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Verlag e.U.


03
Keltic design Band 2 beginnt heute
03.03.2014 10:34

Karolines  Geschichte

 

 

Wenn  meine Ziele klar sind erreiche ich sie

ohne übertriebene Geschäftigkeit

(Laotse)

 

1. Kapitel

 

 

„Ja, ich melde mich, wenn wir Ihr Angebot in Betracht ziehen.

Danke, auf Wiederhören.“

Wieder so ein Werbeheini.

Karo fand das größtenteils pietätlos und zudem äußerst anstrengend.

Immer noch war die Firma interessant für andere Unternehmen, die den Medienrummel, der eigentlich bereits wieder abgeflaut war, noch längere Zeit ausschlachten wollten. Wie der Kerl eben, der ein „extra keltisches Werbekonzept“ angeboten hatte.

Ach ja, alle müssen sie Geschäfte machen. Hängt viel dran, etwaige Lieferanten und laufende Fixkosten müssen bezahlt werden, Mitarbeiter wollen pünktlich ihr Gehalt. Und Mitarbeiter sind eine immense Verantwortung, hat Mama immer gesagt.

Karo sah zum Fenster ihres Büros hinaus. Jetzt hatte sie das Chefbüro mit der Aussicht auf die leicht abfallenden Schafweiden und die sanften Hügel, die an diesem bitterkalt sonnigen Jännertag schneebedeckt und kristallblinkend gleißendes Licht verbreiteten.

Nein, keine Tränen sammelten sich in ihren Augen, das würde sie schon gar nicht zulassen. Schlimm genug, dass sie so oft an Mama denken musste. Täglich. So viele Situationen, zu denen ihr Mamas Kommentare und Handlungsweisen einfielen. Sie, die bestens ausgebildete Tochter, hatte meistens ganz andere Meinungen gehabt, die sie jetzt auch alle umsetzen konnte, niemand würde sie daran hindern wollen. Wozu also die Sentimentalität, ständig die Statements einer Verstorbenen vor Augen, im Gehirn, ja im Gehörgang zu haben?

Ach richtig, der Gedanke an die Mitarbeiter eines Unternehmens hatte sie erinnert. Mama hatte sogar einmal einen Preis bekommen für ihre innovative Idee, die Kinder der Arbeiterinnen bei Keltic design während ihrer Arbeitszeit von einer Kindergärtnerin betreuen zu lassen. 

Heute schon fast ein alter Hut, aber damals war es genau das, was die kleine Kleidermanufaktur brauchte an Medienrummel.

Mama hatte diesen Nebeneffekt dankbar angenommen.

Umso mehr, als sie kein bisschen an Publicity gedacht hatte, als sie damit begann, sich um die Kinderbetreuung ihrer Näherinnen und Strickerinnen zu kümmern.

Von da an war ihr Unternehmen immer wieder mal in Zeitungen und Zeitschriften erwähnt worden. Immer im Hinblick auf Innovation – im Bereich der bodenständigen Materialien -  und auf Tradition, wenn es um alte Verarbeitungstechniken und alteingesessene Betriebe ging, die ohne Keltic design wohl gar keine Überlebenschancen mehr gehabt hätten.     

 

Und nun war es wohl wieder die Berichterstattung der Medien, die auf den Familienbetrieb aufmerksam machte und „Unterstützer“ auf den Plan rief. Wie die Leihfirmen, die unbedingt „beste Arbeiterinnen zu fairen Konditionen“ bei ihr unterbringen wollten, jetzt, „wo doch die Seniorchefin …“.   

 

Freilich, zunächst hatte sie die Unterstützung durch Fremdarbeiter gebraucht, um die starke Nachfrage nach der Kollektion >Samhain< und allen anderen textilen Entwürfen von Keltic design befriedigen zu können. Das alles noch vor Weihnachten.

Mittlerweile hatte sie aber selbst ihren Mitarbeiterstab erweitert und auch Aufträge an kleinere Schneidereien vergeben.

Auch sonst hatte sie alles gut im Griff.

Aber die Mama mit ihren 1000 Ideen fehlte. Für den Betrieb.

