicht lange, um ihn zu orten. Aber er musste sich beeilen, ehe doch noch jemand den Verwundeten auflas und er bei der Polizei landete. Oder zunächst im Krankenhaus. Gleiche Prozedur, nur andere Stadt, noch eine Verhandlung.

 

Zunächst zog er ihn hoch und lehnte ihn an die Wand. Stützte ihn ab. Ein Freund, der seinem Saufkumpanen Unterstützung bot, so mussten sie aussehen. Autoschlüssel. Rechte Hosentasche vermutlich. Richtig. Wo stand das Ding? Parkhaus? Parkschein. Rechte hintere Hosentasche. Gut.

Ging ja wie geschmiert.

„Jetzt setz ich dich schön aufs Klo, mein Junge, kipp mir da nicht weg.“

Als er ihn in einer Toilettenkabine untergebracht hatte, schob er den Türriegel auf rot und zog vorsichtig zu. Falls jemand nachprüfte und nicht nur hin sah, nutzte das gar nichts, aber immerhin, ein Versuch.

Schöne Strecke auch bis zum Parkhaus, aber besser kein Geld mehr ausgeben. Er brauchte das Auto jetzt dringend.

Es klappte alles. Niemand hielt ihn auf. Wie hätte er die Blutspuren an seiner Kleidung und seinen Händen und den fremden Wagen erklären sollen? 

Bis zum Bahnhof hatte er sich sein weiteres Vorgehen zurecht gelegt. Blutstillung war das Thema gewesen.

 

Jetzt waren sie endlich in Camelot angelangt. Miro war schon aus dem Haus. Als Eugene die Treppe hinauf gesprintet war, hatte er Sofia auf dem Weg ins Büro getroffen. Karo sei auch da, bereits im Büro. Bernie schlafe sicher noch, sie hätten gestern dann doch noch....

Keine Zeit. Karo solle Decken und Verbandmaterial vorbereiten.

Als er ihr das zurief, setzte sie sich automatisch in Bewegung.

Ihr war sofort klar, worum es ging.

 

Wieder einmal Julian.

Eugene holte ihn herauf, trug ihn mehr als dass er ihn stützte.

„Alina, klopf Bernadette aus den Federn. Paps anrufen. Nähen bitte.“

 

Dr. Günther Imhofer fluchte gehörig. Oder eigentlich ungehörig. Allerdings hörten ihn viele Leute. Patienten, die auf seine professionelle Behandlung warteten und natürlich seine Tochter, die am liebsten mit eingestimmt hätte.

„Kommst du oder was?“
„Ja. Und wenn’s nur is, damit ich ihm eine Tracht Prügel verabreichen kann!“

Schläge brauchte Julian allerdings nicht mehr. Er war auch so k.o. gegangen.

Der Doktor wütete.

„Ich geh selber in den Knast, wenn das heraus kommt. Ihn hier zu versorgen!

Der kann uns auch hops gehen. Ich weiß ja nicht einmal, was das jetzt wieder war, was er da eingeworfen hat.

Ist das letzte Mal, dass ich ihm helfe. Noch einmal geht eh nicht. Kein Oberschenkel mehr frei. Dann ist es das Herz und er für den Kübel.“

„Paps, bitte!“

Seiner Tochter liefen die Tränen über die Wangen und sie schien es gar nicht zu merken. Angst um ihren Schatz. War schon recht. Er gebärdete sich auch deshalb so grob und theatralisch, damit dem jungen Trottel alle noch einmal kräftig einheizten. Wenn er wieder verstand, was man ihm sagte.

„Und wo ist der Held, der ihn überall heraus reißt?“

„Wahrscheinlich irgendwo im Garten ...“
 „Gut, ich muss eh schnell weiter, vielleicht treff ich ihn noch. In zwei Tagen muss die Kanüle heraus. Ich ruf an, bevor ich komm. Tschüss!“

 

„Hallo, Superman, wie geht’s?“

Eugene dreht sich zu dem Mediziner um. Günther schreckte sich nicht leicht, aber – diemal sah der Schotte  ja furchtbar aus. Tiefe Ringe unter dunkel verhangenen Augen. Eingefallene Wangen. Er hatte ihn schon einige Zeit nicht mehr gesehen, aber das sah ja nach rasantem Verfall aus.

 

 

22 .April 2014

Das 13. Kapitel beginnt mit neuen Kalamitäten

13. Kapitel

 

Julian lag auf der Rückbank des Wagens, das rechte Hosenbein bis zum Schritt aufgeschlitzt, der Oberschenkel verbunden. Der Verbandkasten auf dem Beifahrersitz. Fast leer.

 

Eugene hatte die Rettungsdecke auf den Sitz gelegt, um nicht alles zu beschmieren. Blutete ja ganz ordentlich.

Der zweite Oberschenkel in kurzer Zeit. Julian schien nicht zu spüren, was da abging. Er hatte sich - zurückgezogen. Alleine gelassen wäre er vermutlich verblutet, bis ihn jemand gefunden hätte. Oder jedenfalls wäre er unmöglich in der Lage gewesen sich selbst zu helfen, wenn er zurückgekommen wäre in diese Welt, die er so gerne verließ.

Druckverband. Beine hoch lagern. Zum Glück hatten die Paksis überall ihre hübschen Kissen verstreut. Sogar und nun zum Glück im Auto. Möglicherweise unbrauchbar nach diesem Einsatz.

 

Während der Schotte vorsichtig durch die Stadt fuhr und die richtige Ausfallstraße zu finden versuchte, sah er ständig im Rückspiegel in den beleuchteten Rücksitzraum. Wie lange würde seine Erstversorgung halten?

Er wollte erst einmal hinaus aus der Stadt. Dann konnte er anhalten und den Jungen noch einmal verbinden. Aber hier war alles gefährlich.

Ein Schotte, der weder Ausweis noch Führerschein bei sich hat, transportiert einen Mann mit einer üblen Fleischwunde auf der Rückbank eines Firmenwagens.

Diebstahl, Überfall - und natürlich Drogenkonsum. Noch hatte sich Eugene nicht die Zeit genommen, Julian genauer zu durchsuchen, um festzustellen, wie viel Stoff er sich wieder besorgt hatte. 

Alleine schon der beleuchtete Innenraum fiel auf.

Nur bloß keine Kontrolle jetzt! -  Ein Wunsch an die Götter, die für dumme Jungs zuständig waren.

 

Dann kam endlich offenes Land. Ein Waldstück, wir brauchen ein Waldstück! Das Gelände stieg langsam an. Endlich kam ein erklecklicher Baumbestand direkt an der Strasse in Sicht. Julian lag inzwischen schon in einer Blutlacke. Sagte kein Wort und war glücklich. Eugene nicht. Viel zu viel Blut.

Er zog den neuen Verband fester zu. Wurde ein bisschen grob, als Julian undeutlich und nicht gerade zielgerichtet protestierte.

„Ich bin müde. Und ich habe heute ein junges Leben auf einer schwierigen Reise begleitet. Ich habe jetzt die Schnauze voll von deinen Blödheiten. Andere, denen es wirklich dreckig geht, würden gerne ein bisschen leben. Und du Trottel schmeißt dein Leben weg. Lebst wie Gott in Frankreich. Hast dich noch nie angestrengt. Irgendwann fällt mir eine Aufgabe ein für dich, mein Junge, an der musst du dann knabbern und dich für mehr einsetzen als deine bescheuerten Zeitreisen.“


Eugene schimpfte, bis es ihm besser ging. Gut. Jetzt war er auch wieder munterer geworden. Schließlich hatten sie noch eine ordentliche Wegstrecke vor sich. ER hatte sie vor sich. Mit einem Fahrgast, der da hinten bei jeder Kurve umher rutschte wie ein Kartoffelsack.

So hatte er ihn auch gefunden. Zusammen gesackt. Ein Haufen Nichts, um das sich zum Glück keiner scherte.

 

Klar, er hätte sich denken können, dass das Baby sich nicht lange langweilen würde. Aber er HATTE es sich nicht gedacht. Weil Lisa sein Denken ausgefüllt hatte und sein Wunsch, sie zu behalten. Wenigstens zu halten, ihr Leben zu erhalten. Wie vermessen er doch immer wieder war!

 

Es war drei Uhr morgens, als ihre Atmung aussetzte und das Herz sich zur Ruhe legte.

Noch einmal gab er ihr seine guten Wünsche mit auf den Weg; umhüllte sie mit Licht, auf dass sie schnellstens ihre Bahn finden könne.

Dann stellte er die Monitore wieder in die Positionen, die die Schwester gewählt und er kurzzeitig, aber wirkungsvoll verändert hatte.

Alarm! Jetzt konnte die Hektik beginnen.

Ihren Körper störte das nicht mehr und ihre Seele hatte sich verabschieden und lösen dürfen.

 

Julian anrufen. Zettel mit der Nummer und Telefonzelle suchen. Münzen.

Alles ungewohnt. Gut. Besser als Denken.

Langes Läuten.

„Hi, i bins, wer du?“

 - Oh, diese Stimme und dieses Brabbeln! -

„Eugene. Wo bist du?“
„I, jaaa....sszwöftes Jahrhundert, glaub i.  ... Zeitreise ...“ 

„Julian! Wo bist du? Sieh dich um und sag mir, wo!“

Von Julian kam nur noch undeutliches Gemurmel.

 

21. April 2014

Ende des 12. Kapitels

„Ich habe eine Familie. Vater und Mutter.

Arkan ... hat erzählt. Jetzt weiß ich ... alles.“

 

Lisa wollte erzählen. Wollte sich noch einmal vergegenwärtigen, was sie erfahren hatte und sie glücklich machte. Sie flüsterte, aber es war Deutsch und - manchmal mit langen Pausen dazwischen – gut verständlich.

 

Eugene ließ sie reden, hörte ihr aufmerksam zu und hielt dabei ihre Hand.

Was machte es schon, wenn sie nicht sagte, wer die Schuldigen waren?
Auch Arkan war ein Schuldiger gewesen. Und sind wir das nicht alle, auf die eine oder andere Weise?

 

Lisa war 1982 in Sarajewo geboren.

Ihre Mutter war eine Zigeunerin, die aus Ungarn gekommen war. Deren Sippe war schon während des zweiten Weltkrieges größtenteils ausgerottet worden, der Rest wurde im kommunistischen Ungarn erledigt. Wenige konnten sich 1956 noch retten. Und nahmen das Baby Olga mit. Ausgerechnet nach Jugoslawien.

Sie arbeitete fast ihr ganzes Leben in einer Kneipe in Sarajewo und lernte dort Arkan kennen. Der brauchte Trost, weil seine Frau ihn nach drei Kindern nicht mehr haben wollte. Sie wurde fast sofort schwanger. Das Kind, die kleine Lisa, gab sie einer befreundeten Zigeunerin mit, die im Kosovo in einem Lager lebte. Nicht gut, aber alle Familienmitglieder waren dort. Die Kleine würde behütet aufwachsen und richtig erzogen werden. Dem Vater war das Recht. Er wollte kein Kind von Olga. Aber manchmal fragte er doch danach.

So wusste er, dass sie in jenem Lager war. Als er den ersten Aufstand leitete besuchte er sie. Und begann seinen Plan einer Zigeuner-Einheit zu verfolgen, um einerseits weitere Kämpfer und andererseits seine Tochter in der Nähe zu haben.

Er sagte oft, sie sei eine Prinzessin, vielleicht hatte er ihr damit andeuten wollen, dass sie seine Tochter sei. Die Frauen der Zigeuner schimpften aber, sie sei schlecht und unrein, weil ihre Mutter gegen das absolute Reinheitsgebot verstoßen habe. Sie würde das einmal gutmachen müssen.

 

Das wollte sie tun. Ihre Unreinheit abwaschen mit Wissen und Können.

Sie lernte was immer möglich war.

Sie wollte alles gut machen.

Den alten großen Mann finden, den die Männer haben wollten. Und sie fand ihn. Er hatte ihr alles erzählt.

Und sie wusste jetzt, dass sie einen Vater hatte. Und eine Mutter in Sarajewo. Sie würde sie suchen und ebenso finden wie den Vater.

 

„Ah, Familie, gut, Arkan ... Vater ...besuchen.“
Die letzten Worte immer stockender. Unregelmäßige Atemzügen.

Eugen hielt ihre Hand ganz fest, als könne er ihre Lebensschnur festhalten.

 

„Wenn du gehst, Lisa, vermeide drei Dinge:

das Unmögliche zu erwarten,

über das Unwiederbringliche zu trauern

und das Unvermeidliche zu fürchten.

 

Freue dich vielmehr,

dein ruheloses Herz findet sein Ziel.“

 

Wieder die Schwester. Die Monitore zeigten Veränderungen, ein Arzt kam. Besprach sich mit der Schwester. Seitenblicke zu Eugene.

Der Mediziner schien sich nicht sicher zu sein, aber die F

rau nickte bekräftigend zu dem, was sie sagte.

Dann kam sie ganz nah und fragte leise, ob er bleiben wolle.

Eugene nickte.

Ja, er wollte sie begleiten, bis die Tür zufallen und sie trennen würde.

 

 

20. April 2014

weiter im 12. Kapitel

„Nun, sie ist ... nicht 100% ig ansprechbar, ...sie schläft viel.

Sehen sie, meine Herren, sie hatte ein Polytrauma. Das heißt, es wurde vermutet, dass sie auch schwere innere Verletzungen davon getragen haben könnte. Was sehr wahrscheinlich ist unter solchen Umständen.

Sie wurde aus dem Fahrzeug geschleudert, und zwar durch die Windschutzscheibe, was bekanntlich äußerst schwierig und selten ist.

Die muss total zertrümmert gewesen sein.

Das Ausmaß der Schädelverletzungen war durch den Notarzt nicht eindeutig feststellbar. Deshalb wurde sie zu uns gebracht und nicht ins Schwerpunktkrankenhaus für neurologische Notfälle.

Bei uns hat sich’s dann anders dargestellt.

Die Verletzungen des Körpers sind nicht schwerwiegend. Schnittverletzungen. Ein Ellenbogenbruch, Hämatome, Hautaufschürfungen.

Das Problem liegt im Bereich des Schädels.

Wir haben sie operiert. Die Schädeldecke musste geöffnet werden.

Die Media ist betroffen. Das ist das Blutgefäß in der Mitte des Gehirns. Die Blutung und die Hirnschwellung ließen sich eindämmen. Wenn es aber zu einer weiteren Ruptur eines Gefäßes kommt, - lässt sich das mit dem Leben kaum vereinbaren.

Und bei der Hirnschwellung weiß man nie ...

Sie schwebt mit anderen Worten in Lebensgefahr.

Sie ist nicht mehr bewusstlos, aber wir haben sie medikamentös ruhig gestellt. Eine Befragung ist unter diesen Umständen nicht angezeigt und auch nicht zielführend.“

 

„Könnte ich sie trotzdem sehen, einfach nur bei ihr sein?“

Der Arzt lächelte und lüpfte seine professionelle Maske ein wenig.

„Ja, ein bisserl männlicher ... äh, menschlicher Beistand kann ihr nur gut tun. Halten sie sich bitte genau an die Anweisungen der Intensiv-Schwester.“

Auf dem Korridor blieb Julian stehen.

„Das ist vielleicht ein Hammer!“

„Willst du mit kommen?“

„Nein, danke, ich hab schon genug Leute ... in dieser Verfassung gesehen.

Besonders schlimm, wenn sie so jung sind.“
„Ja. Was machst du inzwischen?“

„Nicht viel. Allzu lange wirst du nicht brauchen, oder?

Ich komm in - sagen wir - einer Stunde wieder. Wenn du noch nicht da bist, stürz ich mich ins Nachtleben.

Aber ich geb dir meine Handy-Nummer. Ruf mich einfach an, wenn ich dich abholen soll. - Falls du wirklich noch länger dableiben möchtest.“

„Gut. Danke.“

 

Von der dunklen Schönheit Lisas war nicht mehr viel zu sehen. Die schweren Lider mit den langen, geraden Wimpern waren geschlossen.

Darunter hatten sich blaurote Flecken gebildet. Blutansammlung in den Augenhöhlen. Hinweis auf einen Bruch der Schädelbasis.

Der gesamte Kopf dick vermummt. Ein dünner Schlauch, der heraus führte. Drainage.

Viele Verbände am Körper. Die zeichneten sich sogar unter dem dünnen Betttuch ab.

Alle  Monitore liefen. Totale Verkabelung.

 

Eugene berührte ihre Hand. Die rechte. Die ohne Schlauch und Clip.

Er atmete langsam und tief aus.

 - Sie stirbt. Bald.

Haben sie SIE auch auf dem Gewissen? Ist es ihr Werk, dass sie da so liegen und auf ihren Tod warten muss? Habe ich dann nicht auch Schuld?’

Ausnahmsweise setzte er sich auf einen Sessel. Die Schwester hatte den vorsorglich für ihn bereitgestellt. Er hatte sie so lieb und traurig angesehen. So stellte sie sich die Helden aus ihren Romanen vor.

„ Lisa, vergib mir, was immer ich für eine Rolle in deinem kurzen Leben gespielt habe, ich wollte dir nichts Böses.

Ich sende dir alle meine guten Gedanken.

Sie kommen aus fernen Ländern und handeln von fremden Göttern aus alter Zeit. Wie die deinen auch.  Es macht keinen Unterschied.

Du vergehst und kommst wieder wie schon viele Male vorher. Es bleibt was bleiben muss.

 

Wie oben so unten und wie unten so oben, wo immer du auch hingehst. 

Wie innen so außen und wie außen so innen, wie immer du auch gestaltet bist.

Wie wir alle stammst du von den neun elementaren Formen ab.

 

Von der Frucht aller Früchte

Von der Frucht des ursprünglichen Gottes

Geformt aus Schlüsselblumen

Aus der Blüte des Berges

Aus den Blüten der Bäume

Und der Sträucher

Aus den Blüten der Nessel

Und dem Wasser der Neunten Welle

 

Und ich bete zum Elementarsten aller Götter

Damit er dir gebe,

Dass du schön wirst in deiner Seele

Vollkommen,

Und versöhnt mit dir selbst und der Welt.

 

Ich wünsche dir einen Pfad,

Der dir zeigen wird,

Wie der Gesunkene wieder aufsteht,

Wie man die Leere füllt

Und wie ein ruheloses Herz

Schließlich sein Ziel findet.“

 

Eugene hatte ihre Finger zart zu massieren begonnen, während er immer inbrünstiger in seinem alten schottischen Dialekt die uralten Texte rezitierte. Immer und immer wieder. Ohne Zeitgefühl.

Die Schwester sah ab und zu nach ihm, ganz diskret. Hörte ihn in seiner fremden Sprache innig murmeln. Wie ein Pfarrer. DAnach sah er aber wirklich nicht aus. Hach, eine so tiefe Liebe ... und die Prognosen so schlecht!

 

Die Monitore zeigten plötzlich andere Werte, einer begann zu piepsen.

Der Puls stieg über den Toleranzwert und auch der Blutdruck wurde höher.

Die Schwester kam und sah nach den Maschinen, stellte die Kontrollmarken etwas anders und murmelte, dass die Patientin nicht wach werden solle.

„Eh fast unmöglich mit der Menge ...“

Eugene war anderer Meinung, sie sollte aufwachen und mit ihm reden.

 

 -  Lisa, Lisa, sag mir jetzt, wer hat dir das angetan, wer hat...

 

Sie öffnete die Lider. Nur die Augen bewegten sich, ansonsten blieb sie völlig reglos.

Eugene beugte sich über sie, damit sie ihn sehen konnte, falls, ...

Lisa SAH in tatsächlich, und sie erkannte ihn. Ein Lächeln in ihren Augen.

 

19.April 2014

das 12. Kapitel wird noch spannender

Alina hatte die Zeitungen der letzten Tage vor sich und durchsuchte sie nach genaueren Berichten über den Mord.

„Die Hex` hat einen Unfall ghabt.“

„Alina, ich hab dir das eh schon gsagt, du sollst nicht ...“
Eugene beugte sich sofort über die Zeitung. Alarmiert.

Er las und sagte wieder einmal nichts.

Die versammelten jungen Leute starrten ihn alle an. Da kam jetzt wieder was, er schaute ja schon so typisch drein. Nichts Gutes.

>Wer kennt diese Frau? Nach einem Verkehrsunfall in den gestrigen Abendstunden ersucht der Gendarmerieposten Groß Gerungs um  sachdienliche Hinweise zur Person der Lenkerin und zum Unfallhergang.

Die junge Frau wurde mit schweren Verletzungen in das AKH Linz geflogen.<

Natürlich erkannte Alina die Zusammenhänge am schnellsten.

„Das is die, die den Arkan gsucht hat, oder?“
Eugene nickte.

Alina schaute wieder auf das Foto, wahrscheinlich nach dem Unfall aufgenommen und retuschiert.

„Aber die war’ s net, gell? Die hat ihn net umbracht.“
Eugene schüttelte den Kopf.

Gewissheit und ... irgendwie Erleichterung.

„Nein. Nein, sie war das nicht. Die Zeit, es geht gar nicht von der Zeit her.“

Jetzt standen auch die anderen um die Zeitung.

„Ja, genau. Beim Papa is gstanden in den frühen Morgenstunden. Da muss sie schon im Krankenhaus gewesen sein.“

„Julian, bitte fahre mich hin, du kennst dich in den Krankenhäusern am besten aus ... und so.

„Klar. Hast du was anderes zum Anziehen mit außer Short und Decke?“

Kopfschütteln.

„Miro?“

Julian fragte den Bruder, weil dessen Statur noch am ehesten Eugenes entsprach.

Sofia kannte sich sofort aus.

„Komm, suchen wir was Passendes. Der Miro hat ein paar so weite Sachen ... eh nimmer modern.“

Eugene war dann kaum noch wieder zu erkennen. Obwohl er doch nur ganz „normale“ Kleidung trug. Allerdings  Keltic designed. Eine gerade geschnittene Leinenhose und einen fein gestrickten Sweater aus Hanfgarn mit besonderen Schulterpassen. Wie die meisten Kreationen hatten auch diese Modelle ihre natürliche Farbe. Natur, nicht gebleicht, nicht gefärbt.

Passte gut zu Eugenes dunkelbronzener Haut. Karo starrte ihn an und war sich dessen nicht einmal bewusst. Was für ein Mann. Es war ihr bisher nicht klar gewesen, dass er sich mit seinen spärlichen Bedeckungen selbst ein wenig herab setzte. Kleider machen nun einmal Leute. Bei aller alternativen Toleranz war es wohl für die gesamte Menschheit schwer, nicht nach dem Gesamtbild eines Menschen zu urteilen. Eben mitsamt der Kleidung.  

„Eine Nummer größer, dann wär es perfekt.“, konnte sie es sich nicht verkneifen, ihren professionellen Rat anzubringen.

„…und schon fast kitschig vor lauter schön!“

Gelobte Sofia, die in jeder Situation ihren einfachen Humor anbringen konnte.

Ich möchte auch so unkompliziert wie sie sein können, dachte Karo.

Julian war ebenfalls fertig und wurde NICHT bewundert.

„Komm, gemma.“

 

Auf der Station wurde Eugene zunächst einmal genau nach seiner Person befragt. Wegen der Gendarmerie, die würden das wissen wollen.

Eugene seinerseits wollte mit einem behandelnden Arzt sprechen.

Ja, selbstverständlich, sonst dürfe er sowieso nicht ...

Julian wollte bei dem Arztgespräch dabei sein, um dem Freund später etwaige Termini oder Zusammenhänge erklären zu können. Und aus – sozusagen professioneller - Neugier.

Die beiden jungen Männer stellten sich dem Herrn Oberarzt Neuhauser vor, der noch einmal wissen wollte, wie sie zu der Patientin stünden.

Eugene erzählte in seinen knappen Worten Lisas erste Fassung der  Geschichte, leicht abgewandelt.

Flüchtling aus dem Kosovo, arbeitet in Sankt Pölten, vermutet Verwandte im oberen Waldviertel, kommt nach einer Reifenpanne zu ihm und er bietet ihr ein Quartier. Er vermietet sowieso Zimmer wegen seines Reitstalles.

Soweit alles klar.

Warum erzählt sie das nicht selbst?

18. April 2014

und noch weiter im 12. Kapitel

Karo, die sich so gewehrt hatte gegen die Anwesenheit ihres Vaters, die sein Interesse nicht hatte haben wollen und seine Anteilnahme ausgeschlossen hatte, ausgerechnet diese Karo war jetzt dafür, zu ihrer Verwandtschaft zu stehen.

„Karo, wir galten doch nie und nirgends jemals als Radovic´ Kinder. Er hat uns gezeugt und dann nur noch Probleme verursacht. Warum sollen wir jetzt hingehen und uns als untröstliche Trauerfamilie darstellen?“

„DAS hab ich ja nicht gemeint. Aber er muss doch ...

irgendwo begraben werden ... mit einem Namen ... .“

Julian, aus seiner Sanitäterzeit mit dem Tot vertraut, sah das ganz anders.

„Schau, nach der Gerichtsmedizin bleibt eh nicht viel über, da ist es doch egal, wie und wo das entsorgt wird.“

Karo, die aufgewühlt an der Bar gestanden war, musste sich jetzt setzen.

„Du redest hier von einem Menschen.“

„Nein, ich rede von Leichenteilen. Totes Gewebe. Der Mensch ist verstorben, Karo, und es tut mir Leid. Weil er auch irgendwie nichts gehabt hat von seinem Leben. Und vielleicht jetzt noch hätte haben können ...“

Miro hatte sich das anscheinend auch schon überlegt mit dem Begräbnis.

„Das sind Traditionen, um  die’ s uns doch noch nie gangen is.

I bin froh, dass er kommen is, dass i ihn jetzt noch einmal kennen glernt hab. Jetzt  bin i nimmer zornig, wenn i an ihn denk. Ein armer alter Mann, alles total bschissen glaufen und verhunzt in sein’ Leben.“

 

Karo wollte sich damit noch nicht zufrieden geben.

„Das ist doch auch ein „Kopf in den Sand stecken“, was wir da tun?!“

Eugene, der mit dem Rücken an das Sofa gelehnt auf dem Boden saß, drehte sich ein wenig und nahm ihre Hand in seine.

Das war das erste Mal, dass er sie vor anderen berührte. Sofort nahmen alle ihre widersprüchlichen Gefühle den Kampf gegen einander auf.

Und sie entzog ihm ihre Hand. Viel brüsker als beabsichtigt. Nein, eigentlich gar nicht beabsichtigt.

Eugene stand rasch auf, um der Situation die leichte Peinlichkeit zu nehmen.

 

„Alina, würdest du gerne einen Baum pflanzen für Arkan, neben deiner Eibe?“

Alina sah auf. Dachte sichtlich nach.

„Genau. Das ist das Andenken. Fast besser als ein Grab. Den Baum sehen wir dann jeden Tag. Wie die Eibe. Die ist eigentlich gar nicht wirklich MEIN Baum. Ich glaub, sie ist für Stefan ...“

Alle waren einverstanden. Das machte Sinn. Über Bäume

wussten sie noch Bescheid. Von der Mama. Sie einigten sich schnell auf eine Weide. Groß und kräftig. Ein schöner, ein wenig melancholischer Baum. Passte gut zu einem tragisches Leben.

 

Dann saßen sie noch beisammen. Die Geschwister erzählten den drei jüngeren Mädchen aus ihrer Zeit in Sarajewo. Das ergab sich halt so, wenn sie an den Vater dachten. Und da waren plötzlich auch nettere Erinnerungen. Die Fahrten in die Schule. Wenn er, in den seltenen, entspannten Momenten, aus Argentinien erzählte ...

 

 

17. April 2014

weiter im 12. Kapitel

Gegen 22:00 Uhr hatte sich die erste Aufregung gelegt. Karo wurde verständigt.

Alina schlief schon. Sie würden einen Tag früher abreisen als geplant und morgen am frühen Nachmittag wieder zu Hause sein.

Miro und Julian unterhielten sich bis nach Mitternacht darüber, ob sie sich als Arkans Kinder deklarieren und den Toten auf diese Weise identifizieren sollten oder nicht.

Eugene hatte seine Hängematte auf den Boden gelegt und sich darauf ausgestreckt. Die Hände auf dem Bauch gefaltet, die Augen geschlossen.

Die Position eines Toten, schoss es Julian durch den Kopf.

Gleichzeitig mit diesem Gedanken öffnete der Schotte die Augen. Schlief also nicht.

„Eugene, was ist deine Meinung?“

„Es ist nicht gut, wenn ihr die ... Verfolger auf euch aufmerksam macht.“
„Wie meinst jetzt das?“

„Die Feinde Arkans - sind noch hier. Ich habe ihn zu mir gebracht, damit sie nichts von euch wissen.“

„Wieso?  Was  heißt denn das? Jetzt sag halt einmal alles, was du weißt!“
 

Die Brüder hörten dem Freund entsetzt zu. Er erwähnte das Mädchen, aber nur die Schilderung über die Zigeuner – Einheit und das Lager in Mitrovica, der großteils serbischen Stadt  des nördlichen Kosovo.

„Ich nehme an, dass zumindest die beiden Männer mit gekommen sind, die Lisa erwähnte, weil sie auch in dem letzten Auffanglager waren.

Die könnten euch gefährlich werden.“

„Oder dir.“

„Darum ist Estellé mit mir hierher zu euch gekommen. Sie kann sich nicht so gut schützen wie die Hunde.“
„Aber das ist keine Dauerlösung.“

„Wenn es um den Toten ruhig bleibt und sie merken, dass da nichts mehr kommt, was ihrem restlichen Haufen gefährlich werden könnte, werden sie abziehen --. Vermutlich.“

 

Als die Paksi-Mädels am nächsten Tag kamen, wurde noch einmal alles durch gesprochen. Auch mit Bernadette und Sofia. Schließlich mussten alle Mitwisser das Gleiche sagen oder vielmehr nicht sagen.

16. April 2014

Das 12. Kapitel beginnt

12. Kapitel

 

Eugene wartete auf Lisa. Wollte sie wiedersehen, sogar in die Arme nehmen, und verfluchte sich dafür.

Ablenkung. Seine Freunde beschützen. Alles war wichtiger als dieses Mädchen, das seine Zukunft nicht bestimmen sollte. Durch ihre bloße Anwesenheit. Sogar durch ihre Nicht-Anwesenheit.

Alleine schon das Wissen, dass es sie gab, machte ihn verwundbar.

Die Tragik ihres kleinen Lebens. Die Tragödie ihrer Sippe. Der Fluch ihres Volkes.

Aber sie kam nicht.

Gut so.

 

Wieder bereitete er seine Abwesenheit vor, rüstete sich für eine lange Wanderung.

Estellé sollte ihn begleiten. Unsicher, ob sie hier nicht auch in Gefahr war. Die Hündinnen würden sich selbst schützen. Und das Haus.

 

„So, Mädchen, du kennst den Weg nach Camelot. Zwei Jahre her, aber du vergisst deine Wege nicht, hm?“
Estellé spitzte die Ohren. Sie war nicht so abenteuerlustig wie die Hunde.

Aber Eugene war ihre Herde, sie würde ihn überall hin begleiten.

Er trieb sie nicht allzu sehr, wollte aber zügig vorankommen.

Starker Regen begünstigte sein Vorhaben. Keine Mücken, keine Hitze, weniger Müdigkeit. Allerdings kosteten ihn die Vorbereitungen für die Nacht längere Zeit als sonst. Er wollte mehr als ein loses Blätterdach über dem Kopf.

 

Am Nachmittag des zweiten Tages kamen sie an. Etwas durchweicht.

Hungrig.

Die anwesenden Paksi – Jungs mit ihren Freundinnen waren überrascht und erfreut. Uther und Tara brauchten lange für ihren Freudentanz.

Es gab nichts Ungewöhnliches zu berichten, alles ruhig, keine weiteren Drohungen. Entspannung im Wohnzimmer. Bei dem schlechten Wetter war es wieder mal schön,  an der Bar und auf dem Sofa zu sitzen. Nachrichten im Fernsehen.

 

Ach ja, Karo und Alina hatten schon angerufen, alles wunderbar, bisschen Regen.

Keine Ruhe in den Krisengebieten dieser Erde.

Miro hatte immer sehr eindeutige Meinungen zur Weltpolitik und tat sie – angeregt von der Fernseh-Berichterstattung -  auch kund.

Natürlich wieder Meldungen wegen des drohenden Hochwassers.

„Die armen Leute. Ein Glück, dass wir so hoch heroben sind. Wir werden spenden. Als Firma. Kann man von der Steuer absetzen und doch helfen. Wir werden mit der Karo darüber ...“

 

Ein Mann gestern erschossen aufgefunden. Namenlos. Wer kennt ihn?

Julian schrie als erster auf. Er hatte richtig hingesehen und den Mann erkannt. Konnte es nicht glauben.

„Das gibt’s net. Miro, schau, das kann doch net ... doch, der Papa, der Papa is das!“
Jetzt waren sie alle durch einander. Wo kann man nachfragen, was haben die gesagt?

 

Eugene begriff schnell. Ein harter Schlag für ihn. Der Mann, der ihm vertraut hatte.

Das Mädchen, dem er vertraut hatte.

Obwohl er glaubte, die Zusammenhänge zu kennen, hörte er genau hin.

Lisa hatte Arkan in Linz auf offener Straße erschossen? Das passte nicht.

 

In dem allgemeinen Durcheinander fiel es nicht auf, dass der Freund hinausging. Zu Estellé und den Hunden in den Regen. Sein Gesicht wurde nass von den Wassertropfen. Und den Tränen, die er weinte. Um einen alten Mann und ein junges Mädchen.                                                                                                                                  

 

15. April 2014

Ende des 11. Kapitels und einer Ära aus dem 1. Band ...

„Der ist hinüber.“

„Gut. Viel zu leicht. Rösten hätten wir ihn sollen.“

„Es gibt noch genug von denen, die wir aufspüren müssen. Einmal rösten wird schon möglich sein.“

Sie durchsuchten alle Taschen, nahmen alles an sich, was sie fanden.

Eine Plastikkarte zum Geld abheben. Mal sehen, ob ihnen das gelingen konnte. Ausweis und Führerschein, sogar auf den richtigen Namen, würden sie zu Hause gut und teuer verkaufen. Bargeld, wenigstens etwas.

„Los, sieh zu, dass keiner da ist.“

Sie mussten ihn zu zweit nehmen.

Diju, der Kleinere, lief immer wieder ein Stück um zu sehen, ob der Weg frei war. Dann nahm er die Füße wieder auf. Bis zum Auto.

Leihwagen. Kompakt. Den Riesen auf den Rücksitz packen war nicht einfach.

Dann fuhren sie los. Ein weiter Weg bis Linz. Genau richtig, um in einer ruhigen Stunde anzukommen.

Bahnhofsgegend. Herauszerren. Der Körper kam halb auf dem Gehsteig, halb im Rinnstein zum Liegen.
Perfekt.
Zwei Schüsse, weg.

Wieder hinauf in das Waldgebiet, sie hatten noch einiges zu erledigen.

14. April 2014

weiter im 11. Kapitel

Arkan würgte einige Schlucke hinunter. Ein Hexentrank der Zigeuner. Wahrheitsserum. Davor musste er sich nicht fürchten.   

Dann ging die Befragung weiter. Es wurde dunkel. Er sollte immer wieder trinken. Scheißzeug. Magenkrämpfe bekam er davon.

Überall Watte. In seinem Kopf, in seinem Bauch.

 

Lisa sah ihn auf seinem Sessel schwanken. Sie sprach ihren Romanés-Dialekt.

„Hört lieber auf damit, das wird ihm zu viel.“

„Der wiegt so viel wie zwei von uns, der verträgt auch mehr.“

„Trotzdem, ich glaube ihm, dass er nicht mehr weiß. Ich habe ihm und dem Schotten versprochen, ihn in Ruhe zu lassen.“
Die Männer sahen sich an. Lisa fühlte sich ausgeschlossen von ihrer Gruppe.

„Du suchst dir jetzt am besten ein Zimmer.  Wir bleiben bei ihm, morgen wird er mehr sagen, wenn er ausgeruht ist.“

 

Das war dem Mädchen eigentlich Recht. Es gab so Vieles, worüber sie nachdenken musste, nach allem, was sie heute erfahren hatte.

Und sie war auch müde. Hatte eine schlaflose Nacht hinter sich. Aufregend und erfüllend. Und erfolgreich. Mit dem Ergebnis der vielleicht besten Nachricht ihres Lebens.

 

Zu spät bemerkte sie, dass sie ihren Beutel in dem Zimmer liegen gelassen hatte. Brauchte sie aber nicht unbedingt. Sie würde sowieso kein Zimmer nehmen. Einfach irgendwo das Auto abstellen, sich zusammenrollen  und schlafen ... und träumen ... .

 

Die Männer atmeten auf, als das Mädchen gegangen war.

„So, Alter, und jetzt noch mal von vorne, und diesmal die Wahrheit.

Deine kleine Hure wird dir nicht mehr helfen ...“


Arkan hatte bald schon keinen Überblick mehr. Taubes Gefühl, Watte überall. Ihre Schläge nahm er nicht mehr wirklich wahr. Mehr als Geräusch denn als Schmerz. Kein Zeitbegriff. Alles verschwommen.

 

Irgendwann fragte er sich, ob das sein Tod sein würde.

Dann sah er die Pistole.

Hob den Kopf.

„Warum die?“

„Es soll nach Serben aussehen, die sind zu feige zum Zustechen, die schießen lieber. Auf die eigenen Leute. Von uns wird es keine Spuren geben.“

„Ihr wollt mich ... erschießen.“

„Wir haben dich vergiftet, Alter. Du bist schon tot. Dann erschießen wir dich. So wie du unsere Männer. Doppelt ist besser. Einmal für unsere Männer, einmal für unsere Frauen und Kinder.“

 

,So ist das also, diese Watte - ist tatsächlich mein Tod. Es ist gut. Besser als mein Leben.

Der Tod der Zigeuner. Ich wusste wenig über sie, trotz Lisa und Gudrun.

Gudrun, ich glaube - jetzt schließt sich ein Kreis.

Bist du das, Gudrun,  nimmst du Rache?

Oder deine Ahnu, kämpferisch ... und stark ... Gudrun ...

Gudrun ...’

 

13. April 2014

11. Kapitel

Gut denn, dann würde er heute weiter östlich fahren und sich nach einer kleinen Mietwohnung und einer Arbeit umsehen. Am besten Leihfirma. Die schickten in dann durch Österreich, er wäre kaum greifbar und könnte Kontakte knüpfen. Und wenn die Leute brauchten, wurde nicht so genau nachgefragt woher und wohin. Das war schon in seiner  Münchner Zeit so gewesen.

 

Vorausgesetzt, er kam hier weg.

Schlechtes Gefühl. Kaum Leute unterwegs jetzt zur Mittagszeit. Er würde auch lieber mit Andrea im Bett liegen.

Stattdessen näherte er sich vorsichtig dem Gasthof.  Vorne war zu. Ruhetag. Eingang über den Hof.

Wie ausgestorben. Das war an einem Ruhetag sonst auch nicht anders, heute fiel es ihm auf.

Er hatte eine Hand in der Hosentasche, fest um das Springmesser geschlossen, zur Beruhigung.

Eugenes Motorrad war weg. Dann war es der Schotte, der ihn beobachtete?


Die Eingangstüre unversperrt. Bisher war sie meist geschlossen gewesen, aber auch nicht immer. Wenn Eugene auf ihn wartete, nein, falsch, - hätte er das Motorrad doch noch stehen gelassen. 

Der Treppenaufgang war düster, aber gut einsehbar. Leer.

Er näherte sich der Zimmertür, den Schlüssel in der Hand. Im Gang war niemand, das konnte er gut überblicken. Er bückte sich, um das Schloss genau zu betrachten. Da waren viele kleine Kratzer, wie sie entstehen, wenn man unachtsam mit dem Schlüssel hantiert. Keine neuen, auffälligen.

 - Junge, du wirst alt und paranoid. -

Trotzdem Vorsicht. Rasch aufsperren und die Tür vollständig aufschwingen lassen. Keine Chance für einen Kerl dahinter.

 

Gleichzeitig mit seinem Eintritt ließ er das Messer aufspringen, hielt es in Hüfthöhe schräg nach oben. Bereit, einen Kerl von unten nach oben aufzuschlitzen.

Aber da war kein Kerl. Da war Lisa. Sie saß ruhig in einem Sessel. So bewegungslos, wie er sie auch als Kind erlebt hatte, wenn er sie unterrichtete. Absolute und uneingeschränkte Aufmerksamkeit. Die Hände vor sich auf den Knien, leicht verschränkt. Waffen- und wehrlos.

Arkan trat hinter sich, um die Türe zuzustoßen. Erst als er sie einrasten hörte, drehte er sich um und versperrte sie. Ließ den Schlüssel stecken. Hier würde keiner mehr herein kommen.

Er schämte sich beinahe seines Messers.

 

„Lisa, ich freue mich, dich zu sehen.“

„Bitte Serbisch, nicht gut mehr Deutsch.“

„Hast du mit Eugene Deutsch gesprochen?
„Ja.“

„Er hat dich hierher geführt!?“

„Ja.“

„Verdammt. Er sagte, er wolle mir helfen.“

„Ja. Dir und mir. Uns.“

„Ihr wollt mich töten, weil ihr glaubt, ich sei Schuld an eurem Untergang. Dem Tod eurer Sippe.“

„Wir wollen nicht deinen Tod. Du kannst in Frieden leben, wenn du auch unseren Toten ihren Frieden gibst.“

„Und was muss ich dafür tun?“

„Uns sagen, wie das damals wirklich war. Wie, warum, vor allem aber WER.

„Gut. Mach dich gefasst. Es gibt viel zu sagen.“

 

Arkan erzählte. Von sich. Warum er ins Lager gekommen war.

Warum die Idee und warum auch Lisa vorkam.

Von seinen hochfliegenden Plänen und seinen Visionen um ein geeintes Groß-Serbien.

„Ich habe mich so sehr bemüht, Lisa. Ich wollte die Zigeuner genau so integrieren wie alle anderen Volksgruppen. Natürlich unter serbischer Führung. Einer muss die Führungselite stellen, nicht wahr?

Als der definitive Krieg endlich da war, geschah alles gleichzeitig. Niemand hatte mehr den Überblick ...“


Lisa war aufgestanden, hatte ihre Reglosigkeit gegen die flinke Behändigkeit eingetauscht, die Arkan auch schon früher verblüffte.

Sie trat zur leicht geöffneten Balkontür und fächelte sich Luft zu.

Arkan konnte sie gut verstehen. Bisschen viel auf einmal.

Seine bisherigen Erklärungen und die folgenden Schilderungen, kein Wunder, dass sie sich erhitzte. 

Sie rückte ihren Sessel in eine andere Position, bevor sie sich wieder setzte.

Und Arkan fuhr fort. Ehrlich und kaum beschönigend.

 

Ein Geräusch auf dem Balkon. Dann noch eines. Bevor Arkan zu Lisa stürzen konnte, waren die Beiden im Raum, zwei Messer an der Kehle des Serben.

 

„Lisa.“

„Es ist nichts. Diju und Alajo werden dir nur gezielte Fragen stellen.“

 

Zunächst sollte Arkan trinken. Eine Flüssigkeit, die die Männer in einem Flachmann mitgebracht hatten.

„Das wird deine Zunge lösen. Geht alles leichter dann.“
Arkan erwartete Alkohol, konnte davon aber nichts merken. Bitter, sehr bitter, das Zeug.

„Viel krieg ich davon nicht runter, wenn ich hier nicht alles voll kotzen soll.“
„Es reicht. Vorerst.“

„Erzähl von vorne.“
 

Arkan begann damit, dass er ins Lager gekommen war, um Freiwillige zu finden für die gerechte Sache der Serben.

Die persönlichen Belange, die er vorher mit Lisa besprochen hatte, ließ er jetzt weg.

 

„Wozu unsere Ausbildung?“
„Damit ihr mit uns kämpfen könnt. Seite an Seite. So war es geplant.“
„Von wem?“
„Von mir.“
„Warst du alleine dafür verantwortlich?“
„Ich war damals dem Oberst Milisjevic´ unterstellt.“

„An jenem Tag, als wir geholt wurden, wer gab den Befehl dazu?“
„Ich weiß es nicht. Ich war für die Ausbildung verantwortlich.

Es war nie die Rede davon, dass unbedingt ich euch auch in den Krieg führen musste. Ich war mit einer anderen Einheit in den Bergen, um eine Brücke zu sprengen, als es bei euch losging.  Es war alles gleichzeitig, verstehst du?“

„Nein, du kannst nicht sechsundsiebzig Männer ausbilden und dann sich selbst überlassen.“

„Nicht sich selbst. Einer anderen Führung. Militärische Taktik ist mehr als Verantwortung für ein paar müde Jungs.“
„Sagst du, dass sechsundsiebzig Männer unserer Sippe müde Jungs waren?“

„Nein, aber sie waren nicht das Wichtigste.“
„Also konntest du sie opfern. Ganz einfach und alle auf einmal. Die Zigeunerplage gelöst …“
„Das war nicht so, das habe ich jetzt auch nicht gesagt. Ich wusste nichts von eurem Angriff auf die Albaner Bastion.“
„Du hast uns für diesen Angriff ausgebildet.“
„Wir haben ihn uns vorgestellt. Und viele weitere Angriffe auch. So läuft die Ausbildung. Klares Feindbild. 100% richtige Durchführung.

Die Realität ist dann natürlich anders.“

„Die Realität ist, dass etwa fünfzig Männer sofort erschossen wurden, weil sie direkt in die Linie der Albaner liefen. Wie Hasen.“
„Ich habe das nicht angeordnet.“

„Wer dann?“
„Das weiß ich nicht. Wenn du mich noch zehnmal fragst, weiß ich es immer noch nicht. Das ist doch klar.“

„Du willst dich über uns lustig machen, du denkst, du bist immer noch der Herr.“

„Er soll mehr trinken.“

„Genau.“

12. April 2014

Anfang 11.Kapitel

11. Kapitel

 

Arkan fühlte sich beobachtet, ohne jemanden zu sehen.

 

Erstaunlich, dass sie ihn so weit in den Norden hatten verfolgen können.

Nun, was dachte er, er hatte sie schließlich selbst ausgebildet.

Damals, als er mit ihnen gearbeitet hatte, war noch nicht klar, dass seine >Zigeunereinheit< als erstes Kanonenfutter würde herhalten müssen.

Er jedenfalls hatte andere Pläne gehabt. Wie so oft während all der Jahre.

 

Die beiden Zigeuner, die er kurz vor seiner Entlassung in einiger Entfernung vom Militärstützpunkt in Belgrad gesehen hatte, waren wohl die härtesten gewesen. Von Anfang an. Nicht so unwillig und unfähig wie die anderen.

Jung und kampfesgestimmt. Froh über eine Beschäftigung im Lager, die ihre Männlichkeit unter Beweis stellen konnte.

Kein Wunder, dass sie – vielleicht als Einzige – überlebt hatten.

Kein Wunder auch, dass sie ihn für das Zigeunermassaker verantwortlich machten.

Er hatte es nicht gewollt, aber er hatte es auch nicht verhindert.

In dem allgemeinen Tumult des Kriegsbeginns  hatte ihm erst Wochen später jemand das Grauen des Lagers zugetragen.

Er hatte getrauert. Seine Lisa im Geiste zu Grabe getragen. Kriegsopfer.

Wie Danny, die Eltern, vielleicht auch die Brüder.

 

Fast hatte er es nicht zu glauben vermocht, als er sie wiedersah. War das die kleine Lisa?

Er hatte genau so gestaunt wie kürzlich, als er Karo erlebt hatte. Das waren die jungen Frauen von heute. Egal ob hier oder 1500 Kilometer weiter südlich.

 

Lisa, die ihn beobachtet hatte in Belgrad und außerhalb. Kluge Füchse, eine Frau zur Beschattung einzusetzen. Sie konnte sich sicher relativ frei bewegen. Eine ungewöhnlich schöne Frau. Nicht unbedingt Zigeunerin.

Nicht so hässlich derb wie viele von ihnen. Aber das war Olga auch nicht gewesen.

 

Seit der letzten Belgrader Zeit wusste er, dass sie ihm ans Leder wollten.

Da war er auf die Idee mit Österreich gekommen.

Sehnsucht nach Gudrun und den Kindern, die in seiner Erinnerung noch so klein waren. Unvorstellbar, wenn er nachrechnete und sie als erwachsen betrachten musste.

Nostalgie. Der Wunsch nach Ruhe und Vergessen. Begraben alle Hoffnungen und Wünsche für sein Land. Warum also nicht eigene Wünsche und Hoffnungen hegen. Wie es wohl jeder Österreicher tat. 

Und wie er es mit Gudrun in München auch getan hatte. Bevor alles anfing.

Wie ein schwarzes Loch stellten sich seine vergangenen Lebensjahrzehnte dar, wenn er jetzt auf sie zurückblickte.

 

Er hatte sein Land verändern wollen. Hatte lange gebraucht um zu erkennen, dass das auf seine Weise nicht möglich war. Er, immer so stolz auf seine humanistische Bildung, hatte die Lehren der Geschichte missachten wollen.

Wie schon weit bessere Köpfe als er. Von Napoleon bis Trotzki und Lenin, ja auch Hitler. Er hatte es ja auch nicht so weit gebracht. Vielleicht weil er immer geheime Zweifel gehabt hatte? Aber er war aufgestiegen in der Hierarchie.

 

Einer Hierarchie der Plünderer, Brandschatzer und Vergewaltiger. Tausende vor ihm, Tausende nach ihm. Seit Anbeginn der Menschheit. Sie hatten sich nicht anders benommen als die ersten Horden gleich nach dem missing link. Und er mitten darinnen.

 

Er hätte Gudrun um Verzeihung gebeten für alles, was er falsch gemacht hatte, auch für die vielen verlorenen Jahre.

Er hätte ihr gesagt, dass er sie immer geliebt hatte. Auch als sie so merkwürdig zurückgezogen geworden war. Trotz seiner anderen Frauen, die er gebraucht, aber nicht geliebt hatte. Und es wäre die Wahrheit gewesen.

Jetzt hatte er es ihr auf dem Friedhof gesagt. Wo er auch die Ahnu und den Ruljan wieder getroffen hatte. Diese Ahnu.

Die Ahnu und ihre Enkelin Gudrun.

 

Und nun die andere.

Die Ahnu und die Lisa. Die Ahnu und seine Lisa.

Lisa, die seine Vernichtung wollte, weil er alles in die Vernichtung getrieben hatte, was sie jemals gekannt hatte. Oder auch nur, weil die Männer wollten, dass sie es wollte. Aber unwahrscheinlich. Bei denen taten die Frauen genau das, was sie selbst wollten. Und die Älteste war die Wichtigste.  Matriarchat.

Uralt und eigentlich überall ausgestorben. Hatte sich wohl nicht bewährt. Jedenfalls nicht in Serbien.

 

Er hatte seine Flucht geplant.

Geld gab es nicht wenig in ihren militärischen Reihen. Er hatte darauf geachtet. Zur Seite gebracht. Abgeschoben durch Spitzel, Berichterstatter und wie sie sich alle nannten. Dinar, verfluchte, Dinar brauchte er nicht. Wertloses Zeug, das schneller verfiel wie eine Leiche im Sommer. Alles in D-Mark.

Seine Beobachter konnte er manchmal austricksen.

Es waren nicht viele, in Jugoslawien vielleicht fünf  oder sechs. Der harte Kern bestand aus Lisa und den zwei Unentwegten. Sie hatten einiges mit bekommen, aber nicht seine Abreise. Toller Schachzug mit dem Reporter. Der hatte ihn mitgenommen bis Maribor.

Von da an lief alles nach seinem Österreich-Plan. Bis er Lisa bei dem schottischen Waldmenschen sah.

 

Und jetzt waren sie ihm wieder näher gerückt. Oder wer sollte ihn sonst  wohl beobachten?  Ein eifersüchtiger Ex Ehemann?

  - Oh ja, bitte darum. Tausche zehn eifersüchtige österreichische Ehemänner gegen ein feindliches Exekutionskommando von schätzungsweise drei Leuten.

So oder so, es wird nicht kampflos zugehen, Freunde. -

 

Er war zu Fuß in den Ort zurückgegangen. Kleiner Landmarsch bei schönstem Wetter. Andrea hatte wieder Streit mit der Tochter. Die hätte eigentlich zum Baden gehen wollen, war noch schnell mal zurückgekommen und hatte ihn getroffen.

Unglaublich, wie so eine junge Göre der Mutter die Hölle heiß machen durfte. Und das hieß dann freizügiges Land. Für die Jugend, gewiss.

Für die Älteren? Ungewiss. So wie Andrea das darstellte, war sie eingebunden in Standesdünkel und die Moralbegriffe einer dörflichen Gemeinschaft, die sich seit Jahrhunderten nicht WIRKLICH geändert hatten.

Was war für Gudrun dann so schlimm gewesen an den serbischen Gepflogenheiten?
„Die Gudrun war immer schon ein Freigeist. Schon in der Schule. Mit ihrer Oma und der deutschen Mutter und allem, nichts als Traditionen. Völlig zwischen allen Sesseln. Da wollt sie eben gar nimmer. Hat zwar brav ja gsagt und dann zu guter Letzt genau das gmacht, was sie wollt.“

11.April 2014

Ende des 10. Kapitels

"Nein, nicht will ich Arkan töten, aber brauchen Hinweis, müssen wissen wo die Vernichter, weil ist wichtig für die Ahnen. Tote nicht zufrieden, dann auch nicht Frieden für Lebende.

Arkan immer gut zu mir, sagt, sein Frau selber Zigeunerin. Immer helfen die Lagerkinder.

Helfen mir finden Arkan, bitte, ich will nur fragen.“

 

Eugene ging in den frühen Morgenstunden los, um zu meditieren.

Die aufgehende Sonne sollte ihn führen, seinen geplagten, verdunkelten Geist erhellen.

 

Ihr Götter des Universums, warum bringt ihr so viel Leid über die Menschen?

WIR bringen kein Leid, wir helfen es zu verhindern, wenn man uns fragt.

 

Dann frage ich jetzt: Was soll ich tun?

 

Für Manche gut, für Manche schlecht. Hüte dich vor deiner Selbstgerechtigkeit. 

 

Eine Ewigkeit, bis er aus seiner tiefen Versenkung auftauchte.

Die Hündinnen lagen faul in der Sonne, es war später Vormittag.

Er hatte keine eindeutige Antwort.

Er ging zum Haus und fand Lisa in einem unauffälligen wadenlangen Kleid vor dem Haus. Bewegungslos auf der Bank sitzend. Sie lächelte ihn an.

 

Ihr langes Haar war nach hinten gebunden. Die Augen waren dunkelbraun.

Im hellen Sonnenlicht sah ihre Haut so gebräunt aus wie bei vielen Europäern im Sommer.

Eine hübsche junge Frau, ganz ohne das magische Flair des gestrigen Abends.

Erinnerung an eine Nacht aufgewühlter Gefühle. Die alles andere übertönende erotische Spannung und gleich darauf das Entsetzen ihrer Erzählung.

Er WOLLTE ihr helfen.

 

Also los.

Seona, die sich auf zwei Gerüche einstellte. Das Motorrad ihres Herrn und Arkan. Eine Socke des Serben und ein Werkzeuglappen der Triumph.

Ein Rucksack für Eugene und zwei kleine Packtaschen für die Hündin. Sie war aufgeregt. Das wurde ein weiter Ausflug. Sie kannte die Anzeichen. Proviant, Messer, Hängematte.

Estellé, Ambra und Rosean sollten möglichst unsichtbar im Wald bleiben.

Lisa das Haus bewachen, falls Arkan kam.

Seona und er würden nicht lange brauchen, käme der Gesuchte zurück, wären auch sie beide bald wieder da.

 

Am Abend dachte Eugene, dass er wohl zu leichtfertig gewesen war.

Arkan war nicht in der Nähe. Weiter weg als gedacht. Seona brauchte eine Ruhepause. Er auch. Die letzte Nacht war schlaflos gewesen. Anstrengend und erfüllt.

Weiter im ersten Morgengrauen. Mittags eine Rast. Sie hatten bereits zwei komplette Kreise gezogen. Nichts.

Eugene setzte sich, versuchte, die richtige Richtung zu erspüren. Ruhe, Achtsamkeit.

Gleichzeitig mit ihm hob auch Seona den Kopf. Östlich, südöstlich.

„Komm. Such.“

Aufgeregt. Die Nase hoch. Seona suchte nicht die Fährte, sie wollte den gewünschten Geruch in der Luft finden.

Sie kannte das Motorrad gut. Freude, wenn er nach Hause kam. Guter Geruch, guter Klang. Es war leicht möglich, dass sie das Geräusch erkannte, wenn es an ihre Ohren drang. Eugene bewegte sich jetzt näher zur Straße hin.

Seona wurde schneller.

Am frühen Abend waren sie in Seidenau.

Eugene streifte ein T - shirt über, beobachtet von der Hündin.

„Zugeständnis an die Zivilisation, meine Liebe. Schau, für dich ein Seil.“

Seona hatte nicht viel übrig für diesen zivilisierten Ort, knurrte einige Hunde wütend an und machte große Bögen um die Menschen.

Die Menschen um das komische Duo ebenso. Tja, der Nachteil des zaghaften Tourismus waren solche Typen. Angezogen von der sagenumwobenen Geologie und den verzauberten Mooren glaubten sie, hier ihre Spinnereien ausleben zu können.  Und man ließ sie ja auch, solange sie friedlich blieben.

 

Die Beiden fanden das Motorrad hinter einem kleinen Gasthof.

Seona wollte aber nicht ins Haus. Der Sockenträger ausgeflogen.

Warten?

Das war eigentlich nicht nötig. Wenn das Motorrad verschwunden war, würde Arkan wissen, dass der schottische Kumpel es geholt hatte und hoffentlich demnächst mit dem Auto der Frau auftauchen. Ansonsten konnte Lisa ihn aufsuchen.

 

Er fuhr langsam, damit die Hündin neben ihm traben konnte. Nur gelegentlich fiel sie in Galopp. Stopp gegen Mitternacht. Aufbruch am frühen Morgen. Einige Stunden später waren sie wieder zu Hause.

 

„Fahr nach Seidenau. Ich erkläre dir den Weg.

Missbrauche mein Vertrauen nicht. Er ist ein alter Mann. Wenn er dir nichts sagen kann, dann lass ihn in Frieden.

Noch ein paar Jahre Frieden in einem beschissenen Leben. Vergönne sie ihm.

Und ... lebe endlich selber.“

„Mit dir?“

 

Sie war weg, bevor er eine Antwort darauf gefunden hatte.

Gewissensbisse.

Er liebte Karo. Hatte Lisas Körper benutzt, genossen, geliebt in den innigen Momenten der Vereinigung.

Aber letztendlich genommen, weil er angeboten wurde und zur Verfügung stand, wo sich Karo verweigerte.

Er begann zu versagen. Keine Buße, keine Askese, noch nicht einmal Treue gegenüber seiner unerfüllten Liebe.

10.April 2014

Kapitel 10 vierter Teil

„Arkan Radovic´.“

  • Mhm, hab ich mir schon gedacht. -

„Was willst du von ihm?“
„Warnen, wegen Gefahr.“

„Welche Gefahr?“

„Krieg, in der Heimat, Bosnier, herkommen.“

„Wie bist du hierher gekommen?“
„Auto, an der Straße.“

„Aber wieso?“

„Hat glaubt, kann weggehen, entkommen, aber böse Männer auch weg gehen.

Nachkommen. Ich auch. Gut hier arbeiten wollen, aber böse Männer gesehen.“

„Woher kannst du Deutsch?“
„Bissel Tante, bissel jetzt Arbeit hier.“

„Wo arbeitest du?“

„Sankt Pölten, dann böse Männer gesehen und nachkommen.“

„Er ist nicht hier.“

„Aber kommt?“

„Vielleicht.“

„Darf warten?“

„Und wenn er erst in zwei Tagen kommt?“

„Mache ... Urlaub. Schönes Land.“

„Gut. Komm, ich zeige dir ein Zimmer, das wir noch vorbereiten müssen.“

Er ließ sie vor sich die Treppe hinauf gehen, sah ihre Körperformen durch die Decke, die sie eng an sich presste.

Was sollte er nur von ihr halten? Sie wirkte so unschuldig. Und auch wieder nicht.

Frische Bettwäsche hatte er aus dem Küchenkasten mitgenommen. Gut, dass Karo dafür sorgte. Bei dem Betrieb, der zurzeit bei ihm herrschte. Das letzte Zimmer.

„Hier. Wir überziehen das Bett, dann kannst du ausruhen.“

Sie half mit. Eine Hand benutzend. Die andere hielt die Decke.

Beim Überziehen des dicken Federbettes rutsche die Decke über ihre Schultern herab und blieb liegen. Sie schien sich nicht darum zu kümmern.

Eugene hob die Decke auf und legte sie über einen Sessel. Wollte sich gar nicht mehr umdrehen. Sie war zu nah, das konnte nicht gut gehen. SO asketisch war er nun auch wieder nicht.

Als er seine Erregung halbwegs im Griff hatte drehte er sich um. Sie lag unter dem Plumeau vergraben. Winzig anzusehen. Viel zu schön.

„Bis morgen.“

„Bis morgen.“

Hängematte in der Küche,  ungewohnt für den Sommer.

Türe versperrt, Schlüssel abgezogen.

 

Eine unruhige Nacht. Hören auf die Hunde draußen. Hören auf das unruhige Getrippel Seonas hier im Haus.

Dann – endlich – das Tapsen nackter Füße.  Kleiner Füße. Leise. In Arkans Zimmer.

Ein Wink. Seona musste in der Küche bleiben, was ihm einen theatralischen Augenaufschlag einbrachte. Den konnte man sogar bei dem geringen Mondlicht sehen.

 

Eugenes Füße waren noch leiser. Er kannte sein Haus und die quietschenden Stellen, die er meiden musste, wenn seine Gäste im Haus schlafen wollten.

Er wusste nicht, was Arkan hier gelassen und was er mitgenommen hatte, ob es etwas gab, das für die Verfolger von Bedeutung sein konnte. Aber er wollte endlich wissen, was hier wirklich lief.

Er öffnete die Tür, als er davor stand und machte sofort Licht.

Sie waren beide etwas geblendet. Und sie war immer noch nackt.

Jetzt kam sie auf ihn zu. Leere Hände.

„Onkels Zimmer.“
„Arkans Zimmer.“

Sie löschte das Licht mit einer flinken Handbewegung und huschte in ihren Schlafraum. Eugene kam ihr nach.

„Was hast du gesucht?“

„Hinweis.“

„Worauf?“

„Ob Onkel, ob alles richtig.“

Sie setzte sich auf das Bett, zog die Beine auf die Matratze und streckte sie seitlich weg. Sehr dekorativ. Malerischer Hüftschwung.

Ein ähnlich theatralischer Augenaufschlag wie vorhin bei Seona.

„Ich bin nicht sicher.“

„Worüber?“

„Was tun. Du bist ein guter Mann.“

„Wie ...“

„Willst helfen. Onkel. Mir.“

„Und ...?“

„Dir danken.“

„Wie?“

„Komm!“

Sie rutschte zur Seite, damit er sich hinsetzen konnte. Er blieb stehen.

„Ich bin auch nicht sicher.“

„Was?“

„Wer du bist, was du willst, ... was ich will.“

„Dann, wir beide nicht mehr denken.“

Sie streckte sich aus.

Seine Not wuchs. Ein schlimmer Fehler, es zu tun, aber eine Unmöglichkeit, jetzt wieder in die Küche zu gehen, diesen Körper vor Augen.

Er entledigte sich seiner Hose. Streckte sich neben ihr aus.

Sehr nah, das Bett war schmal. Er nahm sie in seine Arme. Spürte ihre Fremdartigkeit und ganz, ganz zart eine versteckte Vertrautheit. Spürte auch ihren Körper und wollte mehr.

Sie HATTE mehr zu bieten und bot ihm alles.

 

Auch hinterher nahm er sie in die Arme. Sie schmiegte sich nah an ihn. Er war erfüllt von der Nähe und den genossenen Gaben ihres Körpers, hätte sie  gerne nur gestreichelt und dem Erlebten nachgefühlt. Aber jetzt war ein guter Moment, sie nach der Wahrheit zu fragen.

Das, was sie ihm dazu bot, war ein anderer Mensch als das Mädchen in der Küche. Sogar ihre Sprache war flüssiger, obwohl mit sehr fremdartigem Akzent.

Sie hieß Lisa, Zigeunerin, aufgewachsen im Kosovo, größtenteils in einem Lager. Eingesperrt mit ihrer Visze, ihrer Sippe. Als die Zigeuner  in das Gebiet gekommen waren, hatten sie keine Rechte gehabt. Nur die Freiheit.  So war das schon gewesen, wie sie es seit alters her kannten. Nur das Recht des freien Wanderns hatten sie immer beibehalten können.

Dann plötzlich nicht mehr. Lager in Mitrovica. Es gab viel Streit unter einander in diesem zwangsweisen Leben. Und viel Böses von denen, die sie zu diesem Leben verurteilt hatten.

Dann kam Arkan. Wollte von den Männern der Sippe, dass sie sich ihm anschlössen. Für sein Volk kämpften. Um ihrer aller Freiheit.

Die Ahnu, Oberhaupt der Sippe, war dagegen.

Er sprach oft und lange mit der mächtigen Ahnu, wenn er in das Lager kam. Bis sie nachgab. Vergünstigungen erwirkte.

Ein Plan wurde erstellt und unterschrieben, Männer ausgewählt. Ausgebildet zu töten. Gegen ihren Glauben und ihren Willen, weil es die Ahnu so wollte und dieser große Mann, Arkan.

Er kam auch zu ihr. Dem kleinen Mädchen Lisa mit dem Gesicht einer schwarzen Wölfin und dem deutschen Namen.

Er lehrte sie Deutsch und Serbisch, er habe einmal Großes vor mit ihr.

Die älteren Frauen kicherten. Zu seiner Hure würde er sie machen. Auch gut.

Sie hatte keine Familie innerhalb der Sippe. Ein Findelkind, sagte man. War höchstwahrscheinlich unrein, also nicht zur Gänze zigeunerisch. Durfte selber keine Kinder bekommen. Also war es egal, wen sie sich zum Mann nahm.

Lisa jedenfalls hörte ihm zu und versuchte, seine Laute nachzuahmen.

 

Dann wurde es ernst. Aus den Anschlägen und Scharmützeln der Serben und Zigeuner wurde Krieg, blutiger und grausamer als alles Vorstellbare.

Die Männer der Zigeunersippe fielen bereits in den ersten Auseinandersetzungen.

Ihre Frauen und Kinder im Lager wurden abgeschlachtet. Niemand wusste, von wem. Einige wenige Überlebende. So wie Lisa. Vergewaltigt, bewusstlos, für tot gehalten.

Überleben in unwegsamer Bergeinsamkeit, bittere Winter, öde Sommer.

1999 wurde die kleine Gruppe aufgelesen. Wieder ein Lager. Fürstlich gegen die vorangegangenen Entbehrungen. Zwei Männer der Sippe stießen zu ihnen.

Und schmiedeten in der Untätigkeit des Lagers den Plan, die Vernichter ihrer Sippe ausfindig zu machen.

Jetzt stellte Eugene gezielte Fragen nach dem wie.

„Nein, nicht Onkel, aber nicht wissen gute Mann oder böse Verräter."

09. März 2014

Weiter im 10. Kapitel

Arkan hatte Andrea schon fast überzeugt gehabt. Dass er als Untermieter durchgehen konnte. Dass niemand misstrauisch zu werden bräuchte. Auch die eigene  Familie nicht. Bis sie sich endlich trauen würde, zu ihm zu stehen.

Weil ihn das natürlich schon kränke.

Aber dann hatte die sechzehnjährige Barbara alles kaputt gemacht. Sie wolle keinen fremden Mann im Haus; wenn die Mutti das tue, müsse sie eben zum Vati gehen.

Gott bewahre.  Nein, das wollte Andrea nicht riskieren.

Mist, das war schief gegangen.

 

Und dann, als er schon zu Eugenes Waldhaus einbiegen wollte, hatte er sie gesehen. Nur die Kleine. Aber wo sie war, waren auch die zwei Männer nicht weit. Wie konnten sie ihm so nah gekommen sein?

Unter dem Motorradhelm war er nicht zu erkennen, also Gas und weg. Sie saß im Auto und sah ihm nach. Tat sie das oder bildete er sich das nur ein? Jedenfalls verfolgte sie ihn nicht. Er würde sich ein Zimmer in Andreas Nähe nehmen und wieder einmal untertauchen. Auch diese Kreaturen würden irgendwann die Geduld - und vor allem die finanziellen Mittel – verlieren und abziehen.

 

Auf den kleinen Ort Seidenau würden sie kaum kommen, und wenn doch, würde ihnen niemand Auskunft geben. Solche wie sie waren auch in Österreich nicht gerne gesehen.

Andrea würde ihm glauben, dass er nicht täglich so weit weg von ihr nach Wachegg  fahren wolle. Und wäre beeindruckt.

Eugene allerdings musste auf sein Motorrad ein wenig warten.

 

Der Magier war zutiefst beunruhigt. Gefahr. Hier, in seinem Wald.

Die Hündinnen waren ebenfalls aus dem Häuschen. Ohne Uther, den Chef. Seona hatte sofort seinen Platz eingenommen, keine Frage. Trotzdem, nicht gut.

 

Estellé spielte mit den Ohren. Sie mochte nicht zum Bach hinunter gehen. Da war was. Mehr als nur der Fischotter, den sie auch nicht mochte.

Also auf zum Bach. Etwas mehr Ausrüstung. Für alle Fälle.

 

Er musste die Hündinnen ruhig halten und sehr scharf durchgreifen, um sie am Knurren zu hindern. Lange bevor er sie sah.

Sie badete. Jetzt in der Dämmerung. Im Bach. Nackt. Er KONNTE nicht weg sehen. War auf der Stelle gefesselt.

Eine kleine Gestalt. Zierlich. Ihre Haut schimmerte in dem verbliebenen Licht. Dunkel. Vielleicht arabisch. Die hohen Brüste eines jungen Mädchens, aber bereits schwellend, die spätere Fülle andeutend.

Lange grazile Beine, breite Hüften und eine sehr schmale Taille. Eine dunkle Flaumspur vom Nabel bis zu dem üppigen Dreieck ihrer Scham.

Sie wusch sich ungeniert, schien das kalte Wasser zu genießen. Spielte damit. Ließ sich ausgiebig bewundern.

Und Eugene bewunderte ausgiebig. Der biegsame Körper eines Fohlens, die anmutigen Bewegungen einer edlen Stute, die erotischen Signale einer reifen Frau. Er reagierte darauf. Unbewusst. Ließ die Hündinnen sitzen bleiben und ging näher. Sie sollte ihn sehen. Sie würde nicht erschrecken, nicht sie.

 

Als sie ihn sah oder endlich zur Kenntnis nahm legte sie ihre Arme gekreuzt über ihren Leib, um so ein klein wenig ihrer weiblichen Reize  zu verdecken.

Jetzt erst konnte er ihr Gesicht unter der Flut langer schwarzer Haare erkennen. 

Das war nicht arabisch. Eher schon indisch. Ein kleines Gesicht, schmal.

Eine lange Nase, passend. Riesige, zumindest bei diesem Licht schwarze Augen. Lange, gerade Wimpern, die jetzt Schatten auf ihre runden Backen warfen. Hohe Wangenknochen, die Jochbeine einer Wölfin.

Faszination. Gefahr. Erregung.

Ein solches Wesen konnte aber doch gar keine Gefahr ausströmen. Er musste sich irren.

War überreizt, seit Wochen besorgt. Dauernd unter sexueller Spannung bei dem Tanz, den er mit Karo aufführen musste. Sie hier konnte ihn von all dem erlösen ... .

Okay, zurück zur Vernunft. Vor sich hatte er ein junges ausländisches Mädchen, das sich plötzlich einem Mann gegenüber sah. Der es erschrecken musste durch seine bloße Anwesenheit und durch sein Aussehen, das sich von den Österreichern unterschied. Über seiner kurzen Jean trug er die Decke. Die er jetzt abnahm und dem Mädchen hinhielt. Sie nahm sie und hüllte sich ein. SCHMIEGTE sich darin hinein!

Sofort war seine Erregung wieder da und alle Vernunft dahin.

Tief durchatmen. Reden. Da mussten irgendwo ihre Eltern sein. Campende Touristen.

„Sprichst du Deutsch?“

„Ein wenig.“ Eine raue Stimme. Die Stimme einer erwachsenen Frau, sehr - geschult.

„Was machst du hier?“ Unbewusst hatte er eine seiner Gesten verwendet, die sehr viel mehr ausdrücken konnten:

  • In meinem Wald, in den sich nie jemand verirrt und wo Gefahr lauert, die ich nicht erkennen kann? -

„Ich bin hier wegen ...Onkel.“

Eugene sah sich um.

„Ah, jemand ist bei dir?“

„Nein, ich suche.“
„Warum?“

„Gefahr.“

Ein Onkel in Gefahr? Ein Mädchen mitten im Wald, um ihn zu warnen? Und wusste nichts Besseres zu tun als zu baden? Okay, sie stand nackt vor ihm unter seiner Decke. Er stand in Flammen. Sein Hirn buchstäblich in der Hose. Aber so vernebelt konnte er auch wieder nicht sein, dass er das glauben mochte.

„Es wird kühl. Willst du in mein Haus kommen?“

„Muss Kleider holen.“

Während sie die Kleider suchte, die in der stärker werdenden Dunkelheit nicht mehr gut auszumachen waren, sah Eugene sich um. Da waren vielleicht auch menschliche Augenpaare, die ihn beobachteten. Im Haus würde er sicherer sein.

„Es sind Hunde hier. Sie tun nichts.“

Nun ja, sie knurrten und drohten und hörten sehr ungern auf Eugene, der ihnen schließlich bedeutete, sie sollten ruhig sein, er wisse, dass dies eine Gefahr sei.

Er führte sie in die Küche. Ambra und Rosean sollten draußen Wache halten, was sie sofort eifrig schnüffelnd übernahmen. Seona blieb bei ihm. Sehr nahe. Wie eifersüchtig.

 

Die Schöne setzte sich, immer noch in seiner Decke, und legte ihre Kleider und einen Beutel auf ihren Schoss. 

„Wie heißt dein Onkel?“

 

08. April 2014

Das 10. Kapitel geht weiter

Karo wunderte sich über das Auto, das schon seit Camelot hinter ihr blieb.

Sie fuhr nie schnell mit dem Firmenkombi, besonders Richtung Wachegg, wenn sie jede Menge Waren an Bord hatte. Und Alina. Deshalb war sie daran gewöhnt, von anderen Fahrzeugen überholt zu werden. Dass einmal eines hinter ihr blieb war ungewöhnlich. Sie wollte mal genauer sehen, wer das sein konnte. Natürlich dachte sie sofort an Manuel. BMW war das da hinten aber sicher keiner. Was Kleineres. Vorhin hatte sie sich sogar eingebildet, es sei eine Frau hinter dem Steuer. Lange Haare. Das würde das geringe Tempo erklären. Sie traf ab und zu auf ältere weibliche Fahrerinnen, die sie mit dem Kombi oder sogar dem Firmen-Bus überholte. Manchmal auch Männer. Die mit dem Hut. Die das Tempo ihres Traktors auch im Mercedes beibehielten. 

 

Bei der nächsten Einfahrt in einen Waldweg bremste sie rasch ab und fuhr rechts hinein. Das Auto nach ihr fuhr langsam vorbei. Eine Frau. Sah ihr direkt ins Gesicht. Irgendwie komisch. Aber na ja, Frau war ungefährlich.

Jung und hübsch. Sehr dunkel. Vielleicht eine Türkin, die gerade den Führerschein gemacht hatte. Sehr vernünftig.

 

„Das war eine Hexe.“
Alina hatte bisher zu Karos Manöver nichts gesagt. Ihre Bemerkung jetzt kam für die Schwester unerwartet.

„Du kannst doch nicht alle dunkleren Menschen als Hexen bezeichnen!

Gerade du nicht. Du weißt doch, dass Mama ein Zigeuner Kind war. Blond hin oder her.“

„Ihr Papa war sehr dunkel. Die Ahnu nicht so viel. Weiß ich alles. Diese hier ist gefährlich.“

„Alina!“

„Wurscht, is eh schon weg.“

 

Die zwei Paksi Mädels wollten nur kurz bei Eugene bleiben. Uther einladen und nach Camelot bringen. Dann ein paar Tage Neusiedler See. Reiten für Alina und faul in der Sonne lesen für Karo.

Das war so ausgemacht seit klar war, dass Arkan länger bleiben würde und sein Gastgeber nicht so einfach fortgehen konnte.

Eugenes Augen waren umwölkt. Keine Spur eines Fältchens um seinen schönen Mund.

Machte er sich Sorgen wegen der blöden Manuel Geschichte?

Karo wollte ihn aufmuntern.

„Keine Angst, wir passen gut auf deinen Stammhalter >Uther den Großartigen< auf. Und er auf uns. Du hast ihm doch alles genau erklärt?
Gebrauchsanweisung und Lageplan hat er mit?“
 

Eugene und Alina sahen sich an. Sprachen kein Wort. Eugene hatte seine Hände in Brusthöhe erhoben, hielt die Finger gespreizt, bewegte nur leicht die Handgelenke. Die Beiden hörten ihr gar nicht zu.

„Hallo, könnt ihr mal aufhören mit eurer Fummelei? Ich bin auch noch da!“

Alina drehte ihr jetzt das Gesicht zu und Karos Herz machte wieder diesen erschreckten Hüpfer, den sie jetzt schon kannte. Weil sie diese Augen kannte. Und fürchtete. Fast nur Pupillen. Das machte die Augen absolut unnatürlich.

Und das im hellen Sonnenlicht.

Sch.... , das war doch gar nicht möglich! Und dann diese Stimme! Viel zu tief, viel zu ruhig.

„Komm, wir fahren. Gleich.“

 

Drehte sich um und ging hinter Eugene her als hätte er sie an der Leine.

Karos Herz jagte in dummen, vorwitzigen Sprüngen. Oh wie sie diese Mätzchen der Kleinen hasste. Eugene hatte da einen schlechten Einfluss.

Alina gefiel seine >Zauberei<, was immer das sein mochte, Karo verabscheute es.

Sie machte sich ans Ausladen. Heute extra viel, damit Eugene nicht auch noch den Papa mit durchfüttern musste.

Uther kam angetrabt, hoheitsvoll wie immer.

„Hallo, alter Junge, darfst mit zur Tara. Hopp!“

Dann drehte sie sich zu Eugene um.

„Hast du schlechte Laune heute?“

Er schüttelte den Kopf. Noch immer kein Wort.

„Bist du sauer auf mich?“
„Nein. Pass gut auf. Sieh dir alle Leute genau an. Nirgends ganz alleine hin gehen. Hör auf Alina.“
„Hey, Moment mal, noch bin ich hier die Große. Was habt ihr denn heute?

Komplett übergeschnappt.“

 

Er kam ganz nah zu ihr und küsste sie auf die Wange. Heiß und brennend, auch als sein Mund schon lange wieder weg war.

„Fahr los.“

„Na so was. Schickt mich einfach weg. Und du spielst mit.“
Alina war schon auf dem Rücksitz. Uther bei ihr, ganz nah an sie gedrückt.

Karo sah aufmerksam in den Rückspiegel. Das Mädchen lächelte ihr zu wie immer. Lieb und fröhlich und sehr kindlich. Hellbraune Augen. Wie Uthers.

Kleine Pupillen, schließlich war es sehr hell draußen. Ein schöner Sommertag.

„Ich glaub, ich spinn ein bissl ...“

 

„Du arbeitest immer so viel und dann machst dir auch wegen allem solche Sorgen. Jetzt mach ma Urlaub und dann geht’s dir wieder ganz gut.“

„Ja. Ja, Alina, ich freu mich auch schon sehr. Da lassen wir’s uns gut geh’n, gell?“

 

06.04.2014

Anfang 10. Kapitel

erst heute, da hochladen in den letzte Tagen leider nicht möglich war - tja, wenn man am östlichsten Randerl Österreichs auch noch eine Internet Verbindung will, das ist schon viel verlangt ...

10. Kapitel

„Wir ziehen das jetzt durch.

Und wenn der Wahnsinnige Kopf steht.

Ich hab nie etwas unterschrieben und es hat keine Absprachen gegeben.

Vielleicht, aber nur sehr vielleicht hab ich ihm gegenüber meine Idee von weiteren Keltic Produkten erwähnt. Aber von einer dementsprechenden Werbelinie war nie die Rede. Wie er davon erfahren hat weiß ich auch nicht, aber er hat wirklich überall Kontakte und weiß, wie er an die Leute heran kommen kann ...“
„Das haben wir gsehen, ja.“

„Es hilft aber nicht, wenn du mir das jetzt hundert Jahr vorhältst.“

„Na, entschuldige, so war das net gmeint, das tät i doch net, hundert Jahr vorhalten – i hab da so an etwa neunundneunzig Jahr denkt ...“
„Und lustig machen brauchst dich auch nicht, i hab eh mein Fett weg kriegt.“

Aber Karo nahm Miros gutmütige Sticheleien nicht sehr ernst.

Natürlich war es ihr peinlich gewesen, als sie der ganzen Familie beichten musste, dass sie wusste, wer hinter den Drohungen steckte.

Eugene hatte ihr dazu geraten und wie immer Recht gehabt.

Denn die Reaktion aller war natürlich sofortiger Zusammenschluss in absoluter Einigkeit.

„Das lassen wir uns nicht gefallen. Der soll ruhig kommen.“
Miro entwickelte im Geiste sofort Verteidigungsmaßnahmen.

Er dachte auch noch laut ein bisschen weiter, zur allgemeinen Belustigung.

„Stacheldraht, Minenfelder, Wachtürme. Selbstschussanlagen. Elektrozaun. Patrouillen. So wie ein paar Kilometer weiter und mehr als ein Jahrzehnt früher hinter dem eisernen Vorhang ...“

 

„Probier’n  wir’ s vorher lieber mit Uther und Tara. Eugene muss nur erst alles organisieren, weil ja der Papa immer noch – mehr oder weniger – bei ihm wohnt, dann kommt er mit dem Hund und trainiert ihn hier ein. Vielleicht kann er sogar selbst ein bisserl da bleiben, aber er wird Mitte August nach ... London fliegen.“
„Hey, unser Einsiedler wird mobil. Warum denn das?“
„Mmm, geschäftlich ...“

„Vom Daddy Geld nachfassen, oder?“
„Miro, das geht uns nichts an.“

„Naa, eh net. I finds gut, wenn er da is. Dann haben wir auch noch ein paar Waldgeister  zur Unterstützung gegen den Feind. Kann net schaden.“

„Brauchst dich gar net lustig machen, der Jutschin is AUFMERKSAM auf das, was du alles gar nimmer siehst. Und das nennst du dann Geister, in deiner UNWISSENHEIT.“
„Ja, Bua, jetzt hast mirs eini gsagt!“

 

Alina verzog das Gesicht. „I bin a Mädl, und trotzdem weiß i schon solche Sachen, was du erst lernen musst, du Bua.“

 

Eugene mochte gerade jetzt nicht gerne weg gehen und Arkan alleine lassen.

Obwohl der gar nicht viel bei ihm war, hatte er doch seinen Stützpunkt hier.

Der Serbe hatte etwas mit einer Frau, das konnte Eugene, nun ja, förmlich riechen. Aber das war es nicht, was sich zusammen braute. Es war eine reale Gefahr, die näher rückte.

Die Schwierigkeiten in Camelot schätzte er als weniger brisant ein.

Trotzdem wäre er lieber bei seinen Freunden gewesen.

Seit es die Paksis im Waldviertel gab, konnte er von seinem ruhigen Eremiten-Dasein  nur noch träumen. Was er aber nicht tat, weil er ja von Karo träumte. Und einem gemeinsamen Leben mit ihr, das immer aufregend sein würde. 

 

Arkan war ihr Vater. Überaus starke Persönlichkeiten gab es in dieser Familie, die nie so richtig eine gewesen war.

Dass Gudrun Paksi und der Mann, den er jetzt etwas näher kennen gelernt hatte, kein leichtes Leben mit einander hätten führen können, nicht einmal unter normalen Bedingungen, erschien ihm klar. Die politischen und kulturellen Probleme hatten die Ausgangslage wahrscheinlich nur verschärft.

 

Kulturell konnte der Serbe sich sicher wieder an österreichische Verhältnisse anpassen. Politisch - konnte es sein, dass die Gefahr dort zu suchen war?

In seinem politischen, kriegerischen Umfeld? Aber Eugene wollte nicht suchen, er wollte nur erkennen und abwehren.

Arkan machte sich anscheinend keine Sorgen. Er war höflich und ... angepasst.

Kam und ging wie es ihm beliebte, ohne Eugene zu stören. Ließ sich an der Landesstraße oben sogar abholen. Schicker Wagen und eine Fahrerin um die vierzig.

Wozu sich auch aufregen. Für Arkan lief alles bestens.  Österreich, das gelobte Land. Alle Leute, die er bisher getroffen hatte, waren äußerst hilfsbereit gewesen.

Die Suche nach den Paksis. Nicht schwer, wenn man auf die richtigen Nachbarn traf.

Andrea, von der er wirklich nur noch den Vornamen gewusst hatte. Kein Problem, wenn man die Paksis erwähnte. Die Zigeuner Familie, die es zu einer eigenen Mode Design Firma gebracht hatte. Sehr undurchsichtig, aber das ist ja normal bei Zigeunern. War schon bei der ganz Alten so, die aus dem KZ. Und jetzt war doch die Junge auch schon tot. Und dieser vornehme ältere Herr fragte nach der Freundin, nicht schwer. Dem Manne konnte geholfen werden.

Arbeit würde er bald finden können. Vielleicht sogar als Übersetzer. Aber vorerst hatte er noch genug Geld und war hier als Tourist. Wenn er wollte, konnte er als wohlhabend gelten.

Musste aber nicht jeder wissen. Die Kinder zum Beispiel. Armer alter Kriegsveteran. Ein gutes Klischee.

Mit der Andrea in eine neue Zukunft. Serbien und an die zwanzig Jahre Untergrund vergessen. Andrea war ein warmes, unkompliziertes Nest.

SIE würden sie kaum ausfindig machen. Die Paksis unter Umständen schon, da hatte der findige Schotte bestimmt Recht.

Toller Bursche, würde einen guten Kämpfer abgeben. Gut möglich, dass er etwas Fernöstliches konnte. 

Und irgendwelchen Dreck am Stecken hatte der auch.

02.April 2014

Ein kurzes Ende des 9. Kapitels

„Ja, schon, aber kann er das nicht laut tun? Damit wir auch mitreden können?“
 

„Nein, weil er muss jetzt mit seinem tiefsten Inneren kommu ... so was wie sprechen halt. Da braucht man Achtsamkeit dazu und das geht nur alleine.

Na ja, die Hunde dürfen schon dabei sein und ich glaub auch andere Tiere, die stören das tiefste Innere nicht. Aber wir schon. Alle Menschen, glaub ich. Verstehst?“

„Ähh ... ja, wenn st es so sagst!“

01. April 2014

Kapitel 9 geht weiter

Sie trafen sich täglich, bis Arkan ihr sagte, dass Eugene sein Motorrad selber brauche.

„Ich kann aber nicht einen Tag ohne dich sein, und schon gar keine Nacht.“
 

„Arkan, so geht’s eh nicht weiter, wie wir schon seit einer Woche tun. Nächsten Samstag kommt meine Kleine heim, dann is aus.“

„Und was dann? Willst du mich dann einfach fallen lassen? Damit dein Körper vertrocknet, jetzt, wo er erst richtig aufblüht?“
Ah, Wonneschauer wenn sie nur daran dachte.

Zunächst einmal wohnte er ganz bei ihr, bis zum Samstag. Die richtige Lösung war ihnen noch nicht eingefallen. Arkan eigentlich schon, aber er sagte noch nichts.

Tat dafür umso mehr.

„Das sollte nicht passieren. Ich kann immer noch ... ein Kind kriegen.“

„Wäre das so schlimm? Ich bin so verliebt, ich wünsche mir zehn Kinder von dir!“

„Sei nicht so verrückt.“

„Wir könnten heiraten.“

„Wir könnten von der Brücke springen.“

„Von welcher?“

„Ich mein’ s ernst ... das heißt, nicht die Brücke!“

„Ich meine es noch ernster, mit dem Heiraten. Warum nicht? Wir sind ungebunden und verliebt. Heute sind die Probleme nicht mehr da wie früher, es gibt Arbeit und Aufenthaltsbewilligung und alles.“

„Nein, nein, so einfach geht’s trotzdem nicht!“

„Ich liebe dich. Komm, setz dich auf mich. Ich zeige dir, wie sehr ich dich liebe.“

Andrea war hin und her gerissen.

Er war so leidenschaftlich und so hitzig und sehr männlich. Aber sie wollte nicht Radovic´ heißen.  Was ihre Kinder dazu sagen würden! Und Frankie. Nein. Sie konnten sich auch im Verborgenen lieben. Aber zukünftig würde sie sich um die Empfängnisverhütung kümmern. Dazu war er zu heißblütig und würde ihr in seinem Überschwang doch glatt noch ein Kind andrehen.

 

„Hallo, du Biest. Leg ja nicht auf, sonst erschlag ich den Hund. Ist da vor mir. Angekettet. Ich hab einen Hammer in der Hand. Schön groß. Der Stiel wär was für dich - weißt schon, was du letztens so genossen hast...“

Karos Gedanken jagten. Sie war mit Alina nach Wachegg unterwegs. Julian mit Bernadette irgendwo in Italien. Kamen erst nächste Woche zurück.

Miro und Sofia hatten über keine Pläne gesprochen, würden aber bei dem schönen Wetter am Samstagvormittag sicher nicht zu Hause sitzen.