 

Und die Mama mit ihrer beständigen Liebe fehlte. Für sie alle Vier.

Besonders zu Weihnachten und ganz besonders für Alina.

Alles das, was sie nach der schweren Zeit nach Stefans Tod sehr schnell als selbstverständlich angesehen hatten. Eine fröhliche Begrüßung am Morgen, ein Ohr für Probleme, wenn man darüber reden wollte und ein feines Gespür für Gefühle, die man nicht ausplaudern konnte und an denen man schwer trug.

Gerade sie, Karo, die Tüchtige, Verlässliche, sie mochte es nie zugeben, wenn etwas nicht so lief. Aber sie war sich der Aufmerksamkeit ihrer Mama immer bewusst gewesen. Und dass sie Hilfe bekommen würde, wenn sie sie zuließe. Das
hätte sie nie gedacht, dass ihr die Mama so sehr fehlen würde.

Diese Monate über, als die Schwere von Mamas Krankheit klar wurde, hatte sie vor allem an Alina gedacht. Als zehnjähriges Nesthäkchen würde sie am schlimmsten leiden, wenn Mama wirklich sterben musste.

Aber sie hatten doch alle nicht wirklich geglaubt, dass DAS auch noch passieren konnte. Nicht nach all dem, was ihnen schon widerfahren war.

Nach so viel Tod, den sie schon ertragen hatten müssen.

Und nach all dem, was Mama schon erlebt hatte, konnte sie da nicht endlich ein paar gute Jahre erleben?

Und eben Alina, in ihrer harm- und sorglosen Welt, sie würde doch zerbrechen, wenn sie auch noch die Mama hergeben musste?

Und so war es natürlich auch. Der plötzliche, irgendwie und trotz allem unerwartete Tod.

Der Zirkus hinterher. Alle Welt schien sich auf einmal für die Familie Paksi zu interessieren.

Und dann noch die unausgesprochenen Fragen.

Das ideale Timing der Fertigstellung der neuen Kollektion, die Presseaussendungen und dann der ... Unfall?

Aber Alina hatte die erste Zeit ganz einfach fern von diesen bösen Nebenerscheinungen eines Unfalltodes verbracht. Sie war von Samhain an, also dem 1. November, bis nach den Weihnachtsferien bei Estellé und Eugene in der Waldeinsamkeit des nördlichen Waldviertels gewesen.

 

Tatsächlich schien sie in dieser Zeit so viel von der so genannten Trauerarbeit bewältigt zu haben, wie sonst keiner von ihnen.

Miro war so gut wie gar nicht mehr nach Hause gekommen. Er könne das nicht aushalten, immer glaube er, die Mama müsse gleich aus dem Büro kommen oder aus der Küche, wie auch immer, er werde hier verrückt, ohne sie.

Der große Macho, er litt und wollte es nicht zeigen, ja nicht einmal selbst wahr haben. 

 

Julian schon, er vergrub sich wochenlang in seinem Schmerz. Kündigte beim Rettungsdienst, unterstützte aber Karo in der Geschäftsleitung nicht in der Weise, wie sie es nach Mamas Tod gleich vereinbart hatten. Ja, das war in der Krisensitzung gewesen, als sie alle entscheiden mussten, ob die Firma ohne Mama überhaupt weiter geführt werden konnte. Aber er konnte nichts tun, hatte keine Ideen, seine

 

 

Entwürfe waren „grauslig“, es ging nicht. Er war blockiert. Jetzt schon ziemlich lange.

Nur sie, Karo, die Tüchtige, die Verlässliche, musste funktionieren. Dieser Stempel war ihr irgendwann in ihrer frühen Kindheit aufgedrückt worden und nun hatte sie ihn. Basta. Und also hatte sie auch Alina, um die sie sich so intensiv kümmern musste wie um die Firma. Und eigentlich hatte sie auch noch das Baby Julian und den halbwüchsigen Miro. So wie früher. Als kaum ältere Schwester. Aber sie war wohl als einzige der drei „Großen“ erwachsen geworden, obwohl sie alle bereits über 20 waren.  

 

 

 

 

 

 

 

 

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