Wenn der Wahnsinnige sich wirklich Tara geschnappt hatte ...

„Deine neue sogenannte Werbekampagne, die du da lancieren möchtest. Ich hab meine Ohren überall, ich weiß schon, dass du mit Raimund & Partners zusammen arbeiten willst. Das war aber alles meine Idee. Mit den neuen Produkten und der Aufhänger auch. Alles gestohlen. Dem alten Raimund fällt ja nichts mehr selber ein. Im Bett auch nicht. Das wirst du schon noch merken. Keine süßen Spielchen mehr. Einfach aufs Kreuz und die Beine breit. Aber ich verklage euch.  Und ich komme wieder öfter zu dir. Dein blöder Hund wird dir nicht helfen. Und dein Bruder  wird mich auch nicht mehr überraschen, sag ich dir. Ich hab genug Zeit gehabt zum Nachdenken.

Wenn das jetzt nicht wäre, dass ihr mir alle meine Ideen gestohlen hättet, ich hätte es dabei bewenden lassen, aber so - muss ich mich ja zur Wehr setzen ...“

Karo hatte inzwischen das Auto gewendet. Alina fragte zum dritten Mal vom Rücksitz aus, was denn los sei. Jetzt brausten sie Richtung Camelot.

DER wenn ihr unter die Finger kam. Noch einmal würde es keinen Überraschungsangriff geben. Höchsten von ihrer Seite.

Manuel redete sich immer mehr in Rage, wie gemein sie ihn ausgenutzt hätte. Karo stachelte ihn auch noch an, in dem sie ihm widersprach und sehr entrüstet tat. Solange er sprach, konnte er wohl wenig Schlimmeres anrichten. 

Jetzt würden sie gleich zu Hause sein. Vorsichtig. Nach seinem Wagen Ausschau halten. Auf den Hinterhof. Alle Fahrzeug-Türen geschlossen. Alina sagte nichts mehr. Duckte sich in ihrem Sitz. Hatte irgendwie verstanden, dass es gefährlich wurde.

Tara kam herangeschossen. Freudig, weil wieder jemand bei ihr war.

Sehr gut. Fehlalarm. Der Wahnsinnige sprach immer noch am Handy.

Karo öffnete die Beifahrertür. Bedeutete Tara, herein zu springen.

Toll, Worte überflüssig. Lieblingsbeschäftigung der Hündin, neben Frauchen sitzen und aus dem Fahrzeug schauen, wenn alles nur so vorbei flog.

Jetzt konnte sie die Verbindung unterbrechen. Sie hatte noch gehört, wie er ihr seinen nächsten Besuch schildern wollte. Er würde einen Freund mitnehmen, einen riesigen Jamaikaner. Falls ihr Bruder sich wieder einmischen wollte. Ansonsten würden sie dann zu zweit bei ihr sein, und beide ...“
Aus. Knopfdruck und weg. Der war ja wirklich krank. Und so was hatte sie freiwillig ... . Oh mein Gott.  Jetzt musste sie das alles auch noch Eugene erzählen, sich mit ihm beratschlagen. Er war ja beinahe der Einzige, der etwas wusste von dem ganzen Debakel.

Das Haus ohne Tara unbewacht. Miro anrufen. Drohung bekommen. Wieso, von wem? Gendarmerie verständigen.

Schön, musste sie das auch noch auf sich nehmen.

„Alina, wir müssen jetzt eine Anzeige gegen Unbekannt machen. Komm, da lernst was.“

Die Gendarmen waren sehr zuvorkommend. Standen zu dritt da und hörten zu. Einer schrieb.

Drohungen, jawohl. Gegen die Firma, gegen den Hund, gegen ihre Person.

Als alles aufgenommen war versprachen die Beamten, öfter eine Patrouille vorbeizuschicken.

Alina war ganz aufgeregt. Voll geil, voll spannend.

„Das erzähl ich jetzt dem Jutschin, der wird dem den Garaus machen, der Uther wird ihn zerfetzen, wenn ich ihm erzähl, dass er die Tara bedroht hat, der Bösewicht hat überhaupt kein Leiberl gegen uns ...“
Allzu besorgt war das Mädchen nicht. Wieder jemand, der grenzenloses Vertrauen hatte zu dem großen Magier.

Seit Arkans Besuch war er Karo nicht mehr näher gekommen. Hatte seinerseits so getan, als hätte es ihre Spielchen nie gegeben. Das war ihr jetzt aber auch nicht Recht. Hatte er tatsächlich nur gespielt?

Eugene machte sich Sorgen. Arkans wegen. Unter diesen Umständen wollte nicht einmal er selbst den Paksis noch  nahe kommen. Am besten sollten Karo und Alina ganz weg bleiben. Er würde ihnen vorschlagen, auf Urlaub zu fahren.

Seit heute morgen hatte er noch mehr Sorgen, weil sie noch nicht da waren und Alina unklare Signale aussandte. Nicht direkt Angst, aber es braute sich schon wieder etwas zusammen. 

Er würde warten und sehen, wie es weiter ging.

Aber es musste  sich bald etwas ändern. ER musste auf eine Änderung hin arbeiten. Zu lange hatte er zugesehen und gewartet und war sich selber nicht schlüssig gewesen.

Er wollte die Paksi Mädels zu sich holen, sie immer um sich haben. Auf sie aufpassen. Aber das würde sich nicht einfach so ergeben. Er würde wohl darum kämpfen müssen.

Erst einmal hörte er sich Karos und dann Alinas Version der Ereignisse an.

Sagte nichts und ging mit den Hunden in den Wald.

Das konnte Karo ganz schön auf die Palme bringen, wenn er so etwas machte.

„Er denkt halt nach, das weißt eh.“, versuchte Alina zu beschwichtigen.

31. März 2014

Es geht amourös weiter im 9. Kapitel

„Ist unser Papa immer noch bei ihm?“

„War er jedenfalls.“

„Aha.“

„Hinsichtlich Keltic design alles klar? Keine weiteren Fragen?

Ihr bekommt dann das Protokoll.

Und ihr werdet sehen, dass wir richtig liegen.
Danke, dass ihr euch die Zeit genommen habt.“

 

„Andrea Oswald.“

„Hier spricht Arkan.“

„Wer?“

„Arkan, Gudruns Mann.“

„... Gudrun, -- von der Gudrun Paksi, die gestorben ist?“
„Ja.“

„Ja, Grüß Gott.“

„Ich wollte fragen, weil ich gerade hier bin, ob wir uns einmal sehen könnten und über früher sprechen, weil, also, ich war so erschüttert, als ich von ihrem Tod gehört habe ...“

„Das waren wir alle, das könnenS mir glauben …“

„Bitte!“

„Ja, - ja also gut. Wann denn und wo?“

Sie verabredeten sich in einem Cafe´ in der Nähe.

Es wurde ein sehr langer Nachmittag. Schließlich machten sie noch einen kleinen Spaziergang. Schön außerhalb vom Ort. Musste sie ja keiner sehen.

„Ich glaub s gar net, dass so viel Zeit vergangen is.“

„An dir sieht man es auch nicht, dass sie tatsächlich vergangen ist.“

„Jetzt hör aber auf, das is a bisl zu dick autragn, weißt was des heißt?“

„Ja, dass du bescheiden bist.“

„Mei’, bist du raffiniert!“

Natürlich waren sie beide neugierig gewesen.

Zum Glück nicht viel Betrieb in dem kleinen Cafe´.

Erkennt man sich überhaupt wieder nach sechsundzwanzig Jahren?

Er hatte damals gut ausgesehen.

Jetzt wirkte er seriös, fast distinguiert. Kein Gastarbeiter-Gesicht. Nichts von den Typen, die man im Fernsehen aus Serbien sah.

Und schnell waren sie wieder so unkompliziert freundschaftlich mit einander umgegangen wie damals, als sie vor dem Zelt gesessen waren.

Gudrun war tot. Frankie mit einer Jüngeren beschäftigt. Scheidung.

Soweit war alles geklärt.

Arkan machte ihr weitere Komplimente. Ließ durchblicken, dass er bei seinen Kindern in Karlsburg oder zumindest im Waldviertel bleiben wolle.

„Ich habe mich lange genug für mein Land kaputt gemacht.“

„Ja also der Krieg ...“

Er sei ein hoher Beamter gewesen, habe immer versucht, alle Gruppierungen an einen Verhandlungstisch zu bringen. Jetzt sei seine Mission erfüllt. Er sei enttäuscht von seinem Land.

So was wie ein stiller Kriegsheld?

Nein, nein ...

Jetzt sei wohl er zu bescheiden.

Er brachte sie zu ihrem Auto.

„Ja, also dann ...“
„Ja, also, ... also weißt, Arkan, eigentlich is schon Abendessen Zeit. Gemma noch was essen, was meinst? Da gibt’s an netten Heurigen ein bisserl weiter draußen, des wär grad recht.“  - Muss uns ja niemand sehen, wird eh immer gleich so blöd gredet. -

Ja, der Heurige vom letzten Jahr war auch nicht schlecht. Andrea trank ganz gern einmal ein Glaserl. Bisserl was Deftigeres zum Essen, dann war man gut aufgelegt. Wichtig nach der Scheidung, dass man sich selber auch einmal was gönnt.

Arkan hielt gut mit, war amüsant und sehr höflich. Wenn sie so zurück dachte, das hatte er wohl immer schon gehabt, dieses fein gesittete. Die Grudrun ja auch. Immer die besten Manieren, als ob sie eine höhere Tochter gewesen wär. Aber nett, nett war sie gewesen, ihre Freundin.

„Naa, so jung hats schon sterben müssen. Entschuldige, aber ...“
„Möchtest du gehen?“
„Ja, is gscheiter, weil wenn i so zrückdenk, muss i doch noch weinen.“

Arkan brachte sie zum Auto und stieg auf der Fahrerseite ein.

„Es ist besser, wenn ich dich fahre, du bist jetzt ein wenig ... angegriffen.“

„Ja, und Verkehrskontrolle würd i auch net gut bestehen. Fahr nur, i sag dir den Weg.“

„Aber rechtzeitig bitte, scharf bremsen will ich mit meiner kostbaren Fracht nicht.“

„Da vorn musst abbiegen, dann sind wir gleich da.“

Er fuhr aber in die nächste Ausweichbucht, ziemlich weit in die Wiese.

„Was is jetzt, musst einmal austreten?“

„Nein, ich möchte mich bedanken, dass du so einfach ja gesagt hast und dich mit mir getroffen hast. Darf ich dir dafür einen Kuss geben?“

Mädchenhaftes Kichern.

„Sind wir da net schon zu alt?“

Die Antwort war ein Kuss auf die Wange, dann ein Kuss auf den Mund.

Als er keinen Widerstand spürte, öffnete seine Zunge ihre Lippen.

Sie erwiderte seinen Kuss durchaus, legte ihre Arme um seine Schultern und streichelte seinen Nacken.

Das machte ihn kühner. Er berührte ihre Brüste, umkreiste ihre Brustwarzen. Spielte damit, bis sie sich deutlich durch sämtliche Lagen Stoff drückten.

Sie stöhnte ein bisschen.  Erregung, lange schon vergessen.

Sie war seit der Scheidung mit keinem Mann mehr im Bett gewesen,  natürlich nicht,  wo denn her nehmen?

Und jetzt küsste der Arkan sie und erforschte ihren Körper, als sei sie Zwanzig.

Sie war vierundvierzig, er bestimmt schon fünfzig.

Konnten sie sich da tatsächlich noch benehmen wie die Jungen? Knutschen im Auto. Wie damals im Zelt.

„Hey, das Zelt, weiß du noch ... die zwei Kerzen vom Christbaum?“

„Mhm. Deine Brüste waren damals schon toll. Üppig, sagt man ...“

„Du hattest nur Augen für Gudrun ...“

„und du nur für ... deinen Kerl.“

„Frankie.“

„Aber deine Brüste sah ich allemal. Ja, ... vielleicht, wenn wir uns damals besser ... umgesehen hätten, wer weiß ...“

„Wir waren schon noch sehr jung. Und habn uns halt was ausgedacht, damit wir einmal … sozusagen ausprobieren haben können, na ja ...“

„Heute habe ich aber kein Zelt mitgebracht.“

„Ich wohn auch nicht mehr bei meinen Eltern.“

„Hast du schon eine eigene Wohnung?“

„Ja, sturmfreie Bude noch dazu.“

„Können wir das ausnützen?“

„Sollen wir uns das trauen?“

Er hielt seinen Mund nah an ihr Ohr, um flüstern zu können.

„Ich möchte deinen Körper nackt spüren, dich streicheln, überall und lange streicheln. Und küssen, überall und lange küssen. Und dann, wenn du ganz heiß bist, lange mit dir Liebe machen. Bis du schreist und mir sagst, dass du nicht mehr kannst. Ich bin scharf auf dich, seit ich dich gesehen habe. Wie du deinen Hintern bewegst. Ich habe gesehen, dass du heiß bist.

Komm, lass uns in deine sturmfreie Bude gehen.“

Und dort machte er alles so, wie er gesagt hatte. Andrea genoss, ohne viel nachzudenken. Frankie hatte die letzten zwanzig Jahre sicher nicht einmal nur annähernd erwähnt, dass er ihr Zusammensein schön fand. Normal, alltäglich, aus.  

Arkan machte ein Fest aus der Liebe und aus ihr eine Prinzessin.

 

„Leg deine Beine herauf, weiter, auf meine Schultern.“

„Wir brauchen ein Kondom.“

„Später.“

Andrea vergaß, dass sie sich gleich hatte schützen wollen.

Genoss seine Bewegungen und seine Intensität. Seine Worte. Nicht obszön, aber irgendwie anregend. Sie merkte, wie er seinem Höhepunkt entgegen trieb.

„Hör auf, wir müssen ...“

„Nicht jetzt, warte, später, komm! Komm, ja, so.“

Verrückt, sie ließ sich mit ihm fort reißen, in wunderbaren Wogen der Lust, die sie schon Ewigkeiten nicht mehr empfunden hatte.

 

30. März 2014

Das 9. Kapitel beginnt

9. Kapitel

 

Sie waren alle im Besprechungszimmer versammelt, um sich Karos neueste Vorschläge anzuhören und darüber abzustimmen.

Die drei Mädels Alina, Bernie und Sofia waren ebenfalls anwesend, hatten aber natürlich kein Stimmrecht.

 

„Also noch mal: Keltic design soll mehr werden als tragbare Mode für Alternativlinge, die kein Plastikzeug aus den Billigländern mögen.

Der Name muss eine Lebensanschauung wiedergeben, - so wie Harley Davidson.“

Miro prustete los.

„Geh, jetzt übertreib net a so. Harley und Davidson haben fast ein Jahrhundert gebraucht dafür. Oder halt jedenfalls die Nachfolger.“

„Ich sag ja nicht, dass es bei uns schneller gehen wird. UNSERE Nachfolger sollen auch noch was zu tun haben. Oder wünscht du dir keinen krisenfesten Arbeitsplatz für DEINE Kinder?“
Bei dieser Frage hatte sie Sofia angesehen, die prompt rot wurde und schnell zu Miro sah.

„So, also weiter. Welche sonstigen Produkte für Keltic design meine ich?  Solche Produkte, die einfach gut zu unserer Mode passen und in Boutiquen auch bestens verkauft werden können.

Eine Parfümserie mit gesunden heimischen Stoffen. Ringelblume und Kapuzinerkresse und so. Nadelholz-Düfte für die Männer.

Taschen, Schuhe und vor allem Modeschmuck. Eben die ganze keltische Palette. Die Halsbänder und Fibeln müssen zu Kultobjekten des 21. Jahrhunderts werden.“

 

„Bisschen hoch gestochen.“
„Julian, das wär eh genau dein Ressor mit dem Schmuck, du entwirfst, was dir gefällt. Der Miro fertigt die Prototypen, die Muster, dazu.

Das muss nicht aus Edelmetallen sein, wenn du lieber wie bisher deine Ringe und so mit Stahl arbeitest, Miro.

Hochgestochen wäre, wenn ich gleich mit riesigen Produktionszahlen daher kommen würde. Aber das tu ich gar nicht. Wir lassen das ganze langsam anlaufen. Aber wir bewerben es jetzt schon mit.“
 

„Und dann kommst du den Aufträgen nicht mehr hinterher.“
„Ja, das würde ich mir wünschen! Das würde bedeuten, dass ich Recht habe mit der Vermutung, dass diejenigen Kunden, die unsere Kleidung kaufen, auch an anderen Keltic design Waren interessiert sind.“
„Und dann verärgert sind, wenn nicht geliefert wird.“
„Auf einen neuen Mercedes musst du auch warten. Machen alle gern.“

„Mich wundert, dass du unsere Marke nicht mit Rolls Roycs vergleichst.“
„Keine Angst, das kommt schon noch!“

 

Sofia hatte das Protokoll mit geschrieben. Damit für alle nachzulesen war, was die jeweiligen Aufgaben waren.

Julian war nach wie vor mit Entwürfen betraut. Jetzt halt auch eine Schmuckkollektion. Mal sehen, wie gut er mit Taschen und Schuhen zurecht kam.

„Ich werde aber ganz sicher ab September wieder in Wien sein. Mein Geld bei den Wiener Samaritern verdienen und Psychologie belegen.“
 

„Das is super, Julian, je mehr du zu tun hast, desto besser. Die Entwürfe kannst uns auch schicken. Und gar so aus der Welt bist ja nicht. Wien ist nicht – zumindest nicht ganz - der Balkan, da kommen wir schon zusammen.“

„Vom Balkan herauf geht’s auch ziemlich schnell, siehe Papa. Der lasst sich gar nimmer blicken, weil ihn du so vergrausigt hast.“
„Aber der Jutschin weiß, wo er is. Immer. Weil der Jutschin hat an bsonderen Draht. Sogar zu dem A ... euerm Papa.“

 

Alina musste es wissen. Sie hatte eine Unterredung mit ihrem Lieblings-Magier gehabt, als sie letztes Wochenende mit Karo in Wachegg war.

Eugen erzählte ihr, dass Arkan die ganze Woche über bei ihm gewesen war und jetzt Freunde besuche.

 

Tatsächlich war er auch nicht immer anwesend gewesen, weil er „seine Fühler ausstrecken“ wollte. Es hatten sich trotzdem einige interessante Gespräche ergeben.  

 

„Sie haben meine ... Sie haben Gudrun gekannt?“
„Ja.“

„Wie gut?“
 

„Zunächst wie jede Kundin. Wegen des Hundes. Dann als Mutter meiner Freunde.“
„Ist Karo Ihre Freundin?“

„So wie Miro und Julian und Alina.“

„Gudrun ... ich wollte mit den Kindern nicht darüber sprechen, sie haben nur gesagt, sie ist an Krebs gestorben. Hat sie ... hat sie … schmerz … haft … gelitten?“

„Nein. Nein, sie hat an ihrer Krankheit nicht sehr gelitten und sicher nicht an ihrem Tod. – Nur, ... jede Mutter leidet, wenn sie ein Kind verlassen muss – fast jede.“

 

„Sie haben Karos Pferd hier. Was machen Sie noch so für die Paksis?“

„Ich passe ein wenig auf sie auf.“

„Wie meinen Sie das?“

„Manchmal geraten sie in Schwierigkeiten. Sie haben keine Verwandten, nennenswerte, also brauchen sie Freunde.“

„Welche Schwierigkeiten?“
“Krankheiten und andere Missgeschicke. Wie zum Beispiel andere Menschen, die in Gefahr sind und hier her kommen, um, na ja, unterzutauchen und dadurch alle ... Kinder in Gefahr bringen.“

Eugene hätte seinem Gesprächspartner gerne in die Augen gesehen bei diesen Worten. Arkan hatte sich aber abgewandt. Seine Art, mit gefährlichen Situationen umzugehen. Sich nicht in die Karten, also ins Gesicht schauen lassen.

Aber Eugene spürte auch so, dass er richtig vermutet hatte.

„Manchmal passe ich auch auf andere Menschen auf, die Schwierigkeiten haben oder in Gefahr sind.“

„Warum sollten Sie das tun?“

„Weil sie es nötig haben – und ich vielleicht auch.“

 

Am nächsten Tag fragte ihn sein Gast, ob er sich das Motorrad ausleihen dürfe. Er durfte.

 

Eugene sprach mit Alina sofort bei der ersten  Gelegenheit, die sich am nächsten Wochenende bot.

Er ging mit ihr und den Hunden ihre Lieblingsstrecke den Bach entlang.

 

„Diese Sache mit Arkan ... als du ihm Gudruns Zimmer gezeigt hast, das war NICHT gut.“

„Warum denn nicht, es ist ein … ein … Bsrivileg, also, weißt schon, was Bsonderes halt … eine, also, eine Ehre, wenn jemand ihr Zimmer anschauen darf.“

Sie war eifrig und unruhig und in Verteidigungsstimmung, also musste sie wohl selber spüren, dass da was nicht gestimmt hatte. Gut.

„Natürlich. Glaub ich dir. Nur dieses eine Mal nicht. Das war anders.“

„Ich hab doch nicht wissen können, dass er ... dass es ihm was ausmacht.“
„Andere hätten es nicht wissen können, - du schon. Du hast die Gabe der Aufmerksamkeit. Achtsamkeit.

Grausamkeiten gehören nicht ins Programm. Du darfst deine Macht nicht dazu nutzen. Musst in dich hineinfühlen, bevor du etwas tust. Unsere ersten, ganz spontanen Regungen kommen aus dem tiefsten Inneren, das für dein Wohl zuständig ist. Es rät dir nichts, was dir primär schaden kann. Aber manchmal ist es ... so was wie ... boshaft gegenüber anderen. Das darf dein Verstand nicht zulassen!“

 

Alina war stehen geblieben. Sah ihn an, konzentriert und auch ein wenig verwirrt.

„Das ist schwer. Ich will nicht boshaft sein. Ich will mich auf mich verlassen können.“

„Schön gesagt und völlig richtig. Dazu musst du aber dein Innerstes trainieren.“

 

Das war ein lehrreiches Wochenende gewesen für Alina.

Sie wollte so sehr, dass Eugene mit ihr zufrieden war. Den komischen Alten hatte sie nicht gesehen. Besser so, vielleicht wäre ihr wieder eine ... Grausamkeit passiert.

Und Karo  musste sich ganz schrecklich aufregen, wenn sie nur an ihren Papa dachte. Das mochte Alina nicht.

 

Jetzt sahen sie alle an, weil sie wusste, was die anderen nicht wussten.

 

29.März 2014

Der letzte Teil des 8. Kapitels

Aha. Nun gut, diese Nacht. Bevor morgen Abend Alina kam sollte, nein, musste er wieder abreisen.

„Ich mach dir ein Bett im Wohnzimmer.“

„Ja, danke, - dass du dir die Mühe machst.“

 

Sonntagmorgen frühstückten üblicherweise alle in ihren Zimmern, wenn überhaupt. Man sah sich hin und wieder, aber selten vor Mittag. Schließlich wollten alle ausspannen, wenn sie schon mal zu Hause waren.

Das war an diesem Sonntag nicht anders, auch wenn der Papa hier war.

Er kam in die Küche, als er Karo rumoren hörte. Sie war wie meistens außer Alina die erste.

„Guten Morgen.“
„Hallo.“

„Machst du mir auch einen Kaffee?“

„Ja, aber bei uns macht sich eigentlich jeder selber sein Frühstück, wie und wann er will. Ich zeig dir gerne, wo du was finden kannst.“

Nachdem das erledigt war verzog sich Karo schleunigst wieder auf ihr Zimmer. Später würde sie ins Büro im ersten Stock gehen und arbeiten. Der Tag war sowieso nicht mehr zu retten. Bis der Papa wieder weg war.

Sie fühlte sich schlecht. Weil sie ihn reichlich unhöflich behandelte und doch nicht anders konnte. Weil sie ihn immer noch fürchtete und auch das nicht zu ändern war.

Zum Teufel, sollten sich doch die Jungs seiner annehmen. Die zerschmolzen ja vor Mitleid. Besonders Miro, den er immer am meisten gepiesackt hatte.

 

Abends pünktlich um 19:00 Uhr kamen Eugene und Alina. Der Papa saß mit seinen Söhnen und deren Mädels wieder in der Eingangshalle. Es gab ein kaltes Abendessen. Karo war noch nicht wieder erschienen.

Eugene begleitete das Kind ins Haus, wurde vorgestellt und begrüßte Arkan.

Die Beiden maßen sich. Erkannten das Fremdartige am anderen genauso wie das Ebenbürtige.

Eugene fühlte die Stärke des Älteren, die Trauer und die Angst. Große Angst.

Dieser Mann sollte nicht hier bleiben, die Paksis nicht in sein Leben ziehen.

Gegen seine Gewohnheiten begann der Schotte ein lebhaftes Gespräch mit dem Serben. Alina stand immer noch dabei, als die Männer sich setzten. Sie mochte es gar nicht glauben. Ihr Jutschin auf dem Sofa! Saß da und unterhielt sich über Deutschland mit dem Alten, der der andere Papa war. Der nicht hatte sterben müssen, obwohl doch alle IHREN Papa viel lieber gehabt hatten.

„Alina, Zeit fürs Bett!“
„Komm schon!“
„Freut mich, Sie kennen gelernt zu haben.“
Das hatte sie in einem Film gesehen. War besser als >Auf Wiedersehen<. Wenn man jemanden nicht wieder sehen wollte, war das höflich und unhöflich zugleich. Eine Frage der ... Relativität. Ha, sie war gebildet und raffiniert!

Von sich selbst begeistert, grinste sie den Mann scheinheilig an.

„Ganz meinerseits, junge Dame!“

Huups, jetzt war Alina aber doch verblüfft. Ein Ausländer. Und konnte sich genauso gut ausdrücken wie Jutschin. Vornehm und altmodisch. Er war wohl doch ganz in Ordnung.

„Wenn Sie wollen, zeige ich Ihnen Mamas Zimmer.“
Karo rief schon wieder aus dem zweiten Stock.

„Komme schon! Kommen Sie!“   

Alina hätte es nicht erklären können.

Sie, die so eifersüchtig über Mamas Zimmer wachte, wollte es jetzt unbedingt dem anderen Papa zeigen. Der kam mit, ein wenig belustigt und auch neugierig.

Er war nicht gefasst auf den Schock, der ihn erwartete.

Dannys Zimmer!

Alina verließ ihn, als Karo noch einmal rief, sie solle jetzt endlich ins Bad und ihre Kleider in die Waschmaschine und Zähne putzen nicht vergessen und, und, und...

Sie lächelte ein bisschen.

Eugene fand ihn. Beim Fenster stehend. An die Vorhänge geklammert, als könnten die alleine ihn retten. Seelenpein. Ein schreiendes Herz. Ein sehr einsames Herz.

Gequält seit vielen Jahren.

Ein armer Mann. Ein harter Mann. Irgendwann sein Herz verpfändet an eine scheinbar gute Sache, von der er dann erkennen musste, dass sie es doch nicht war. Die ihn aber mit Haut und Haaren gefressen hatte und nicht gehen lassen wollte und erst ausspie, als er wertlos geworden war.

Der Schotte ging hinunter zu Tara. Er wollte auf den Serben warten und ihn zu sich nach Hause bringen. Die Gefahr von hier abwenden.

28. März 2014

Der vorletzte Teil des 8. Kapitels

Er war im Haus, aber nur im Eingangsbereich, wo es so etwas wie einen Empfangsraum mit Sitzecke gab.

Kluge Burschen, ihre Brüder.

Julian - Gott sei Dank war er da - saß seinem Vater gegenüber. Jeder hatte eine Flasche Bier vor sich stehen. Noch eine Flasche stand da, also musste auch Miro in der Nähe sein. Die Mädels hatten sich wahrscheinlich verzogen.

Gut. Durchatmen und hinein ins Geschehen.

„Hallo, grüß euch!“
Dieser große Mann, der ihr Papa war, stand auf und kam ihr entgegen.

Gab ihr die Hand und grüßte sie auf Deutsch. Formvollendet.

Er war erheblich größer als sie, breit, keineswegs dick. Graues Haar, sehr kurz. Sie hatte sich kaum noch an sein Gesicht erinnert. Es erschien ihr auch jetzt nicht sonderlich bekannt.

Er könnte in jedes europäische Land passen, dachte sie. Ach ja, und auch sonst wo hin. Er ist ja in Argentinien aufgewachsen. Passt auch. Egal wo er ist, er fällt bestimmt immer auf.

„Wie geht es dir?“
„Danke, gut. Haben dir die Buben von der Mama erzählt ...?“

„Ja. Ich wusste es nicht. Es ... tut mir Leid.“

Er hatte den Kopf gesenkt, die Finger seiner Hände in einander verschränkt.

Große starke Hände, lange Finger. Gepflegt.

Ein Bild der Trauer. Was spielte er ihnen da vor?               

„Warum bist du hier?“
Er hob den Kopf und sah sie an. Sehr aufmerksam. Nicht väterlich. Das war der Blick eines Mannes, der sie als Frau einzuschätzen versuchte. Konnte er haben.

„Ich möchte nicht, dass du unsere Familie hier auch nur im Mindesten störst.“
Versöhnliches Lächeln, das sie wohl beruhigen sollte.

„Du bist deiner Mutter sehr ähnlich. Ich ... versuche dich wieder zu erkennen. Nach svölf, beinahe dreizehn Jahren.“
„Das wird dir nicht gelingen, ich bin nicht mehr das kleine Mädchen, das du einschüchtern konntest. Wir sind hier in Österreich. Hier lässt sich niemand einschüchtern, auch deine Söhne nicht.“
„Du hast ... harte Wort. Ich bin nicht gekommen, um irgend ... jemand ein, … ein … schüchtern. Ich bin gekommen, weil ich frei bin. Keine politischen Verpflichtungen mehr - Ich wollte euch ... und eure Mutter ... wieder sehen.“

Er war aufgestanden und in Richtung Eingangstüre gegangen. Jetzt sah er hinaus. Stand nicht so aufrecht wie vorhin. Vielleicht ging es ihm wirklich nahe.

Julian und Karo sahen sich an. Verstanden sich wie immer ohne Worte. Die gleichen Zeichen wie damals im Stall, wenn sie nicht zu sprechen wagten aus Angst vor Entdeckung.

Durch ihn, diesen harten, ungerechten Mann, vor dem sie sich versteckten, den Schrecken ihrer Kindheit.

- Lass ihn, er ist in Frieden gekommen. Ein alter Mann. –

- Sei vorsichtig, Julian, du mit deiner Gutmütigkeit. Ich bin mir nicht sicher, was er im Schilde führt. Trauen wir ihm vorerst lieber nicht. Das konnten wir damals nicht und sollten wir jetzt besser auch nicht. -

„Wo ist denn Miro?“
„Der holt was zum Essen, ein paar Brote und so. Die Mädels sind Baden.“
„Ich helf ihm.

Karo war schon weg, bevor einer was sagen hätte können.

Miro mit einem Tablett auf der Treppe.

„Was sagst denn du, was hast denn für ein Gefühl?“

„Ah, Karo, i weiß net, er is so ganz anders. Jetzt wo er da is. Ich mein, ich kann ihn mir gar nimmer vorstellen, so wie er war, so ... grausam ... und so.“

„Ich möchte wissen, was er wirklich will. Er soll net umeinander drucken, sondern sagen, was los is. Vielleicht Geld. Wo er uns nie auch nur einen Schilling zahlt hat, will er jetzt noch eins von uns, wär wirklich kurios.“
„Sei net zu bös, Karo, er schaut so ... traurig aus. Nach so einem Krieg ...“
„Naaa. Mein Mitleid hat er sicher nicht.“
„Komm, hör dir an, was er erzählt, falls er was erzählt.“

Aber Arkan erzählte nichts. Fragte nach der Mama. Nach ihrem Leben.

Miro wäre geneigt gewesen, voller Stolz auf Mamas Erfolge hin zu weisen, wurde von Karo aber gebremst.

Arkan verstand. Sie war eindeutig gegen ihn. Das sah man deutlich.  

Kämpferisch gestimmt. Ich hab sie so ruhig und friedlich in Erinnerung. Auch nicht so schön. Das ist ein Prachtmädchen, Mann.

„Wie hast du uns gefunden?“
„War nicht schwer. Ich kenne mich hier aus. Wir wollten doch einmal hier her ziehen.“
„Mensch, warum habt ihr das nicht gemacht? Das wär doch viel besser gewesen ...“
„Niemand hätte mir Arbeit gegeben.“
„Was arbeitest du jetzt?“
„Ich war ... Soldat.“

„Und dann?“
„Bis jetzt.“

„Du hast bis jetzt ... du warst für diesen ...“
„Das sind lange Geschichten, ihr kennt die Zusammenhänge nicht. Wir sollten nicht darüber reden. Es gibt - Wichtigres.“
„Was zum Beispiel?“
„Eure Zukunft.“
„Die findet auch ohne dich statt.“
„Karo, ich glaube, Papa möchte einfach nur wissen, was wir tun und welche Pläne wir für später haben. Zum Beispiel heiraten.“ Seitenblick zu Miro.

„Ich möchte aber wissen, welche Pläne ER hat.“

„Ich wollte eine ... Ruhepause machen und darüber nachdenken, was noch wichtig ist in meinem Leben. Und ich wollte wissen, ob ich noch eine Rolle spiele im Leben meiner Familie.“
„Deine Familie sind die Radovics. Immer gewesen.“

„Gewesen, ja. Deine Familie der Paksi wird dir auch wichtig bleiben, wenn du eine eigene gegründet hast. Hoffe ich. Bei mir war es so.“

„Und deshalb hast du Danny da hineingehetzt, in diesen unmenschlichen Wahnsinnskrieg?“

„Ja. Er sollte es besser haben als ich, mit der Arbeit und allem. Er wollte kämpfen dafür so wie ich und viele andere.“

„Er muss einer der ersten gewesen sein, der starb.“
„Es waren harte Kämpfe, auch schon Jahre zuvor, im Untergrund. Deshalb war ich so wenig zu Hause.“

Die Geschwister sahen sich an. ,

- Ja,  und Mama musste uns alleine ernähren. -

„Weißt du, was aus Rajka geworden ist?“
„Tot. Bomben. Zugleich mit meinen Eltern. Viele Häuser wurden getroffen damals.“

Karo fielen plötzlich seine Falten auf, seine tief in den Höhlen liegenden Augen. Klare, ebenmäßige Gesichtszüge, ein gut aussehender Mann. Aber der Krieg hatte ihn alt gemacht. Bevor Mitleid in ihr aufsteigen konnte, erinnerte sie sich daran, dass er vom >serbischen Aufstand< gesprochen hatte,  solange sie hatte denken können.

„Du warst maßgeblich daran beteiligt.“

„Nicht daran, dass deine Großeltern getötet wurden.“

„Ich kannte meine Großeltern so gut wie gar nicht, obwohl ich zehn Jahre dort gelebt hab. Für mich waren sie nicht anders als die Leute, die du ... für deren Tod du zumindest mitverantwortlich warst.“

„Du bist eine sehr ... streitbare junge Frau geworden. Aber du weißt nicht, wie es wirklich war. Und ich werde es euch auch nicht erzählen. Ich möchte ... auch gerne ... vergessen.“

Julian schaltete sich wieder ein.

„Du weißt also noch nicht, wie dein Leben weiter gehen wird?“

„Auf alle Fälle ruhiger als bisher.“

„Wo wohnst du? Hast du ein Auto?“

„Alles auf militärischer Basis. Jetzt bin ich Privatmann.“

„Das heißt, du fängst bei Null an.“

„In gewisser Weise, ja.“ 

Sie hatten mittlerweile sämtliche Brote und das meiste an Salaten aufgegessen. Miro hatte zwischendurch für alle noch ein Bier geholt.

„Was können wir noch für dich tun?“

Die Brüder waren ein bisschen schockiert. Das hörte sich ja so an, als wolle es Karo dabei belassen, ihm eine Jause spendiert zu haben.

Arkan hatte wieder den Kopf gesenkt. Das wirkte ... demütig. Miro mochte das gar nicht mit ansehen. Man konnte den Mann doch nicht so grob behandeln. 

„Es ist eine weite Reise bis zu uns. Sicher willst du nicht sofort wieder abfahren. Wir können dir einen Schlafplatz herrichten ...“
Karo war nahe daran, ihm die Bierflasche über den Schädel zu hauen.

Julian dachte an Bernie und Sofia, die nicht erbaut sein würden über den fremden Mann in ihrer gemeinsamen Wohnung.

„Ich weiß nicht, ob ich euch das zumuten darf. Es würde mir natürlich helfen.

Ich möchte morgen zu Gudrun, zu Gudruns ... Sarg, nein... Grab.

Und, ja also vielleicht ein paar Freunde besuchen, die wir hier hatten.“

„Welche Freunde? Davon hat Mama nie etwas gesagt.“
„Wir hatten vor euch Kindern auch ein Leben. Ein sehr glückliches Leben. In Deutschland und hier, bei ihren Freunden. Sarajewo war nicht alles.“

27.März 2014

Der nächste Teil des 8. Kapitels

Plötzlich waren seine Hände weg.

„Alina kommt!“

Er schnappte seine Hose und verschwand im Bachbett.

„Ah, da bist du. Hast du schon so zeitig in der Früh gebadet?“
„Hallo, Mausi. Bissl kalt is schon noch. Ich war mit der Unterwäsche drinnen, die muss jetzt erst trocknen ...“
„Sollst aber gleich kommen, hat der Miro g’sagt. Schlüpf halt so hinein, bis zum Haus geht’s schon.“
„Ja was is denn jetzt wieder los, wieso macht er ’s denn so trabig? Hat er nix g’sagt?“

„Er hat nur gmeint, du sollst ihn schnell zrückrufen, weil der Arkan da is.“
„Ich kenn keinen Arkan. Was gehen denn mich seine Freund ... Arkan?! Der meint doch nicht unseren Papa, oder?“
Karo wurde jetzt doch etwas hektischer in ihren Bewegungen. Ihr Körper konnte nicht so rasch reagieren wie ihr Verstand. Er summte noch nach.

Aber Karos Gehirnrinde war auf ihre Familie konzentriert und auf das, was da schon wieder passiert war. Wie immer, wenn es um die Familie ging.

Die Schwestern gingen mit Estellé im Schlepptau auf kürzestem Weg durchs Unterholz zurück. Eugene war hinter dem Haus mit Sägearbeiten beschäftigt, von seinen Hunden umgeben.

Konnte nicht schaden zu prüfen, was die Kleine wusste oder womöglich sogar gesehen hatte.

„Wieso hast den Eugene nicht gschickt, dass er mich sucht?“
„Der war auch net da, aber die Hunde haben daheim bleiben müssen. Da mag er allein sein.“

- Ja, aber heut hab ich ihn gestört. Hat ihm nicht viel ausgmacht, scheints, dachte Karo noch flüchtig.

„Eugene, ich muss nach Hause, anscheinend ist unser Vater aus Serbien nach Camelot gekommen. Soll ich die Alina gleich mitnehmen oder könntest du sie heimfahren, falls ich nicht mehr kommen kann?“

„Ja, mach ich. Sonntagabend sieben Uhr, oder?“
Seine Augen in ihrem blitzendsten Hellgrün. Die Falten ausgeprägter als sonst, wenn er ein Lächeln oft nur andeutete.

Die Katze im Sahnetopf‚  schoss es Karo durch den Kopf.

Es fiel ihr schwer, sich gleichmütig und unbeteiligt zu geben, als wären sie nicht gerade dabei gewesen, sich endgültig wirklich nahe zu kommen.

Sie tat es trotzdem. Kühl und professionell, ihre Lieblingsrolle.

„Danke, Eugene. See you.“

Auf der Fahrt nach Hause grübelte Karo nach, was ein Besuch ihres Vaters bedeuten konnte.

Natürlich hatten die Geschwister alle Nachrichten aus den jugoslawischen und ex-jugoslawischen Kriegsgebieten genau verfolgt, sowie sie alt genug dazu waren. Mama hatte erklärt, so gut sie konnte.

Die Rolle Arkan Radovics kannte sie nicht. Er kämpfe für die serbische Sache, habe er erklärt, noch lange bevor das restliche Europa auf den brodelnden Balkan aufmerksam wurde. Was hatte er getan? Was wusste er?

Was wusste er denn noch von ihnen, seinen Kindern, die er ja doch kaum jemals  beachtet haben konnte?  Gerade sie, seine Tochter, hatte er kaum zur Kenntnis genommen. Warum auch, wo sie doch nur ein Mädchen war.

Sie waren am Tag nach Neujahr 1990 in Österreich angekommen. Nach einer dramatischen Fluchtaktion ihrer Mutter, die die Kinder größtenteils verschlafen hatten.

Ihre Freundin Rajka hatte Post geschickt, wann immer es ging, aber auch sie hatte nichts von Arkan gehört. Bis die Nachricht von Dannys Tod kam. Ihre Mutter hatte ihm diesen Kurznamen gegeben, um nicht das lange <Slobodan> aussprechen zu müssen zu einer Zeit, als sie noch kaum die fremde Sprache sprechen konnte.

Ein lieber, kluger Junge, der Jüngste der Radovic´ Kinder, wie ein großer Bruder für Karo und bald ihre erste heimliche Liebe. Dann auch nichts mehr von Rajka. Keine Briefe aus der ehemaligen Heimat. Nur die Schreckensnachrichten aus der Zeitung und dem Radio. Von seinem ersten eigenen Geld hatte sich Miro in Oberösterreich einen kleinen Fernseher gekauft. Das machte die Meldungen aus den Kriegsgebieten nicht erträglicher. Sie sahen Aufnahmen von Sarajewo. Zerstört. Minarette, die ihnen als Kinder gar nicht aufgefallen waren. Dort haben wir gelebt? Nein, wir waren dort versteckt. Abgeschnitten von der Außenwelt. Die kleine Schule am Stadtrand der einzige Berührungspunkt mit dem Rest des Universums.

Unterschiedliche Erinnerungen an den Mann, der ihr Papa war.

Alle drei waren sie froh, wenn er nicht zu Hause war. War er es, sahen sie zu, nicht IM Haus von ihm gesehen zu werden. Immer war seine Anwesenheit auch Befürchtung und Stress.

 

Kant, Immanuel Kant. Karo verband diesen Namen mit Angst und Schrecken. IHR hatte der Papa nie etwas getan außer mit ihr zu sprechen. Sie Dinge zu fragen, die sie nicht wusste. Wie nach Immanuel Kant. Sie damit zur Schnecke zu machen, dass sie unwissend und ungebildet war. Und auch bleiben würde.

Miro war es da schon schlechter ergangen. Und der Mama, vor allem der Mama. Besonders das eine Mal, als sie geglaubt hatten, sie sei tot.

Scheußlich. Jetzt, wo sie darüber nachdachte, kamen so viele Erinnerungen zurück. Auch Wut. Aggression.

Sah sich selbst, als sie das kleine, verschreckte Mädchen war, ängstlich allen Männern aus dem Weg huschend. Die trotz der eigenen Ängste immer auch noch die jüngeren Brüder schützen wollte. Die sich so große Sorgen um die Mama machte, wenn der Mann da war, der ihr Vater war.

 

Was wollte der hier? Dachte er, sein Terror hätte noch Wirkung? Bei seinen erwachsenen Kindern? Gestählt durch die harte Schule, durch die er sie hatte gehen lassen?

Miro. Der Aufmüpfige. Der am meisten hatte einstecken müssen. Der Rache geschworen hatte, als Mamas Bestrafungen mit dem Gürtel begannen.

Sie musste schneller fahren. Zusehen, dass sie nach Hause kam, bevor Vater und Sohn sich die Köpfe einschlugen. Und dabei war es ja nicht mehr wichtig. Nicht für die Mama. Die hatte nie Rache gewollt. Nicht einmal schlecht gesprochen über ihn. Es sei wie eine Krankheit gewesen, hatte sie gemeint.

 

Karo wollte nur aufpassen, dass er jetzt nicht noch einmal destruktiv wirken konnte, wie es vermutlich seine Art war.

Pass nur auf. Nicht mit uns. Wir lassen dich noch nicht einmal hineinschnuppern in unsere heile Welt, für die wir so sehr haben kämpfen müssen. Verschwinden musst du. Alina soll dich gar nicht erst zu Gesicht bekommen. Monster wie du haben hier keinen Platz. Kein Recht und – vor allem – keine Macht!

 

26.März 2014

Das 8. Kapitel beginnt

8. Kapitel

 

„Ich weiß nicht, Karo, ich fürchte du übernimmst dich damit. Es bleibt ja doch alles an dir.“

„Natürlich, aber wenn die Materiallieferanten einmal klar sind und die Produktion läuft...“

„ ... gibt’s hunderttausend Pannen, die alle DU wieder klar kriegen musst.

Was sagt denn Miro?“

„Mhh ... er hat mich gefragt, was du sagst. Sofia meint wie ich, dass es ins Firmenkonzept passen würde. Aber beide haben nicht viel Einblick in die Administration.“

„Genau! Wie ich. Aber jetzt beginnen die Ferien an der Uni, wir kommen eh bald heim, hier in Wien is es auch schon schweineheiß. Zu Hause gehen wir noch einmal alles durch. Kannst du so lange warten?“
„Öhh, wenn’s unbedingt sein muss. Ich will euch ja nicht überrennen. Nur - jetzt wär leichter Zeit, sich um die richtigen Lieferanten ...“
„Du kannst ja alles schon vorbereiten. Geistig. Und in spätestens zwei Wochen loslegen, falls wir zustimmen. Inzwischen machst a bissl Urlaub.

Beim Eugene, okay?“
„Hilfe, das ist ja kein Urlaub, so wie der mich schuften lässt!“

 

Eigentlich hatte sie mit Julian telefoniert, weil sie ihre neue Geschäftsidee möglichst sofort in die Tat umsetzen wollte. Prompt hatte der sie auf ihr heikelstes Thema gebracht. Eugene.

Sie war nach ihrem letzten Gespräch wieder hinaufgefahren, zur Erholung für Alina. Und überhaupt. Aber es war die gleiche Spannung wie immer zwischen ihr und ihm. Sie führten ihre kleinen witzigen Gespräche und gingen sich im Übrigen lieber aus dem Weg. Irgendwie. Zumindest was Karo betraf.

Aber dann wieder konnte sie es sich nicht verkneifen frühmorgens zum Bach zu reiten, wenn er darinnen watete, um seine Frühstücksfische heraus zu holen. Dann ließ sie Estellé  den Bach aufwärts in seine Richtung gehen, um ihm „die Fische zuzutreiben“.

Sie sah ihn gerne an. Seine Locken kräuselten sich stärker, wenn sie feucht waren. Morgens waren sie nie zusammen gebunden. Weil er nach dem Aufstehen als erstes ins Wasser hüpfte. Ganz untertauchte. Sich auf die Steine im Bachbett legte und die Strömung die Arbeit des Waschens und Massierens erledigen ließ. Dann hüllte er sich in seine Decke und begann zu laufen, bis er die Decke abwarf und richtig gehend Dampf von seinem Körper aufstieg.

Karo hatte ihn noch nie Seife benutzen sehen. Dafür reichlich Wasser. Im Sommer oft stündlich. Im Winter benutzte er gerne Schnee. Und seine indianische Schwitzhütte.

Wenn sie ihn so beobachtete erschien ihr sein Körper so schön wie der Estellés. Rassig, anmutig und ungeheuer kraftvoll.

Wenn er dann näher kam sah sie Wasser von seiner gespannten Haut perlen, die kleinen Falten um seinen Mund, die nur zu sehen waren wenn er lächelte, nahm das Aroma wahr, das von ihm ausging. Eine Mischung aus Naturgewalt und Männlichkeit.

Nah bei sich konnte sie ihn dann nicht ertragen, ohne ihre verdrehten Empfindungen zu verfluchen. Sie fühlte sich so stark zu ihm hingezogen, dass es sie abstieß.

Naturverbunden und animalisch. Hinreißend und sinnlich. Alles, was sie wollte.  Am Wochenende.

Wo sie ausspannen  und ganz sie selbst sein und scharf auf ein Erotikereignis wie Eugene sein konnte.

Und dann die ganze Woche über wieder knallharte Geschäftsfrau.

Da war  kein Platz für einen hinterwäldlerischen Magier, der auf small talk pfeift und bei einer Modenschau vermutlich im Lendenschurz auf dem Boden hocken würde.  

Sie wusste, dass er sie mochte, auch dass er mit ihr schlafen würde, wenn sie ihn ermutigte. Aber wenn, dann wollte er sie als ganze Karo. Eine Rolle als Wochenend-Gigolo würde er nicht akzeptieren. Das mochte sie ihm ja auch nicht zumuten.

Und deshalb würde ihre Sehnsucht auf Betrachtungen aus der Ferne beschränkt bleiben. 

 

Eugene spürte, wenn sie in der Nähe war. Bis zu ihrem ersten Kuss war es mehr ein Spiel für ihn gewesen. Ein anregendes, erotisierendes Spiel mit der Möglichkeit, seine asketischen Buße-Vorsätze in einigen Teilen über den Haufen zu werfen und diese vorsichtige, verwirrte, ungezähmte Amazone hemmungslos und leidenschaftlich zu lieben.

Aber es wurde ernster. Er wollte sie. Wollte Teil ihres wachen Geistes sein, ständig in ihren kritischen und realistischen Gedankengängen vorkommen und die Hauptrolle in ihren romantischen Träumen und erotischen Phantasien spielen.

Mehr als bisher wollte er sie in interessante Gespräche verwickeln. Er wollte mehr von ihrer Zeit. Ihre Gedankenwelt beanspruchen.

Wenn er wusste, dass sie mit Estellé unterwegs war, versuchte er sich in der Nähe ihrer Reitwege aufzuhalten. Das Pferd spürte als erstes seine Nähe und machte dadurch auch die Reiterin aufmerksam.

Da lag Eugene sorgsam und dekorativ ausgebreitet auf einem vorbereiteten Moosbett und las. Seine abgeschnittene Hose baumelte auf den Zweigen eines Strauches, triefend nass.

Bald begann auch für Karo ein Spiel. Würde er heute wieder an dieser Stelle liegen und darauf warten, dass sein einziges Kleidungsstück anziehfertig trocknete?

 

„Hi. Wie ist das Wasser?“

„Angenehm. Warum probierst du es nicht selber?“

„Ich reite nicht im Bikini aus.“

„Hier schaut keiner, was du anhast. Oder ob.“

Erregende Vorstellung, sich vor ihm auszuziehen. Nicht erniedrigend wie bei Manuels Befehlen.

Sie würde einfach in Unterwäsche in das Wasser waten, sich vielleicht nicht einmal nass machen. Estellé war zufrieden, mal ein Päuschen zu machen. Die langen Zügel am Boden bedeuteten ihr, sich nicht zu weit von ihrer „Herde“ zu entfernen.

Kalt, erfrischend, prickelnd und anregend wie alles an diesem Morgen.

    

„Klapper klapper, klirr, klirr.“

„Zieh das aus, ich reibe dich trocken.“

Es war zu verlockend. Slip und BH landeten neben seiner Hose zum Trocknen.

Sie legte sich auf ein Stück seiner Decke, so züchtig wie möglich  auf den Bauch. Die verbliebene Deckenhälfte benützte er, um sie abzureiben. Wie ein nass geschwitztes Pferd.

Er begann an ihren Schultern, drückte den Stoff fest an ihre Haut, um ihn dann sanft und kreisend darauf zu bewegen.

Ihre gesamte Rückenpartie wurde auf diese Weise massiert, bis hinunter zum Po. Den er nur rasch trocken tupfte. Die Beine weiter hinab, reichlich zügig. Mit den Fußsohlen und jeder einzelnen Zehe ließ er sich wieder viel Zeit. Kreisen und drücken. Kräftig und angenehm. War Karo zunächst angespannt und aufgeregt gewesen, konnte sie sich jetzt unter seinen festen Berührungen endlich entspannen. Wohlig, fast schläfrig fühlte sie sich. Ihre Sinne trotzdem hellwach. Sie spürte seine Hände, hörte sogar seine tiefen Atemzüge unter den vordergründig ziemlich lauten Fressgeräuschen Estellés. 

Von den Zehenspitzen ausgehend arbeitete er sich dann wieder die Beine hinauf. Großflächig nach oben streifend. Waden, Schienbeine, Knie und Kniekehlen, Oberschenkel, Außenflächen, Innenflächen, wieder nach außen, hoch zum Po, der jetzt kräftig massiert wurde, und wieder zu den Oberschenkeln.

Karo stand in Flammen. Okay, sie hatte ihn nicht direkt ermutigt, aber sie hatte sein Spiel sehr willig mitgespielt. Jetzt würde es dazu kommen. Sie konnte ihr Becken kaum noch still halten, wollte einladend mitschwingen. Sich umdrehen und ihn ansehen. Sich ihm öffnen. Sie brannte darauf, wünschte nichts mehr.

25.März 2014

Ende des 7. Kapitels

„Weißt du, was mit der Alina los ist? Schaut ja sehr krank aus.“
„Ja, ihr ist so übel. Was Falsches gegessen oder eine Infektion.“

„Soll sie da nicht zum Arzt?“

„Sicher, aber sie mag nicht. Weil sie auf dem Weg bestimmt zehn Mal brechen muss, sagt sie. Jetzt warten wir erst einmal ab.“

„Hm, und wenn wir den Eugene bitten, dass er sie sich anschaut? Weißt eh, er kann so was.“

„Jaaa, muss net gleich sein, wahrscheinlich ist es morgen schon wieder gut.“

 

Miro war schon aufgefallen, dass seine liebe Schwester zur Zeit nichts zu tun haben wollte mit dem Schotten, der doch immer so bemüht war um alle Paksis. Was sie bloß jetzt wieder hatte?

„Sagst mir’ s halt morgen, dann fahr ich rauf, muss eh mein Motorrad ein bissl bewegen.“
„Ja, ja.“

 

Karo machte sich aber mehr Sorgen, als sie zugeben wollte.

Am nächsten Tag war Alina immer noch so eigenartig zittrig und konnte keine Nahrung zu sich nehmen.

Als Miro am Nachmittag von der Arbeit kam, bat sie ihn, doch nach Wachegg zu fahren.

 

Sie kamen sehr spät zurück. Nur auf Miros Motorrad.

„Eugenes springt nicht an. Muss ich mir am Wochenend genauer anschaun.

Kannst ihn du dann zurück fahrn? Es kommt so ein schiaches Gewitter, da darf ich net fahrn, sagt die Sofia.“
Eugene und Karo grinsten. War schon beachtlich, wie die kleine Braut das Sagen hatte. Und natürlich völlig richtig, fand Karo.

Sie drehte sich schnell um, sprach, während sie schon die Treppen hinauf ging. Wie es Alina bisher gegangen war und dass es nicht besser wurde.

Am oberen Treppenabsatz hielt er sie auf, fasste sachte nach ihrem Arm.

„Warte.“

Sie drehte sich um, musste ihn jetzt wohl ansehen. Seine Augen so dunkel wie vor drei Wochen.

„Ich hab dir alles gesagt, glaub ich ...“
„Was war VORHER? Was ist mit ihrer psychischen Verfassung? Warum wart ihr so lange nicht bei Estellé? Das ist ihr wichtig ...“
„Langsam, langsam.  Was willst du mir sagen? Bin ich jetzt schuld, weil ich nicht hinauf kommen wollte? ...Äh, wieso glaubst du, dass es was Psychisches ist? Sie hat eine Magenverstimmung.“

„Sie ist nicht wie sonst. Ich kann sie nicht erreichen ... .

Du weißt, dass sie ... sehr ... empfindsam ist.“

„Wenn ich mir fast den Magen herauskotze, bin ich auch nicht zum telefonieren aufgelegt, egal ob normal, medial oder sonst wie, okay?“
Seine Augen blitzten auf wie Sonnenstrahlen, die hinter den Wolken hervorkommen. Freude. Das war original Karo. Sie war wieder in Ordnung, psychisch. Nur die Sozialisation war noch nicht abgeschlossen.

Jetzt zu Alina.

Das Mädchen hatte ihn gehört, sah aufmerksam zur Tür. Ängstlich. Er durfte nicht dahinter kommen.

„Hallo, Jutschin, so schlecht geht’s mir gar nicht mehr. Bist du extra wegen mir her gekommen?“

„Ich doch nicht. Ich wollte mit Miros Motorrad fahren, weil meines nicht anspringt. Kleiner Ausflug zu meinem Lieblingskind.“

„Ich hab nur so eine ... Magen und Darm Inspektion, pass auf, dass ich dich nicht anstecke.“

„Das ist noch gar nichts, ich hab eine Witz- und Lachinfektion, pass auf, dass ich dich anstecke, dann hast du morgen Muskelkater und kannst wieder nicht zur Schule.“

Alina setzte sich auf und umarmte ihn. Sah dabei zu Karo auf, mit dem Blick

>siehst du, so geht das<.

„Wenn ihr Zwei was braucht, ich bin in Mamas Zimmer.“
„Was tust du denn da?!“
„Reg dich nicht so auf, Alina, ich arbeite an den Entwürfen weiter, sonst nichts.“
 

Das Gewitter war jetzt sehr nahe, die Donnerschläge krachten gewaltig.

Eugene begann mit einer seiner improvisierten Geschichten, die er ausdehnen würde, bis Alina eingeschlafen war.

 

Karo dachte über seine Bemerkungen nach, während sie zeichnete. Vielleicht war Alinas Psyche doch nicht so stabil, wie sie alle angenommen hatten. Wäre ja bei Gott nicht weiter verwunderlich. Sie hatte ... Marotten. Zum Beispiel mit Mamas Zimmer. Nichts durfte verändert werden. Das war bestimmt nicht mehr  „normal“. Vielleicht sollte Dr. Imhofer sie sich ansehen.

 

Sie war schon müde, wollte eigentlich überhaupt nicht mehr arbeiten, aber sie musste ja wohl auf Eugene warten, falls er noch heimfahren wollte. Wie immer spürte sie diese latente Aufregung, wenn er im Haus war. 

Herzklopfen, als er dann endlich kam, leise und unaufdringlich, ganz nach seiner Art. Er setzte sich auf den Boden beim Fenster und sah ihr zu.

„Ich wette, du hast noch nichts gegessen.“
„Gewonnen.“
„Soll ich dir was holen? Ich könnte auch etwas kochen.“
„Darf ich in der Küche herumschnüffeln? Und mir ein Bier holen?“

„Du weißt, dass du hier alles wie zu Hause machen kannst. Das tun wir bei dir ja auch.“

„Wir könnten besser gleich mit einander wohnen.“
Karo sah ihm verblüfft nach. Was hatte er da jetzt wieder sagen wollen?

Sein Deutsch war sowieso schon erstaunlich. Er verwendete gerne neue Ausdrücke, experimentierte damit. Vielleicht kam manchmal aber auch etwas nicht so heraus, wie er das beabsichtigt hatte.

Sie beendete ihre Arbeit. Wenn er jetzt noch aß, würde er eher hier bleiben und sie könnte bald in ihr Zimmer gehen. In dem er sie so gesehen hatte, wie ... ach, zum Teufel, musste sie schon wieder daran denken.

Sie ging ins Wohnzimmer und suchte eine CD heraus. Cat Stevens. Als er noch Cat Stevens hieß. Eine von Mamas Lieblings CDs.  Sie wollte Eugene fragen, welche Musik er mochte. Bei ihm gab es keine elektrischen Geräte, er konnte also, seit er in Österreich war, gar keine Musik mehr gehört haben.

 

Er kam herein, setzte sich an die Bar und begann zu essen. Nüsse, Brot und zwei gekochte Kartoffeln, die er wohl im Kühlschrank gefunden hatte. Kalt.

Nicht sehr opulent. Dazu das Bier, das er gerne mochte. Nur diese Marke.

Diese Brauerei benutzt gutes Wasser, das lebt, hatte er einmal erklärt. Seither hatten sie immer welches im Haus. Schließlich wollten sie ihn alle gerne verwöhnen, ihm ein wenig von seiner ständigen Bereitschaft für ihre Familie zurückgeben.

Wenn es nur  nicht so schwer gewesen wäre.

 

„Magst du diese Musikrichtung?“
„Mhm“

„Was magst du noch?“

Dich in meinen Armen, dachte er. „Fast alles, was Musik IST.“

„Aber manches ist KEINE Musik?“

„Mhm“
„Was zum Beispiel? Techno?“

„Rhythmus, wie Herz oder Eisenbahn, da ist keine oder fast keine Abfolge von Sequenzen.“

„Kennst du dich da aus?“

„Nein, nur meine Meinung.“

„Du hörst nie Musik.“

„Doch, im Kopf.“

„In Schottland, was hast du da gehört? In deiner Jugend und so.“    

„Dire strait, Genesis, Queen …“    

„Die kenne ich von Mama, ... du bist aber ja gar nicht SO alt. Und Freddy Mercury  von den Queen, du bist doch nicht ...“

„Ich komme aus dem schottischen Hochland, Madame,  wir sind mindestens zwanzig Jahre zurück, also passt es genau. Bei uns gibt es noch keine Homos und kein Aids. Muss noch entdeckt werden. Ist aber schwierig, Nessie hält ihren Schwanz über alle wissenschaftlichen Geheimnisse.“  

„Hast du sie schon einmal gesehen?
„Die Geheimnisse?“
„Nessie!“

„Natürlich. Tausend Mal.“

„Erzähl. Wie. Wo.“

„In den Zeitungen, hier. Im lokalen >Rundblick<. In österreichischen Büchern. Sogar Schulbüchern. Von Alina. Ehrlich.“

„ Liest du Bücher?“
„Ja.“

„Wie verdienst du dein Geld, Eugene ?“
„Schwer.“

„Wie wir alle, aber womit?“

„Du fragst, weil du es weißt.“

„Ich frage, weil ich etwas vermute.“

„Was?“

„Sag du es mir.“

„Warum?“

„Damit ich mich nicht blamiere.“

„Vor mir kannst du dich gar nicht blamieren.--- Ich schreibe Bücher. Kinderbücher. Jugend. Du hast meine Manuskriptseiten sicher schon oft gesehen. Kannst du auch gerne lesen. Das wird dir keine Mühe machen bei deinem guten Englisch. --- Ich bin nicht sehr ordentlich damit. Sie liegen herum und dann habe ich Mühe, sie wieder in die richtige Reihenfolge zu bekommen.“

„Ein Laptop. Du bräuchtest ...“.

„Ruhe und Frieden und nichts Elektronisches. Fragen beendet?“

„Ja, entschuldige ...“

„Nein, meinte ich nicht so, ich wollte dir nur auch welche stellen.“

„Schieß los!“

„Peng. Warum kommst du nicht mehr zu mir?“

„Ach, du weißt doch ...“

„Karo!“

„Okay, du willst die Wahrheit hören. Ich weiß sie selber nicht ... so genau. Es ist immer alles so komisch zwischen uns. Du ... verwirrst mich.

Ich bin unsicher und unruhig, wenn du da bist ... ich glaube einfach, wir ... vertragen uns nicht.“

Eugenes Augen leuchteten sie an. Hell, fast so türkis wie die ihren. Gute Laune.

„Weißt du, dass du eben eine wunderbare Beschreibung geliefert hast? Eine für verliebt-sein.“

Er hatte sich neben die Couch gehockt, auf der sie mit angezogenen Knien saß und sah sie an. Dann brachte er langsam seine Hand neben ihre, streckte den Zeigefinger aus und fuhr damit behutsam über ihren Handrücken.

„Tut es noch weh?“
Sie konnte nur den Kopf schütteln. Seine kleine Geste war schon mehr, als zu ertragen ihr möglich war. Zärtlich.

Alle Schleusen wollten sich öffnen, ihre sorgsam gebauten Mauern zum Einstürzen bringen, ihr Innerstes an die Oberfläche spülen.

Noch hielt der Damm. Beherrschung. Beherrschung!

Seine Hände umfassten ihre Schultern wie schon einmal, zogen ihren Kopf auf seine Brust, damit er seine Arme ganz um sie legen konnte.

Es war ein wunderbares Gefühl. Sie erlebte Geborgenheit und Trost und Mit-Gefühl. Und sie weinte. Weinte, dass es sie schüttelte. Lange. Er tat nichts, außer sie zu halten. Lange. Auch als sie nicht mehr weinte.

Karo wusste, dass er auch diese Gabe hatte. Die Gabe des Verharrens.

Sie hatte ihn schon so erlebt. Mit den Hunden. Mit einer schwer verletzten Katze. Mit Estellé. Das Ergebnis war bisher stets Vertrauen gewesen. Er konnte damit Vertrauen erreichen. Er wollte ihr Vertrauen.

Sie löste sich, schob ihn weg.

„Ich weiß, dass du mein Vertrauen willst. Und dass du es verdienst.“

Sie stand auf, ein bisschen hastig.

„Verzeih mir.“

24.März 2014

das 7. Kapitel geht weiter

Er hatte aber nicht wieder angerufen. Schuss vor den Bug bekommen und verstanden. Genau genommen musste er doch selber vor Scham versinken.

Das war doch nicht allgemein sein Charakter, so etwas zu tun, ... oder doch?

Sie hatte aus dieser Ungeheuerlichkeit jedenfalls gelernt. Sie wusste jetzt, dass auf ihre Menschenkenntnis kein Verlass war.

 

Zunächst einmal zu Hause bleiben, ausspannen und Kraft schöpfen.

Hatte sie bisher am besten bei Estellé  zu Wege gebracht. Nur dass sie zurzeit ein Problem mit Eugene hatte. Gerade deshalb, weil er ihr so wunderbar geholfen hatte.

 

Alina war am liebsten bei Estellé. Und vor allem bei Eugene. Das wusste jeder.

Nach dem zweiten Wochenende zu Hause schien sie aber auch daran Gefallen zu finden. Sie „versenkte“ sich in Mamas begehbaren Schrank, ging dann wieder stundenlang mit Tara in den Wald und war anschließend in der Küche zu finden.

 

„Was machst denn da eigentlich?“

„Och, ich hab so alte Kochrezepte gefunden und da möchte ich einmal schauen, ob ich schon was zu Wege bring. Das darf ich doch, oder?“

„Freilich, Mausi, natürlich. Das is ja toll, wenn dich das interessiert.“

„Ja, weißt eh, wie gern ich eß’.“

Ja, das wusste Karo. Und es war auch leider kaum zu übersehen. Alina hatte einige Kilo zuviel. Mama hatte immer besonders darauf geachtet, dass viel Obst und Gemüse und kaum andere Zwischenmahlzeiten im Haus waren. Im derzeitigen Haushaltswesen der Geschwister kaufte jeder das ein, worauf er gerade Lust hatte und von allem ein bisschen mehr. Für Alina und die anderen.

Lebensmittel in Hülle und Fülle. Oft auch so, dass sie etwas weg werfen mussten. Unvorstellbar für die sparsame Mama. Selbstverständlich für die Geschwister. Schlecht für Alinas Linie.

 

Eigentlich kochte das Mädchen aber keine Speisen, sondern Getränke.
Sie hatte das Heft gefunden. Und erinnerte sich.

Als sie gerade nach Camelot übersiedelt waren. Den Dachboden des kleinen Hauses ausgeräumt hatten. Mama war mit dem Sortieren von Ahnus  Kleidung beschäftigt gewesen, Alina hatte die Schreibbücher durchgesehen  und ein Heft gefunden und dann ... dann ...

„Ich hab gewusst, dass es wichtig ist!“

 

Die Kelten standen darin, na ja, das konnte man doch überall nachlesen, da war sie jetzt ja schon besser informiert

als Mamas Lehrerin damals. Kunststück.

 

Nein, es musste Ahnus ... Rezept sein. Also musste sie herausfinden, welche Pflanzen gemeint waren. Dann nachkochen und sehen, was passierte. Ob sie sich dann auf einen Besen setzen und in die Lüfte schwingen konnte?

 

Erst einmal probierte sie allesmögliche aus dem Garten, versuchte auch hinter die Zigeuner-Rezepte in den anderen, ganz alten und vergilbten  Aufzeichnungen zu kommen. Schmeckte alles nicht besonders und hatte keine erkennbare Wirkung.

 

Sie nahm sich wieder Mamas altes Schulheft vor, in das die Ahnu dann viel leserlicher als sonst geschrieben hatte.

 

für Gudrun

manchmal gut wissen wenn nicht heilen – weg.

 

weg

langsam – nicht schmerz – gut weg

nicht angst - nicht andere leit angst

 

mach tee 1 topf wasser –

1 topf kraut + beer + 1 hand groß wurzel

 

kraut + beer alles gleich viel

immergrün + rot – nadel

immergrün + schwarz – herzblatt

immergrün + weis – dieb

pfote bär + samen

rund blatt für 1 stock + schwarz

 

kibbú wurzel stund vor kochen

 

Nach Alinas Interpretation konnte das nur bedeuten, dass sie nach dem Genuss des Getränkes keine Schmerzen und keine Angst mehr haben konnte. Das wär wohl voll super.

 

Von allem die gleiche Menge, gut.

Eine immergrüne Pflanze mit roten Beeren ? Das hübsche Zeug, mit dem man zu Weihnachten die Dekorationen machte... ach, aber Nadel hinten hieß wohl Nadelbaum...Ach so, ihre Eibe. War aber sehr giftig, hatte Mama immer gesagt.

Sie würde beim ersten Versuch von allem wenig nehmen.

 

Jetzt die immergrüne Pflanze mit den schwarzen Beeren, keine Nadeln. Blätter, wahrscheinlich herzförmig.

Sie kam einige Tage später darauf, als sie  auf den Schulbus wartete. Der alte Pfarrhof, groß und wuchtig. Alte Mauern, bewachsen mit... herzförmigen Blättern. Jetzt dachte sie scharf nach, wie das Haus im Winter aussah. Kahl oder mit Blättern? Sie fragte die Freundinnen, die noch bei ihr standen. Allgemeines Nachdenken.

„Geh, der Efeu is immer grün! Weiß doch a Jeder.“

Gut, dass die Nicole immer so gscheit war.

„Is des der mit die schwarzen Beer im Herbst?“
„Ja, i glaub schon. Aber giftig, gell, narrisch giftig, sagt d’ Om a.“

Also Efeu, gut. Schon wieder giftig. Besonders gsund konnte das nicht sein.

 

Noch ein Immergrün, diesmal weiße Beeren, keine Nadeln, keine Blätter, sondern ein Dieb. Was mochte das denn sein? Nach der Schule in die Bücherei und nachsehen, was es so an heimischen Pflanzen gab. Das waren ja Unmengen. Aber langsam lernte sie, das Gesuchte einzugrenzen.

Am dritten Tag kam sie auf die Mistel. Damit würde sich der Dieb erklären, weil die Pflanze schmarotzt. Gut, dann die Mistel. Auch giftig. Hilfe.

 

Pfote Bär war leicht, das war bestimmt die Bärentatze, die am Waldrand wuchs. Die hatte viele Samen im Sommer, da musste sie nur noch ein bisschen warten.

 

Bei der nächsten Aufgabe zog sie wieder Bücher zu Rate und kam schließlich auf die Einbeere.

 

Dann noch die Wurzel. Unlösbar. Wegen einer fehlenden Zutat würde das ganze Gebräu aber  nicht wirkungslos sein. Die Beeren waren jetzt auch nicht zu haben. Und wenn schon.

 

Für die Zubereitung nahm sie einen sehr kleinen Topf.

Der „Hexentrank“ war schnell fertig.

Also los. Erst mal kosten. Scheußlich.

Nach dem ersten Schluck schon sammelte sich sehr viel Wasser in ihrem Mund. Sie schaffte es gerade noch zur Toilette, um sich zu übergeben. Erst in hohem Bogen, später dann mühsam und quälend, bis absolut nichts mehr im Magen war. 

23. März 2014

Weiter im 7. Kapitel

Karo wunderte sich, dass Alina kaum noch kam, um sie zu irgendetwas zu ermuntern. Aber sie war zufrieden damit. Schließlich wurde das Mädchen immer älter und würde sich mehr und mehr selbst beschäftigen können.

Die große Schwester hatte genug mit sich selbst zu tun.

Manuels Grausamkeit. Ihre Verblendung, dass sie ihn nicht früher durchschaut hatte. Eugenes Güte. Seine Effizienz. Ihr Unvermögen damals, ihm auch nur zu danken. Ihre Scham. Und ihr Unvermögen jetzt, NICHT an ihn zu denken.

Wie es so seine Art war, hatte er sie an jenem frühen Morgen gefragt, ob sie einen Arzt oder sonst etwas brauche, was er tun oder organisieren könne.

Gendarmerie, Rechtsanwalt, an diese Möglichkeiten dachte sie, aber ER wollte sie scheinbar von sich aus nicht darauf bringen. Vielleicht weil er wusste, dass sie alle logischen Gedankengänge mühelos alleine bewältigen konnte.

Seine Äußerungen waren vorsichtig, aber das war sie von ihm sowieso nicht anders gewöhnt. 

Er wäre wieder gefahren, ohne auch nur zu erwähnen, warum er da war oder was er mit Manuel gemacht hatte.

 

„Warum bist du gekommen?“

Stimmungslage aufgewühlt und tiefernst, seine Augen so dunkelgrün, dass man sie für schwarz halten konnte. Das dämmrige Licht der aufgehenden Sonne ...

„ Du hast mich gerufen.“
Sie musste ihre Augen schließen, konnte seinen Blick nicht ertragen und auch nicht ihre Erinnerung.

„Ich... habe an dich gedacht. Was du tun würdest, wenn ... in einer solchen Situation ...“

„Gut, das war sehr gut.“

„Und hilfreich. Du bist gekommen.“ Fast eine Frage, Erstaunen in ihrer Stimme.

„Das würde ich immer tun, wenn du mich rufst.“

„Wir werden dir ein Handy besorgen.“

„Wir brauchen es nicht, wenn du dich auf deine ... Gaben besinnst.“

„ ... Was hast du mit ihm gemacht? Wie ...“

„Er dürfte bald aufwachen. Ist es vielleicht schon. Kopfschmerzen. Sein Auto mitten in der Wiese. Er hinter dem Lenkrad. Alko-Test, falls jemand die Polizei holt. Ansonsten wegen Übermüdung von der Strasse abgekommen. Er wird nach Hause fahren. Oder auch nicht. Wenn du willst, bleibe ich da, bis du weißt, ob er in Wien ist.“
„Ja, ja, bitte.“

„Ich werde mit Tara einen ... Spaziergang machen, bis alle bei der Arbeit sind. Und in der Schule. Versuche, ihn gegen 10 oder 11 Uhr anzurufen.Festnetz. Zu Hause. Dann sagst du mir Bescheid.“
Er wandte sich um, war schon an der Tür.

„Eugene, wie erreiche ich dich?“

Lächeln, das seine wolkigen Augen nicht erreichte.

„Das weißt du inzwischen. Nütze es.“

 

Sofia hatte dann zwischen 10:00 und 10 Uhr 30 drei Mal bei Manuel im Büro und schließlich zu Hause angerufen. Es sei dringend. Kurz vor 11:00 Uhr erreichte sie ihn persönlich zu Hause. Sofia war in ihrer Unbefangenheit absolut glaubwürdig.

Ihre Chefin sei heute nicht hier, hätte aber den Vertrag im Büro gelassen mit der Notiz, Herrn Magister Lemberg anzurufen und auszurichten, die Passagen 1-10 müssten neu überdacht und gegebenenfalls verworfen werden.

Der Magister war wortkarg. Sofia meldete dann an Karo, er sei wohl nicht erfreut gewesen.

„Gut, sehr gut, Sofia. Hör mal, hast du heute irgendwann Zeit? Ich müsste etwas mit dir bereden? Privat ...“
„Klar. Ich komm in der Mittagspause rauf, wenn du magst.“
„Okay, ich kümmere mich ums Essen.“

Zuerst um Eugene. Er erschien um 11 Uhr 15.

„Du weißt es schon.“
„Ich habe das Telefon gehört. 10 Uhr 55.“
„Gott, hast du einen Telefondraht im Hirn? Das Telefon läutet bei uns doch ständig.“
„Ich stand mit Tara zufällig unter dem Fenster.“

„Warum kommst du dann erst jetzt?“
„Lektion für Tara.“   Und für dich. Training non verbaler messages.

„Wie auch immer. Vorerst alles erledigt. Willst du mit uns zu Mittag essen?“
„Nein, es ist gut, wenn du mit Sofia sprichst. Alleine.“
 

Damit war er gegangen. Sie hatten sich seither nicht wieder gesehen.

Weil SIE nicht wollte. Nicht konnte. Die Erinnerung. Wie er sie gesehen hatte. Auch wenn er das nicht gewollt hatte. Diese ... Schmach.

Sie hatte dann mit Sofia darüber gesprochen. Ihr so ziemlich alles erzählt.

Sofia, so jung und unschuldig, fühlte sich gequält wie nie zuvor in ihrem Leben.

„Dieses Schwein, dieses Schwein! Natürlich wusste ich, dass er ein A... entschuldige, Karo, aber das haben alle so gesehen. Außer dir. Aber sich so dermaßen  zu vergessen, das gibt’s doch gar nicht!

Was willst du jetzt tun?  Den sollte man ja ... kastrieren zumindest.“

Karo musste sogar lachen über Sofias Entrüstung.

 

„Ich glaube, ich werde gar nichts tun. Es wär noch viel schlimmer, wenn fremde Leute das zu hören bekämen und ich womöglich noch aussagen müsste und alle diese Fragen, das geht nicht. Und die Jungs dürfen auch nichts wissen.

Schlimm genug, dass ausgerechnet der Eugene ...“
„Wo du aber mehr als froh sein kannst, stell dir vor, er wär nicht zufällig gekommen, gar net auszudenken ...“

 

„Also dem Miro sagst bitte nur, dass der Manuel absolutes Hausverbot hat, weil wir gstritten haben. Kommt vor. Wegen ... beruflich, also geschäftlich halt. Schlechte Werbestrategie und so. Und wenn er wirklich noch einmal anruft, der Wahnsinnige, sagst ihm, dass ich für ihn nicht zu sprechen sei und wir bei Missachtung des Hausverbotes oder wiederholten Anrufen die Exekutive einschalten werden.“

22.März 2014

Beginn des 7. Kapitels

7. Kapitel

 

Alina fühlte sich wieder einmal von allen verlassen.

Nicht ganz zu Unrecht. Alle zumindest schwer beschäftigt.

Karo war zwar nett zu ihr, wollte aber möglichst alleine bleiben.

Nicht einmal eine Fahrt zu Estellé konnte Alina ihr schmackhaft machen.

Jetzt stand schon das zweite öde Wochenende in Camelot bevor.

Schlechtes Wetter war auch noch. Trüb, regnerisch, noch immer zu kalt  für den Mai. Kein Gedanke ans Baden im Moorteich. Ihre  Schulfreundinnen wohnten alle direkt in Karlsburg. Da musste sie ordentlich in die Pedale treten, wenn sie sie besuchen wollte. Wollte sie  eigentlich sowieso nicht.

 

Hach, wenn sie jetzt schon ein eigenes Pferd hätte. So ein tolles Islandpony.

Diese ganz besondere Pferderasse hatte sie kennen gelernt, als sie noch mit der Mama viel in Österreich unterwegs war.

Oberösterreich und Salzburg. Die Seengebiete im Sommer, im Herbst die zerklüftete Bergwelt, die vielen heilenden Quellen im Frühling. Der Winter war meist für Besichtigungen reserviert. Das Keltenmuseum in der Nähe Salzburgs ein jährlicher Pflichttermin, auch die Mineralienausstellungen, zu denen ALLE Paksis aufbrachen. Zoos und Wildparks und eben auch Pferdezuchtbetriebe und Reitställe. Das war vor allem und schon sehr lange Karos Interessensgebiet.

Auf einem ihrer Ausflüge entdeckten sie dann diesen speziellen Ort.

Zucht- und Reitbetriebe nur mit Isländern. Ein ganzes Dorf im oberösterreichischen Hausruck Gebiet beteiligt sich daran.

Hier hatten Alinas erste Reitversuche stattgefunden. Keine fünf Jahre alt war sie gewesen. Damals hatten sie noch in Oberösterreich gewohnt, die Mama im Kurhotel gearbeitet. Aber das Isländer Gestüt war trotzdem eine gute Stunde Fahrzeit entfernt. Nein, mein Schatz, jetzt geht das noch nicht, aber irgendwann in den nächsten Jahren wirst du reiten lernen und vielleicht einmal sogar ein eigenes Pferd haben. Manches braucht ein bisschen Geduld, aber du wirst sehen ... bald, bald.

Bald, bald hatte die Mama sterben müssen.

 

Und zum Schluss hatte sie das auch wollen, da war sich Alina ganz sicher, auch wenn die „Großen“ immer so taten, als verstehe sie nichts.

Mama. Wie immer musste sie weinen, wenn sie an ihre Mama dachte. Aber egal, war sowieso keiner da, der es sehen konnte. Oder dem das was ausmachte.

 

Jetzt würde sie einmal alles hervorkramen, was sie damals aus dem kleinen Haus aus Mamas Kindheit geholt hatten. Einen ganzen Dachboden hatten sie ausgeräumt, fast alles Zeug von Mamas Oma, der Ahnu.

Alte Kleider, wenige Fotos von Mamas Vater, dem Zigeuner-Ruljan, geheimnisvolle Bücher. Mamas Mutter interessierte das alles nicht mehr, die hatte wieder geheiratet. Obwohl sie natürlich sehr geweint hatte, als sie sich nach Mamas Tod alle versammelten.  In Alina gab es wenig Erinnerung daran.

Auch nicht an die Großmutter. Das war keine Paksi, auch wenn sie einmal so geheißen hatte.

Alina ging jetzt in Mamas Zimmer. Sie hatten immer noch nichts verändert, über ein halbes Jahr nach ihrem Tod. Was sollte man auch ändern? Und wofür. Hier war sie so ... anwesend. Die Erinnerungen so stark. Alina setzte sich erst einmal auf den Boden und weinte. Die Frage nach dem Warum, zum hunderttausendsten Mal.

Wo doch eh schon mein Papa gestorben ist, noch bevor ich ihn sehen konnte. Warum du auch?

Langsam kam sie zur Ruhe. Sah sich das kleine Zimmer an, wie so oft, als kenne sie es nicht. Dabei hatte sie sogar meistens hier geschlafen. Eng an Mama gekuschelt. Ihre eigenen Betten hatte sie in den zehn einhalb Jahren ihres Lebens mit Mama wenig benützt, war doch viel schöner zu zweit im Bett. In Oberösterreich hatten sie sich jahrelang eine Doppelcouch geteilt.

 

Hier in Camelot hatte Mama ihren „Sinn für Minimalismus“, wie sie das immer nannte, weiter verfolgt, obwohl sie finanziell nicht mehr so schlecht dagestanden waren.

Kein Bettgestell. Die breite, französische Matratze auf dem Holzboden. Paketkartons darunter gelegt, „Wegen der Feuchtigkeit, die Kartons kann man schnell austauschen“. So konnte das „Bett“ an den hinteren, tiefliegenden Teil der Wandschräge geschoben werden, ohne Gefahr, sich morgens beim Aufstehen den Kopf anzuschlagen.

Neben der Matratze stand eine umgedrehte Obstkiste, leuchtend blau gestrichen. Nachtkästchen.

Einige witzige Sitzkissen, natürlich selbst gemacht.

Den eingebauten Schrank konnte man nur als Wand erkennen. Eine große Staffelei direkt neben der Dachgaube.

Leichte Vorhänge, zur Seite hin gerafft, um alles Licht herein zu lassen.

Auch selbst gemacht. Weißes, dünnes Bauernleinen mit feiner blauer Lochstickerei.

Als Karo den fertigen Raum zum ersten Mal betreten hatte, war sie erschüttert stehen geblieben. Alina erinnerte sich gut daran, auch wenn sie nicht so recht verstehen konnte, worum es gegangen war.

„Mama, das ist Sarajewo. Denkst du ich weiß es nicht mehr?  Warum tust du dir das an?“

Mama hatte an der Staffelei einen ihrer großen Entwürfe befestigt. Lächelte ihr nachdenkliches, auch ein wenig nachsichtiges Lächeln, das sie für Karo häufig hatte.

„Vieles dort unten, auch Menschen, habe ich geliebt. Die blaue Kiste und die Vorhänge besonders. Habe ich für Danny gemacht, als er ein kleiner Junge war. Du hast mir vom Tragesack auf meinem Rücken aus zugesehen, wie ich lackiert und gestickt habe. Nein, das möchte ich nicht missen. So war mein Leben und so ist es immer noch.“

 

Wieder Tränen bei Alina. Wenn sie sich nicht an alles so gut erinnern könnte!

Mama, Mama, ich will dich wiederfinden. Meine Großmutter in Hornau wird mir nicht helfen. Aber die Ahnu, von der du mir so viel erzählt hast. Ich glaube, sie war fast so wichtig für dich wie du für mich. Auch wenn du einen Papa gehabt hast. Wir Paksi-Frauen brauchen die Frauen mehr als die Männer, oder? Ich werde alles genau studieren, was deine Zigeuner-Oma aufgehoben hat. War bestimmt alles wichtig. Und sehr geheim. Ich komme hinter die Geheimnisse und bin dann so gscheit wie die Ahnu. Und der Eugene. - Das ist sowieso das Gleiche.

 

 

21.März 2014

Ende des 6. Kapitels

Der Freund in Wachegg war den ganzen Tag schon unruhig gewesen. Da braute sich etwas zusammen. Widerwärtig und bedrohlich.

Er lief mit den Hunden zu seinem Meditationspunkt. Nichts. Keine Ruhe, keine Konzentration. Es betraf ihn zu sehr. IHN? Was konnte ihn bedrohen?

Er fürchtete seinen Tod nicht, noch war ihm etwas so widerwärtig, dass er deshalb unruhig wurde. Für sich selbst.

Die Paksis, es konnten nur die Menschen sein, an denen sein Herz hing.

Er konnte nicht anrufen, nicht fragen. Sie konnten ihn nicht erreichen, außer dass ihn wieder jemand holte. Manchmal wäre ein Telefon hilfreich.

 

Er wollte versuchen, sie auf seinem Weg zu erreichen. Nicht so verlässlich wie die Technik, vor allem, wenn er selbst so kribbelig war.

Alina. Leicht, den Kontakt herzustellen.

>Serena<, heiter, ja glücklich. Also musste es einem Teil der Familie gut gehen, denn das war Alinas Kriterium für Glück.

Julian in Wien. Schwierig. Aber nein, zumindest nichts Negatives.

Karo. Zögern. Zuletzt war sie wieder so überaus professionell und kalt gewesen. Sie würde sich ihm immer verweigern, in jeder Beziehung.

Trotzdem wollte er sie zu erreichen versuchen. Und wenn es nur ein lieber Gedanke für sie war, der ihr in ihrem selbst errichteten Gefängnis zuflog.

Und plötzlich wuchs seine Unruhe ins Unermessliche, als er sich ihr in mentaler Verbundenheit genähert hatte. Sie SCHRIE ja nach ihm. In größten Nöten ... Gewalt, jemand TAT ihr etwas.

Er versuchte den Kontakt aufrecht zu erhalten, während er sich anzog, die Maschine herausholte, die Hunde versorgte und nach Estellé sah. Gut.

 

Zwei Dreiecktücher, Seil. Messer. Das war selten. Heute würde er es brauchen. Notfalls gebrauchen.

 

Die Hunde unruhig, spürten seine Angst. Seine Anweisungen mussten so klar und deutlich wie immer sein. Uther beobachtete ihn.

Keine Blöße, gib dir keine Blöße. Uther wartet auf seine Chance, seine Kräfte zu messen. Er spürt meine Schwäche.

„Nein, Junge, wir kämpfen nicht. Du tust was ich sage. Ich bin Alpha, kapiert?“

Der Hund wedelte.

„Da, bleibt am Platz, aufpassen.“

 

Es würde bereits dunkel werden, wenn er in Camelot ankam. Plan.

Gedanken an Karo. Ruhe. Durchhalten. Hilfe kommt.

 

Karo konnte nicht mehr. Keine Tränen, keine Schreie, Beherrschung.

Aber ihr Hirn begann zu streiken.

Was wollte er denn wirklich? Was war so wichtig? Gab es wichtige Dinge?

 

Manuel war erschöpft. Das machte schon lange keinen Spaß mehr, das war ihm jetzt zuwider. Ecklig.

Überdruss an dieser Frau, auf der ganzen Linie.

Und sie hatte auch noch Recht gehabt, als sie sagte – vor Stunden sagte – dass er sich die Sache nicht so gut überlegt habe. Er war sich seiner Sache sicher gewesen. Dass sie klein beigeben und sich ihm letztendlich „bekehrt“ wieder zuwenden würde.

Und jetzt lag sie da, egal was er sagte oder tat, wie tot.

 

Als er Schritte auf dem Gang hörte, sprang er zur Tür und schloss ab, machte  sogar Licht. Bis sie sich aus ihrer Position hatte bewegen können, war er wieder bei ihr, zog ihren Arm noch ein bisschen höher.

„Sei still, wenn du nicht willst, dass ich sie herein hole.“
„Karo, ich geh ins Bett ...“

Alina  hatte geklopft und wollte die Türe öffnen. Abgeschlossen, das war selten, aber es stand ja noch das Auto von dem Fiesling da. Entweder sie waren weg gegangen oder sie ... wollten nicht gestört werden.

„Tschuldigung, gute Nacht.“

 

Jetzt liefen doch ein paar Tränen.

Gute Nacht, Baby, ich kann nichts sagen, was nicht womöglich gefährlich  wär für dich. Ich liebe dich.

Ihr Peiniger sah die Tränen nicht ohne Genugtuung. Okay, das war der beste Weg.  Bald würde er sie soweit haben.

Ohne Unterschrift konnte er hier nicht weg.

 

Also machte er weiter. Und sprach zu ihr, ohne zu wissen, ob sie ihn verstand. Die hatte sich irgendwie weg gebeamt.

Die Müdigkeit hatte seine Sinne auf Sparflamme geschaltet.

Deshalb hörte er nicht, wie die Tür hinter ihm sich öffnete, hörte die Schritte nicht, spürte noch nicht einmal den Luftzug, bevor ihn der Schlag am Hals und der zweite Schlag an die Schläfe trafen.

 

Eugene war das letzte Stück zu Camelots Zufahrt ohne Licht gefahren, Motor im Leerlauf, je nach Bedarf Durchstarten oder Bremsen möglich.

Alles ruhig. Tara stand da und wartete freudig wedelnd. Maschine zu den ersten Büschen hin, bis sie nicht mehr zu sehen war. Motor aus.

Die Hündin streicheln. Nachfühlen. Tara sah zum zweiten Stock hoch.

„Karo.“ Wedeln.

Es ist jemand bei ihr im Zimmer. Leises, ganz leises Knurren, tief in der Kehle.

Gut, Mädchen, ich teile deine Gefühle. Ein Wink: Komm!“ Das gesamte Fabriksgelände war dunkel bis auf Licht in Karos Zimmer und einem blauen Lichtstreifen aus Miros.

Der Fuhrpark hinter dem Haus. Alle da. Auch der BMW. Brave Tara, alles richtig.

Hinter- und Vordertüre abgeschlossen. Für den Freund und Frau Nemecek lag ein Schlüssel versteckt. War so ausgemacht für alle Fälle. Damit Alina nie allein sein musste oder für Kontrollgänge, wenn alle Paksis ausgeflogen waren.

Leise. Kaum Geräusche aus Miros Zimmer. Aus Karos eine leise Männerstimme. Eher monoton. Nichts von Karo. Aber sie war da. Hinter dieser Tür. - Und auch weit weg. Ihr Geist ... hoffentlich nicht zu spät.

Aufbrechende Aggression. Durchatmen.

Versperrt. Klar. Aber der versteckte Hauptschlüssel sperrte alles im Haus. Sinn und Zweck bei Notfällen. Wie diesem hier.

Er öffnete sehr langsam. Höchstwahrscheinlich konnte sein Widersacher die Bewegung erkennen.

Konnte er nicht. Stand mit dem Rücken zur Tür vor dem Tisch, mit Karo beschäftigt.

Eugene biss sich auf die Unterlippe, um sich nicht mit Gebrüll auf den Wahnsinnigen zu werfen.

Aber die Schläge waren mit seiner Wut geladen. Nicht tödlich,  nur knapp davor.

Leiser Pfiff für Tara. Die kannte sich nicht aus, wollte zu Karo. Eugene hielt sie zurück, er wusste ja selbst noch nicht ...

Wieder Bewegungen und Gedanken, von denen er hoffte, dass Tara sie schon gut einordnen konnte: Pass auf, pass auf  ihn auf, er ist der Feind, macht das Rudel kaputt, du darfst zubeißen, wenn er eine Bewegung macht.

Die junge Hündin war nicht speziell auf Verteidigung trainiert, aber sie war  schon ganz gut darin, des Meisters Botschaften zu verstehen. Also stellte sie sich vor den Kerl, den sie noch nie hatte leiden können und versuchte alles richtig zu machen. Verwirrt. Normalerweise durfte sie ihn nicht einmal anknurren oder hübsch verbellen.

 

Karo hatte die Veränderung bemerkt, als Eugene eingetreten war.

Hatte der Saukerl doch nicht abgeschlossen. Was wollte er noch alles ...

Sie hörte die dumpfen Schläge, die Geräusche des Körpers, der langsam zu Boden ging, aufgehalten und gesteuert von Eugene. Er musste es sein.

Scham, Erleichterung. Sie versuchte ihre Position zu verändern, ihre verdrehten Körperteile zur Kooperation zu überreden.

Eugene beobachtete sie aus den Augenwinkeln, während er mit dem Mann und Tara beschäftigt war. Er fesselte den Bewusstlosen. Hauptsächlich, um Karo Zeit zu geben. Es war wohl besser, wenn sie sich selber aus ihrer unaussprechlichen Lage befreite. Konnte gut sein, dass sie seine Berührung jetzt nicht ertragen konnte. Abwarten.

 

Sie war stark, oh, sie war wirklich stark. Zuerst testete sie, ob ihre Füße sie tragen konnten. Als sie einigermaßen aufrecht stand, war Eugene mit einer Decke bei ihr, in die sie sich selber einhüllen konnte. Das tat sie ausgiebig und umständlich, nicht sicher, ob sie Schritte würde machen können.

Versuch. Straucheln. Eugenes Arm. Hin zum Bett. Sitzen. Nein, Schmerz.

„Leg dich hin.“

„Duschen.“

Die Stimme klang nicht wie ihre. Ihre Unterlippe tat weh, schmeckte nach Blut. Irgendwann aufgebissen.

„Bisschen später. Dreh dich zur Wand, ich decke dich fest zu.“

Sie gehorchte und driftete weg, sowie sie einen Berg Decken über sich fühlte.

Tief in die Höhle einsinken, vergessen.

 

20. März 2014

Das 6. Kapitel geht immer noch dramatisch weiter

„So, jetzt holen wir alles nach.“
„Lass mich!“

„Erst wenn wir fertig sind.“
Sie versuchte sich zu befreien, aber er hatte ihr den Unterarm auf den Rücken gedreht und zog unerbittlich daran.

 

Schmerzschleier vor den Augen. Sie schüttelte den Kopf. Das konnte ja wohl nicht wahr sein.

„Ich schreie!“
Mit der anderen Hand hatte er mit einem groben Ruck ihren Rock nach oben geklappt. Den Slip riss er so fest nach unten, dass ihre Haut sofort hellrote Streifen zeigte.

„Gut, schrei, damit sie dich so sehen. Das gefällt uns allen, sag ich dir. Die Chefin in leicht unwürdiger Position, triefend und lechzend vor Geilheit.“

„Hinaus, geh jetzt endlich!“
„Ich hab’ s schon mal gesagt, erst wenn wir fertig sind. Ach, und natürlich nachdem du deinen schönen Vertrag unterschrieben hast.“
„Du spinnst, du bist total übergeschnappt.“

„Mag sein, aber du hast dich ja mit mir eingelassen, wie du richtig bemerkt hast.“
Er zog sie weiter aus, während er sprach. Sie würde sich wehren, so wie er den Griff auch nur lockerte, das war ihm klar. Sie war ihm bestimmt nicht sonderlich unterlegen, fast gleich groß und durchtrainiert, wie sie war. Sein Vorteil war beim Überraschungsangriff gelegen, den durfte er natürlich keinesfalls verspielen. Nackt war wichtig, ein Schritt zur

Unterwerfung.

„Bitte schon mal probeweise um Entschuldigung!“
„Du spinnst!“
Er schnappte sich die andere Hand, bog sie nach hinten auf ihren Rücken,  schön weit hinauf. Jetzt die erste aus dem Blusenärmel. 
„Wir gehen jetzt zum Tisch hinüber, da liegt der Vertrag, den du schon so lange unterschreiben wolltest, und das machst du jetzt ganz brav.“ 
„Nein, sicher nicht.“
„Wetten ...?“  Er bugsierte sie zum Tisch, ließ sie sich darüber beugen, drang brutal in sie ein.

Nach seinem Höhepunkt, der sehr rasch kam, befahl er ihr wieder zu unterschreiben.

„Nein. Ich glaub das gar nicht! Du bist, … du bist völlig übergeschnappt. Denkst du, ich lass mich so behandeln?

Du hast dir das nicht gut überlegt. Wie lange willst du so weiter  machen?  Du wirst müde werden, und dann bin ich stärker als du!“
„Nicht nach allem, was wir noch tun werden. Das wirst du gleich sehen.“

Er drang wieder in sie ein. Mit seinen Fingern.

Stimmte schon, er hatte nicht nachgedacht. Machte er auch jetzt nicht wirklich. Er wusste nur, dass er alle seine schönen Träume ausgeträumt, seine doch so guten Karten bisher verspielt haben würde, wenn er sie jetzt nicht zur Räson bringen konnte.

Er MUSSTE ihr in aller Klarheit zeigen, wer hier und jetzt und in ihrer beider Zukunft ausschließlich die Hosen anhaben würde.

Schuss mit dieser  Zickigkeit, verwöhnte Göre, die!

Er sah sich um. Was konnte sich eignen, sie weiter zu demütigen? Hier, sein Gepäck! Er war ja gerade am Auspacken gewesen. Sehr gut. Mit einer Hand erreichbar. Bürstenstiel, die Tube Zahncreme, ja auch der Flacon mit Bodylotion, meine Liebe, alles geeignet, dich damit zu bearbeiten.

Sicher gutes psychologisches Detail, dass sie nicht sehen konnte, was er da eigentlich tat und womit. Hauptsache ausdauernd lange und – ein wenig zumindest - schmerzhaft.

DIESE Lektion würde sitzen!

Karo fand ihre Situation unglaublich, unmöglich, das konnte sie doch nicht einmal träumen! Sie, die Logische, konnte sich nicht vorstellen, was er damit bezwecken könnte.

Musste völlig durchgeknallt sein! Er konnte sich doch ausrechnen, dass sie das niemals durchgehen lassen würde. Anzeige, Prozess … natürlich würde sie ihm Tod und Teufel an den Hals hetzen, Pest noch dazu! Was glaubte er denn? Aber Karo wusste auch, dass Menschen, die solche Willkürakte duchführten, nicht gereizt werden durften.

Mama, Mama! Du hast viel Schlimmeres ausgehalten. Ich ergebe mich nicht, ich bin viel schlauer!

Ja, es war wie in Sarajewo. Sie wusste, was zu tun war. Hundertmal erprobt. Ruhig und still sein, möglichst nicht auffallen.

Ihr Oberkörper lag immer noch mit dem Gesicht nach unten flach auf dem Tisch, die Füße am Boden stehend oder angewinkelt hängend, je nachdem, was er gerade machte. 

Sie hatte bald ein taubes Gefühl dort, wo vorher stechende Schmerzen auf mangelnde Durchblutung hingewiesen hatten. Der verbogene Arm vor allem.

Sie versuchte ihre Wahrnehmung einzuschränken, sie wollte gar nicht wissen, was er sich alles einfallen ließ. Zermürbte ihn vielleicht ein bisschen damit, dass sie teilnahmslos blieb, offensichtlich NICHT litt. So rasch würde sie nicht unterworfen sein und sie würde das Unternehmen nicht mit einer Unterschrift ruinieren, nur weil sie sich den falschen Mann ausgesucht hatte.

Eugene. Was würde Eugene in einer solchen Situation tun?
Auch für Männer war so etwas möglich. In Gefängnissen oder in entsprechenden Kreisen. Hatte sie schon gelesen. Sie konzentrierte sich, wollte ihn erreichen. Er konnte doch so Vieles fühlen. Musste er da nicht auch ihre Not und Bedrängnis bemerken?

„Bitte, Eugene, hilf mir, schick mir einen rettenden Gedanken!“ war in ihrem Kopf, einem Mantra gleich.

19. März  2014

Das 6. Kapitel geht dramatisch weiter

Karo dachte, er ist sauer. Vielleicht wollte er dort weiter machen, wo wir gestern ...

Fast geriet sie noch ins Träumen. Er zog sie an, das wusste sie ja seit fast drei Jahren. Aber es passte nicht, würde es nie. Sie wollte etwas anderes als sein Hinterwäldler-Dasein. Sie hatte ein Leben vor sich, und das sollte eher so aussehen wie das von Manuel.

Manuel. Gestern war sie darauf und daran gewesen, ihn zu betrügen. Leichtfertig. Nun, leichtfertig war ihre Beziehung wohl sowieso. Er sprach gerne über Sex, aber nicht von Liebe, nicht einmal von Gefühlen.

Von ihrer Seite waren da schon eher Gefühle, aber verliebt sein? Wenn das alles war, war es nicht sehr viel. Vielleicht einfach eine Vernunftehe, geprägt von sexuellem Interesse? Warum dachte sie überhaupt an Ehe? Mama hatte ihnen allen vorgelebt, dass das nicht nötig war. Warum wollte Miro dann unbedingt schon heiraten?

Verwirrung. Verwirrung, die Eugene sehr häufig in ihr auslöste. Er sollte sie endlich in Ruhe lassen. Sie musste sich auf den Betrieb konzentrieren.

 

Alina freute sich, als am Nachmittag Bernadette kam. Leider verschwand sie bald bei Julian im Zimmer. Da wollte Alina nicht stören. „Jutschin“  war ja auch  noch da.

„Darf ich mit dir mitgehen?“
 

„Ja, klar, komm nur.  Aber du wirst nicht viel sehen.“

Doch, sie sah viel. Eugene in Aktion.

Er hatte einen Zweig in den Händen, der sich manchmal bewegte und manchmal nicht. Eugene zeichnete auf den Plänen Linien ein, zum Schluss sah für Alina das ziemlich wüst und unordentlich aus. 

„Fertig, jetzt hab ich alles.“
„Und was machen wir damit?“

„Damit können deine Geschwister besser entscheiden, wo welcher Raum mit welcher Nutzung hin gehört.“
„Kannst das nicht gleich du entscheiden?“

„Nein.“
„Das wär aber viel besser, sonst streiten sie wieder.“
„Manchmal ist streiten ganz gut, wenn man es richtig macht. Nicht persönlich wird.“
„Das musst du ihnen auch noch lernen. Seit es den Manuel gibt, werden sie immer persönlich.“

„Ja ... das wird vorbei gehen.“
„Meinst du, dass der Manuel vorbei geht?“
„Mhm.“
„Hoffentlich bald.“

 

Erst einmal KAM Manuel vorbei.

Bernie und Julian waren am nächsten Tag schon abgereist. Er könne sich in ihrer Obhut besser erholen. Sehr verliebt, die Beiden.

Sofia hatte mit der Arbeit im Büro begonnen. Frau Fritsch war noch da und konnte ihr Vieles zeigen. Und über ihre Schwangerschaft reden. Mit Karo hatte sie das ja nie gemacht, die war immer so „Chefin.“ Schon nett, aber eben nur professionell. Sofia war mit Feuereifer dabei. Bei der Arbeit und auch bei den Unterhaltungen über Schwangerschaftsbeschwerden und Babyausstattungen.

Wenn Miro und sie bald heirateten, würden sie irgendwann auch ein Kind haben wollen. Gleich war sie wieder so hingerissen und gerührt.

Ein Kind von Miro. So schön und lieb. Ein Junge am besten.

 

Manuel wollte nach dem Rechten sehen, nachdem Karo schon wieder nicht nach Wien hatte kommen wollen. Umstellungen in der Lohnbuchhaltung und derlei Ausreden.

Er wollte, nein, er musste die Sache in Bewegung halten, geschäftlich wie privat. Karo war in jeder Hinsicht interessant. Keine schlechte Partie.

Also wieder Feuer schüren. Sie war, einmal mit den erotischen Spielvarianten vertraut gemacht, eine gelehrige und selbst höchst kreative Schülerin.

Er war auch gerne mit ihr unterwegs, sie wurde gesellschaftlich beachtet und er somit bewundert.

Eine wie sie ließ man nicht wieder aus. Auch wenn sie gelegentlich launisch und zickig war. Als Geschäftspartner eine Zumutung.

 

„Ich hab dir die Verträge mitgebracht.“
„Ja, danke.“
„Und jede Menge Appetit.“
„Wir fahren dann nach Groß Gerungs essen, okay?“
„Ich hatte eher deine weiblichen Vorzüge im Auge.“
„Vorher oder nachher?“
„Beides.“
„Vorher wird schwierig. Ich muss noch den Anruf der Steuerberater-Kanzlei abwarten. Danach sterbe ich vermutlich vor Hunger.“

„Würdest du bitte aufstehen?“
„Warum?“

„Damit ich mich hinsetzen kann.“
 

„Was ...“

Manuel zog sie hoch und setzte sich mit Schwung auf den Bürostuhl.

„Bleib! Kuss, bitte!“

Sie musste sich über ihn beugen, um seinen Mund zu erreichen.

Jetzt nicht an Eugene denken, nicht vergleichen ...

Sie stützte sich auf die Armlehnen, während er sich ihrer Brüste bemächtigte.

Das bekannte Ziehen in ihrem Unterleib. Er wusste, wie er sie in Stimmung bringen konnte. Ihre Küsse wurden intensiver.
Immer noch mit ihren Lippen und ihrer Zunge verbunden, versuchte er ihren Slip unter dem engen Rock abzustreifen.

Als Karo merkte, dass er ihren Rock ganz nach oben schieben wollte, löste sie sich von seinem Mund.

„Warte, ich will nur rasch absperren.“

„Lass doch, brauchst du nicht, zieh dich aus, rasch!“
„Ich möchte nicht, dass womöglich Alina ...“

„Dann lass sie doch zuschauen, kann sie ja nur was l ...“

Der Schlag kam unerwartet und heftig, mit dem Handrücken, aus dem Handgelenk heraus.

Beide waren wie erstarrt. Karo hatte noch nie jemanden geschlagen. Nicht einmal ihre Brüder, als sie Kinder waren.

Manuel war noch nie von einer Frau angegriffen worden. Er starrte sie an, bis das ganze Geschehen durchgesickert war.

 

„Was denkst du dir ...“
„Was denkst DU dir denn, meine kleine Schwester in diesem Zusammenhang auch nur ... also auch nur der Gedanke!“
 

„Tu nicht so scheinheilig. Ein Scherz, ein kleiner Kick, weiter nichts. Aber mich zu schlagen wäre nicht nötig gewesen. Ich wusste auch so schon, dass du reichlich primitiv bist.“

Das würde sitzen. Eine Entschuldigung war fällig. Mindestens aber endlich ihre Unterschrift. Ohne irgendwelche Einwände. Ein schlechtes Gewissen wirkte in solchen Fällen Wunder.
Er war aufgestanden und ging jetzt zur Tür, fast sicher, dass sie ihn mit einem Wort oder einer Geste zurückhalten würde. Aber es kam nichts.

Es kam noch immer nichts, als er die Tür von außen schon fast wieder geschlossen hatte. Nicht gut. Also wieder retour.

Er machte wieder ein paar Schritte auf sie zu.

„Na, schön, komm her, wir wollen das einfach vergessen. So zu schämen brauchst du dich ...“
„Ich schäme mich nicht, jedenfalls nicht dafür. Höchstens, dass ich mich überhaupt mit dir eingelassen habe.“

„Ich seh’  schon, du bist heute total schlecht drauf. Hast du deine Tage?

Das kannst du mir das nächste Mal auch einfach sagen, ja?

Ich hab’ da viel Verständnis. Aber so eine Inszenierung für gar nichts ...“
„Bitte geh jetzt.“

 

Also schön. Unschlüssig stand er erst einmal vor der Tür auf dem Gang.

Falls er sie jetzt aufschluchzen hörte, würde er hineinstürzen und sie in die Arme nehmen.

Und die Türe absperren, eigenhändig.

Nichts dergleichen. Mist. Seinen kleinen Samsonite hatte er schon in ihrem Zimmer. Dort würde er auch warten, bis sie heraufkam. Und sich entschuldigte. Irgendwann würde sie es tun. Musste sie es tun, verdammt.

 

Karo dachte nicht daran. Sie war wütend. Auf ihn und auf sich. Sie hatte das ganz richtig gesagt, auch ohne Nachdenken. Wie hatte sie sich nur überhaupt auf diesen Menschen einlassen können.

Dann telefonierte sie gute dreißig Minuten mit dem Steuerberater und vergaß alles andere. Und dachte auch kaum noch daran, als sie nach oben ging, um zunächst wie immer in Alinas Zimmer zu gehen. Leer.

Dann sicher unten bei Tara.

Tara und Alina waren mit Sofia und Miro beschäftigt. Die knieten auf dem Boden des hintesten Lagerraumes und zogen Kreidestriche, maßen, wischten wieder weg.

„Oh, das sieht ja schon wieder nach Arbeit aus, da geh ich lieber. Habt ihr schon gegessen?“

„Ja, Spaghetti. Ist noch was da für dich. Auf dem Ofen.“
„Super, danke.“
Sofia war ein echter Schatz. Würde eine gute Paksi werden. Nur rasch umziehen, was essen und dann mit Tara noch ein paar Runden drehen.

„Hallo, bist du endlich fertig?“
„Was machst du noch hier?“
„Mein Gepäck war noch hier, wie du siehst, und ich möchte auch nicht im Streit nach Hause fahren. Eine Nichtigkeit, obwohl der Schlag ...“
„Hör auf. Es ist sicher das Beste, wenn wir uns nicht mehr sehen. Es ... war ein Irrtum.“
„Das meinst du auch nicht ernst. Vielleicht bist du überarbeitet.“
„Ich bin nur zu einem Entschluss gekommen. Nämlich dich nicht mehr zu treffen.“
„Du lässt mich nicht aussprechen. Ich kann keinen Satz zu Ende sagen. Ein Gipfel der Unhöflichkeit. Es reicht jetzt wirklich ...“
„Ja, also bitte geh!“
„Schon wieder. Ich möchte, dass du dich entschuldigst.“
„Was? Ich habe dich gebeten zu gehen!“

 

Er war jetzt wirklich wütend. Sehr. Keine coolen Überlegungen mehr. Unterwerfung.

Jetzt war er schnell. Überraschend. Er hatte sie fest im Griff, bevor sie verstand.

18.März 2014

der Anfang des 6. Kapitels

6. Kapitel

 

Alina konnte sich nicht erinnern. Sie stand am Morgen auf und war hungrig.

Bereitete sich auf die Schule vor. 

Karo wagte keinen Hinweis, keine Frage. Hatte eine eigenartige Scheu.

Sie sah ihrer Schwester nur immer wieder in die Augen. Alles normal.

 

„Was schaust mich denn so an? Ich hab mich schon gewaschen.“
Karo lächelte sie beruhigend an.

„Passt alles. Mir war gestern nur so, als hättest ein bisserl gerötete Lider.“
Jetzt lächelte auch Alina.

„Vor lauter Zeichnen und ausmessen vielleicht. Ah, der Jutschin is ja noch da, der kontrolliert heut alles, gell?“
„Ja, genau, das hab ich schon fast vergessen.“
„Wieso frühstückt er nicht mit uns?“
„Keine Ahnung, wahrscheinlich ist er beim Julian.“
Genau beobachten, das Kind. Keine Erinnerung, wie es scheint.

Alina sah aus dem Fenster.

„S regnet ja gar nicht, dass er net draußen schlafen hätt können.“
„Dem Julian ist es nicht so gut gegangen in der Nacht.“
Alina aß mit Genuss weiter an ihrem Honigbrot.   

„Ha, das wundert mich nicht, die haben gestern zu viel getrunken, die Buben.“
„Sei nicht so naseweis.“
„Wenn s aber stimmt!?“
„Erwachsene Jungs dürfen das halt, manchmal.“

„Mädels nicht, das is ja schon wieder so ungerecht!“
„Natürlich hätten die Sofia und ich auch mittrinken können, aber wer behält dann den Überblick?“

„Den behalten immer die Mädels?“

„Nein, nicht immer, aber meistens wohl schon. Verantwortung und so.

Aber jetzt ab, sonst kommst zu spät, Fräulein Obergscheit Naseweis.“

 

Karo schaute in Julians Zimmer, so wie die Kleine weg war.

Der Bruder lag ganz ruhig im Bett, Eugene saß am Boden über die Baupläne gebeugt.

Jetzt sah er auf, erfasste ihre Gestalt mit seinem Blick, hüllte sie ein.

Selten hatte er sie bisher in ihrer Arbeitskleidung gesehen. Heute war es ein Strickensemble, einfach und elegant. In dunklem Rot, das ihr sehr gut stand.

Sie hatte am Nachmittag ein Treffen mit den Einkäufern einer Einzelhandelskette, die ihre Markenmode für gehobene Ansprüche in Betracht zogen. Dementsprechend sorgfältig war sie gekleidet. Ihr Haar in einem einfachen Knoten im Nacken zusammengefasst. Sie wollte wohl älter und sehr seriös wirken.

Eugene kannte sie fast nur in weiten, alten Jeans und unförmigen Hemden oder shirts. Äußerlichkeiten. Unwichtig. In diesen Augenblicken stellte er allerdings fest, dass er nicht so gänzlich unbeeindruckt blieb von diesen äußeren, oberflächlichen Eindrücken.

Sie schauderte ein bisschen unter seinem Blick.

Er stand auf und kam zu ihr. Boxer short, sonst nichts. Wahrscheinlich hatte er so geschlafen, falls überhaupt.

„Hi.“

„Hallo.“
Befangenheit.

„Wie wird es weitergehen mit ihm?“

„Hm, kannst du Bernie anrufen?“

Julians Handy lag noch genau da, wo sie es gestern hingelegt hatte.

„Was soll ich ihr denn sagen? Weiß sie denn, was er nimmt? Dass er überhaupt ...?“
„Weiß ich nicht. Sag die Wahrheit. Kreislaufzusammenbruch.“
„Soll sie denn her kommen?“

„Ja.“
„Das ist viel verlangt, mitten unter der Woche. Sie hat Verpflichtungen, Studium.“
Eugene stand nahe bei ihr. Groß und breit und beunruhigend.

Er sah auf sie herunter, was nicht viele Leute tun konnten.

„Interessant zu sehen, was ihr wichtiger ist.“

Karo machte drei Schritte nach hinten, weg von ihm. Fort aus seinem Bannkreis. Sie hatte ihn schon verstanden. Bei ihr konnte er sofort sehen, was ihr wichtiger war als seine abendlichen Küsse.

Für sie würde ihr Geschäft immer das Wichtigste bleiben.

Er begriff ihr kleines Signal jedenfalls sofort.  

 

 

Bernadette zögerte nicht.

„Ich bin gegen Mittag bei euch, okay? Soll ich meinen Vater ...?“
„Er war in der Nacht bei ihm.“

„ ... Oh ... Gut, bis später dann.“

Jetzt aber endlich ins Büro.

„Wenn du was brauchst ...“
„Nein.“
„Wenn Julian aufwacht ...“
„Wir kommen zurecht.“

 

17. März 2014

das 5. Kapitel geht weiter und endet - zum Glück hier auf der Webseite:

Eugene hatte sich umgewandt, ließ sie stehen, rannte los.

„Alina!“  Ihre Stimme, atemlos, aus dem Nichts kommend.

Herzklopfen, Begreifen, Panik. Was war mit dem Kind?

Noch einmal rief sie, vielleicht zur eigenen Beruhigung, Alinas Namen, rannte los. Tara kam hinterher, spürte die Angst um sie herum und knurrte gegen die unbekannte Bedrohung an.

 

Die Treppen hinauf, Eugene war nicht zu hören und nicht zu sehen.

Oben stand Alina, aufgeregt, trotzdem wirkte sie ... fast schlafend.

„Alina!“ ,Karo nahm sie fest bei den Schultern, hätte sie beinahe geschüttelt.

„Sag schon, was hast du denn?“

„Der Julian, wir müssen ihm helfen, schnell.“

Karo sorgte sich aber um Alina, nicht um den Bruder. Das Mädchen sprach so eigenartig, hatte komische Augen. Als sie sie mehr zum Licht drehte, wurde ihr fast schlecht. Die Augen waren schwarz, nur Pupille. Um Gottes Willen, vielleicht vergiftet!

„Geh zum Julian, bitte, er braucht Hilfe.“
„Alina, was ist mit dir, hast du was eingenommen?“
Überstürzte Gedanken. Konnte es sein, dass sie etwas vom Julian, aus seinem Zimmer ...?
„Komm!“

Karo lief mit Alina an der Hand zu Julians Zimmer.

Da war Eugene. Auf den Knien vor Julians Bett. Sie stoppte. Was war jetzt wieder? Sie hatte den Schotten noch nie so gehört. Das war kein Englisch.

Schnelle Worte, aufpeitschend. Rieb an Julian herum, der reglos da lag.

„Dr. Imhofer, ruf ihn an. Handy, eingespeichert. Dort.“

Beinahe hätte sie seine deutschen Worte nicht verstanden zwischen dem eigenartigen Stakkato seiner fremden Sprache. Aber sie handelte sofort.

„Was?“
„Alles verlangsamt, kaum Puls, Atmung aussetzend. Soll kommen. Dopamin, Adrenalin, was er hat.“

Als der Arzt in der Leitung war, gab sie Eugenes Angaben schnell und präzise durch.

„Zu Hause?“
„Ja, das ist...“
„Camelot?“
„Ja....“
„Ich bin bald da. Rufen sie wieder an, wenn Verschlechterung eintritt.“

Weg. Unterbrochen.

„Weiß er denn, wo wir sind?“

Eugene gab keine Antwort, er war mit Reiben und Sprechen beschäftigt.

Er würde sie rufen, wenn er sie brauchte.

Sie wollte Alina ins Bett bringen.

„Alina!“
Das Kind war nicht im Zimmer, nicht auf dem Gang.

„Alina!“
Miros Tür ging auf, Sofia, reichlich zerwühlt.

„Was macht ihr denn so einen Lärm? Is was los?“

„Entschuldige, nein, passt schon.“

Alina war in ihrem Zimmer, lag im Bett. Und schlief.

Karo schüttelte sie.

„Alina …“ Die Kleine schluckte, schmatzte, murmelte – und schlief weiter.

So als sei sie nicht gerade noch voll aufgelöst und verstört in Julians Zimmer gestanden. Gab’s denn so was? Konnten Kinder einfach so plötzlich einschlafen bei einer solchen Aufregung?

 

Sie ging zur Einfahrt, um auf den Arzt zu warten.

Tara wachte bei ihr, sehr aufmerksam. Sie spürte wohl das Ungewöhnliche der Situation.

Als Dr. Imhofer endlich kam, rührte die Hündin sich gar nicht, knurrte auch nicht.

„Danke, dass Sie gleich los gefahren sind, Herr Doktor. Ich weiß nicht, was passiert ist, aber es geht ihm ... schlecht.“

„Was war bisher, ist jetzt wer bei ihm?“
„Ja, Eugene, äh, ein Bekannter ... meine kleine Schwester muss ihn ... gefunden haben ... oder  so ...“

Günther Imhofer musste wieder an eine andere und doch ähnliche Situation denken. Blutdruck messen, Spritzen aufziehen, sogar die gleichen Wirkstoffe.

Gudrun, dein Kleiner will es dir nachmachen. Hindere DU ihn daran, ich kann scheinbar nicht einmal das.

„Doktor?“
 

„Ich habe Medikamente dabei. Die werden ihn stabilisieren.“

Seitenblick auf die junge Dame. Besorgt. Beunruhigt. Die Mama, der Bruder. Ihre Verwirrung schien ihm trotzdem etwas zu stark. Gudrun hatte sie vom Typ her ganz anders als etwa hysterisch beschrieben.

„Es wird sicher bald wieder. Aber ich bleibe da. Weiß jemand, was er genommen hat?“

Eugene hatte, nachdem er dem Arzt Platz gemacht hatte, zu kramen begonnen.

Seine Funde breitete er jetzt vor dem Doktor aus.

„Und vorher vier Flaschen Bier verteilt auf zweieinhalb Stunden am Abend.“

Günther besah sich das Zeug, steckte dann alles in seine weiten Hosentaschen.

„Sie sind Eugene Mc Intire.“

„Sie sind Dr. Günther Imhofer.“
„Sie sind sein Freund.“
„Sie sind auch sein Freund.“
Sie gaben sich die Hand, hatten sich verstanden.

„Du hast ihn aber nicht gefunden?“

„Nein, ich habe ... Alina gehört.“

„Wo ist sie jetzt?“
„Schläft wieder.“

Günther wandte sich an Karo, die in Julians Fernsehsessel saß.

„Sie sollten auch ins Bett gehen, wir würden Sie rufen, falls ... ähm, eine Verschlechterung …“
„Ich möchte wissen, was hier läuft.“
„Wie meinen Sie das?“
„Julian hat wohl wieder Drogen genommen. Aber wer sind Sie, wieso wissen Sie, wo Camelot ist, was weiß ich alles NICHT?“

Eugene ging zu Karo, die seine Hand auf ihrer Schulter aber ziemlich brüsk abschüttelte. Sie  war nervös und überfordert.

„Ich kannte seinen Namen aus Julians Erzählungen. Er ist sein Arzt.“

„Und ich war schon einmal hier. Das erzähle ich Ihnen ein anders Mal genauer.“

„Warum schläft Alina so fest, als ob nichts gewesen wäre? Hast du ihre Augen gesehen?“

Der Doktor schaltete sich wieder ein.

„Warum sind Sie so aufgeregt,  ... Frau ... Paksi?“
„Mein Bruder stirbt beinahe und meine Schwester findet ihn, obwohl sie normalerweise nachts nie aufwacht. Dann ist hier viel Betrieb und sie geht ins Bett und schläft sofort so tief, dass ich sie gar nicht wach krieg.

Als sie mich geholt hat, ... da waren ihre Augen ... nicht da. Die Iris war ... einfach weg. Nur Pupille, das gibt es doch gar nicht, oder, Herr Doktor? Soll ich da noch cool bleiben? Glauben Sie, ich erleb das jeden Tag und es macht mir nichts, dass ich mich vor meiner eigenen kleinen Schwester fürchte?“   

Günther war aufgestanden, ging zu ihr und kniete sich nieder.

„Ich geb Ihnen ein paar Tropfen, damit Sie sich entspannen können. Nichts Giftiges, okay? Dann schau ich mir die Alina an und geb Ihnen noch Bescheid, bevor Sie ins Bett gehen.“

„Was ist das?“
„Der Wirkstoff aus dem Johanniskraut.“
„Dann wär Mamas Johanniskrautschnaps noch besser, es ist nämlich die ganze Pflanze, die’ s ausmacht.“
„Eins zu Null, aber die hier hab ich schneller bei der Hand. Ab Morgen dann den Schnaps, aber richtig dosieren.“

„Danke, Doktor Imhofer, ich danke Ihnen sehr.“
„Keine Ursache, das ist mein Job.“
„Eine Herausforderung.“
„Ja, das hab ich Ihrem Bruder auch gesagt.“

 

Alina schlief ruhig. Eugene war mit gekommen. Betrachtete zusammen mit dem Arzt die Augen unter den Lidern, die Günther anhob. Pupillenreaktion beidseits völlig normal.

„Ist Karo so ... durcheinander?“
„Nein.“

„Was dann?“

„Sie hat es so gesehen.“
„Du auch?“
Nicken.

Auch Günther nickt. Langsam versteht er. Mit einer Gänsehaut auf dem Rücken.

„Sie nennen dich den Magier.“
„Eine Bezeichnung, bedeutungslos.“
„Aber du ... weißt manches.“
„Du auch.“

„Ich weiß, was ich gelesen oder gehört oder gesehen habe. Du weißt ... einfach so.“
„Manchmal.“

„Und Alina?“

„Auch.“

„Heute Nacht?“
Bedächtiges Nicken. Eugene nimmt es wohl an.

„Und sie ist gar nicht aufgewacht?“
„Sie wird sich nicht erinnern.“

„Julian auch nicht.“

„Dann belassen wir es dabei.“

„Ich weiß nicht, ob ich ihm helfen kann.“

„Das kann er nur selber.“

 „Klar, letztendlich. Es ist nur ... Bernie ist meine Tochter ... ich bin nicht sicher ...“

„SIE hat ihm schon geholfen. Ich WEIß es nicht, aber ich glaube, es ist gut für beide.“

„Danke, Eugene. -  Ich glaube, ich werde mich um deine Freundschaft bemühen.“
 

 

15. + 16. März 2014 konnte hier leider  nichts gepostet werden, weil die Internet Verbindung nicht stand hielt ...

ich habe dann einen Teil des 5. Kapitels auf Facebook gepostet, hier ist er: 

Dieses Wochenende war überhaupt - besonders für Alina -  genial. Baupläne wurden in Rohform gezeichnet, jeder brachte seine Ideen ein. Angeregte Diskussionen wurden geführt, aber vorsichtig, damit nicht wieder jemand >durchdrehte<.

Einvernehmen und Toleranz. Fast schon Familienidylle.

 

Julian, der besonders viele gute Einfälle zum Ausbau hatte, dachte dann auch daran, Eugene mit den Bauplänen zu konfrontieren.

„Er wird uns sagen können, wo gute und wo schlechte Plätze sind und wie sich die Energie verteilt. So in der Art Feng Shui auf ... schottisch.“
„Keltisch, meinst du.“

„Gsund, mein ich.“

„Allerhand, Julian, dass du dich für gsund interessierst. Ich hab gmeint, du bist nur für Bewusstseinserweiterung.“

„Beim Eugene ist das fast das gleiche.“

„I fahr gschwind mit  dem Motorrad hin und frag ihn, ob er heut noch kommen könnt. Er kann ja auch unter der Woche ein paar Tag bleiben, dann tät er uns alles durch checken.“

„Wart ich komm mit.“
 

„Klar lasst ihn die Sofia nicht allein fahren, sonst kommen die erst, nachdem sie einen Abstecher zum Club gemacht haben.“

„Wär auch nicht schlimm.“
„Wollen wir den Bau bald beginnen oder nicht?“

„Geh, Karo, sei halt nicht immer gar so streng.“

„Ich bin nur zielstrebig, was du ja im Moment gar nicht bist, Julian.“
„Stimmt nicht, ich hab schon sehr genaue Pläne, aber erst einmal mach ich die Entwürfe für Keltic design fertig, sonst sagt die böse Chefin wieder, sie muss mich durchfüttern.“
„Ich an deiner Stelle würd mir das nicht gefallen lassen. Ich tät in die Küche gehen und VIELE belegte Brote herrichten, dann muss sie nämlich zugeben, dass du sie und alle anderen durchfütterst, zumindest heute Abend, die böse Chefin.“

„Ja, Julian, komm, i helf dir, i hab eh schon so einen Hunger, wir machen Tramezzini, das is fast das Gleiche und klingt so gut.“

 

Gut. Alle weg. Karo saß noch im Besprechungsraum. Überlegte sich einmal alles in Ruhe. Zu viele große Ausgaben. Gut, der Ausbau eine sinnvolle und nötige Investition, aber die Werbung. Die Werbung machte ihr Kopfzerbrechen, auch wenn sie von Manuel kam. Oder vielleicht weil sie von Manuel kam. Sie hatte inzwischen Einblick in seine Arbeitswelt bekommen. Er war sicher gut, aber er war auch irgendwie ... skrupellos.

Und er stand nicht so gut da, wie er behauptete. Das Büro, die Wohnung, das Auto, die großzügigen Reisen, er lebte verschwenderisch, ohne auf Engpässe in seinen Aufträgen Rücksicht zu nehmen. Dann war er hinter den Kunden her wie der Teufel. So wie bei ihr.

Seine Welt faszinierte sie, aber es war doch viel weniger das, was sie für ihr weiteres Leben wollte. Nach ihrer anfänglichen Verliebtheit dachte sie mittlerweile, dass  ihr Verhältnis mit Manuel keine Zukunft haben konnte. Jedenfalls keine im herkömmlichen Sinn mit Kindern und Familie. Und sie glaubte trotz Ehrgeiz und Professionalität, dass sie das für ihr Leben AUCH wollte, eine eigene kleine Familie.

Wenn sie bei ihm war, vergaß sie solche Überlegungen, da ließ ihr Körper ihr wenig Zeit zum Nachdenken.

 

Miro und Sofia kamen sehr rasch mit Eugene zurück, die mussten ja ziemlich rasant gefahren sein. Sie waren auch dem entsprechend aufgekratzt – und hungrig. Eugene brauchte natürlich wieder extra Energie. Er ging mit Alina in die Küche und kam mit Nüssen, Mandeln und Karotten wieder.

Zu dritt brachten die Jungs an diesem langen Abend eine halbe Kiste Bier weg. Julian konnte bald kaum noch stehen und war ein bisschen überdreht.

Miro kündigte zu Sofias Entsetzen sehr theatralisch an, dass es heute in seinem Zimmer laut zugehen würde, weil er seine Braut so sehr liebe.

„Das is keine Schschschande, meine lieben ... Damen und Herren, das  is eine Tatschache. Da muss i mi als MANN eben anstrengen ...“

Eugene hatte schon bei seiner Ankunft angekündigt, dass er sich die Pläne und überhaupt das Haus erst am Morgen vornehmen würde, bei Sonnenaufgang.

„Morgen ist ein Arbeitstag, das heißt, Karo, Miro und Alina müssen sowieso früh auf, das reicht mir, wenn ich danach in die Zimmer kann. Julian schmeiße ich raus, wann ich will, okay? Und wann darf ich dich wecken, Sofia?“
„Ich steh sowieso mit Miro auf, er fährt mich noch nach Hause. Darum muss er sich jetzt seinen Rausch ausschlafen.“  Seitenblick, ein bisschen strafend.

„Und sonst gar nix!“

„Ich geh jetzt auch, gute Nacht.“

Eugene war schon weg, bevor sie alle gute Nacht sagen konnten. Karo half Julian in sein Zimmer. Sofia bugsierte Miro dahin, wo sie ihn haben wollte.

 

Als Karo Baby-Julian ins Bett gebracht hatte, ging sie hinunter, um noch nach Tara zu sehen. Seit die Hündin erwachsen war, blieb sie nachts draußen.

Eugene war bei ihr.

„Schläfst du hier draußen?“

„Wie du willst.“
„Wie ICH will? Seit wann fragst DU denn nach meinen Wünschen?“
„Damals wolltest du, dass ich im Wohnzimmer schlafe.“
Karo wusste sofort, was er meinte. Als Tara ein Baby war und die Mama ihn nach Camelot eingeladen hatte. Sie waren mit Miro im Motorrad Club gewesen und sehr locker und aufgewühlt nach Hause gekommen. Dann das ... Missverständnis. Er hatte es später erklärt und sie hatte es gut verstanden.

„Heute ist es nicht mehr wichtig, was ich möchte.“
„Warum nicht?“
„Weil ... alles anders ist.“
„Bist du dessen auch ganz sicher?“
„ ... Jaa ... “

Eugene war ganz nah zu ihr getreten, um sie in der Dunkelheit besser zu sehen, vermutlich. Aber er berührte sie nicht. Karo hätte es sich beinahe gewünscht, aber - es war ja alles anders gekommen, seit damals.

 

Jeder nahm die Präsenz des anderen wahr, stark und mit allen Sinnen.

Eugene war sich nach dem Bierkonsum seiner selbst nicht mehr so sicher.

Konnte er das unbändige Verlangen nach ihr gut genug unterdrücken?

Wollte er das überhaupt? Er hatte sie noch nie geküsst. Jetzt waren ihre geschwungenen, ganz leicht aufgeworfenen Lippen viel zu nah.

Er hatte die Luft angehalten und hörte sich jetzt selber laut und mit einem kleinen Stöhnen ausatmen. Okay, das war wohl eindeutig. Dann ist es auch schon egal. Beherrschung über Bord. Er umfasste mit beiden Händen ihren Kopf, versenkte seine Fingerspitzen bis zur Kopfhaut in ihrem Haar. Kam mit seinem Gesicht ganz nah zu ihrem. Legte langsam, ganz langsam seine Lippen auf ihre. Wonne, Wonne, Wonne. Er hätte so verbleiben können, hingerissen und glücklich. Aber sie bewegte sich. Drückte ihm ihren Mund ganz leicht entgegen. Das wollte er noch einmal spüren. Er musste sein Kinn nur etwas anheben, um den Kontakt zu intensivieren. Dann öffnete er seine Lippen und ihre mit. Seine Zunge umrundete jetzt ihren Mund. Seine Fingerspitzen bewegten sich massierend. Dann löste er seine Hände von ihrem Kopf, legte sie auf ihre Schultern und zog sie noch enger zu sich.

Sie fühlte die Hitze seines Körpers, auch seine Erregung. Sie wusste, dass sie sofort aufhören und sich von ihm lösen musste. Ihr Geist wie immer analytisch. Aber dieser Kuss war anders als alles, was sie bisher an Erotik erlebt hatte. Hinreißend und so, dass man alles vergessen konnte. Einfach eintauchen und treiben lassen. Ihre Zunge begann mit seiner zu spielen. Sie stöhnte. Unglaublich. Wollte sich an ihn pressen, sich ganz in ihm verlieren.

Oh, dieser Zauber. Es gab nur noch ihn. Eugene beherrschte die Welt, die wunderbar ausschließlich aus ihm bestand. Sein Mund, sein Mund, zart, sanft, liebevoll, ja, richtig liebevoll. Seine Hände, seine Hände, die kaum etwas anderes taten als sie zu halten, so stark, warm, ruhig, Geborgenheit vermittelnd.  Ewig, bitte die Ewigkeit.

So sollte die Ewigkeit sein. Sie drückte sich noch ein bisschen mehr an diese warme Haut mit ihrem einzigartigen Duft, wollte noch mehr von seinen Berührungen, mehr von seinen Lippen, von seiner Zunge. Er hatte seine Hände auf ihre Hüften gleiten lassen, eine heiße Spur ziehend, umfasste sie fest und schob sie ein wenig von sich weg. Beugte sich aber gleichzeitig weiter über sie, um sich stärker ihres Mundes zu bemächtigen. Karo wollte nicht nur seine Lippen, wollte diesen Körper über sich spüren, wollte seine Liebe, so wie immer schon. Ihr Körper begann alle Signale auszusenden, denen er nicht lange würde widerstehen können. Sie spürte, wie sich seine Brust in tiefen Atemzügen bewegte. Er wollte es ebenso wie sie, hier auf der Stelle. Leidenschaftlich und wild und sanft und zärtlich und alles auf einmal.

 

„Karo, wo bist denn, Karo schnell, der Julian ...“

Auftauchen, ohne es zu wollen, nur nicht ...

„Karo...?“
Alina, da rief die Alina!
„Karo, wo bist denn, Karo, hilf mir!“

14. März 2014

Der Anfang des 5. Kapitels

5. Kapitel

 

Miro hatte eine Anstellung in einer KFZ Werkstätte gefunden, die ihm sehr zusagte. Kaum noch ein Monat hin. Er könne demnächst auf Firmenkosten seine Werkmeisterausbildung beginnen.

Nähe Salzburg. Günstigere Wohnmöglichkeiten als direkt in der Stadt. Für Sofia hatten sie noch nichts Passendes gefunden. Das würde sich schon ergeben.

Sofias Eltern waren gar nicht glücklich über diese Entwicklung. Die Tochter war zu jung zum Heiraten, und zu gut ausgebildet, um nach der Matura arbeitslos zu Hause zu bleiben.

Eines Tages rief die Mutter des Mädchens bei Karo im Büro an. Einen Termin bitte. Karo wollte nicht unhöflich sein. Also bitte, gleich heute Abend.

Ein informatives, aber auch ein emotionsgeladenes Gespräch unter Frauen.

Die Ältere war erstaunt über die Jugend der „großen“ Schwester.

Gar so dominant konnte die doch gar nicht sein.

„Die zwei sind dabei, sich unglücklich zu machen, und uns mit dazu.

Alina hat uns von Ihren Familienrat - Versammlungen erzählt.

Könnten Sie’ s nicht noch einmal versuchen, bitte.

Bitte.“

Bei Gott, die Frau war ja richtig ... unterwürfig, da musste die Verzweiflung schon groß sein.

„Ich bin nicht die, die Sie um etwas bitten müssen. Mich hat er genauso vor die Tatsachen gestellt wie Sie. Sie müssten schon ihn bitten, noch einmal alles genau zu überdenken.“
„Aber ich komm zu Ihnen, weil Sie eine Frau sind und weil WIR halt leichter einlenken, oder? Einem Mann, der sozusagen zu Kreuze kriecht, fällt ja ein Zacken aus der Krone. Da sind die Jungen nicht anders wie die Alten.“

„Aha. Ich hab da keine Erfahrung. Der Miro ist jähzornig, sehr aufbrausend. Aber er beruhigt sich auch schnell wieder, wenn die Luft heraußen ist.

Ich hab eigentlich gar nicht geglaubt, dass er das durchziehen wird.“
„Und ich glaube, dass er sich von Ihnen lösen muss wie ein anderer von der Mutter. Er will mit unserer Sofia ein eigenständiges Leben führen.“
 

„Und andererseits benimmt er sich wie ein eifersüchtiger Gockel wegen meines Freundes, weil ich eben auch einmal ein eigenständiges Leben führen möchte.“

„Es wär doch für Sie oder – anders gesagt - für die Firma sicher auch besser, wenn die Beiden hier blieben, oder?“

„Nnn ... ja. Doch, ja.  Insofern, als der Miro sich um alle Wartungsarbeiten an den Maschinen und im gesamten Haus gekümmert hat. Da hat er ja was drauf. Und um den Fuhrpark. Und um das Außengelände, Rasen und Bäume und so. Schneeräumung. Post- und Paketversand war auch seins. Heizung.“

Sofias Mutter musste lachen.

„Na, wissen Sie, ich glaub fast, Sie haben sich das auch noch nicht so recht überlegt, dass Sie eigentlich einen ganzen Arbeitsplatz mit dem Miro abgedeckt haben.“

„So wild ist das auch wieder nicht. Außerdem geht unsere Lohnbuchhalterin in Karenz. Ich muss mich also sowieso um Personal kümmern.“

„ ... Sagen Sie, ... die Sofia hat nach der Matura schon einige Kurse gemacht, damit Sie möglichst hier in der Nähe eine Anstellung findet, auch die Lohnbuchhalter-Aufschulung, wäre da nicht die Möglichkeit, sie in Ihrem Betrieb ...“
„Hm, so gesehen ... doch, ja, natürlich. Aber wir machen hier Pläne, die an den Wünschen der Beiden mit Sicherheit vorbei gehen.“
„Bitte, nur noch dieser eine Versuch. EINE Familienkonferenz. Bitte. Mit der Perspektive eines Arbeitsplatzes für Sofia.“

 

 

„Dieses Wochenende geht nicht. Am Samstagnachmittag treffen wir uns alle noch mal wegen Miro.“

„Du meinst, ihr sprecht seine finanziellen Forderungen durch?“

„Nein, es geht noch mal darum, ob er wirklich geht und so.“
„Ach, das ist doch schon beschlossene Sache. Lass ihn gehen, über kurz oder lang ist es besser, wenn nur einer das Sagen hat. Familienbetriebe unter Geschwistern zerfransen sich erfahrungsgemäß.“
„Wie auch immer, es ist schon ausgemacht, dass wir uns noch einmal zusammensetzen.“
„Es ist auch ausgemacht, dass die Werbekampagne endlich richtig losgeht, aber du hast noch nicht mal unterschrieben.“
„Nächstes Mal.“
 

„Bis dahin ist bei mir der sexuelle Notstand ausgebrochen. Du musst auch endlich nach Wien ziehen. Ein Mode Design Zentrum mitten im weißen Fleck auf der Landkarte ist untragbar, das weißt du.“

„Ja, weiß ich. Bussi.“

 

Es wurde eine lange Unterredung der Geschwister. Alina und Sofia waren auch dabei. Beide fungierten als beruhigende und ausgleichende Pole.

Miro war in seiner zornigsten Stimmung erschienen in der Annahme, Karo wolle ihm sein Erbe streitig machen.

Julian saß sehr unbeteiligt da, im Grunde war ihm der ganze Zirkus völlig gleichgültig. Er wollte jetzt nichts sagen, weil es mit Bernadette noch nicht abgesprochen war, aber er würde wohl zu seiner Süßen nach Wien ziehen, wieder bei der Rettung arbeiten und sich für Psychologie  inskribieren. Inzwischen noch ein paar hübsche Zeichnungen, um die neue Kollektion aufzupäppeln. Seine Muster und auch seine Gedichte konnte Karo auch haben. Und Geld wollte er erst mal sowieso keines. Damit würde sich Schwesterchen zufrieden geben. Hoffentlich.

 

„Mir würde das sehr gut gefallen, bei euch mit zu arbeiten. Und es ist halt sicherer als irgendwo, wo man nicht weiß, wie’s is.“

„Du solltest da wirklich auf die Sofia hören, Miro, schließlich ist es nicht weniger wichtig, dass sie Arbeit hat.“
„Ah, hör bloß auf mit dem Weiberzeug...“
„Na hör einmal!“
„Jetzt also wirklich.“
Das hätte er nicht sagen dürfen, jetzt hatte er eine geballte Ladung weiblicher Entrüstung auf sich gelenkt. Alina wusste überhaupt nicht, was er damit eigentlich hatte sagen wollen, aber natürlich war sie auch empört.

Jedenfalls aber wusste sie sehr gut, was sie erreichen wollte.

 

„Jetzt bauen wir einfach die Erweiterung, wie ihrs eh schon einmal gesagt habts und dann is gut Platz für alle, auch für die Bernie, und dann passt wieder alles. Der Miro kann da bleiben und das is sowieso das Beste für alle.“

Miro schaute verblüfft in das eifrige Gesicht seiner kleinen Schwester.

Sie liebte ihn und wollte nicht, dass er mit Sofia so weit weg zog. Okay, sie hatte wahrscheinlich Recht.

„Amen.“

Erleichterung in allen Gesichtern. Das war ja direkt einfach.

„Amen.“

„Amen.“

„Spielt’ s ihr jetzt Kirche?“
 

„Nein, Alina, >Amen< heißt einfach >einverstanden<, und weil der Miro das gesagt hat, haben wir uns angeschlossen. Dein Vorschlag war genial.“

 

Dieses Wochenende war überhaupt - besonders für Alina -  genial. Baupläne wurden in Rohform gezeichnet, jeder brachte seine Ideen ein. Angeregte Diskussionen wurden geführt, aber vorsichtig, damit nicht wieder jemand >durchdrehte<.

Einvernehmen und Toleranz. Fast schon Familienidylle.

 

13. März 2014

4. Kapitel, letzter Teil

 

„Himmel, das ist ja der komplett abgefahrenste Wahnsinn!“
Bernadette war hingerissen von Camelot. Den Geschwistern tat das wohl.

Es war ein weiter Weg gewesen, bis ihr Camelot für Keltic design entstehen hatte können.

Goldgelb und weiß, versetzte Stockwerke – verschachtelt hatte die Mama das genannt – von außen konnte man da schon an ein goldenes Schloss denken. Innen herrschten die keltischen Farben rot und blau vor.

„Eigentlich wollten wir anbauen. Einige Produktionsräume mehr, zusätzlichen Wohnraum darüber. Damit wir alle Platz haben, auch wenn jeder einen Partner ... eh, mitnimmt. Also, Familie und so. Es sollte ja ein Familienbetrieb bleiben, obwohl, so wie es im Moment aussieht ... 

Mein Bruder Miro seilt sich grad irgendwie ab, glaub ich.“

„Nein, nein, wirst sehen, das wird schon wieder, der Sofia ist das auch nicht recht, dass er jetzt so spinnt ...“

Alina war wie immer bei diesem Thema schrecklich aufgebracht. Julian hatte zu tun, sie wieder zu beruhigen. Zu Bernadette hatte sie gleich einen guten Draht gehabt, die legte jetzt auch ihren Arm um die Schultern des Kindes.

„Da lassen wir uns heute aber auch keine grauen Haare wachsen, das kommt schon klar, gell? Und du hast ein Pferd in ... in ?“
„Wachegg. Nein, die Estellé gehört meiner Schwester, aber die hat jetzt immer  so wenig Zeit ... und so. Die ist auch schwierig, -  die Estellé . Ich bekomm vielleicht einmal ein Islandpony, das wär mein Traum.

Hängt, glaub ich, vom Eugene ab.“

„Jetzt bin ich ja schon sehr gespannt auf die Hütte und die Tiere und ... alles.“

„Wir könnten den Firmenbus nehmen, wegen der Ausrüstung und den Lebensmitteln und so. Bernie, du kannst doch dein Auto hier bei uns stehen lassen, was meinst du?“
 

„Von Wachegg aus wärs ein Stückerl näher nach Hause.“
„Aber noch schmälere Strassen, viel zu gefährlich.“

„Hallo, ich bin eine sichere Autofahrerin!“
„Mhm, schon ein halbes Jahr lang, total erfahren.“
„Jetzt sag bloß, du machst dir Sorgen.“
„Freilich, ich möchte ja noch länger ... was haben von dir ...“
„Was genau?“
„Das müssen wir beide erst herausfinden.“
 

Die Zwei standen jetzt sehr nah bei einander. Alina versuchte diskret zur Seite zu schauen, wie sie das auch tat, wenn Miro und Sofia sich küssten.

Aber es war sehr interessant, wie der Julian da so stand und jetzt auch noch seine Hand an Bernadettes Nacken legte, seine Finger unter ihre Haare schob, ihren Kopf ein bisschen zu sich hin zog. Sie küssten sich tatsächlich, aber nicht so wie Miro und Sofia. Bei denen sah es immer aus, als hätten sie tagelang nichts gegessen. Tara nagte manchmal genauso hingebungsvoll an einem Knochen. Die beiden hier hatten sich geküsst wie Mama das manchmal auf die Wange getan hatte, nur auf den Mund. Punktgenaue Maßarbeit.

 

Eugene hatte wie üblich ab Freitagnachmittag mit dem Erscheinen einiger Paksis gerechnet. Seit Karo anderweitig so überaus „beschäftigt“ war,  war das immer spannend, wer diesmal die Betreuungspflichten übernommen hatte. Karo war ein Organisationsgenie und duldete  keine Widerrede.

Das hatte bis vor kurzem auch niemand wirklich in Erwägung gezogen.

Sämtliche Paksi Kinder waren die Befehle der großen Schwester gewöhnt. 

Bis Miro – nachdem er bei Eugene wegen Julian so gewütet hatte - allen verkündete, er ziehe aus, wolle sein Erbteil ausbezahlt und ginge mit Sofia nach Linz oder Salzburg, auf alle Fälle weit weg von diesem Sauhaufen von einer Familie.

Und Karo, zeit ihres Lebens um Harmonie bemüht, hatte plötzlich eine andere Linie eingeschlagen.

„Geh nur, bloß Geld gibt’s keines, das wirst dann vom Rechtsanwalt auch hören. Und lesen.“

 

Schon wieder ein Schlag für Alina, die sich schon ausgemalt hatte, wie toll das werden würde, wenn auch Sofia in Camelot wohnen würde. Nach der Hochzeit, die die beiden tatsächlich schon planten. Tatkräftigst unterstützt von Alina. Alle zusammen, alle daheim in Camelot, was Schöneres konnte es gar nicht geben. Und dann dies. Warum mussten Erwachsene so schrecklich kompliziert sein und ihre Pläne ständig ändern?

 

Nur Eugene – ohje, schon wieder so eine Erinnerung!

Auch für Alina waren Rückblenden in den letzten Monaten eine häufige Begleiterscheinung. Sie kamen plötzlich und ließen sich nicht einfach wegschütteln. Augen fest zumachen half auch rein gar nichts.

                                                                                             

Das Begräbnis.

Mam  hatte sich ein spezielles Lied gewünscht -

Nabucco, der Gefangenenchor. Von Zucchero in Italienisch und Englisch mit einem wirklich guten Text versehen. Sie hatte das gar nicht lange erklären wollen, damals, als sie darüber sprachen, aber Eugene hatte genickt, also war das für die Paksi – Kinder absolut richtig. Und sowieso meilenweit weg, nur eine Marotte von ihr, sich überhaupt über das eigene Begräbnis Gedanken zu machen.

Alina konnte es fast nicht aushalten, als es dann wirklich gespielt wurde, beim Begräbnis.

Eugene stand  hinter  ihr und Karo, nicht in der ersten Reihe bei den Familienmitgliedern. Das war der Oma und ihrem Mann schon wichtig. Wie überhaupt das ganze Begräbnis.

Die Mama hätte ja eigentlich verbrannt werden wollen, ihre Asche am liebsten verstreut gehabt über das gesamte Camelot Anwesen.

Stattdessen nahm sie auf ihre Mutter Rücksicht, die ihr in einem – scheinbar ganz nebensächlichen – Gespräch klar machte, was sie eigentlich ja sowieso in all den Jahren gewusst hatte, dass die Oma natürlich auf perfekte Begräbnisformalitäten allerhöchsten Wert legte, für sich und alle Familienmitglieder.  Wobei sie hier natürlich vorwiegend an sich und ihren Ehemann gedacht hatte und vielleicht noch an entfernte Verwandte und Bekannte.

Aber dann war es ihre Tochter. Die gewünschte Musik die einzige Abweichung von der Tradition, aber da waren die Paksis unerbittlich hart geblieben. Die Mama hatte es  - als einziges Detail - so verfügt und basta.

Eugene sollte also laut Anweisung einer erschütterten, aber

ebenfalls unerschütterlichen Oma nicht zu nah bei den  „Hinterbliebenen“ stehen.

Alina und sogar Karo wussten, warum er genau an dem Platz stand, an dem er stand. Es half, ihn da zu wissen.

Bei Zuccheros Version vom Gefangenenchor musste Alina sich dann auch prompt zu ihm umdrehen, um nicht vollends zusammenzubrechen oder ihre ganze Wut und Ohnmacht in alle Welt zu schreien.

Eugene tat damals, was er meist tat, wenn er ihr rasch etwas mitteilen wollte - er machte eine Handbewegung. Diesmal hob er auch den Arm dazu. Und Alina verstand.

 

Karo hatte sich als Einzige sofort nach Mamas Tod mit dem Liedtext auseinandergesetzt, hatte sich sogar die italienischen Sätze mit Wörterbuch übersetzt, beim Begräbnis wollte sie aber gar nicht mehr daran denken. Nein, Trost konnten ihr diese Worte nicht sein. Gefangenenchor? Nein, sie sah keinen Sinn darin. Wollten die denn nicht ausbrechen?

 

Gedanken oder Sorgen, auf goldenen Schwingen davon …?

 

Nimm sie an der Hand und zeige ihnen einen besseren Weg …?

 

Alina kannte weder die Worte noch die Übersetzungen oder den Sinn.

Aber sie vertraute Eugene. Er bedeutete ihr in dieser außergewöhnlichen Situation mit seiner knappen Geste den ganzen Trost, der in der Gewissheit der Metamorphose liegen kann.

Deshalb und wegen -zig anderer Gegebenheiten schien Eugene Alina der einzig Beständige in diesem ganzen Kasperl Theater, das sich Leben, IHR Leben nannte.

Ja, Eugene. Und vielleicht noch die Tara, Gott sei Dank.

 

Die Tage in Wachegg waren Lichtpunkte für Alina, wenn wieder einmal alles kriselte und im Chaos versank.

Diesmal sollte Eugene noch ein Zimmer herrichten und sie bis Dienstag beherbergen. Julian fragte vorsichtig an, ob das möglich sei. Gegen Bezahlung, versteht sich. Und Nahrungsmittel, falls er etwas gebrauchen könne.

Der Schotte lachte.
„Ihr werdet lieber meine frischen Fische essen wollen. Und die letzten Topinamburwurzeln. Zimmer könnt ihr selber machen, ich habe keine Zeit.

Muss mit Alina zum Bach. Viele Bauarbeiten, was, Mädchen? Alina kann mit Bernie in ihrem Zimmer bleiben. Du schläfst in der Küche. Wäre einfacher.“

„Und wo bleibst du?“

„Draußen.“
„Und wenn’s regnet?“
„Wenn Alina mir ordentlich hilft, ist abends das neue Haus fertig, Dach über dem Kopf und so.“

„Mensch, Jutschin, ich bin schon so gespannt, komm, gemma gleich!“
Alina rannte schon mit den Hunden davon.

Eugene fragte Julian, leiser und ein wenig abseits von Bernie.

„Soll Alina lieber bei mir bleiben, in der neuen Hütte, so als Abenteuer-Gag?“

„Das wäre ... überaus verständnisvoll von dir.“
Eugenes grüne Augen waren dunkler geworden. Julian wusste, dass sie die Stimmung des Freundes verblüffend wiedergaben.

„Nutze deine Chance richtig. Aber ehrlich.“
„Klar, danke.“

12. März 2014

weiter im 4. Kapitel

Ein schönes Mädel. Der Papa konnte sie nicht verleugnen. Sie hatte sein breites Gesicht, aber herzförmig. Hohe Wangenknochen und mandelförmige Indianeraugen. Mandelbraun. Auch ihre Haare hatten die gleiche satte Farbe.

Schulterlang und wild, aber echt und natürlich. Ihre Körperform war ähnlich gedrungen wie Günthers. Kurze, schlanke Taille, der Rest gut bestückt.

Jetzt war Julian froh, auf Karo gehört zu haben und endlich mal zum Friseur gegangen zu sein. Eines der neuen Lederhemden hatte ihm Schwesterherz auch gegeben. Die mit dem feinen Flechtwerk. Machte ihm einen imposanteren Oberkörper. Nicht dass ihm das wichtig war, ... aber andererseits wollte er nicht ganz blöd dastehen.

Die beiden jungen Leute musterten sich also ganz auffällig unauffällig, während der Papa ein paar Worte mit dem Kurti wechselte, den er noch aus der wilden Studien- und Sanitäterzeit kannte.

Wurde ein netter Abend.

Julian merkte selber, wie er Feuer fing.

Okay, er hatte schon ziemlich lange keine Freundin mehr gehabt. Und er hatte Prinzipien. So eine schnelle Sache kam für ihn nicht in Frage.  Wenn er eine nicht so toll fand wie sie ihn, dann war das auch nichts, schließlich mochte er nicht fies und gemein sein. Dann lieber gar nicht. Aber die Bernie, die hatte eigentlich alles, worauf er abfuhr. Hirn und Mundwerk und das passende Aussehen auch noch.

Bestimmt hatte sie einen Freund. Er fragte sie, was der sage, wenn sie ihre Abende mit dem Papa verbrachte. Sie lachte, fröhlich und offen, gar nicht geniert.

„Darum muss er ja so oft kommen, der Paps, weil ich keinen hab, Freund nämlich. Wie soll ich denn zu einem kommen, frag ich dich? Erst die Matura, im Sommer gleich den Führerschein und dann ging schon die Studiererei los.“

Stich in der Lendengegend, verdammt, der Sitz des edlen Herzens ist das aber nicht.

„Besuchst du deinen Daddy auch manchmal?“
„Nein, das möcht ich der Patrizia nicht antun. Den kleinen Jan kenn ich ganz gut. Der war öfter schon mit, wie er noch nicht in der Schule war. Aber jetzt hat er auch schon seine Verpflichtungen.“
„Schad, sonst hättest du mal nach Camelot kommen können ...“

Und er erzählte ihr von dem Modehaus Keltic design, von seiner Designer Werkstatt und dem ganzen Moderummel. Dick aufgetragen.

„Du, Paps, was meinst du, wenn wir uns einmal bei dir treffen? Übernachten kann ich auch im Gasthof. Ich schnapp mir meine kleine Reisschüssel und komm ins Waldviertel. Dann darf ich mir ein richtiges Modezentrum anschauen.“

Günther Imhofer schaute sie an, mit seinem intensiven, konzentrierten Blick.

Als seine Tochter war sie das gewöhnt und achtete nicht weiter darauf, aber Julian bemerkte sehr wohl, dass der Doktor irgendwie zufrieden aussah.

Rechnung aufgegangen, oder? Konnte es sein, dass er daran interessiert war, seine Tochter mit einem Kerl aus der Drogenszene zu sehen?  Keine Angst von wegen schlechtem Einfluss?  Vertrauen?

Wie auch immer, dem Manne konnte geholfen werden. Arrangiert oder nicht, ihm gefiel die Bernie. Seine Drogen hatte er eh fest im Griff, das sah wahrscheinlich auch der Doc so.

Sie verabredeten sich.

Pfingstfeiertage im Waldviertel.

Vier Tage, vier Nächte. Freitagabend mit dem Papa – und Julian – in Hornau zum Essen und die „kleine Beisltour“, wie die Zwei das schon öfter gemacht hatten. Zimmer war in Groß Gerungs reserviert, auf halbem Weg nach Camelot. „Besichtigung“ am Samstagvormittag.

Dann eventuell zu Eugene, weil Julian dieses Wochenende Alinas „Babysitter“ war. Wenn er abends mit Bernadette unterwegs sein wollte, brauchte er jemanden für die Kleine. Schon Mist, dass man den Schotten nicht telefonisch erreichen konnte. Vielleicht sollten sie ihm ein Handy schenken.

 

„Wieso bist du so oft mit dem Julian zusammen?“

„Das ist eine lange Geschichte, aber es hat jedenfalls mit meinem Beruf zu tun.“
„Sag bloß, der Julian braucht dich als Psychiater!“

„Der Julian braucht mich als Mensch, als Freund und als Vaterfigur. Das hat er alles nie gehabt.“

„Wieso, der hat doch ...“
„Bernie, wenn dich sein Leben interessiert, musst du es schon selber erkunden. Okay?“
 

Bernadette hatte den Papa angerufen, weil ihr die ganze Sache keine Ruhe ließ. Ein lieber Junge, aber sie wollte ihre Zeit und eventuell sogar Gefühle nicht verschwenden, wenn da wer weiß was im Busch war.

Keine große Hilfe, der Papa. Andererseits musste er seinen Schützling auch ziemlich ins Herz geschlossen haben, um ihn so zu „betreuen“.

Mal sehen, bloß nichts überstürzen.

Gemischte Gefühle, als sie los fuhr. Ein schönes Land. Herrliches Wetter.

Aufregend, sich alleine zurecht finden zu müssen. Bis auf das Verreisen im eigenen Auto war sie das zum Glück gewöhnt. Die Mutti hatte nie viel Zeit gehabt. Wenn sie den Papa geheiratet hätte, dann vielleicht ... . Aber so war das halt. Selbständige Frauen, selbständige Kinder. Der Julian auch ohne Vater, so so.

Er sah gut aus, aber man sah schon in seinem Gesicht, wie sensibel und zart besaitet er war. Wenn man sich mit ihm unterhielt, merkte man seine Nachdenklichkeit, dass er über alles lange grübelte. Bisschen verschroben vielleicht. Konnte man das schon sein mit nicht mal einundzwanzig Jahren?

 

Julian fand sich zurzeit so ausgeglichen wie selten. Er hatte sogar über seine Zukunft nachgedacht. Matura, Zivildienst ... und jetzt?

Die kleine Bernadette hatte kein bisschen Zeit vertan, war ihm zwei Semester voraus und dabei zwei Jahre jünger. Tolle Maus. Hatte was drauf. Gescheit und hübsch und trotzdem total unkompliziert. Ein Wunder.

Biologie, na ja, was fängt man denn damit an? In Wien, ja, gabs dann wohl auch Arbeit als Magister der Biologie. Aber im Waldviertel? Und immer Wien, igitt!

Er brauchte das weite, ruhige Land und Tiere, viele Tiere, so wie er aufgewachsen war, damals in Sarajewo.

Für ihn war es schön gewesen dort in ihrer Einöde draußen vor der Stadt.

Der Vater, na ja, er hatte immer Angst gehabt vor ihm. Aber der Garten, die Tiere, der Stall. Sein Rückzugsgebiet.

Heute war sein Rückzugsgebiet tief in ihm selber. Und ein bisschen auch bei Eugene. Obwohl er zu den Tieren dort nicht so viel „Draht“ hatte. Estellé ein verdrehtes Biest. Die Hunde nur auf ihren Herren und Meister fixiert.

Hoffentlich würde Bernie nicht zu sehr von dem Maestro angetan sein.

Der konnte anscheinend alle in seinen Bann ziehen. Außer Karo, die lieber mit dem Wiener Gockel umherzog.

Hoffentlich war Eugene noch halbwegs angezogen. Das Mädel musste ihn ja nicht gleich in seiner ganzen männlichen Pracht sehen. Muskeln wie Arnie, Waschbrettbauch und so weiter. Wenn es das Wetter zuließ - und das war bei Eugene ziemlich gleich nach der Schneeschmelze – trug er nur noch abgeschnittene Jeans. Nichts drunter, nichts drüber. Möglichst täglich in den Bach damit, das ersparte wahrscheinlich eine zusätzliche Wäsche.

Gegen den Regen trug er eine Decke, im Winter auch zwei. Waldschrat und sein bester Freund.

Obwohl der Doc inzwischen auch schon ein wichtiger Fixpunkt in seinem Leben geworden war. Der war ja auch nicht ganz normal mit seinem Outfit. Julian hatte bald heraus gefunden, dass das nichts mit Anbiedern oder betont jugendlich aussehen wollen zu tun hatte, was Günther machte. Ganz im Gegenteil. Mangelnde Anpassung. Er trug und tat, was ihm angenehm und wichtig war und kümmerte sich keinen Deut darum, ob das den anderen passte. Solange er niemanden störte. Da war er wieder sehr aufmerksam und vorsichtig seinen Mitmenschen gegenüber.

Einmal hatte er Julian erzählt, dass er seit seiner Zeit im Rettungsdienst Uniformhosen getragen hatte, weil das  die bequemsten waren und man so herrlich viel darin verstauen konnte. Er habe ja Kollegen, die kämen mit der Aktenmappe zum Dienst. Im Aufenthaltsraum kam dann ihr Müsli daraus zum Vorschein. Er brauche das nicht, er hatte alles in den weiten Seitentaschen seiner Hose.

„Und  weil ich lang genug mit den Uniformhosen herumgerannt bin, kamen sie plötzlich in Mode. Jetzt heißen sie halt Worker Hosen. Wenn sie endgültig out sind, muss ich wieder bei der Rettung Dienst tun, um zu meiner Kleidung zu kommen.“

Kleine Ironien, Humor.

Ein ernst zu nehmender Mann, eine ernst zu nehmende Tochter.

Er freute sich sehr auf sie und das bevorstehende Wochenende. Hoffentlich würden Alina und Eugene mitspielen.

 

11. März 2014

weiter im 4. Kapitel

„Komm, wir gehen hinaus, ich kann hier nicht mehr atmen.“

Julian war von der Geschichte fast genau so erschöpft wie Eugene, den die Erinnerung sichtlich mitgenommen hatte.

Sie gingen über das Fabrikgelände. Eugene pfiff Tara, die mit in den Wald durfte. Die junge Hündin lenkte ihn ein wenig ab, weil er mit ihrer Erziehung noch gar nicht zufrieden war.

 

Vielleicht war eine unverfängliche Unterhaltung jetzt das Beste.

„Es ist nicht sonderlich gesund, immer von Mauern umschlossen ...“

„Ich weiß nicht genau, was du mir mit dieser Erzählung sagen willst.“

„Es gibt viele Arten, sich selbst zu schaden, und Drogen gibt es auch in diesem Wald.“

„Ich weiß, unsere Mama hat uns viele Dinge gelehrt.--- Ich glaube, sie hat sich vergiftet.“

„Ihr Körper war bereits an allen Ecken und Enden vergiftet.

Wäre es schöner gewesen für euch, sie die letzten Monate ihres Lebens in einem Krankenhausbett zu sehen? Mit vielen Medikamenten irgendwie am Leben erhalten, aber eben nur irgendwie. Jedenfalls scheußlich.

Letztendlich lassen die geistigen Fähigkeiten auch nach. Stell dir vor bei ihr, einer so klugen Frau. Womöglich noch Chemotherapie. Sie, mit ihrem schönen, langen, starken Haar, dann eine Glatze. Auch sterbenskranke Menschen sind Menschen. Wollen klug und schön sein.

Meinst du nicht, sie hat die richtige Entscheidung getroffen, falls sie sie getroffen hat?

Und das Geld der Versicherung, doppelte Summe, weil Unfall?

Du lebst jetzt davon, oder? Nein, falsch, du ruinierst dich damit, wahrscheinlich bringst du dich damit auch um. Aber im Gegensatz zu ihrer Entscheidung ist es bei dir sinnlos, ja, das ist Blasphemie, deinen jungen, gesunden Körper zu schädigen und wegzuwerfen.“

Julian hatte den Kopf gehoben, um den Älteren von der Seite her ansehen zu können. Interessiert. Sehr gut.

„Blasphemie. - Was weißt du denn über Gott und seine Beleidigung?“

„Julian, ich lebe mit Gott, weil er sich in der Natur manifestiert. Und ich bringe ihm täglich meine Ehrfurcht entgegen. Und meine Buße, meine Bitte um Vergebung.“
Eugene ist stehen geblieben, schließt die Augen, muss um seine Fassung kämpfen. Es ist alles da, als ob es gestern geschehen wäre.

„Ich habe die schwerste aller Sünden begangen, ich habe ein junges menschliches Leben zerstört. In maßloser Selbstüberschätzung. Ich werde mein ganzes Leben damit verbringen, dafür zu büßen.---

Ich wollte dir das sagen, damit du darüber nachdenken kannst, ob du das riskieren willst, dass es dir auch einmal so geht. Bevor du dich selber auslöscht, kann es gut sein, dass du noch andere mit hinein ziehst. Vielleicht sogar unbewusst.

Du bist wie ich keiner, der sich nach einer UNTAT einfach schüttelt und das Ganze vergisst.  Wärst du das, ich hätte heute nicht zu kommen brauchen. Aber so, wie du bist, ist es vielleicht gut, wenn du einen Freund hast, der dich warnt.“

„Mensch, hör auf.“
„Ich bin schon fertig, Julian. See you.“

 

Weg, die Triumph knatterte schon davon, Julian stand immer noch an der gleichen Stelle. Tara war wieder beim Haus, hatte wohl noch ihre Anweisungen erhalten.

„Mann, was macht man nach so einem Hammer, mitten auf den Kopf?“

Nun, Julian jedenfalls ruft Dr. Imhofer an,  dessen Angebot er letztens cool und dankend abgelehnt hatte. Brauche er doch nicht, er sei doch nicht süchtig, er wolle nur seine Fähigkeiten erweitern.

 

Günther war zu Hause.

Wieder so genervt, so gequält wie damals. Patrizia kannte das schon.  Gerade hatte er sich ein bisschen erholt, ging das schon wieder los. Er sollte seinen Beruf an den Nagel hängen. Nach dem Telefonat hielt es ihn überhaupt nicht mehr. Das sagte er auch.

„Muss mal an die frische Luft, ein Problem, weißt, ich muss drüber nachdenken.“

Und seine Frau dachte, da wär ich selber ja nie drauf gekommen. Der Gute glaubt immer, nur er wüsste über die menschliche Seele Bescheid. Wenigstens bei ihm seh ich auch meistens, was los is. Sein privater Teufel ist wieder los und lässt ihm keine Ruh. Das gibt immer unruhige Zeiten.

 

Stimmte, es war plötzlich wieder sehr viel zu tun. Günther hatte Abendtermine und fuhr öfter als gewöhnlich nach Wien. Langsam wurde Patrizia neugierig.  An einem Wochenende machte er wieder eine seiner Höhlentouren. Nie allein, ehernes Gesetz.

„Wer geht denn mit?“

„Junger Spund, recht nett.“

„Der, mit dem ich dich schon einmal getroffen hab?“
„Ja genau.“
„Mit dem bist öfter zusammen, oder?“
„Ja, schon.“

„Warum?“
„Weil er mich braucht, Patrizia, da brauchst du doch nicht eifersüchtig sein.“

„Nein, eh nicht, aber ... dein Sohnemann bräucht dich auch gelegentlich ... und ich.“

„Bald, bald ist das ausgestanden, dann nehm ich mir wieder viel Zeit für Euch, ja?“
„Ja, freilich.“

 

Essen gehen, Beisltour, Wienfahrt, Höhlenwanderung wie mit der Mama, der Doktor und der Junge waren sich wirklich nahe gekommen.

Führten tiefsinnige philosophische Gespräche.

„Du solltest studieren, du brauchst eine Herausforderung für dein Hirn.“

„Da halt ich ein Studium aber für ungeeignet.“

„Himmel, ja, manchmal schon. Aber wie bei allem kommt es doch immer darauf an, was einer draus macht, egal aus was. — Deine Mama hat ein tolles Familienleben aus einer Menge Schrott gemacht. Die meisten schaffen das nur umgekehrt.“

Julian lacht, wieder mit Tränen in den Augen, für die er sich nicht mehr schämt. Mittlerweile hat er Günther auch schon weinen gesehen.

„Biologie, wie wärs mit Biologie? Meine Tochter studiert das jetzt im zweiten Semester.“
„Ich dachte, du hast nur den kleinen Jan?“

„Nein, die Bernadette ist von meiner Freundin aus meiner  Studienzeit in Wien. Wir waren zu sorglos damals. Aber heiraten wollten wir auch nicht. Ich besuch sie oft. Wir gehen dann meistens einkaufen und irgendwas Kulturelles. Den Ostbahn Kurti für den Papa, die Hot dogs für die Bernie.“

„Ich kenn die Hot dogs nicht, klingt grauslig, aber den Dr. Ostbahn, den mag ich gern, bin sozusagen ein alter 68 er.“
„Dann gehen wir ihn uns anschauen in 14 Tagen, da gibt’s wieder was Größeres.“

„Abgemacht.“

 

Die Bernadette wollte auch mit. Genau genommen hatte sie der Papa ein bissel überredet, aber das musste der Julian wiederum ja nicht wissen.

10. März 2014

Anfang des 4. Kapitels   

4. Kapitel

 

„Der Julian nimmt alle möglichen Drogen.“

Eugene nickte knapp, als wäre das nichts Neues. Vielleicht war es das auch nicht, für ihn. Aber er sagte ja nie etwas. Miro ärgerte sich über den Freund mit seinen tausend Geheimniskrämereien.

„Ja, du hast es wahrscheinlich eh scho wieder gwusst und sagst nix, narrischer Teifel du, i denk du bist unser Freund und dann tust so, wie wenn s dir wurscht wär!“

„Ist es nicht, aber jeder Mensch muss seine Erfahrungen selber machen, das kann ich ihm nicht abnehmen.“

„Ha, also du willst ihm gar net helfen!“

„Ich werde das nicht können, wenn er es nicht selber will.“

„Er will si grad selber ruinieren, ja umbringen ... wir werden langsam aussterben, wenn wir so weiter tun, dass jeder ...“

„Miro, DIESER Schmerz hat nichts mit deinem Bruder zu tun.“

„Hat er schon, weil wir waren immer so eine feste Familie, und jetzt auf einmal ist alles anders und nix is’ s mehr mit vernünftig zusammen halten.

Aber von dir kann i das auch net erwarten, du bist ja selber verkorkst, sonst hättest die Karo net einfach zu dem Depperten gehn lassen, wir habn immer glaubt, mit euch zwei wird einmal was, und das haben wir der Karo so gwünscht, weil sie eh immer so zrückstecken hat müssen, immer nur für uns und die große Unterstützung für die Mama und so und nie irgendwas für sie selber. Das wär schon was gwesen mit dir, damit dass sie auch endlich wem hat, der einmal auch an SIE denkt. Aber DU stehst ja über so was, vielleicht bist auch nur ein schwuler Hund, auf alle Fälle kannst mir jetzt an Buckel obi rutschen, am besten glei ihr alle, i steig jetzt aus!“
Miro hatte seinem Zorn auf die eigene und Eugenes Ohnmacht freien Lauf gelassen, war immer lauter geworden und richtig in Rage geraten. Jetzt stürmte er hinaus, wendete schlingernd das Motorrad und brauste davon.

Eugene hätte sich Sorgen wegen der noch feuchten Straßen gemacht, wenn er nicht selber so aufgewühlt gewesen wäre.

Miro hatte nicht Unrecht in einigen Punkten.

Er war zu lasch, glaubte immer, es sei nicht gut, die Dinge so zu drehen, dass sie passend wurden für die eigenen Vorstellungen. Er fürchtete sich vor Selbstgerechtigkeit. Aber war es nicht manchmal auch gut, die Wertigkeiten
durchzusetzen, die man für richtig hielt und an die man selber glaubte?

Er würde zu Julian gehen und ihm – als einzigem bisher – seine Geschichte erzählen.

Er holte seine alte Triumph aus dem Winterquartier, zerlegte sie und machte sie startklar. Jeden Frühling wieder die große Frage, ob sie es noch schaffen konnte. Sie konnte. 

 

Julian in seinem Zimmer. Chaos.

Der Junge sah nicht gut aus.

Er war der Kleinste der Paksi Kinder, kleiner als Karo. Kam wohl mehr nach der Mama. Breite Schultern für seine Größe, schmale Hüften. Kein Gramm Fett, aber auch kaum Muskeln. Seine blonden, feinen Haare waren jetzt sehr ungepflegt, ungleichmäßig und schulterlang. Spärliche Bartstoppeln, vielleicht eine Woche alt. Etwa so lange dürfte er sich auch nicht mehr gewaschen haben. Eugenes von der Waldluft verwöhnte Nase nahm die Gerüche sehr einzeln wahr. Schweißausdünstung, Hautabsonderungen, klar, aber auch ... Chemie ... und Rauch, süßlich.

Julian sah ihn von seinem Fernsehsessel aus an. Ein Lächeln.

Sollte selbstgefällig und selbstbewusst rüber kommen, aber der Schotte sah dahinter die Unsicherheit und so was wie Schuldgefühle.

Gut, das war schon etwas.

Eugene säuberte etwa einen Quadratmeter Bodenfläche und setzte sich hin.

 

„Okay, ich bin gekommen, um dir meine Geschichte zu erzählen.“

„Nein, sag bloß, du auch? In letzter Zeit will mir Jeder seine eigene beschissene Geschichte erzählen. Vielleicht mag ich sie aber gar nicht hören?“

„Kann gut sein. Aber es ist wichtig für MICH. Ich habe sie noch NIE erzählt.

Es gibt natürlich Leute, die einen Teil wissen, aber die ganze Wahrheit kennt niemand außer mir – und bald auch dir.“

„Nein, lass das, ich will diese Verantwortung nicht tragen, ich mag keine Verantwortung, hör bloß auf, ich mein, fang erst gar nicht an damit ...“

   

Eugene sprach langsam. Musste die Worte erst suchen. Er dachte weit zurück, deshalb waren seine Gedanken so, wie er damals gesprochen hatte, in seinem bergdörflichen Dialekt.

Er war in Ben Nevis geboren, ein winziges Nest damals am 1343 hohen gleichnamigen Berg. Die nächste wirkliche Stadt war weiter östlich Inverness. Dazwischen Loch Ness. Er war unehelich geboren, das war 1974 noch ein ziemlich grobes Verbrechen im Hochland. Seine Mutter hatte im Pub des größeren Nachbardorfes gearbeitet und so weiter. Aufgewachsen war er dann im Heimatdorf seiner Mum bei der Großmutter. Mum konnte sich praktisch nicht mehr blicken lassen. Kind ohne Vater. Sie hatte keinen angegeben und nie einen Grund dafür genannt. Also hieß es, sie hätte sich unter den möglichen 199  wohl keinen passenden gefunden.

Wenn Eugene die mürrische Großmutter nach seinem Vater fragte, erhielt er die höhnische Antwort, das sei wohl Ysbaddaden.

Also gab der Kleine, der den Zynismus der Alten nicht verstand, fortan Ysbaddaden als den Namen seines Vaters an. Die alten Männer im Dorf lachten dann immer schallend, also musste das wohl passen.

Erst Jahre später erzählte ihm ein alter Bauer, dem er auch viele andere Kenntnisse zu verdanken hatte, was es mit dem keltischen Namen auf sich hatte. Der alte, heidnische Gott sei ein furchterregender Riese, ein böser und den Menschen feindlicher Sonnengott, seine Tochter jedoch die strahlende, segensreiche Sonnengöttin Olwen.

Die Großmutter war natürlich sauer über die Tratscherei, die ihre Tochter da herauf beschworen hatte. Weil keiner sonst da war, ließ sie ihre Wut an dem Kleinen aus.

Aber Eugene war findig. Er hatte bald raus, wie er sich im Wald verkrümeln konnte. Wie er die Blessuren, die die Großmutter ihm zufügte, wenn sie ihn wieder in die Finger bekam, versorgen konnte. Und letztlich, wie er sich alleine ernähren konnte von den Früchten und Tieren des Waldes.

In die Schule ging er gerne.

Warm, Mittagessen, eine Lehrerin, wie er sich einen Engel vorstellte. Die Boshaftigkeiten seiner Mitschüler interessierten ihn nicht. Es gab auch Nette, die interessierten ihn eigentlich auch nicht.

Aber er wollte gerne lernen. Bis zum Schulabschluss fand er immer wieder Lehrer, die sich besonders um ihn bemühten, weil sie seine Fähigkeiten schätzten. Seine intellektuellen. Die Sportlehrer waren auch von seinen körperlichen Leistungen angetan.

Von den anderen, den geheimen, wussten sie nicht.

Aber im Dorf gab es mehr und mehr Leute, die ihn den Magier nannten, weil er halt gewisse Sachen ... bewirken konnte. Und wusste.

Sie brachten ihm Schafe. Ziegen, Hunde, manchmal auch Kinder, damit er sie wieder gesund bekam. Und er bemühte sich. Fühlte sich geschmeichelt und anerkannt. Sogar die Großmutter achtete ihn ein wenig, seit er ihre schmerzenden Gelenke mit einer wunderbaren Paste behandelte.

Er bekam ein Stipendium an der Uni in Inverness. Psychologie hatte er gewählt. Er wollte wissen, warum die menschliche Psyche so grausame Muster entwickelte. Wenn er das wusste, wollte er Pharmazie studieren, denn er wollte auch wissen, WARUM alles das wirkte, von dem er wusste, DASS es wirkte. 

Auch auf der Uni und noch viel mehr in den Studententreffs fiel er mit seinen Fähigkeiten auf. Automatisch und ohne Hintergedanken sprach er manchmal Dinge aus, die er gar nicht wissen konnte, die er aber „spürte“.

Zuerst, er war noch keine Zwanzig, gefiel ihm das, er wurde interessant für die Freunde und noch viel mehr für die Mädchen.

Er hatte bald die „Highlander-Fama“.

 

Natürlich gehörten auch Drogen zu seiner Zauberei. Die aus dem Wald. Richtig dosiert.

Er wurde leichtsinnig, selbstgefällig und selbstgerecht. Alles lief wunderbar.

Dritter und letzter Studienabschnitt. Ausgefahrene Bahnen, Lernen mit Leichtigkeit, Suche nach Erkenntnissen und noch mehr Wahrnehmungen abseits vom ... normal-menschlichen Spektrum.

Er war immer noch viel zu jung und so dumm, seine Freundin an einer seiner Erleuchtungssitzungen teilnehmen zu lassen.

Falsche Dosierung oder falsches Individuum, das Mädchen sprang in einem  Flashback - Horrortrip bei sich zu Hause aus dem Fenster.

Selbstmord, beinahe unter den Augen der Eltern, keine weiteren Untersuchungen.

Aber die Eltern und auch einige Studenten  begannen jetzt die Hatz auf den Teufel Eugene.

Die Spur zog sich bis Ben Nevis, überall wurde er von da an als Teufel bezeichnet und bestenfalls gemieden oder schlimmstenfalls verprügelt und mit dem Tod bedroht.

Studium abbrechen, auswandern. Keine Mädchen, keine Zauberei mehr. Buße.

 

09. März 2014 

Drittes Kapitel, dritter Teil 

Seit Mama tot war, war er noch viel unsichtbarer geworden.

Niemand bemühte sich noch, ihn wahrzunehmen. Also konnte er sich ganz in sich selbst zurückziehen. Dabei halfen im seine Mittelchen.

Schon während seines Sanitäterdaseins hatte er hin und wieder mit Medikamenten, Alkohol und Opium in seiner Wasserpfeife experimentiert.

Alles eine Frage der Dosierung. ER konnte einfach damit umgehen.

Immer schlimmer wurde allerdings die Frage der Beschaffung.

Zum einen, weil er sowieso überhaupt nicht mehr aus dem Haus gehen mochte, zum anderen, weil seine Dealer immer unverschämter wurden.

Ein widerliches Milieu, in das er sich da begeben musste. Er hatte es in den kleineren, näheren Städten probiert, aber nur in Linz bekam er den Stoff und die Qualität, die er wollte. St. Pölten ging auch noch, aber dort war die Aufsicht durch die „Zivilen“ noch strenger.

Er sah viel zu jung aus. Bei Stichproben fischten sie ihn immer als einen der ersten heraus, weil er locker für sechzehn oder darunter gehalten werden konnte. Und das mit Zwanzig einhalb.

Neulich in Linz wollte der Heini doch tatsächlich, dass er für ihn auf den Strich ginge.

„Hey, kriegst viel Stoff dafür. Weißt eh, wie schwer i den deinen beschaffen kann. Gehst ma dafür a bissl aufn Schwulen-Strich, hamm alle zwei mehr davon. Du kriegst dein Stoff dann aa noh hinten rein gschoben.“
Und lachte sich halbtot über seinen ordinären Witz.

Aber er musste aufpassen. Anscheinend neigten der Heini und seine Kumpane zu Erpressung.

Dann diesmal lieber Salzburg. Dort kannten sie ihn noch nicht. Aber anstrengend. Wieder Kontakte knüpfen.

 

War nicht viel los auf Salzburgs Straßen. Ein paar Säufer am Bahnhof. Er war mit dem Zug gekommen. Unverfänglich und anonym. Ausweis mit Leukoplast auf den Bauch geklebt.

Erst einmal Innenstadt, vielleicht später zu der großen Disco am Stadtrand. Mal sehen, was lief.

Lief bestens. Nach wenigen Stunden hatte er sich bereits alles besorgt, was er wollte. Und gute Kontakte hergestellt. Jetzt hatte er die Zeit nicht mehr unter Kontrolle, weil er nicht hatte widerstehen können. Gleich eine ordentliche Dosis eingeworfen. Schnell in den Zug. Am schönsten war es, wenn er die Außenwelt außer Acht lassen konnte.

Rückfahrkarte besorgte er immer schon bei der Hinfahrt, weil er nach seinen Einkäufen selbstverständlich kein Geld mehr haben würde. War heute nicht anders.

Aber Taxi zum Bahnhof nicht nötig, zu Fuß auch gut. Brücke. Aha. Rennstrecke für heiße Hasen. Nicht heiß. Dicke Schenkel, ziemlich alt.

Die da, Aussehen wie ... Mensch, wie Alina. Die ist zu jung, hey, die könnt ihr doch nicht ...!

 

„Wie alt bist du denn?“
„Willst, oder willst net?“

„Sag, wie alt du ...“

„Kumm, bitte gemma gleich, bevor ...“
„Wie alt?“
„So alt wie’st mich haben magst, kost an 100er, aber kum, vom Reden krieg i Schwierigkeiten!“

„Du bist noch keine 14. Wieso bist denn da auf der Straße?“

„Bitte, mach ma kane Schwierigkeiten ... naa, schau, jetzt kummt er schon, naa, bitte, schnell nimm mi mit ...“

 

„Zum Ratschen is ka Zeit, Milchbubi, entweder willst as oder schleich di. Gib ma dein 100er, dann könnt’s geh.  Aber net weit. Wannst kaa Auto und kaa Zimmer hast, geht’s da obi in Park. A Viertel Stund, mehr net.“

„Hören Sie, das seh ich doch, dass die noch viel zu jung is, das könnt mei kleine Schwester sein, des können’S doch net machen...“
„Ja so, a gaanz  a Gscheiter!“

 

Drei Pfiffe.

Julian versuchte seinen Kopf ganz klar arbeiten zu lassen.

Mädchen muss in Sicherheit gebracht werden. Mit zum Bahnhof.

Er packte die Kleine am Arm, aber sie blieb stocksteif. Seine Wahrnehmung veränderte sich anscheinend doch schon erheblich. Der Mann war dreifach zu sehen.

Kein Problem, weg schieben und vorbei gehen mit ihr, Frechheit siegt.

Der Mann war aber zu dritt, Verstärkung gleich da gewesen. Den Winzling da schaff i sofurt, hatte der Mann gedacht, aber falls noch jemand in der Nähe war ...

 

Den Buben zusammenschlagen, einmal zustechen zur Abschreckung, ha, da vorne noch einer, grad recht, nehmen wir uns den auch noch vor ...

„Aufpassen, der hat a Waffen!“

O je, Polizistenmanier, wie der die Pistole hielt und die Position, da hinten noch einer, da ... schnell weg ...

 

Einer der Männer erhielt einen Oberschenkeldurchschuss, den beiden anderen war das jetzt zu heiß, die hielten still. Die Frauen und das Kind einsammeln kein Problem. Ambulanz für den Burschen.

 

Julian wachte lange nicht auf, was nach der Blutanalyse niemanden verwunderte. Wenigstens hatte er zum Nähen der Stichverletzung keine Narkose gebraucht. Tiefe Fleischwunde am Oberschenkel, dicht an der großen Schlagader vorbei.

„Glück hat er auch noch, der Depp.“ Der Chirurg war nicht sehr zart mit ihm umgegangen. Die Schwester war gut informiert,  weil schäkern mit den Polizisten war nie verkehrt.

„Ja, Depp weil er so viel Stoff  dabei gehabt hat, aber sie haben gsehn, wie er’s kauft hat, also selber kein Dealer. Und dann war er mutig, hat der Inspektor gsagt, wegen der Kleinen, die’s auf die Kinderstation gebracht haben. Und der Vater bleibt in U-Haft, hat er gemeint, weil so einer wie der, das sind die schlimmsten ...“

„Jedenfalls hat es da noch ein gewaltiges Nachspiel, für unseren Kunden hier sicher auch.“

 

Julian wurde nach zehn Tagen entlassen, hatte eine Anzeige am Hals, keinen „Stoff“ und kein Geld.

Dafür das gute Gefühl, wenigstens dem kleinen Mädchen geholfen zu haben.

Aber Zorres zu Hause.

 

Vorhaltungen von Karo und – sogar noch mehr – von Miro.

„Du solltest in Behandlung...  in psycho....psychio“

„Psychiatrische, Miro, gleich in psychiatrische soll er.“

„Muss ich eh, Auflage vom Richter, der die Voruntersuchung gemacht hat.“

„Sehr gut, der soll dir deine Wadln grad richten.“

„Naa, lieber den Oberschenkel, der tut noch saumäßig weh.“
„Hoffentlich.“

 

Oberarzt Dr.Günther Imhofer, Psychiatrie und Neurologie in der Ambulanz des Krankenhauses, war da schon verständnisvoller.

Der Arzt hatte seinen Augen nicht getraut, als er den Namen seines nächsten Patienten las. Wieder dieses Herzklopfen. Erst ein Jahr her, seit SIE da draußen gewartet hatte.

 

Gudrun Paksi, alles kam wieder hoch, was noch gar nicht verschwunden, unverdaut, nicht bearbeitet war.

Gudrun, meine Liebe, und jetzt macht dein Kleiner solche Geschichten.

Durchatmen, cool bleiben, professionell sein.

 

Julian sah sich den Kerl genau an, der ihn da jetzt „psychiatrieren“ sollte.

Lange Haare, schon reichlich grau, hinten zusammen gebunden. Ein breites, wahrscheinlich slawisches Gesicht, das auch gut als südamerikanisch durchgehen konnte. SEHR aufmerksame Augen, die ihn da musterten.

Nicht unangenehm. Worker Hosen, die sind schon wieder out, mein Lieber, damit kannst du dich nicht anbiedern, und T-shirt unter dem lose übergeworfenen Mantel. Ziemlich ausgelatschte Turnschuhe, Mann!, ist das Absicht oder was?

„Setzen Sie sich bitte und erzählen Sie!“

„Was?“

„Was Sie wollen.“

„Na hören Sie ...“
„Es ist egal, womit Sie beginnen ...“
 

„Sie wollen mich provozieren.“

„Ich will mit Ihnen arbeiten.“

„Das ist Ihr Job.“
„Eine Herausforderung.“
„Wie meinen Sie das?“
„Die Menschen mit ihren enormen psychischen Fähigkeiten stellen eine echte Herausforderung dar, deshalb mach ich den Job.“

„Psychische Fähigkeiten lassen sich durch organische oder chemische Substanzen verstärken.“

„Ja.“

„Das vor allem sind meine Beweggründe.“

„Um was zu tun?“
„Stoff zu nehmen.“
„Welchen?“

„Können Sie nachlesen.“

„Sagen Sie es mir, ich weiß ja nicht, ob Sie derselben Ansicht sind wie die Beamten oder wer auch immer.“

„Was wollen Sie wirklich?“
„Ihr Vertrauen.“
„Warum?“
„Nur so können wir mit einander arbeiten.“ 

„Das ist Ihr Job ...“

Sie mussten beide lachen, laut und befreiend.
Julian hatte das mit dem Job so betont komisch gesagt, wie es beim ersten Mal nicht gemeint gewesen war.

„Gut, Julian Paksi, die Zweite.“

Und Julian erzählte, was ihm einfiel. Auch oder gerade und besonders viel von seiner Mutter und ihrem Tod.

Der Arzt musste häufig schlucken, sich räuspern, hüsteln.

Nach einer  dreiviertel Stunde vereinbarten sie einen neuen Termin.

 

Nach dieser Sitzung ging der Doktor auf einen Kaffee in die Kantine.

Er musste nachdenken.

Konnte er diese Geschichte mit dem Buben auf seine persönliche Ebene ziehen?

 

„Wie geht’ s ?“

„Danke, gut.“

„Clean?“

„Meistens.“

„Ich habe mich dazu entschlossen, dass ich Ihnen heute eine Geschichte erzähle.“

„Ich höre.“

Und Günther erzählte dem Sohn seiner alten jungen Liebe, wie er Gudrun Paksi als Patientin wieder getroffen hatte, beinahe dreißig Jahre, nachdem sie gemeinsam zur Schule und auch sonst mit einander „gegangen“ waren.    

„Und sie hat mir gezeigt, wie man – und frau – mit Würde sein Leben zu einem guten Abschluss bringt.“

Julian war aufs äußerste betroffen. Mehrmals waren seine Augen sehr  feucht geworden.

 

Irgendwann im Laufe seiner Erzählung war der Doktor zu dem vertraulichen Du übergegangen, schließlich sprachen sie von „der Mama“.

„Wenn du willst, aber nur dann, starten wir ein Programm, ganz privat.“

„Warum?“

Wieder fühlte der sonst so coole Psychiater Tränen in sich aufsteigen, „Scheiße!“

„Weil wir es für deine Mama tun ...“

 

 

08.März 2014

Internationaler Frauentag  -  auch ein Anlass, um Frauen daran zu erinnern, wie stark sie sein können - die Romantrilogie Keltic design ist der passende Lesestoff dazu!

Heute ein weiterer Teil des dritten Kapitels 

Für dieses Wochenende  hatte Miro sich vorgenommen, das alte gebrauchte Auto, das Sofia von den Eltern zur bestandenen Führerscheinprüfung bekommen hatte, durchzuchecken und einen neuen Auspufftopf zu montieren. Die Mädels sahen ihm ein bisschen zu, assistierten und verzogen sich, als es ihnen zu kalt und zu langweilig wurde.

Das Meerschweinchen war süß, aber alles andere in Sofias Reich war noch viel interessanter.

Von Sofia erfuhr Alina die Dinge, die ein Mädchen mit beinahe elf Jahren zu interessieren beginnen und die zu Hause nicht angesprochen wurden. Weil sie halt kein Thema waren. Dass Sofia die Pille nahm, um nicht schwanger zu werden und dass sie und Miro nachts manchmal Krach machten und sich Alina nebenan nichts dabei zu denken brauchte.  

„Wir haben uns echt total lieb, weißt du, und deshalb wollen wir immer, dass es dem anderen voll taugt. Und da geht’s halt dann einmal auch lauter zu.“

Sie hatten für den Abend ein Video ab sechs Jahren besorgt.

„> The Kid <, soll sehr gut sein. Bruce Willis, sagt ja schon alles.“

Für Alina beinahe eine Sensation, weil Mama kein Videogerät gehabt hatte und Fernsehen kaum jemals mehr als kurze Nachrichten oder eine Naturdokumentation  bedeutet hatte.

Eine erst einmal lustige und verblüffende Handlung mit witzigen Dialogen.

Miro und Sofia unterhielten sich ebenso gut wie die Kleine. Und dann kamen die Szenen im zweiten Teil des Films, wo die Mutter des Jungen stirbt. Ausgerechnet, wieso steht das nicht auf der kurzen Inhaltsangabe?  Mist, Mist!

Jeder versuchte schnell, sich irgendwie darüber hinweg ... aber es ging nicht. Sofia begann zu weinen, ein Signal für Alina, dass sie das Unmögliche nicht mehr schaffen musste und ihre Tränen laufen lassen durfte. Schließlich war das zuviel für Miro. Sie weinten zu dritt, hielten sich in den Armen, ließen allen Schmerz und alle Trauer ihren Weg suchen.

 

So ist es, wenn Verschwörungen beschlossen werden. Hier, in diesen Minuten voller Innigkeit, kam es zu einer lebenslangen Verbundenheit im Kampf gegen die schlimmsten Schläge des Lebens.   

 

„Bitte besuch du uns nächstes Wochenende. Unser Haus ist nicht so schön, weil es auch eine Fabrik ist. Aber wir haben tolle Bäume und einen original Waldviertler Robusthund. Da gibt’s erst ganz wenige davon. Und die Tara ist sowieso die Beste von allen.“
 

„Alina, i glaub du gibst an.“

„Gar nicht, Miro. Ich möchte nur, dass die Sofia weiß, dass es bei uns auch interessant ist.“
„Ja, das glaub ich sowieso, ich komm gern, wenn der Miro mag …“
„Ööh, da muss i ja noch zusammen räumen, also das wird eine harte Woche, so gesehen.“
„Das schadet aber nix, gell Alina.“
  

Und während Alina eine große Freundschaft schloss, erschloss sich für Karo die Welt der Sinnlichkeit.

Manuel hatte eine sehr moderne kleine Wohnung. Den Mittelpunkt des Wohnzimmers bildete eine von allen Seiten zugängliche Bar, „damit sich jeder selbst bedienen kann“. Hier waren auch der Kühlschrank, die Mikrowelle, eine Geschirrspülmaschine  und ein Toaster, Kaffeemaschine natürlich auch.

„Du hast ja fast eine ganze Kücheneinrichtung hier an der Bar.“
„Genau. Dafür hab ich auch keine Küche. Da ist nämlich mein Büro drinnen.“ Auch das Büro war sehr modern. Stahl und Chrom.

Das Schlafzimmer war der kleinste Raum. Ein Schrank über die gesamte Wand und ein Doppelbett. Aus.

Das Doppelbett machte Alina zu schaffen. Also war er wohl selten alleine.

Kein Wunder, sicher ein begehrter Junggeselle.

„Ich sehe, du schaust schon begehrlich auf das Bett. Wenn du magst, können wir das Restaurant ausfallen lassen und gleich zum gemütlicheren Teil übergehen.“

Er ging ins Wohnzimmer zum Kühlschrank und räumte eine Menge Kleinigkeiten auf ein großes Tablett. Zum Schluss stellte er eine Flasche Sekt in  die Mitte.

„Würdest du bitte die Gläser mitnehmen, von da oben, ja genau, danke.“

Jetzt platzierte er die Speisen in der Mitte des Bettes, die Flasche stellte er auf den Boden.

„Ah ja, und das Brot.“

Das kam ebenfalls noch zu den anderen Köstlichkeiten.

„Komm, ziehen wir uns aus.“

 

Er schien das gerne zu haben, wenn sie sich auszog und er sie dabei beobachtete, sie fühlte sich aber noch immer nicht besser dabei.

Irgendwann würde sie ihm sagen, dass sie das nicht gerne tat. Nicht auf diese Weise.  

„Setz dich doch, du hast mir großen Appetit gemacht.“

Er begann, sie mit den Speisen zu „dekorieren“ und diese dann von ihr herunter zu knabbern. Sekt perlte auf ihrem Körper, er leckte ihn ab.

Karo fand die ganze Inszenierung ein bisschen übertrieben. Irgendwie anregend, ja, doch, aber sie wollte lieber in den Arm genommen werden, hatte wohl irgendwie so ein altmodisches Bedürfnis nach Zärtlichkeit und – vor allem – Geborgenheit.

 

Dieses Wochenende war interessant und – zumindest ziemlich - genau das, was Karo gewollt hatte, was sie sich schließlich mühsam erkämpft hatte. Trotzdem stiegen immer wieder Bilder von Estellé und der Jagdhütte in ihr auf, die sie nicht unterdrücken und auch nicht fortschicken konnte.

Ich habe ein schlechtes Gewissen, weil ich mich ausnahmsweise um nichts kümmere - ha, als ob es Estellé schlechter ginge ohne mich.

 

Nächstes Wochenende wollten sie sich in St.Pölten treffen und ins „Provinztheater“  gehen. Manuel kannte eine Visagistin, die vielleicht gute Kontakte legen konnte.

„Wir müssen dran bleiben, können nicht nur an unser Vergnügen denken, auch wenn mir das schwer fällt. Du kannst einen Mann ganz schön verrückt machen, weißt du?“
“Weiß ich nicht, aber du kannst es mir ruhig sagen. Ich höre es nicht ungern.“
“Jetzt wirst du eitel.“

 

Eugene bemühte sich in der Zwischenzeit, abwechselnd nicht an Karo in den Armen des Schnösels zu denken oder, wenn er es nicht mehr aushielt, ihr Bilder aus seinem immer noch verschneiten Zauberwald zu schicken.

Ein wirklich mikriger Magier, der nicht einmal seine eigenen Hormone im Zaum halten konnte. Und seine Gefühle, vor allem seine Gefühle.

Er hatte doch von Anfang an gewusst, dass Karo nicht so naturverbunden und mystisch veranlagt war wie ihre Mama oder Alina, dass sie große Probleme mit sich selbst hatte und einen Aussteiger wie ihn natürlich nicht akzeptieren konnte. Und trotzdem, oftmals erahnte er die Karo hinter der

 

Fassade, und zu dieser wollte er vordringen, wollte sie erlösen und aus ihrem Gefängnis befreien.

Wenn sie ihm nur irgendwann Gelegenheit dazu gäbe.

 

Julian war zu Hause. Er hatte sich angewöhnt, seine Tage mit sich selbst zu verbringen.

Manchmal saß er nur da und genoss seinen > bewusstseinserweiterten <  Zustand, seltener erfasste ihn eine enorme Betriebsamkeit.

Dann drehte er die Boxen voll auf, ZOG sich die Musik in seinen Kopf und gab sie wieder ab, interpretiert durch die rhythmischen Bewegungen seines Körpers. Oder er schlich in den unverbauten Teil des Dachbodens, wo noch immer sein Boxsack hing.

Miro hatte ihn dort aufgehängt und ihm das Training verordnet, als er zu Beginn seiner Zivildienerzeit Ärger mit einigen besonders streitlustigen „Kameraden“ bekam. Hinhauen, ja, alle Aggressionen herauslassen auf - ja worauf eigentlich? Egal, abreagieren.

Dabei hatte er sich zwei Mal verletzt, seine untrainierten, unaufgewärmten Muskeln verweigerten sich, was eine Schulterluxation und eine Sehnenzerrung am Daumen bewirkte. Von da an ging er lieber nicht mehr boxen. Der Arzt besah ihn sich zu genau bei den nachfolgenden Untersuchungen. Aus seiner Zeit als Sanitäter wusste er gut, dass man den meisten Drogenkonsumenten ansah, was sie taten.
Zumindest nach einiger Zeit. War er schon so weit? Nein, er hatte alles voll im Griff. Er nahm ja nur, rauchte oder schluckte, wenn er wollte, er musste ja nicht. Das war das wichtigste. Er war nicht abhängig, denn das war natürlich blöd, wusste ja jeder, hatte er genug solche gesehen. Aber nicht er - er machte das vorsichtig und raffiniert. Nicht immer das gleiche Zeug. Sein Körper konnte sich gar nicht daran gewöhnen. So einfach war das.

Und manchmal waren seine Höhenflüge einfach gigantisch.

Er hatte Gedichte geschrieben, Muster entworfen, sogar Kleidung. Wie früher, als die Mama noch da war. Wäre sie noch da, er könnte nicht tun, was er jetzt tat. Er hätte sie nie ängstigen oder sorgen wollen. Sie hatte schon genug erlebt gehabt.

Erst in seinen letzten Schuljahren am Gymnasium war ihm klar geworden, dass er sein ganzes bisheriges Leben so unauffällig wie möglich hatte verbringen wollen. Und dass ihm das auch gut gelungen war. Immer schön mit den andern beiden mittrippeln, möglichst in der Mitte, geschützt und unsichtbar.

07. März 2014

Drittes Kapitel

3.Kapitel

 

 

Veränderungen.

Schmerzhaft für Alina.

Spürbar für Miro und Julian.

Euphorie für Karo.

Bedenken für Eugene.

Sieg für Manuel.

 

„Ich kann nicht immer nur alles richten für euch. Ich hab auch ein eigenes Leben, nur hab ich’s noch nicht gelebt.“

„Ja, sicher, sicher, aber doch nicht gleich so extrem.“
„Julian, es ist nicht extrem, wenn ich meine Wochenenden so verbringen möchte, wie ich das will, OHNE Alina.“

„Aber du hast die Verantwortung übernommen, jetzt kannst du sie nicht einfach abgeben.“
„Nein, aber delegieren. Ich bin der Vormund, aber nun mal nicht die Mutter. Und wenn ich euch bitte, einen Teil der Betreuungspflichten zu übernehmen, dann muss das möglich sein. – Weil DICH zum Beispiel füttert die Firma zurzeit durch, und ICH bin zurzeit die Firma, richtig?“

„Du erpresst mich.“
„Julian, ich sag dir endlich was Sache ist. Das brauchte ich bisher nicht, weil ich keine eigenen Wünsche hatte. Jetzt ist es Zeit dafür.“

„Miro, sag halt auch was.“

„Ich nehm die Alina mit zur Sofia. Mir is des wurscht, aber hat vielleicht schon amal wer dran dacht, dass der Alina net wurscht is, wenn’s so herum gschoben wird?“

 

Peng, natürlich, das war zu erwarten, dass die Masche mit dem armen Kind kam.

„Ich red mit ihr, wenn ich weiß, wie wir uns das einteilen. Dann kann ich ihr auch erklären, dass ich einmal Zeit für mich brauch.“

, Was aber nicht stimmt. Wenn du’ s für dich bräuchtest, okay, aber für den depperten Werbeheini is jede Minute zu schad.’  dachte Miro, sagte aber  nichts dergleichen.  Klar konnte ihm dieser Manuel gestohlen bleiben, der war doch so was von durchschaubar. Geschniegelter Lackaffe, der.

„Pass auf, i schlag ihr vor, dass wir am Samstag gemeinsam zur Sofia fahrn.

Weil......ha, die hat ein Meerschweinderl, genau, des wird ihr gefallen.

 

Und wenn des hinhaut, können wir des öfter machen. Verstehn müssen sie sich halt,  - die Mädels, mein i.“

„Ist das denn was Längeres, mit der Sofia? Irgendwie ernst vielleicht?“
„Ja sowieso, wir kennen uns jetzt schon, ... schon bevor die Mama ... und grad wie’ s mir so dreckig gangen is, wars immer da, klasses Mädel.“

„Wieso bringst sie dann nicht einmal her?“
„Ja genau.“
„Du brauchst meine Mädeln net so genau anschaun, Julian.“

„Na, eine die dich mag wird an mir eh nicht viel finden. Muskeln und so.

Vom Gewicht her bin ich die Hälfte von dir, oder?“

„Also über eure männlichen Qualitäten könnts euch später unterhalten, jetzt sollen wir zu einem Ergebnis kommen. Das kommende Wochenende nimmst die Kleine mit, dann bringst endlich die Sofia her, wir möchten sie ja auch kennen lernen, wenn’s  doch einmal vielleicht ein bisserl was Enstes ist.

Und der Julian wird auch bald seinen Part übernehmen, okay?“

„Ja, ja, da muss ich mir erst wieder eine Freundin suchen.“

„Warst auch schon einmal witziger.“

 

Alina fühlte sich natürlich von Karo zurück gesetzt, war aber auch neugierig auf die Freundin vom Miro. Sie suchte sich extra hübsche Kleidung für das Wochenende und flocht sich viele Zöpfe ins nasse Haar, damit sie am Samstag hübsch gelockt waren.

Sofia war das, was die Paksis nicht waren. Dunkel und rassig. Zu ihr hätte die Zigeuner Abstammung viel besser gepasst als zu den blonden Kindern der Gudrun Paksi. Und sie war klein und zierlich, wie die Mama gewesen war, aber nicht ihre Mädels.

Außerdem musste sie reich sein. Zu diesem Schluss kam Alina, als sie das Haus sah, davor einen silbergrauen Mercedes und ein kleineres Auto in der offenen Doppelgarage.

„Du, was ist denn das für eine Familie?“
„Brauchst dir keine Sorgen machen, die sind ganz normal. Aber der Vater is so ein toller EDV Techniker, der hat viel Geld verdient in den letzten Jahren, weil’ s  noch net so viele gibt, weißt eh.“ 

Sofia war auch ein bisschen aufgeregt, die kleine Schwester kennen zu lernen. Was, wenn sie mit ihr nicht zurecht kam? Miro liebte seine Schwester sehr, er erzählte oft, was sie alles

 

konnte und wie toll sie war. Richtig stolz. Ganz der große Bruder halt. Den sie selber leider nicht hatte. Einzelkind. Viel allein, weil natürlich beide Eltern voll arbeiteten. Der Papa meist in Wien, die Mama in Groß Gerungs.

Der Miro war eigentlich ihr erster Freund. Die Eltern mochten ihn, seit sie ihn kannten. Vorher hatten sie wegen des Namens große Bedenken gehabt, weil die Ausländer, also ohne jetzt gleich rassistisch sein zu wollen, aber weißt eh, was man da immer so hört. Gleich mit dem Messer da und so ...

Er erzählte ihnen dann beim ersten Treffen ganz unbefangen, wie das so war mit seiner Kindheit. Im Telegramm Stil, aber alle wichtigen Punkte. Von da an durfte er bei Sofia zu Hause ein und aus gehen, wie er wollte. Meistens wollte er am Samstagvormittag hinein und erst am späten Sonntagabend wieder hinaus.

Zum Tanzen gingen sie schon am Freitagabend, aber auch nicht besonders oft. Richtig häuslich waren sie.

Sofias Eltern waren zufrieden damit, dass ihre Tochter jetzt viel weniger oft nachts unterwegs war und zudem auch noch einen guten Aufpasser hatte. Der machte schon was her, der Junge.

1 Meter 87 groß, kräftig und breit. Er hatte schon in der Hauptschule viel Sport betrieben und ein gutes Körperbewusstsein entwickelt.  Seit er mit Eugene trainierte und seinen Freund hinsichtlich der Muskeln auch gerne einholen wollte, sah er den Typen von den Chippendales sehr ähnlich. Und über so viel Männlichkeit strahlte ein blondes Jungengesicht mit dunkelblauen Augen voller Lebenslust.

Klar, dass ihm die waldviertler Weiblichkeit zu Füssen lag. Und auch klar, dass er das zu schätzen wusste, oder vielmehr gewusst hatte, bis er Sofia kennen lernte.

Als sie sich im September das erste Mal trafen, war sie gerade 18 geworden, gute drei Jahre jünger als er. Aber sie zeigte ihm durchaus, wo es für sie beide lang ging. Und er freute sich daran, wie sie über ihn bestimmte. Und ihre Eltern, so wenig sie auch zu Hause waren, ersetzten seine eigene Familie, die gerade auseinander fiel.

Sie waren alle so lieb gewesen, als das mit Mama passierte, hatten ihn noch liebevoller aufgenommen, als er nicht mehr nach Hause konnte, ohne verrückt zu werden vor Schmerz. Jetzt nahmen sie genau so selbstverständlich die Kleine auf. Mein Gott, das arme Kind. Irgendwann einmal hatte er die Geschichte von Stefan, Alinas Vater, erzählt. Wie gern sie ihn gehabt hatten. Und wie kurz er nur bei ihnen hatte sein können. Er war sechs Monate vor der Geburt seiner Tochter bei einem tragischen Unfall ums Leben gekommen. Und jetzt auch noch die Mama. Diesen Paksis blieb wohl nicht viel erspart.

06. März 2014

Zweites Kapitel zweiter Teil

Sie hatte außer ihrem verwaschenen Reitzeug noch eine dieser neuen, weichen Lederhosen und eine sehr romantische Bluse mit raffinierten Faltenwürfen mitgebracht, die sie jetzt anzog. Und einen der faltenreichen Umhänge aus der Samhain Kollektion. Superleichte Wolle und herrlich warm.

Der Magister hatte sich auch ein rustikaleres Outfit ausgesucht. Jeans, Lederweste und einen dieser sagenhaften australischen Mäntel, gewachst und weit mit langem Schlitz hinten, um bequem und trocken reiten zu können.

Hut der gleichen Machart.

Sieht nicht schlecht aus, dachte  Karo, als sie ihn so sah, aber eigentlich ist ein solcher Anzug nur für sehr große Männer wirklich passend. Und breitere als er. Das Geschäftliche ist geeigneter für den Herrn Magister.

Sie aßen sehr ausdauernd zu Abend,  unterhielten sich gut und absolut nicht über ihre jeweiligen Geschäftsinteressen.

 

„So, und weil wir beim Mokka angelangt sind, erhebt sich die Frage, wo und wie wir uns das neue Konzept besehen wollen.“

„Bitte gleich hier, Sie brauchen mir nur kurze Erläuterungen mitzugeben, den Rest werde ich mir über Nacht durchlesen. Morgen können wir dann noch ausführlich darüber sprechen, wenn Sie sich Estellé ansehen.“

Lemberg hatte so seine eigenen Gedanken: Kaltes Biest, du, könnten wir nicht gleich bei mir im Zimmer die weiteren Vereinbarungen treffen? Du landest bei mir im Bett, ob du’s nun kompliziert machen willst oder nicht.

„Ich bin zugegebenermaßen ein bisschen enttäuscht, wenn Sie mich jetzt schon wieder  verlassen wollen ...“
„Ich muss doch ein gutes Stück fahren und die Fahrbahn ist vermutlich recht eisig. Morgen werde ich sehr früh mit dem Pferd unterwegs sein, anschließend können wir den ganzen Tag lang über Ihr Konzept reden, wenn Sie wollen.“

„Lieber würde ich mit Ihnen den ganzen Tag reiten.....Gibt es hier nirgends Pferde zum Ausleihen?“
„Ist mir nicht bekannt, aber ich kann gerne Eugene fragen.“

 

Es blieb dann doch bei Plan A. Magister Lemberg kam erst, als Karo schon wieder zu Hause war. Estellé hatte sie draußen auf der Wiese gelassen, damit sie sich noch genüsslich im Schnee wälzen konnte. Dann ging das Pferd unter die Bäume  und scharrte sich ein Fleckchen Erde, Moos und Laub frei.

Ein paar träge Sonnenstrahlen auf dem blitzend verharschten Schnee.

Leuchtende Eiskristalle im Fell der Stute ließen sie kupferrot erscheinen.

Karo konnte sich gar nicht satt sehen an so viel Schönheit. >Braun< war einfach keine Beschreibung für Estellés Farbe. Rot traf auch nicht ganz.

Kupfer und Bronze, je nach Lichteinfall. Der farbige, trotz Winterhaar seidenglatte Überzug für einen makellosen Körper voll anmutiger Bewegungen. Ruhe, Sicherheit und Harmonie waren seit ihrem Aufenthalt bei Eugene noch dazu gekommen. Jetzt erst war ihre Schönheit perfekt. 

 

„Und das dort ist also die schöne Estellé.“

„Hallo, guten Morgen, Herr Magister. Ja, das ist meine Stute.“
„Sieht aus wie im Märchen, da auf der Waldlichtung. Haben Sie hier alles  großflächig eingezäunt?“
„Nein, gar nicht.“

„Sie meinen, Sie haben gar keinen Zaun?“
„Genau, Estellé braucht keinen, weil sie Vertrauen hat. Wenn sie sich ängstigt, geht sie in den Stall.“

„Das wird ja immer märchenhafter.“

„Funktioniert aber. Das tun die meisten Märchen nicht, glaub ich.“

„Hm, und wo ist nun der Herr und Meister dieses Zauberreichs, Ihr Fachmann?“

 

Eugene hatte den Stall ausgemistet und dabei den Wiener genauer begutachtet. Nein, falsch,  weder Achtung noch gut.

Arme Karo, würde wohl keine so angenehme Erfahrung für sie werden.

Vielleicht könnte er, nur so ein kleines bisschen ... mal sehen, wie weit es gehen würde.

Die Hunde hatten schon mehrmals warnend geknurrt, jetzt musste er sie ernstlich mahnen, weil Karo den Kerl in Richtung Box brachte.

Widerwillig setzten sich die Hunde in die zugewiesene Ecke,  kampfbereit.

 

„Ah, hier ist der Fachmann, grüße Sie, Mr. Mc Intire. Ihre Fama eilt ihnen weit voraus, wissen Sie das? In Waidhofen weiß anscheinend jeder alles über Sie.“
Shakehands.

Ich würde Uther jetzt gerne tun lassen, was er so gerne täte, nämlich den da in die Weichteile beißen. Hm, hier kommen die männlichen Besitzansprüche des Primaten durch, sehr archaiisch, waren die Gedanken des Schotten.

 

Manuel Lemberg versuchte tatsächlich, mit dem Waldschratt ein fachliches Gespräch über Pferderassen zu führen. Es blieb aber sehr einseitig, nämlich auf seiner. Von wegen Fachmann, der hatte ja anscheinend gar nichts zu sagen. Die Hunde drückten sich in einer Ecke, verängstigt oder heimtückisch. Auf alle Fälle hatte er hier kein gutes Gefühl.
Mal sehen, ob er im Haus wenigstens auf der geschäftlichen Seite weiterkommen konnte.

 

Karo hatte sich sein Konzept angesehen, hatte wieder Einwände. Langsam sah er seine Geduld schwinden. Diese engstirnigen, zugenähten Hinterwäldler, das war wirklich zum Aus-der-Haut-fahren.

Letzter Versuch.     

„Sprechen Sie doch bitte einmal mit Ihren Brüdern, ich glaube sehr wohl, dass es genau so machbar ist, wie ich das hier aufgelistet habe. Und dann kommen Sie zu mir ins Büro. City promotion  hat einen tollen Standort. Sie sollten hier sowieso einmal heraus. Geschäft und Geld wird nun mal in Wien gemacht, nicht in der Provinz. Sie sollten auch die richtigen Leute JETZT kennen lernen, nicht erst wenn das gesamte Marketing- und Werbeprojekt läuft. – Ich lade Sie ein, kümmere mich um die Zimmerreservierung und ein paar gute Termine. Wenn das greift, kommt später einmal alles auf die Rechnung.“ 

„ Wenn Sie das mit allen Ihren Kunden machen, bleibt Ihnen ...“

„Bleiben mir gute, dankbare Kunden, die mich weiter empfehlen. Aber ich mache das nicht oft, die meisten meiner Kunden sind bereits ausgezeichnet etabliert, da ist das ja gar nicht mehr nötig. – Und in ein paar Jahren werden SIE auch lachen über die Problemchen von heute.“

„Das hoffe ich sehr. Gut, abgemacht. Ich rufe Sie an, wenn ich grünes Licht von meinen Brüdern habe, dann vereinbaren wir den Termin in Wien.“

 

Sie hätte die Einladung doch nicht annehmen sollen. Jetzt fühlte sie sich so entsetzlich ländlich. Sogar der Großstadtverkehr war ihr zu viel.

Zimmer reserviert. Hotel Merlin. Sehr witzig.

Fast so arg wie Camelot. Da war ihre Mama schon immer so kindisch gewesen. Den Firmensitz und ihre Wohnung, also das gesamte Fabrikgelände, das sie damals gekauft und super adaptiert hatte, so zu benennen. Und allen Bekannten, auch allen Geschäftspartnern gegenüber, das extra zu erwähnen. Einladung nach Camelot. Richtig stolz.

Als Gegensatz dazu sagte Karo dann jeweils „Karlkaff“, frei nach dem Ort, zu dem der Besitz gehörte, nämlich Karlsburg. Provozierend, vielleicht sogar beleidigend für die Mama. 

„Vergib mir bitte, ich war manchmal ein ziemliches Biest!“

Immer öfter ertappte sie sich dabei, dass sie Gespräche mit der Mama führte, tief drinnen, aber immerhin, wie ein Gespräch. Das sie nie richtig geführt hatten, seit, seit ... wer weiß, es war so viel passiert damals in Sarajewo.

 

Aber nun war sie in Wien. Und auch noch im Hotel Merlin. Von dem sie bald angenehm überrascht war. Fast hatte sie erwartet, an der Rezeption einen Stein mit Excalibur und im Restaurant eine große runde Tafel vorzufinden. Nichts dergleichen. Gehobener Standard.

 

Als sie der Magister abholte, gestand sie ihm ihre Befürchtungen hinsichtlich des Hotels.

„Eben. Ich dachte mir etwas Ähnliches. Und dass Sie das so sehen würden. Ich konnte nicht wiederstehen, um ehrlich zu sein. Übrigens ein bloßer Zufall. Der Besitzer heißt tatsächlich so. Betonung auf der letzten Silbe, allerdings.

 

Beim Essen kamen sie endlich auf das Du.

„Ach, seufz, ich dachte schon, du würdest dich nie dazu durchringen können.“

„Präziser, bitte.“

„Ja, schau, du musst doch schon gemerkt haben, dass ich nicht nur geschäftlich an weiteren ... Zusammenkünften mit dir interessiert bin.

Das >Sie< erschwert aber ein näheres Kennenlernen ungemein.“
„Aha.“

„Deine überschwängliche Reaktion erfreut mein Herz ebenfalls ungemein.“

„Mich auch.“

„Könntest du eventuell gelegentlich etwas mehr aus dir heraus gehen?“
„Bei unverfänglicheren Themen, ja.“

„Ich will dich ja nun  nicht gerade gleich fangen.“
„Ich hatte das darauf bezogen, dass ich mich nicht verfangen will.“
„Ich bin nicht spiderman.“

„Bist du sicher?“
„Jetzt geh ich auf die Toilette und schau mich in den Spiegel.“

„Du wirst einen Feschak sehen, der ein junges Fräulein verwirren kann.“

„Jungfräuleins sind des Feschaks Spezialität.“

 

Und jetzt wurde sie tatsächlich rot. Der Blutandrang in ihrem Gesicht war so groß, dass sogar ihre Augen betroffen waren und sich auch noch mit Tränen füllten.

Einen Moment war er perplex, dann hatte er sich wieder gefasst.

„Entschuldige, war nur eine dumme Wortspielerei.“

Dieses Mädchen war ein Wahnsinn. Tat immer so professionell und reichlich unterkühlt und war dabei so leicht aus der Fassung zu bringen. Erstaunlich. Sie konnte gar nicht so jung sein, dass sie ... schätzungsweise fünfundzwanzig, wenn man bedachte, was sie schon alles gemacht hatte. Der Frankreichaufenthalt noch dazu.

Jetzt hatte er Feuer gefangen. Jetzt musste er es wissen. Jetzt konnte er ihre Reserviertheit nicht mehr respektieren. Und dass sie seine Kundin werden würde. Oder dass sie womöglich wirklich ... also so was.

 

„Komm, ich zeig dir Wien.“
Ein langer Lokalbummel. Etwas Alkohol. Das Übliche. Gute Laune, etwas weniger Hemmungen, eine gewisse Entspannung. Heute oder nie.

Als er merkte, dass sie müde wurde, wollte er sie ins Hotel bringen. Gentleman-like bis vor die Tür.

„Lässt du mich noch ganz kurz hinein, damit ich dich nicht auf dem Gang küssen muss?“

Karo war ein bisschen aufgeregt, aber nicht sehr. Schließlich hatte es Küsse schon während der Schulzeit gegeben. Probeweise, nicht besonders intensiv und nie mit ernstlichem Hintergrund.

„Komm herein, möchtest du noch etwas aus der Minibar?“
„Nein, ich möchte eigentlich nur noch dich.“
Jetzt sprang sie doch so etwas wie Angst an. Er meinte doch nicht ... ganz?!

Küsse, Küsse, Küsse. Im engen Vorraum des Hotelzimmers, im Stehen. Wie in ihrer Jungmädchenzeit. Nur sehr viel heftiger.

Das war nicht der zurückhaltende, immer höfliche Verehrer aus der Ferne, das war eine neue Seite, die er ihr da zeigte. Wild, fordernd, unbeherrscht.

 

Sie mochte das nicht. Zeigte ihm ihr Unbehagen, indem sie ihn weg schob.

„Was ist los, du kannst mich nicht ewig hinhalten, wir sind erwachsene Leute. Irgendwann ist es kein Spiel mehr, sondern wird ernst. Das ist jetzt.“

„Ich bin ... zu … unerfahren. Es ist besser, wenn du gehst.“
Er  legte seine Hände an ihre Hüften, beugte sich aber etwas nach hinten, um ihr besser in die Augen sehen zu können.

„Sag jetzt ganz ehrlich, hast du noch nie mit einem Mann ... was gehabt?“
Sie versuchte, seinen Blick ganz fest und ohne Zucken zu erwidern, und es gelang ihr gut.

„Nein, noch nie.“

„Das kann doch nicht sein, eine Schönheit wie du, - was ist

da falsch gelaufen?“
„Einfach keine Zeit, vermutlich, und kein besonderes Interesse.“


Mann, das waren vielleicht Perspektiven. Er hatte da so Dinge gelesen, über das erste Mal und so. Wenn das stimmte und er es richtig machte, wie Wachs in seinen Händen und so. Unglaublich, so was.

 

„Komm, wir setzen uns erst einmal. Und dann versuchen wir heraus zu finden, ob du wirklich kein Interesse hast. Oder nur nicht den Mut, zu dir selber zu stehen.“

Sie redeten lange, über ihre Kindheit, ihre Liebe zu Danny, ihre Liebe zu Stefan. Es interessierte ihn wirklich. Nur zwischendurch dachte er manchmal

„Ich bin aber nicht der Beichtvater, sondern ein normal geiler Kerl, also los jetzt.“ .

Der Morgen war schon ziemlich fortgeschritten und die Minibar um einiges erleichtert, als sie endlich zum Wesentlichen kamen.

Er war schon ziemlich müde und vom Alkohol ein wenig benommen. Sie ebenfalls. Gut so. Er würde sich genug Zeit lassen können und sie nicht sofort hysterisch werden.

„Wir ziehen uns jetzt aus und legen uns nieder. Kann sein, dass wir sofort einschlafen. Macht auch nichts.“ Nur nicht beunruhigen.

„So, ganz nah zu mir, einfach kuscheln, ja?“
Mann, so viel Frau und dann noch Jungfrau, einfach nicht zu glauben.

Er ließ seine Hände langsam und vorsichtig wandern. Gar nicht mehr müde. Gar nicht mehr benommen. Alle Sinne hellwach. So ein Körper musste auch einen Toten aufwecken.

 

Karo versuchte ihre Empfindungen zu analysieren. Sie war neugierig. Als sie sich auszogen, war sie sehr unsicher gewes

 

en. So hatte sie noch nie ein Mann gesehen. Und betrachtet. Eingehend. Irgendwie ... erniedrigend.

Als sie sich an ihn kuschelte, war das angenehm. Warm, sehr viel Nähe, menschlich. So was wie innig. Sein Streicheln hinterließ warme Wellen auf ihrer Haut, die immer heißer wurden. Sie merkte, wie ihr Körper mitspielen wollte, viel mehr als ihr Geist. Ihre Brüste spannten, drängten sich seinen Händen entgegen, wollten seine Berührungen, auch, als sie fester wurden, drückten und kneteten. Eine Hand war an ihrem Po, knetete und massierte auch dort, um schließlich zwischen ihre Beine zu drängen. Sie wollte nicht, ihr Kopf wollte immer noch das letzte Wort haben, nein, nicht gut, lass es bleiben. Aber ihre Schenkel öffneten sich unter seiner fordernden Hand und ihr Körper genoss seine Berührungen.

„Ich kann nicht feststellen, dass du kein Interesse hast. Du bist erregt und normal wie jede gesunde Frau, nur schöner, besser ...“

Er beugte sich etwas aus dem Bett, um sich seine Hose zu angeln. Rechte hintere Hosentasche.

Aha, er hatte also vorgesorgt, anscheinend siegesgewiss. Jetzt zog er sich das Kondom über, ließ sie genau zusehen.

„Komm her, lass dich streicheln, so wie vorhin, noch ein bisschen mehr ...“

Karo war jetzt sehr neugierig, ihr Körper begierig.

Manuel ließ sich Zeit, ließ ihr Zeit, wollte alles richtig machen.

Und Karo erlebte ihre erste Liebesnacht, intensiv und ein wenig anstrengend, und sie war - dankbar.  

 

05.März 2014,

das zweite Kapitel beginnt:

2. Kapitel

Bei ihrer Ankunft wurden sie überschwänglich begrüßt. Von den Hunden.

Also konnte der Herr nicht weit sein. Seine „Waldviertler Robusthunde“ waren ihm absolut ergeben, obwohl man nie auch nur ein lautes Wort von ihm hörte. Ein Mann der leisen Töne.

Dabei sah er aus wie Rambo. Mama hatte das einmal erwähnt und Karo hatte sich dann das Video besorgt. Sie war ja so was von zurück gezogen und hinterwäldlerisch, dass sie sonst nicht hätte mitreden können.

Das tat sie auch nicht, nachdem sie den Film gesehen hatte. Schrecklich.

Die Mama erzählte ihr dann, dass sie den Film nie gesehen hätte. Wie denn auch, zehn Jahre in absoluter Einöde, natürlich ohne Fernsehen. Aber in Österreich hätte sie sich schnell angepasst und Klischees übernommen, dazu seien Klischees ja da. Deshalb Rambo. Langes gewelltes Haar, stimmte. Muskeln. Das, was man einen atemberaubenden Männerkörper nannte, stimmte. Der Rest ein Schmarrn.

Eugene war der sanftmütigste Mann, den Karo kannte. Okay, nicht weiter schwer, weil sie kaum welche kannte. Außer ihren Brüdern.

So unterschiedlich, wie Menschen nur sein konnten. Miro, aufbrausender Realist, reiner Praktiker, der sich schon verzog, wenn er eine Gebrauchsanleitung lesen sollte. Und dagegen Julian, immer irgendwie melancholisch, der darüber nachdenken musste, ob er sich zum Frühstück ein Brot schmieren sollte oder vielleicht doch lieber Cornflakes holen, aber die kamen ja aus den USA, diesem ausbeuterischen Wirtschaftsriesen ...

Na, da wurde sie ja ganz schön zynisch, dabei liebte sie ihre Brüder, und natürlich Alina, ihre Kleine. Ihre Geschwister, ihre Familie, von  jeher alles, was sie gehabt hatte und worauf sie sich hatte verlassen können, - außer der Mama, aber die hatte sie ja auch einfach verlassen ... so oder so, wahrscheinlich würden sie nie wissen, ob es wirklich ein Unfall gewesen war.

Eugene aber, so sanft und so verlässlich, zumindest in der Zeit, seit sie ihn kannte. Seit sie Tara aus einem Wurf Seonas ausgesucht hatten. Seit sie sich zu ihm hingezogen gefühlt hatte, seit ... das Missverständnis  sie wieder so sehr auseinander gebracht hatte. Und sie nicht noch einmal ... Mist, die ganze letzte Woche schon war sie so grüblerisch, jetzt konnte man sie wohl langsam mit Julian vergleichen.

Aus. --- Jetzt mal wieder ganz praktisch. Alina bei Eugene abgeben,  Estellé begrüßen und dann zum Marktplatz von Wachegg, um den Herrn  Magister abzuholen.

20 Uhr hatten sie vereinbart. Stockfinster zu dieser Zeit. Sie würde ihn gleich nach Waidhofen bringen, dort mit ihm „speisen“ und ab.

Morgen wollte sie sehr früh schon mit Estellé in den Wald. Wenn erst einmal Alina wach war, würde sie keine Ruhe mehr haben, um mit ihrem Pferd zu >harmonieren<, wie der Highlander das ausdrückte.       

 

Erst einmal musste sie Eugene Bescheid sagen. Er war gerade dabei, riesige Schneemassen zur Seite zu schieben, damit sie besser parken und wenden und die Einkäufe leichter ausladen konnte. Er brachte die Ladungen Schnee jeweils mit der Schubkarre hinter das Haus. Wozu so umständlich?

„Iglu für Alina.“

Aha, Kindskopf, der er war, würde er wieder das ganze Wochenende mit Alina „bauen“. Das kannte Karo bereits. Es waren schon großartige Bauwerke entstanden. Ein Baumhaus, eine Erdhütte, sehr keltisch, soviel Karo wusste, und eine indianische Schwitzhütte. Wenn Alina mit ihm arbeiten durfte, hatte Karo Auszeit. Dann fiel es scheinbar niemandem auf, wenn sie stundenlang im Bett oder in der Sonne lag und las. Ihre liebste Entspannungsübung. Die Hündinnen Seona und Ambra waren dann gerne bei ihr, die mochten die Betriebsamkeit rund um das Kind auch nicht immer.

 

Eugene half ihr die Einkäufe auszuladen. Natürlich war es im Mietpreis für die Box und das Zimmer nicht inbegriffen, dass sie beinahe jedes Wochenende Lebensmittel brachte. Die beiden Schwestern hatten aber schon lange ein Spiel daraus gemacht zu erraten, zu erahnen oder einfach immer genauer herauszufinden versuchen, welche Nahrung Eugene zu sich nehmen würde.

Nichts aus dem Supermarkt. „Es ist zu lange gelagert, da lebt nichts mehr.“, hatte er einmal erklärt. Fleisch vom Biobauern, aber leider nicht immer, das wussten die Mädels vorher nie. Einmal hatten sie gesehen, wie er seine Hand über das Fleisch gehalten hatte, in seiner charakteristischen Weise, die schönen, kräftigen Finger leicht gespreizt.

„Nicht gut, ihr solltet es auch nicht essen.“ 

„Na schön, dann halt für die Hunde.“
„Nein.“ Überraschend scharf für Eugene, Karo war sehr erschrocken.

Er aß sehr viele Nüsse, die Hunde mit ihm. Aber dass das zarte Fleisch nicht mal für die Hunde taugen sollte, also wirklich, Karo hielt das doch für reichlich überspannt.

Manchmal konnte man ihn beobachten, wie er Baumblätter, Kräuter und Blüten pflückte, zwischen seinen Fingern zu einem kleinen Paket rollte und dann genüsslich hinein biss.

„Er hat sich wieder einen Kaugummi geholt.“, sagte Alina dann gerne, weil er tatsächlich lange kaute und manchmal die allzu harten Fasern seiner >Waldnahrung<  auch wieder ausspuckte.

Auch  Alina kannte bereits viele Gaben des Waldes. Sie zeigte Eugene stolz, welches >Kaupech< zum Kauen geeignet war.

„Viel besser als ein gekaufter Kaugummi, hat die Mama immer gesagt. Für das Zahnfleisch und so.“

Eugene hatte sie angestrahlt. „Genial!“

 

Er hatte einen Fischereischein, manchmal brachte er schon Fische und sogar Krebse zum Frühstück.

„Sind die nicht geschützt, die Krebse?“

„Ja, aber der Fischotter und ich, wir teilen sie uns. Dem Fischreiher wollen wir sie nicht so gerne gönnen, weil der kann sich auch Frösche fangen. Das schaffe ich nicht so gut.“

Alina bog sich vor Lachen.

„Das möchte ich sehen, wie du den Krebs in zwei gleiche

Teile  teilst ...“
„Nein, nicht gleich. Herr Fischotter ist viel kleiner als ich, also bekommt er den kleineren Teil.“
„Und die Frösche, würdest du sie essen, wenn du sie erwischen tätst?“
„Klar, wenn ich Hunger habe.“

Das Mädchen schüttelte sich, sie war bestimmt nicht heikel, aber diese schlüpfrigen kleinen Kerlchen ... ?

„Hast du manchmal richtig Hunger, so, dass dir der Magen knurrt?“
„Oh, ja, sonst esse ich auch nicht.“
„O je, ... ich schon.“
 

Alina konnte zweifellos eine Menge lernen von dem stillen Mann, der aus irgendeinem Grund plötzlich hier aufgetaucht war, um in absoluter Einsamkeit seine neue Hunderasse zu züchten. Die Leute aus dem Dorf nannten ihn „den Wunderlichen“ und einen „Eremiten“. Darunter stellte man sich dann ein uraltes Hutzelmännlein mit wallendem Bart vor. Und hatte plötzlich dieses kraftstrotzende Mannsbild vor sich, noch keine dreißig Jahre alt.

Er mochte Bier, aber nur in Flaschen, nicht aus der Dose. Und holte sein Wasser in Glasbehältern aus einer kleinen Quelle im Wald, obwohl fließendes Wasser aus der Ortswasserleitung im Haus war.

Nach diesen Eigentümlichkeiten befragt, antwortete er höchstens:
„Ich brauche die richtige Energie.“

„Warum erklärst du uns nicht einmal ganz genau, warum du so lebst?“

„Alles zu seiner Zeit.“

Wenn Alina etwas wissen wollte, von dem er das Gefühl hatte, die Zeit - oder besser gesagt das Mädchen -  sei reif dafür, drückte er sich gerne non verbal aus. Bereits ganz zu Beginn ihrer Bekanntschaft war ihm aufgefallen, dass Alina ein starkes Gespür hatte und Dinge auch wortlos aufnehmen konnte.

Er benutzte seither Gesten, ähnlich wie für manche Tiere, um ihr komplizierte Zusammenhänge in einem einzigen Moment zu übermitteln.

Es funktionierte recht gut. Er hatte das Mädchen sehr gern, genauso wie den Rest der Familie. Es war auch für ihn sehr schmerzhaft gewesen, die Mama Gudrun vergehen zu sehen.

Und es war schmerzhaft, die inneren Kämpfe Karos mitzuerleben. Weil er sie liebte. Ohne das wirklich zu wollen. Er hatte sich in seiner Heimat für einen anderen Lebensweg entschieden.  Aber sie würde ohnehin auch  ganz andere Lebensentscheidungen treffen.

Der Count down dazu lief bereits. Das merkte er daran, dass sie sich heute sogar hier oben verabredet hatte. 

 

04.März 2014,

der zweite Teil des ersten Kapitels:

Karo seufzte und wandte den Blick endlich vom Fenster ab, flüchtig noch die sanfte Weite in unberührtem Weiß wahrnehmend.

Mama hatte den Ausblick von Camelot so sehr geliebt.

O je, heute hatte sie so einen Tag, an dem nicht viel  weiterging und sie sich selber Leid tat. Berechtigterweise,  aber völlig sinnlos, weil es außer ihr natürlich niemanden interessierte.

 

Also weiter im Programm. Letzter Punkt heute war der Termin mit Herrn ... ah, ja, sie hatte es auf dem Kalender notiert ... Herrn Magister Manuel Lemberg, city promotions, Wien. Er war  bisher der einzige Werbemensch, der es verstanden hatte, sie bereits am Telefon für seinen PR Maßnahmen-Katalog zu interessieren. 16 Uhr 30. Sie würde ihm eine knappe Stunde einräumen. Dann wollte sie nach oben in die Wohnung gehen und sehen, wie Alina mit dem Nachlernen zurecht kam.

 

Karo ging von ihrem Büro im ersten Stock nach unten, wo sich die Produktionsräume befanden.

Er wartete bereits im Empfangsbereich der Halle, wo die unermüdliche Frau Nemecek, Näherin, Strickerin, Vertraute, gute Perle und Faktotum des Hauses, ihn schon unter ihre Fittiche genommen hatte.

Die beiden waren in ein überaus herzliches Gespräch vertieft. Wäre der Altersunterschied nicht so eklatant gewesen, man hätte meinen können, die Hochzeit stünde bevor.

Ebenso herzlich wurde nun aber die „Hausherrin“ begrüßt.  Er wisse zu schätzen, dass sie sich tatsächlich die Zeit für ihn nehme, wo sie doch so schwer tragen würde an den ihr übertragenen neuen Pflichten ... . Normalerweise hätte sie ihn rasch in die Kategorie der „Schleimer“ eingereiht, aber heute, nun, heute brauchte sie genau diese Worte.

Die Bestätigung dessen, was sie selbst gerade diagnostiziert hatte. Jemand, der sich in ihre Lage versetzte. Eine Wohltat.

Sie saßen sich im kleinen Besprechungsraum gegenüber.  Taxierten einander. Als mögliche Geschäftspartner – und als interessante Vertreter des anderen Geschlechts.

Ein fescher Mann, konservativ gekleidet, um die Dreißig. Im gesamten Auftreten ganz anders als die überdrehten Werbefritzen, die sie bisher kennen lernen musste. Manieren geradewegs aus der Mitte des 20. Jahrhunderts, wie sie sie höchstens noch in alten Filmen sah.

Burgtheaterdeutsch, kein bisschen Wiener Geraunze, das sie auch hier in Niederösterreich manchmal hörte und gar nicht so gerne mochte.

Sie war das kaum gefärbte und auch bei ihrem Vater ziemlich akzentfreie Deutsch gewöhnt, das sie zehn Jahre zu Hause in Sarajewo gehört hatte.

Die späteren Jahre in Oberösterreich hatten daran kaum etwas geändert, weil man auch im Kurhotel sehr auf verständliches Deutsch bedacht gewesen war. Und so innige Freundinnen, von denen sie Innviertlerisch hätte lernen können, hatte sie nie gehabt. Den stärksten Dialekt der Paksis hatte Miro, der auch am meisten unter Leuten war, in der Arbeitswelt und auch sonst.

Gut, dieser Herr Magister hier ließ Bildung und vermutlich gutes Elternhaus erkennen. Löblich und angenehm.

Er hatte Unterlagen mitgebracht, die sie nun gemeinsam durchgingen.

Gebeugte Köpfe. Zwei blonde, starke Haarschöpfe. Er modisch kurz, aber ohne Gel. Na wenigsten mal einer ohne Stacheln, dachte sich Karo.

Sie ohne die Andeutung einer „Frisur“. Glatt, alle gleich lang, fast bis zu den Hüften.

Stark und schwer. Hineingreifen und darin wühlen, dachte sich der Herr Magister. Ihre Figur hatte er schon auf dem Weg herauf ausgiebig betrachtet.

Wie ihre Haare, lang und gerade und stark. Viel von allem, aber kein Gramm Fett. 

Vier Hände auf den Tisch gestützt. Annähernd gleich groß. Gepflegte, lange Finger. 

Was für schmalen Hände er hat. Na ja, er ist ja auch kaum größer als ich. Überhaupt eher zart. Sehr vornehm. Und reden kann der. Ich bräuchte den ganzen Tag, um mir solche Ausdrücke auszudenken.

 

Ja, Manuel Lemberg war ein Wortkünstler. Wenn man ihn ließ – und die Dame hier ließ ihn, sagte selber nicht gerade

 

viel – schwang er sich zu Höchstform auf. Bewunderung – er glaubte fast, solche in ihren türkisen Augen zu sehen – ließ ihn geradezu zaubern in seinem verbalen Ausdruck.

 

„Aber ich will Sie jetzt nicht länger damit belästigen. Ich habe Ihnen ja alles erklärt. Das überschlafen Sie am besten und wenn Sie das Konzept morgen noch einmal durchsehen, haben Sie vielleicht noch Fragen. Dann gehen wir das durch. Ich bleibe über Nacht hier und stehe Ihnen morgen den ganzen Tag zur Verfügung, wenn Sie möchten.“

„Ach, ja, sehr gut, das ... ist natürlich sehr praktisch. Danke für Ihre Bemühungen.“
„Keine Ursache. Sie könnten mir vielleicht einen Tipp geben, wo sich hier in der Gegend angenehm übernachten ließe.“

„Oh, ... ja, also mit Gasthöfen und so kenne ich mich leider gar nicht aus, ich war, also, ... ich bin noch nicht so lange hier, aber ich denke, in Groß Gerungs kommen Sie sicher gut unter.“

„Ob ich da aber hin finde? Jetzt ist es schon ganz dunkel draußen und ich werde mich höchst wahrscheinlich im Wald verirren. Brotkrumen und Kieselsteine hab ich auch nicht mit. Wenn Sie mir ein grausiges Hänsel-Schicksal ersparen wollen, würde ich Sie bitten, ob Sie nicht mit mir speisen würden. Etwas mehr Ortskenntnisse als ich dürften Sie ja doch haben?“

Gudrun musste lachen. Jetzt war er gar nicht mehr geschäftsmäßig, sondern treuherzig bis komisch.

„Ich muss erst einmal nach meiner Schwester sehen. Wenn Sie solange im Wohnzimmer warten wollen. Ich bringe Ihnen gerne einen Aperitiv.“

 

Sie nahm das Kaffeegeschirr aus dem Besprechungsraum mit nach oben, obwohl ihr klar war, dass auch das nicht sehr professionell wirken konnte.

Geschäftsleiterin trägt Gästegeschirr selbst in die eigene Wohnung, weil offenbar Sekretärin oder zumindest Aufräumerin sowie Kaffeeküche für die Büroräumlichkeiten fehlen.

 

„Alina, wie läufts?“

„Puhh, ich hab immer noch nicht alles.“
„Für heute sollst aber aufhören, meinst nicht?“

„Gemma noch mit der Tara eine Runde?“

„Du, ich hätt da ein Geschäftsessen. Ich glaub, es wär ganz gut, wenn ich mitgeh, das ist nämlich so eine Werbeagentur ...“

„Ja dann geh halt, ich kann eh mit der Tara allein bleiben, weil die zwei Buben sind ja auch nicht da.“

„Was, der Julian auch nicht?“

„Naa, auch nicht, aber es macht nichts, ich bins ja gewöhnt“

„Ja, eben, dann musst dir auch nicht selber Leid tun. Ich kann das nämlich auch nicht. Vielleicht würd ich ja auch lieber was anders tun als wie abends noch mit den Werbefritzen quatschen.“

Alina stand auf und umarmte die Große ein bisschen ungeschickt.

„Sei mir nicht bös, ich weiß eh, wie schwer du’ s hast.“
O je, dachte Alina sich, schon wieder die Tränen.’Sie wischte sie schnell und ungeduldig weg. Immer kamen sie so plötzlich. Eine Heulsuse war sie geworden.

„Passt schon, Mausi, ich bin eh bald wieder daheim. Und am Samstag gleich zur Estellé, versprochen. Schlaf gut und gib der Tara ein Bussi aufs Ohrli von mir. Holst sie herein, aber spazieren gehst nicht mehr mir ihr im Finstern, okay?“

„Ja, ist schon gut, baba, komm wieder gut heim.“
Das sagte die Alina fast immer, wenn Karo irgendwo hin fahren musste.

Übersetzt hieß das „Verlass mich nicht du auch noch!“, erklärte ihr einmal Eugene.

 

Die Kleine war zwei Monate nicht in der Schule gewesen. Der Hausarzt hatte brav Bestätigungen ausgestellt, dass ihr psychischer Zustand das noch nicht zuließe. Er hatte sie in dieser Zeit aber nie zu Gesicht bekommen, weil sie sich von Wachegg nie entfernt hatte.

Bis nach dem Dreikönigstag, als die Schule wieder begann. Und das Leben. Ohne Mama. Es war jetzt die dritte Woche, in der sie sich noch mit Nachlernen  und Nachschreiben plagen musste. Gut so, reichlich Arbeit war reichlich Ablenkung. Nach Karos Meinung die beste Medizin gegen jede Art von Herzschmerz. Sie wusste das. Hatte sich in vielen Jahren und in vielen schlimmen Situationen immer wieder bestätigt. Erfahrungswerte. 

 

Einmal durch die Haare bürsten, fertig. Ausgehbereit. Sie trug tagsüber im Büro immer ausgewählte Keltic design Modelle, also musste sie sich gewiss nicht umziehen. An Make up benutzte sie für die Arbeit und auch abends höchstens Wimperntusche, wie die Mama.

Aber sie war nicht die Mama, sie war Karo, die Tüchtige, die auch dann noch arbeitete, wenn sie mit dem Werbefritzen

essen ging. Sie würde bessere Konditionen aushandeln heute Abend. War er selber schuld, wenn er mit ihr „speisen“ wollte.

 

Sie fuhren in ein kleines griechisches Restaurant in Groß Gerungs, von dem Karo schon gehört hatte.

Sie hatte dem Magister Lemberg vorgeschlagen, mit ihrem Auto vor ihm zu fahren, dann könne er nach dem Essen gleich in seinem Quartier bleiben.

„Und überlasse Sie dem Gretel-Schicksal. So fies kann ich wirklich nicht sein, ich werde jetzt sehr aufmerksam Ihrer Anleitung folgen, dann find ich später ganz sicher wieder aus dem Wald hinaus.“

Gut denn, jetzt fuhren sie in seinem BMW und suchten den neuen Griechen.

 

„Waren Sie schon einmal in Griechenland?“
„Nein, möchte ich auch nicht unbedingt hin. Ich bin auf dem Balkan aufgewachsen. Das reicht mir an süd-östlichen Eindrücken.“

„Ah ja, ... Balkan. Sieht man Ihnen gleich an. Vermutet man auch hinter Keltic design.“

„Wir wollten es den Leuten nicht zu schwer machen.“
„Gelungen.“

Langsam kam Karo etwas mehr in Redefluss und es begann ihr Spaß zu machen, zumal ihr Gesprächspartner jede Anregung aufnahm.

Er fragte sie ganz schön aus, aber das meiste blockte sie mit witzigen Bemerkungen ab.

Die besseren Konditionen würde sie wohl erst morgen aushandeln.

Es passte jetzt einfach nicht.

 

Im Laufe des Abends wurde ihre Unterhaltung immer angeregter, der Retsina immer süffiger. Manuel Lemberg begann sich langsam Hoffnungen zu machen. Diese Braut hier war absolute Klasse. Er hatte sie als sehr spröde beurteilt, aber wer weiß, vielleicht warf sie ihre eisernen Regeln gelegentlich über Bord. Fürs Geschäft konnte das nur förderlich sein.

Er bemerkte auch, dass er sie mit seinem Fachwissen und gelegentlichen klugen Äußerungen der Allgemeinbildung beeindrucken konnte, und das tat er dann auch ausgiebig. Er sei Betriebswirt, habe seine Firma ganz alleine aufgebaut und stünde heute gut da.

„Kundenservice ist alles, das ist mein Credo in einer Zeit, wo alles austauschbar ist außer dem persönlichen Einsatz.“

„Das hab ich mir schon gedacht, dass Sie darauf punkten. Wegen eines kleinen Familienbetriebes wie dem unsrigen extra von Wien hierher zu kommen und auch zu bleiben, na, das machen sicher nicht Viele.“

Es steht auch nicht allen das Wasser bis zum Hals, meine Schöne, dachte Lemberg, während er besonders herzlich lächelte.

Schließlich brachen sie auf. Seinen Vorschlag, noch einen kleinen Trunk in einer anderen Bar einzunehmen, schlug sie aus. Sie wurde auch im Auto eine Spur kühler, anscheinend war sie schon darauf trainiert, jedem möglichen Verehrer auf diese Weise irgendwelche Annäherungsversuche zu erschweren. Nun, dann eben nicht. Noch nicht.

 

Am nächsten Tag war sie ganz schön zickig. Nein, das ginge nicht, das passe nicht zu Keltic design und jenes würden ihre Brüder nicht goutieren.

Und überhaupt, das Ganze zu teuer.

Okay, dann müsse der gesamte Maßnahmen-Katalog umgeschrieben und breiter angelegt werden, damit die finanziellen Möglichkeiten mehrerer Jahre zum Tragen kämen. Steuerlich ebenfalls günstiger. Er ließ nicht locker.

 

„Wie wärs, wenn wir uns am Wochenende noch einmal zusammen setzten?
Die nächsten Tage sind leider schon alle mit Terminen besetzt. Aber ich würde sogar einige Nachtschichen für Sie einlegen und das Konzept überarbeiten. Bis Samstag könnte es fertig sein.“
„Nein, das ist doch viel zu viel Aufwand unseretwegen.“
„Hören Sie, mir liegt etwas an Ihnen, an Ihrer Firma, geben Sie mir die Chance, das zu beweisen.“

„Nein wirklich, ich habe meiner Schwester versprochen, mit ihr zum Pferd zu fahren. Wir verbringen die meisten Wochenenden so, das ist wichtig für sie, überhaupt jetzt, wo ...“

„Sie reiten, wo denn, wenn ich fragen darf?“
„Och, kein moderner Reitstall oder so, wir haben die Estellé privat untergestellt.“
„Ich war früher sehr viel reiten, das interessiert mich natürlich sehr, ich hatte einmal einen Hannoveraner.“

„Estellé ist ein Araber, algerisch. Aus Frankreich. Die importieren sehr viel aus Algerien. Sie ist wunderschön, aber auch ein bisschen schwierig, darum haben wir sie bei einem ... Fachmann.“

„Und wo?“

„Wachegg, ganz nah an der tschechischen Grenze.“

 

„Na, das  ist ja noch besser, da hab ich von Brünn aus nicht gar so weit.“

„Sie würden von Brünn aus anreisen?“
„Ja, das ist mein Freitag Termin. Dann gleich weiter nach Wachegg. Wir könnten zwei  Abende mit einander verbringen ...“
„In Wachegg gibt es absolut nichts. Sie müssten in den nächsten größeren Ort zum Übernachten. Alina und ich haben ein Zimmer beim Eu ... dort, aber nicht gerade komfortabel.“

„Mir ist alles Recht, um die letzten Details mit Ihnen durchzusprechen und ... nun, um das Pferd natürlich zu bewundern. Ein Gespräch mit dem Fachmann. Bitte.“
„Ja, wenn Sie meinen ... es ist Ihre Zeit, finanziell kann ich Ihnen das nicht abgelten.“
„Nein, finanziell können Sie mir das nicht abgelten.“

 

Alina war sauer.

„ Das ist UNSER Wochenende und DEIN Pferd und UNSER Jutschin ...“
 „Jetzt mach mal einen Punkt. UNSER Eugene, was soll denn das?“

„Jawohl, unserer, er gehört doch schon irgendwie zu uns. Er hat uns lieb, so was merkt man doch. Da kannst ihm doch nicht so einen ... Dingsda vor die Nase setzen ...“
„Aber das geht den Eugene wirklich nichts an, und das geht ihm auch ganz sicher am A... vorbei, also, weißt schon, das ist ihm egal.“
Da war sie sich allerdings selbst nicht so ganz sicher; ihr Verhältnis zu ihm, das war schon immer noch irgendwie eigenartig seit damals.

Alina mit ihrer Hellsichtigkeit hatte doch glatt wieder so einen Gedanken, als ob ihn das was anginge oder ausmache, mit wem sie ausginge.

Na ja, wie auch immer, Geschäft ist Geschäft.

„Ausgemacht ist ausgemacht. Basta.“

„Du bist eine ... eine ... ein Tyrann!“
„Aha, hast ein neues Wort gelernt, und das musst jetzt gleich ausprobieren, und ausgerechnet an mir.“

Letztlich mussten sie dann doch wieder lachen und es wurde eine lustige Fahrt nach Wachegg. Um 18 Uhr am Freitag wollten sie oben sein.

 

Das war so ihre Zeit, da konnte Eugene sich darauf einstellen. Er hatte dann schon ihr Zimmer eingeheizt. Der einzige der oberen Räume, der dann warm war, wenn sie kamen.

 

Eugene heizte für sich selbst nämlich nur die kleine Küche. Um zu kochen und warmes Wasser zu haben, was er allerdings auch nicht so oft brauchte. Wenn es im Winter gar zu bitter kalt war kam er mit seiner Hängematte halt in die Küche. Karo hatte den Verdacht, dass er das tat, bis er wieder draußen unter den Bäumen schlafen konnte. Die Zimmer im ersten Stock sahen immer unbewohnt aus. Bis auf das, das sie für Alina und sie selbst  gemeinsam geputzt und möbliert hatten. Sogar mit Vorhängen.

„Sehr hübsch.“

„Es ist dir vollkommen gleichgültig, also lüg nicht so, du Schelm!“
„Ah, aber ich sehe gerne hübsche Sachen.“
Dabei hatte er sie wieder auf diese Weise angesehen, die sie immer noch erregend bis unerträglich fand, mit seinen grünen Katzenaugen.  

 

Das war über ein Jahr vor Mamas Tod gewesen, als er Estellé zu sich nach Hause gebracht  hatte. Zu Fuß, im Laufen und Reiten. Als sie gedacht hatte, das würde nie klappen. Estellé, in Frankreich schon gestört, nach ihrer Verletzung als untragbar und unverkäuflich abgestempelt. Nach dem schrecklichen Erlebnis einer Bahnfahrt von der französischen Atlantik Küste bis ins Waldviertel. Mit eben dieser Estellé wollte der Wahnsinnige von Karlsburg nach Wachegg in sein Refugium mitten im Wald.

Und seine Ausrüstung! Bestehend aus der obligaten Hängematte, einer Decke und zwei Stricken, mit denen er Estellé ritt und einem Sack mit Äpfeln, Karotten und Brot für Pferd und Reiter.

Sie war mit dem Auto die Strasse entlang gefahren, immer darauf gefasst, ihn plötzlich aus dem Wald brechen zu sehen, völlig entkräftet und entnervt, um sich dankbar etwas von dem zu holen, was sie vorsorglich und in großen Mengen eingeladen hatte.

So fuhr sie die Strecke oft und oft ab, hin und her, an beiden Tagen, wie vereinbart. Sie bekam die beiden nicht ein einziges Mal zu Gesicht.

Ziemlich aufgelöst  war sie dann zu seinem Haus gefahren. Eine ehemalige herrschaftliche Jagdhütte aus den Granitblöcken dieser Gegend im Untergeschoss und einem soliden Holzaufbau für den ersten Stock und den Dachboden.

 

Da war Estellé auf der sauren Wiese gestanden, ruhig, ohne Zaumzeug, kein Zaun weit und breit, und der Hausherr
werkelte im Nebengebäude, dem Holzschuppen, den er größtenteils als Pferdebox verwenden wollte.

Die Hunde waren bei ihm, durften auch Karo erst begrüßen, als sie im Raum war. Damit sich ihr Pferd draußen nicht erschreckte, vermutlich.

Trotzdem. Ganz ohne Aufsicht und irgendetwas, das sie aufhielt, wenn sie zu stürmen begann ...?

„Eugene, komm, wir können gleich den Elektrozaun ziehen, ich hab alles im Auto!“

„Unnötig.“

„Was soll das heißen?“

„Sie braucht das jetzt nicht mehr.“

„Was, sag schon ...“

Eugene kam aus Schottland, lebte aber schon einige Jahre hier, hatte sich als Züchter seiner neuen Hunderasse einen kleinen Insider-Namen gemacht und sprach sehr gut Deutsch, wenn er wollte. Manchmal war er irgendwie redefaul, so wie eben jetzt.

„Nichts, was sie einengt.“

„Sie wird beim ersten kleinen Schreck wegrennen, und du weißt, wie schnell sie sich fürchtet.“

„Jetzt nicht mehr. Sie hat gelernt, dass sie mir vertrauen kann. Sie war auch letzte Nacht nicht angebunden.“

„Und das war wo?“

Eine seiner umfassenden Handbewegungen, die schrecklich theatralisch gewirkt hätten, wären sie nicht von ihm gekommen.

„Im Wald, wo wir schliefen.“

 

Karo seufzte. Okay, wenn er meinte -  er würde es wohl wissen. Sie war sich halt nie ganz sicher, konnte ihm nicht so sehr vertrauen wie Estellé das scheinbar mühelos tat. Mama hatte behauptet, Eugene sei ein Magier, weil er eins sei mit der Natur, aber das kam daher, dass die Mama eben auch so einen Natur Sinn hatte, wegen ihrer Zigeuner-Oma und so.

 

Ach, das war schon wieder lange her. Er hatte sie das Reiten gelehrt, wie sie es vorher nie gesehen hatte. Außer bei ihm. Mit einem Strick um die Pferdenase und langen offenen Zügelenden. Kein Sattel, höchstens eine Decke.

Und Estellé hatte sich verändert. War ruhig und bereit zu gemeinsamer Arbeit. Allerdings würde sie immer Eugene als ihren Herren betrachten. Karo war ein weiteres Herdentier, mit dem man halt manchmal kooperieren musste. Alina betrachtete sie wohl als Fohlen. Manchmal war sie nett zu ihr, dann wieder launisch und das Mädchen musste aufpassen, keinen zwickenden Biss oder gar einen drohend erhobenen Vorderhuf gezeigt zu bekommen.

„Ich glaube, man hat sie aus einer wilden Herde geholt. Sie dürfte sich bereits zu einer Leitstute oder zumindest in eine ähnliche Position gekämpft haben. Eine Frechheit, ein solches Tier noch zu Gefangenschaft zu verurteilen.“

„Ach, Eugene, mach mir nicht auch noch ein schlechtes Gewissen!“
„Natürlich nicht, es war toll, dass du sie aus dem Reitstall geholt hast, aber bitte mach dir keine Hoffnungen, dass sie ein angenehmes Freizeitpferd werden wird.“

„Was  dann?“
„Eine starke Persönlichkeit, die sich dir nicht unterordnet.“
„Sollte man sie denn dann überhaupt reiten?“
„Doch, ja, wenn du dich ganz auf sie einstellen willst und kannst. Es gibt übrigens viel mehr solche Pferde als man glaubt. Sie werden in ihren Möglichkeiten sehr eingeschränkt und fügen sich scheinbar, aber wehe, wenn sie ihre

Chance sehen ...“
„Es gibt auch unter den Menschen solche, nicht wahr, sogar ganze Völker …“
 

Da hatte er sie wieder so angelacht, mit den kleinen Falten  um seinen Mund und den blitzenden hellen Augen.

„Ja, genau, ... du bist sehr weise.“

 

Karo dachte gerne an diese Zeit, als sie sich nur um ihr klar abgestecktes Aufgabengebiet im Betrieb und eben um Estellé  zu kümmern brauchte.

Freilich hatte sie auch andere Aufgaben übernommen, wie sie es immer schon getan hatte.

Taras Erziehung, Alinas Betreuung, aber danals war sie nicht verantwortlich gewesen, nur behilflich.

Eine sorglose Zeit, endgültig vorüber.

Heute würde sie noch einmal mit dem Magister reden, mal sehen, ihr schien die ganze Sache viel zu aufwändig. Aber wenn er dann mit ihr darüber sprach, schien alles sehr logisch und exakt aufgebaut, so dass in spätestens drei Jahren jedes Kind in Deutschland und Österreich Keltic design kennen würde.

Karolines  Geschichte

 

 

Wenn  meine Ziele klar sind erreiche ich sie

ohne übertriebene Geschäftigkeit

(Laotse)

 

1. Kapitel

 

 

„Ja, ich melde mich, wenn wir Ihr Angebot in Betracht ziehen.

Danke, auf Wiederhören.“

Wieder so ein Werbeheini.

Karo fand das größtenteils pietätlos und zudem äußerst anstrengend.

Immer noch war die Firma interessant für andere Unternehmen, die den Medienrummel, der eigentlich bereits wieder abgeflaut war, noch längere Zeit ausschlachten wollten. Wie der Kerl eben, der ein „extra keltisches Werbekonzept“ angeboten hatte.

Ach ja, alle müssen sie Geschäfte machen. Hängt viel dran, etwaige Lieferanten und laufende Fixkosten müssen bezahlt werden, Mitarbeiter wollen pünktlich ihr Gehalt. Und Mitarbeiter sind eine immense Verantwortung, hat Mama immer gesagt.

Karo sah zum Fenster ihres Büros hinaus. Jetzt hatte sie das Chefbüro mit der Aussicht auf die leicht abfallenden Schafweiden und die sanften Hügel, die an diesem bitterkalt sonnigen Jännertag schneebedeckt und kristallblinkend gleißendes Licht verbreiteten.

Nein, keine Tränen sammelten sich in ihren Augen, das würde sie schon gar nicht zulassen. Schlimm genug, dass sie so oft an Mama denken musste. Täglich. So viele Situationen, zu denen ihr Mamas Kommentare und Handlungsweisen einfielen. Sie, die bestens ausgebildete Tochter, hatte meistens ganz andere Meinungen gehabt, die sie jetzt auch alle umsetzen konnte, niemand würde sie daran hindern wollen. Wozu also die Sentimentalität, ständig die Statements einer Verstorbenen vor Augen, im Gehirn, ja im Gehörgang zu haben?

Ach richtig, der Gedanke an die Mitarbeiter eines Unternehmens hatte sie erinnert. Mama hatte sogar einmal einen Preis bekommen für ihre innovative Idee, die Kinder der Arbeiterinnen bei Keltic design während ihrer Arbeitszeit von einer Kindergärtnerin betreuen zu lassen. 

Heute schon fast ein alter Hut, aber damals war es genau das, was die kleine Kleidermanufaktur brauchte an Medienrummel.

Mama hatte diesen Nebeneffekt dankbar angenommen.

Umso mehr, als sie kein bisschen an Publicity gedacht hatte, als sie damit begann, sich um die Kinderbetreuung ihrer Näherinnen und Strickerinnen zu kümmern.

Von da an war ihr Unternehmen immer wieder mal in Zeitungen und Zeitschriften erwähnt worden. Immer im Hinblick auf Innovation – im Bereich der bodenständigen Materialien -  und auf Tradition, wenn es um alte Verarbeitungstechniken und alteingesessene Betriebe ging, die ohne Keltic design wohl gar keine Überlebenschancen mehr gehabt hätten.     

 

Und nun war es wohl wieder die Berichterstattung der Medien, die auf den Familienbetrieb aufmerksam machte und „Unterstützer“ auf den Plan rief. Wie die Leihfirmen, die unbedingt „beste Arbeiterinnen zu fairen Konditionen“ bei ihr unterbringen wollten, jetzt, „wo doch die Seniorchefin …“.   

 

Freilich, zunächst hatte sie die Unterstützung durch Fremdarbeiter gebraucht, um die starke Nachfrage nach der Kollektion >Samhain< und allen anderen textilen Entwürfen von Keltic design befriedigen zu können. Das alles noch vor Weihnachten.

Mittlerweile hatte sie aber selbst ihren Mitarbeiterstab erweitert und auch Aufträge an kleinere Schneidereien vergeben.

Auch sonst hatte sie alles gut im Griff.

Aber die Mama mit ihren 1000 Ideen fehlte. Für den Betrieb.

 

Und die Mama mit ihrer beständigen Liebe fehlte. Für sie alle Vier.

Besonders zu Weihnachten und ganz besonders für Alina.

Alles das, was sie nach der schweren Zeit nach Stefans Tod sehr schnell als selbstverständlich angesehen hatten. Eine fröhliche Begrüßung am Morgen, ein Ohr für Probleme, wenn man darüber reden wollte und ein feines Gespür für Gefühle, die man nicht ausplaudern konnte und an denen man schwer trug.

Gerade sie, Karo, die Tüchtige, Verlässliche, sie mochte es nie zugeben, wenn etwas nicht so lief. Aber sie war sich der Aufmerksamkeit ihrer Mama immer bewusst gewesen. Und dass sie Hilfe bekommen würde, wenn sie sie zuließe. Das
hätte sie nie gedacht, dass ihr die Mama so sehr fehlen würde.

Diese Monate über, als die Schwere von Mamas Krankheit klar wurde, hatte sie vor allem an Alina gedacht. Als zehnjähriges Nesthäkchen würde sie am schlimmsten leiden, wenn Mama wirklich sterben musste.

Aber sie hatten doch alle nicht wirklich geglaubt, dass DAS auch noch passieren konnte. Nicht nach all dem, was ihnen schon widerfahren war.

Nach so viel Tod, den sie schon ertragen hatten müssen.

Und nach all dem, was Mama schon erlebt hatte, konnte sie da nicht endlich ein paar gute Jahre erleben?

Und eben Alina, in ihrer harm- und sorglosen Welt, sie würde doch zerbrechen, wenn sie auch noch die Mama hergeben musste?

Und so war es natürlich auch. Der plötzliche, irgendwie und trotz allem unerwartete Tod.

Der Zirkus hinterher. Alle Welt schien sich auf einmal für die Familie Paksi zu interessieren.

Und dann noch die unausgesprochenen Fragen.

Das ideale Timing der Fertigstellung der neuen Kollektion, die Presseaussendungen und dann der ... Unfall?

Aber Alina hatte die erste Zeit ganz einfach fern von diesen bösen Nebenerscheinungen eines Unfalltodes verbracht. Sie war von Samhain an, also dem 1. November, bis nach den Weihnachtsferien bei Estellé und Eugene in der Waldeinsamkeit des nördlichen Waldviertels gewesen.

 

Tatsächlich schien sie in dieser Zeit so viel von der so genannten Trauerarbeit bewältigt zu haben, wie sonst keiner von ihnen.

Miro war so gut wie gar nicht mehr nach Hause gekommen. Er könne das nicht aushalten, immer glaube er, die Mama müsse gleich aus dem Büro kommen oder aus der Küche, wie auch immer, er werde hier verrückt, ohne sie.

Der große Macho, er litt und wollte es nicht zeigen, ja nicht einmal selbst wahr haben. 

 

Julian schon, er vergrub sich wochenlang in seinem Schmerz. Kündigte beim Rettungsdienst, unterstützte aber Karo in der Geschäftsleitung nicht in der Weise, wie sie es nach Mamas Tod gleich vereinbart hatten. Ja, das war in der Krisensitzung gewesen, als sie alle entscheiden mussten, ob die Firma ohne Mama überhaupt weiter geführt werden konnte. Aber er konnte nichts tun, hatte keine Ideen, seine

 

 

Entwürfe waren „grauslig“, es ging nicht. Er war blockiert. Jetzt schon ziemlich lange.

Nur sie, Karo, die Tüchtige, die Verlässliche, musste funktionieren. Dieser Stempel war ihr irgendwann in ihrer frühen Kindheit aufgedrückt worden und nun hatte sie ihn. Basta. Und also hatte sie auch Alina, um die sie sich so intensiv kümmern musste wie um die Firma. Und eigentlich hatte sie auch noch das Baby Julian und den halbwüchsigen Miro. So wie früher. Als kaum ältere Schwester. Aber sie war wohl als einzige der drei „Großen“ erwachsen geworden, obwohl sie alle bereits über 20 waren.  

 

 

 

 

 

 

 

 

Kommentare

... meine lieben Leserinnen und Leser,

es muss ja auch nicht hoch literarisch sein.

Wie wär`s mit einem aktuellen Thema?

Wer hat  "Leb wohl, Schlaraffenland" von Roland Düringer gelesen? Es geht um die Kunst des Weglassens und ist zurzeit mein Lieblingsbuch, weil er mir aus der Seele schreibt.

Freue mich über jeden Kommentar, also nichts wie los, frei von der Leber weg geschrieben ...

Bis später also,

eure/Ihre Heidi
 

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Hallo liebe LiteraturfreundInnen,

der gute alte, 100-jährige Ulysses hat`s wohl niemandem so recht angetan. Vielleicht zu viele Erinnerungen an die Schulzeit?


Wie ist es nun mit weiteren Vorschlägen?

Vielleicht möchte sich jemand mit eigenen Werken outen?

Also legen wir mal los.... traut euch!

Bis bald, liebe Grüße und einen schönen Tag,

Heidi

 

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Es kann los gehen!

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Hallo liebe Leserinnen und Leser, werte Literatur-Interessierte,

hier nun unser neuer virtueller Literaturkreis.

Nicht-virtuell ist ein wenig schwieriger, weil Moschendorf eine wirklich sehr kleine Gemeinde mit etwa 400 Einwohnern ist. NOCH fährt niemand extra weit wegen eines Literaturzirkels zu uns, aber wer weiß...

Also, wer hat Lust, ein wenig nachzudenken über...

beginnen wir doch anfänglich mit dem guten alten  

Ulysses

weil ich der Meinung bin, er hätte die moderne Literatur  ab dem 20. Jahrhundert eingeläutet.

Gestaltungselemente wie die bruchstückshafte Sprache, gerade so wie es den Protagonisten im Kopf herum geht, das ist heute ja nicht nur in der Literatur verbreitet, sondern ebenso in Fim und Musik. Vor 110 Jahren noch praktisch undenkar. So lange ist es schon her...

Jetzt erwarte ich voller Spannung Ihre /eure Meinungsäußerungen und herzlich gerne auch neue Themen- Vorschläge.

Beste Grüße aus Moschendorf

Heidi Pexa

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